Normal oder Radikal

Als am 19. November 1975
im Atomkraftwerk Grundremmingen
(an der schönen blauen Donau)
die Arbeiter Otto Huber und Josef Ziegelmüller
von einer radioaktiven Dampfwolke getötet wurden,
erklärten die Verantwortlichen unverzüglich:
„Z w e i f e l s f r e i” war dies ein normaler
Betriebsunfall. Ein kleinerer
(sagte der Minister), „menschliches Versagen”.
„Schuld sind die Opfer.”

Normal ist:
Eine Kesselexplosion. Ein Grubenunglück. Hochwasser.
Die statistisch berechenbare Quote der Unfälle
im Straßenverkehr. Leberkrebs in PVC-Fabriken.
Grippe. Ein Flugzeugabsturz. Blei in der Luft.
Quecksilber im Wasser. Staublunge. Dann und wann
ein konventioneller Krieg.

Vinyl

Während der n o r m a l e Betriebsunfall noch dampfte
– an der schönen blauen Donau – hörten wir in Wyhl
(am schönen Rhein) diese Versicherungen
der Verantwortlichen. Unablässig fließen sie
aus ihren Rednermündern, Väterhänden, Computerhirnen:
„Zweifelsfrei ist das normale
Unfall-Risiko in Atomkraftwerken
ausgeschlossen. (Wahrscheinlichkeit:
,Eins zu fünf Milliarden‘). Wir, sagten sie,
tragen die Verantwortung. Dafür
stehen wir gerade.”

Ach während sie so gerade stehen
legen wir uns krumm. Über uns
nimmt das Schicksal seinen normalen Lauf.
Diesen da bläst es die Konten auf. Anderen
bläst es eine radioaktive Dampfwolke
auf den Bauch. Das nächste Mal können es tausend Bäuche sein,
oder hunderttausend, oder mehr.

„Das” wird dann ein Minister sagen „ist ein normaler
Betriebsunfall, wenngleich ein größerer, aber
zweifelsfrei b e h e r r s c h b a r.”
So auch wir: Lebendig oder
im Leichenschauhaus – beherrschbar.

Alle Arrangements aus Gründen der Rechtssicherheit anonym.

Unbeherrscht und eigensinnig
zweifelt mancher mit mir am notwendigen Schicksal
der Normalität. Geschmückt mit dem Maulkorb
auf dem losen Mundwerk (wer zweifelt ist: radikal,
ein Aufwiegler, Hetzer, Freund der verfaßten  Normalität);
verfolgt von den ständig wachsenden
Sicherheitsorganen (die lautlosen Saugnäpfe am Telefon);
ach und verdächtig gemacht den eigenen Leuten
(„artfremd ist uns der Zweifel” sagt der Minister
im Dialekt – die tödlichen Strahlenbündel lobend); also
vermehren wir uns unter Schwierigkeiten, ja
achtundzwanzigtausend am Rhein, ja und bald auch
an anderen Flüssen, ja und schließlich
unbeherrschbar.

20.11.75 Flugblatt aus Wyhl 

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