Italienische Reise

Der Plan sah vor, dass wir morgens, geweckt von Croissants und dem Geruch von frischem Cappuccino im Bett liegend frühstücken, während wir den blauen Himmel beobachten, der sich über dem unseren Appartement gegenüberliegenden Haus abzeichnet, dessen Fassade aus dem frühen Achtzehnten Jahrhundert stammt. Das Zimmer ist bereits angenehm warm: Wir schliefen die Nacht mit offenen Türen und der Morgen hat seine Wärme bereits in unser Zimmer gedrückt. So liegen wir dort, die dünne Überdecke zurückgeschlagen und im Schlafanzug, der Frühstückswagen neben dem Bett, verschlafen in den Dampf der beiden Cappuccini blinzelnd.

Der Himmel über Rom

Rom

Wie das mit hohen Erwartungen ist, findet man sie am Ende bestenfalls teilweise erfüllt. Der Nachteil einer überbordenden Phantasie, der Nachteil einer Einbildungsfähigkeit, die einem gestattet, sich in tristen Phasen, sogar aus dunklen Kellern hinzuträumen an Orte wie französische Cafés oder Wiener Kaffeehäuser, Jahrhunderte zurück oder Jahrhunderte in die Zukunft, ist, dass der Versuch, dem Bild gerecht zu werden, dass diese Phantasie zeichnet, während jeden Urlaubs, während jeden Ausflugs aussichtslos ist: Naturgemäß schafft eine Reise das nie; die Zufriedenheit muss man sich mit jeder erfüllten Teilerwartung zurückkämpfen, zurückgewinnen, um der Enttäuschung Herr zu werden, weil es (in diesem Fall) nicht so aussieht wie im Italien, das man sich bei der Lektüre von Umberto Ecos Das Foucaultsche Pendel erdacht hat, sondern eher wie Fruttero und Lucentinis Italien, das sie in Ein Hoch auf die Dummheit entwerfen: chaotisch, touristisch, verdreht und irgendwie funktionierend. Wie, das verstehen wir nicht.

Akademie

Statuen

Bar

Zu behaupten, dass diese Zugfahrt der Höhepunkt dieser Reise sei, ist übertrieben und außerdem falsch. Wir haben die Vatikanischen Museen besucht, sind hinaufgestiegen in die Kuppel des Petersdoms und hinab in eine Nekropole im Süden der Stadt. Wir saßen in Kirchen auf Holzbänken, die so alt waren wie mein Großvater, vielleicht sogar älter, wir saßen auf Plätzen, während um uns herum das Leben tobte, Straßenkünstler ihre Stücke darboten und Portraitmaler Karikaturen ihrer Modelle zeichneten. Wir waren schließlich in phantastischen Restaurants, im jüdischen Viertel, das ich liebgewann in den letzten Tagen, wir wanderten am Tiber und saßen im Garten einer Mafiosi-Villa, die umgebaut wurde zu einem Veranstaltungsort für Jazzkonzerte.

Petersplatz

Chair

Wir waren nicht am Meer, nicht im Umland der Stadt, in den kleinen Dörfern, die jene Hügel säumen, durch die wir jetzt mit dem Schnellzug Richtung Bologna rasen. Es ist Samstag Vormittag und die Dörfer liegen verschlafen. Die staubigen Hauptstraßen sind leer, das kleine Café in der Dorfmitte ist noch nicht geöffnet, die Plastikstühle stehen noch nicht an der Straße und keiner der Einheimischen sitzt dort und trinkt seinen Kaffee. Es ist eher, wie uns die Western in unserer Kindheit erklärten: Steppenläufer wehen über die verlassenen Straßen der verlassenen Dörfer und an irgendeiner Ecke eines verlassenen Hauses bricht sich der Wind.

Quo Vadis

Shoes

5 Gedanken zu „Italienische Reise

  1. Ah, Steppenläufer! So lerne ich endlich noch einen schönen deutschen Begriff für etwas, was ich komischerweise nur als tumbleweed abgespeichert habe.

    Ansonsten: Tja, die hohen Erwartungen und was sie womöglich für Schwierigkeiten machen, den besuchten Ort einfach als das zu nehmen, was er einem darbietet. Das alles lässt sich aber noch toppen, wenn der mitreisende Partner ein ganz besonderes Verhältnis zu diesem Ort hat. Dann wird es spannend, ob er oder sie in der Lage ist, Dich „mitzunehmen“ und teilhaben zu lassen und ob Du im Zweifelsfall diplomatisch genug bist, etwaiges Unterwältigtsein nicht als Kritik am Partner zu servieren. Mit meiner Verflossenen waren gemeinsame Aufenthalte in London (ihre Stadt) und Paris (meine Stadt) eine ziemliche Katastrophe, aber auf gewissermaßen neutralem Boden – etwa in Budapest oder in Rom – hat es gut funktioniert. Und nachdem Rom auch schon wieder fast 20 Jahre her ist, müsste ich da mal wieder hin, auch wenn der Irrsinn dieser Stadt in der Zwischenzeit eher zu- als abgenommen haben dürfte.

    Hach…

  2. Das mit dem wenig (oder noch besser: gar nichts) Erwarten konnte ich auch einmal besser als dieses Jahr. Denn – du hast natürlich recht – wenn man nichts erwartet, kann man nicht enttäuscht werden.

    Ich frage mich, woher diese Erwartungshaltung kam, die sich besser mit ,,ich habe mir das folgendermaßen vorgestellt“ beschreiben ließe. Da waren natürlich wenige Details, die nicht gepasst haben (ich kam sogar kurz auf dem Weg zwischen dem Circus Maximus und dem Kolosseum auf den Gedanken, ob vielleicht Städteurlaube nichts mehr für mich seien), während die überwältigende Zahl der Erlebnisse eben durchaus positiv gewesen ist: Die Museen, die Geschichtsträchtigkeit und der Flair, den eine alte Stadt nun einmal besitzt.

    Aber Rom berlinert: Es ist schmutzig, die Straßen sind aufgerissen und die Wege sind lang. Dass Fußgänger in der römischen Verkehrsplanung keine Rolle spielen, ist da nur eine lästige Randnotiz.

    1. Man hat natürlich schon Bilder im Kopf, bevor man irgendwo hinfährt, und in Rom ist die Realität mit diesen Bildern bei mir ganz schön heftig kollidiert. Als es bei der Ankunft auch noch Chaos im Hotel gab wegen einer angeblichen Stornierung unseres Zimmers, war ich kurz davor, wieder zu fahren. Aber vielleicht hat es dieses Heckmeck gebraucht, um mich einzugrooven und alles weitere mit einer gewissen Gelassenheit nehmen zu können.

      Was das Thema Dreck angeht: Da hat mich Paris vor zwei Jahren sehr überrascht, wie sauber und geradezu geleckt die Stadt geworden ist im Vergleich zu vor über 20 Jahren. Etliche Viertel, die damals eher nicht so toll waren, sind rausgeputzt und durchgentrifiziert, und selbst wenn man dem status quo ante nicht unbedingt hinterhertrauert, muss man auch sagen, dass damit auch einiges an Charme verloren gegangen ist. Auf der anderen Seite mausert sich Paris mit dem Velib-Leihradsystem so ein bisschen zur Fahrradstadt, das wäre früher Wahnsinn gewesen, auch nur dran zu denken, sich dort in den Sattel zu schwingen.

  3. Das ist interessant zu lesen. Ein Freund, der letztes Jahr in Paris gewesen ist, wunderte sich über die Lautstärke und Versifftheit der Stadt, also genau das, was ich in Rom erlebt habe.

    Du erzählst mir nun das Gegenteil, und auch wenn du es mit dem Einschub »im Vergleich zu vor über 20 Jahren« relativierst, finde ich das hervorragend. Denn Paris ist die Stadt, in der ich meinen nächsten Realitätsabgleich versuche. Vielleicht im nächsten Jahr, auch wenn es noch nicht konkret ist.
    Und dann werde ich vielleicht sogar das innerstädtische Radsystem ausprobieren. :)

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