In der Überzahl

Ich habe es noch im Ohr, das Knarzen, das Rauschen und das vertraute Piepen des Konferenzsystems, das anzeigt, wenn ein Teilnehmer die Konferenz verlässt. Es ist vielleicht zwei Jahre her, wahrscheinlich nicht ganz, es war Frühling oder Herbst und ich saß in einem Konferenzraum in einer hässlichen Bürostadt vor den Toren Frankfurts am Main bei einem großen internationalen Unternehmen, das wenige Monate zuvor noch mein Arbeitgeber gewesen ist. Diesmal saß ich dort für eine andere Firma, gemeinsam wollten wir ein Projekt starten, von dem ich mir persönlich mehr versprach als die monatliche eMail, die mich Freitag abends erreicht und mir anzeigt, dass es eine neue Diskussion gibt in unserer Diskussionsgruppe in de sozialen Netzwerke dort draußen, einem Netzwerk für Professionals natürlich.

Blick über München

Eine halbe Stunde später geht die Tür auf und die beiden treten ein, mit denen zusammen wir vorhin gegen das Rauschen anschrieen, um uns zu verstehen. Dass die Leitung abbrach, erzählt der Ältere von beiden polternd, leicht nuschelnd und spuckend, läge an der Unzuverlässigkeit der Mobilkommunikation bei Geschwindigkeiten jenseits von zweihundert Kilometern pro Stunde. Der Dünnere, der Fahrer, kichert leise und ich frage mich unwillkürlich, ob er Haargel benutzt. Ich suche den Blick der E., die mir gegenüber sitzt und die ich seit zwei Stunden kenne. Ich weiß es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch in diesem Moment fragen wir uns das Gleiche. Der andere setzt wieder an, die Strecke aus Süddeutschland sei morgens voll und die Verspätung dann nicht mehr aufzuholen gewesen, stürzt sich auf eine polierte Kanne Filterkaffee und auf die Kekse, während das Meeting wieder beginnt. An diesem Abend werden wir alle Member des Boards und wir haben hehre Ziele.

Diagramm

Was von diesen Zielen übrig blieb sind 2013 nur wenige eMails, die in den Abendstunden kommen und die ich schon lang nicht mehr lese. Weil wir als Organisation uns nicht mehr treffen, weil keiner mehr auf eMails reagiert, die E. nicht und nicht die anderen Members des Boards. Wir haben die Vorlage der Überwachungsstaaten verstreichen lassen wie die Piratenpartei, wir haben uns an keiner Diskussion beteiligt, wir haben nicht einmal intern darüber gesprochen. Vielleicht, weil wir beschäftigt waren mit der Entwicklung einer Zertifizierung, die sich jemand selbstgefällig über den Kamin hängen kann. Vielleicht, weil wir uns aufgehalten haben mit Überflüssigkeiten, aus Respekt vor den echten Problemen, aus Angst vor der eigenen Meinung; nein – aus Angst vor der Reaktion unserer Kunden: man will seine Kunden ja nicht vergraulen, so muss man politisch agieren. Wir stürzten uns daher auf ein Akronym, das man sich ins Netzwerkprofil schreiben kann, wenn man genug Antworten für einen Test auswendig lernt. Uns kommt zu Gute, dass in dem Umfeld, in dem wir uns tummeln, Papier wichtiger ist als die Tat. Freitag abends, im Tal der Verzweiflung, glaube ich manchmal, es geht in dieser Branche alleine ums Reden, es geht nicht ums Machen.

Alte Post

Folgerichtig ist das vertraute Piepen des Konferenzsystems zu spielen, wenn eine Mail eintrifft unserer Organisation.

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