Ein schönes Leben

Als ich an ihrem Bett saß, sie gelb und schwach vor mir lag und zwischen einzelnen Sätzen hingedämmerte, mich manchmal um etwas zu Trinken bittend, habe ich sehr viel verstanden. Ich hatte lange schon eine Ahnung, ein Gefühl, aus dem in den Tagen an diesem Bett Gewissheit geworden ist.

Erinnerungen

Ich kenne sehr viele Menschen, die den Monsieur Ibrahim gern gelesen und so wenige, die sich was er sagte zu Herzen genommen haben. Ich sprach mit Kollegen – wir sind alle am Zweifeln und doch machen wir immer weiter. Auch wenn wir tausend Euro Miete zahlen müssen, einen Wohnungskredit bedienen oder die Leasingrate für den SUV in der Vorstadt, die anderen sind nicht Schuld daran, wenn wir verharren. Wir selbst haben zu wenig Mut.

Erinnerungen

Ich habe ihr nichts versprochen, als wir uns zum letzten Mal sahen; sie hat mich nichts gebeten oder gefragt, vielleicht, weil sie mich kennt. Ich habe sie damit geneckt, dass ich das pinkfarbene T-Shirt trug. Darauf kam sie früher immer zu sprechen. Vorletzte Woche hat sie gelacht.

Erinnerungen

Ich habe sehr viel verstanden. Es ist beruhigend, sich Dinge erklären zu können: Das Seufzen im Bett bei geschlossenen Augen, die Farbe ihrer Haut. Es ist beruhigend, nicht glauben zu müssen. Religion war nie das Ding unserer Familie; meines nicht, nicht das meiner Eltern und ihres ist es auch nie gewiesen. Es war schön, sie angstlos und zufrieden zu sehen, nicht voller Panik vor der Bilanz. Aufklärung ist ein sehr hohes Gut.

Medikamente

»Ich hatte ein schönes Leben« hat sie vor zwei Wochen gesagt.
Vor zehn Tagen ist Großmutter gestorben. 

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