Archiv der Kategorie: Reisenotizen

The Ballad of Banjo Betty

Mit seiner runden Nickelbrille, die nur Lehrer tragen können und seinem groß karierten Hemd fragt er, ob der Platz neben mir frei ist. Er holt seinen Papierordner heraus, in dem zuoberst das selbstausgedruckte Bahnticket liegt, akkurat verpackt in einer Klarsichthülle, und auf einem Stapel Klausuren aus dem Unterrichtsfach Wirtschaft. Mein erster Eindruck hat mich nicht getäuscht und er hat längst zu korrigieren begonnen, als ich mit einem Blick das Deckblatt der Arbeit von Jennifer B. erhasche.

Messestand

Routiniert geht er die einzelnen Absätze durch, in beeindruckendem Tempo, und nickt anerkennend, während der in seiner rechten Hand ruhende Rotstift Zeichenkolonnen der Art »3/3« an den Rand der Blätter schreibt. Ich kann mich an keine meiner eigenen Klassenarbeiten erinnern, bei der ein Lehrer ein ähnliches Gefühl gehabt haben könnte wie dieser Wirtschaftslehrer an diesem Freitag Abend um kurz vor Mitternacht im ICE auf dem Weg von Hannover nach München.

Messestand später

Ein versöhnliches Ende nach einer versöhnlichen CeBIT. Ich mag, wenn die Messehallen beschallt werden von einem einzelnen Stand, der irgendwie immer die passende Musik spielt, wenn sich die Anspannung löst, die Tore sich öffnen für eine Armee von Menschen, die Kisten schieben, die Messestände zerlegen und alles sentimental klingt. Nicht, dass ich die CeBIT nächste Woche schon wieder bräuchte…
So viele Klausuren, wie es für diese versöhnlichen Enden bräuchte, kann man nicht schreiben.

Skywalk

Jennifer, das war eine echt gute Arbeit, eine beeindruckende Leistung. 

– t: Thomas Dybdahl

Ein quietschendes silbernes Bianchi

Wenn man um zehn Uhr mit dem Rad Richtung Odeonsplatz rollt, um diesen hinter sich zu lassen und irgendwann in den Perlacher Forst abzubiegen auf die geteerte Stichstraße, die sich fünf Kilometer schnurgerade in den Süden streckt, ist alles weit weg: Die Stadt bereits – denn hinter dem Wald wird es ruhig – und auch das Ziel. Man macht sich keine Vorstellung davon, man genießt den Ausblick, die kleinen Schönheiten, an denen man vorüberzieht und die sich häufen, je weiter südlich man kommt. 

Straße

Bushaltestelle

Ich habe gestern etwa zwanzig Mal daran gedacht, wie es wohl ist, hier zu leben. Im Vorbeiziehen idyllisch, vielleicht unerträglich, wenn man seine Ruhe vor den Nachbarn haben will. Es ist nicht so, dass ich Menschen nicht mag, doch es gibt Tage, an denen möchte ich niemanden sehen außer mir selbst. An solchen Tagen dann kann es anstrengend sein, wenn das Grundstück nicht groß genug ist oder die Hecke zu klein.

Haus

Hof

Während man auf einen Einschnitt in der Bergkette zurollt, den Gasthof zur Post in einem der kleinen Dörfer linker Hand passiert, erreicht man irgendwann die kleine Hütte eines lächelnden alten Mannes mit wettergegerbten Gesicht, der einen durchwinkt und murmelt »Radfahrer frei«. Auf den nächsten Kilometern sieht man kein Auto und irgendwann zweigt von der Mautstraße ein kleiner einspuriger Weg ab, der einen hinaufbringt auf die Höhe des Sees. 

Berganstieg

Walchensee

Die Hälfte der Strecke liegt hinter einem, doch jetzt hat man kaum mehr ein Auge für jene Orte, die man durchquert. Ob es am Wind liegt, an der Landschaft, die einem nun langweilig erscheint oder an der eigenen Unaufmerksamkeit, ist schwierig zu sagen. Manchmal denke ich mir: Achte nicht auf dein Knie, achte auf den Zwiebelturm der Dorfkirche und die Berge zur Rechten, die du bald nicht mehr siehst. Das ändert sich erst, als man einbiegt zur Isar, abseits der Straße. Und dann ist man plötzlich am Kloster Schäftlarn.

Campagnolo Record Ergopower

Isar

Das Quietschen kennst du, es sitzt dir im Nacken am Fuße des anderthalb Kilometer langen Anstiegs, es treibt dich den Berg hinauf. Du willst dich nicht umdrehen – wie sähe das aus! – und oben hast du kurz das Gefühl, dass du es abgehängt hast. Doch vor der letzten Kurve, die Sonne im Rücken, taucht sein Schatten neben dir auf und du beschleunigst den Tritt trotz Schmerzen im Knie. Ein Bayreuther Kulturredakteur auf seinem quietschenden Bianchi hat dich den Berg hinaufgepeitscht und du hast ihn gezogen. Die letzten dreißig Kilometer fahren wir zusammen und er zeigt mir eine schöne Strecke stadteinwärts, die ich noch nicht kannte. Er ist Schuld, dass ich heute ein wenig humple.

Fuck you very much!

Der Norden ist ein elendes Loch. Es gibt Tage, da steige ich bei Sonnenschein auf das Rad und kurz nach der nördlichen Stadtgrenze, kurz hinter dem Straßenstrich unter der Autobahnbrücke, beträgt die Sichtweite nur noch zweihundert Meter. Entgegenkommende Autos erzählen vom Regen und ich nehme mir vor, nie in meinem Leben in den Münchner Norden zu ziehen. Allein deshalb, weil sich die besten Konditoreien im Süden befinden.

Rennradstrecken

Wann immer ich kann, fahre ich deshalb in den Süden, wie letztes Wochenende, unterwegs auf einer Runde, die mich zu insgesamt vier Seen geführt hat. Weil ich auf dem Markt war, kam ich einigermaßen spät auf die Strecke, weil ich auf dem Markt war, musste ich zügig in Richtung Südwesten fahren und allein weil ein Freund nicht zu Hause war, von dem ich mir nach zwei Dritteln der Strecke einen Kaffee erhoffte, kam ich nicht in die Nacht. Ich vergesse immer, wie zeitaufwändig die Fahrt durch die Stadt ist und habe doch stets in Gedanken, dass diese Seen vom Norden aus zwar nicht vollständig unerreichbar, doch komplizierter zu besuchen sind.

Ammersee

Es war die erste Fahrt seit langem, auf der ich mein Telefon ausgeschaltet habe, die erste auch in dieser Länge, die ich insgesamt ohne Kopfhörer und Musik absolvierte. Ich wollte nachdenken und in jenen Momenten, in denen ich nicht auf die Uhr schaute (Der Kaffee! Die Nacht!) habe ich dann über die Schlagzeilen gelacht, mit denen große Medien das Recht auf Unerreichbarkeit vermelden, das BMW seinen Mitarbeitern einräumen möchte.

Das Rad im Feld

Ich wiederhole zur Sicherheit noch einmal: BMW möchte seinen Mitarbeitern ein Recht auf Unerreichbarkeit einräumen. Sollte man sich dafür bedanken? Wie assimiliert muss man sein vom Wirtschaftssystem, dieses Recht nicht als bereits und selbstverständlich gegeben zu nehmen, und zwar nicht von eines Wirtschaftsunternehmens Gnaden, das eine Familie auf dem Rücken zahlreicher Arbeiter reich gemacht hat, die dann selbst unerreichbar geworden ist im wörtlichen Sinne außer für billige Gigolos in Edelhotels?

Hinter dem See

In was für einer Presselandschaft leben wir eigentlich heute, wenn alle großen Zeitungen dies drucken als eine Neuigkeit, die den Platz auf den Titelseiten wert ist? Ich habe nicht einen Kommentar gelesen – ich hoffe sehr, ich war unaufmerksam – in dem sich jemand über dieses Verständnis echauffiert. Ich möchte mit solchen Menschen nicht leben, denen dieser Zustand, aus dem uns die Firma (endlich!) befreit, als natürlich erscheint.

Die Alpen

Fuck you very much!

Plateau au Chocolat

Gestern bin ich im Stadtcafé gewesen. Während sich draußen der Himmel über der sich zu Ende neigenden Sicherheitskonferenz zusammenzog, die Polizeibrigaden langsam Richtung Heimat aufbrachen und sich die wenigen Touristen, die in das Stadtmuseum fanden, die Kapuzen über den Kopf und in Richtung Marienplatz zogen, saß ich innen an einem furchtbar kleinen Tisch und habe einen Plateau au Chocolat gegessen. Das war die Wiederversöhnung mit Frankreich, die eine unvorbereitete Konfrontation mit einer einen neonfarbenen Bügelkopfhörer tragenden französischen Dame nötig machte. »Machen Sie was sie wollen, das hier ist nicht mein Kulturkreis« fauchte sie, als ich fragte, ob sie etwas dagegen habe, wenn ich mich setze. Sie fügte hinzu, dass sie auf jemanden warte und verließ das Café zwanzig Minuten später allein.

Kuchen

Vorgestern in einem anderen Café hielten die Rentner respektvollen Abstand. Vielleicht, weil wir drei oder vier Stunden gewandert waren und tatsächlich so aussahen. Vielleicht auch, weil man dort vornehm-höflich ist und nicht rabiat-direkt. Vorgestern nämlich war ich unten am See. Nicht mit dem Rennrad, dafür war es in München zu kalt. Eine Stunde weiter südlich hatte die Sonne jedoch die Wolken verdrängt und je höher wir stiegen, desto wärmer wurde uns.

Neureuth

Auch weil ich nicht die Zeit hatte, hat sich die Anreise mit dem Fahrrad zerschlagen. Die einfache Strecke beträgt etwas mehr als siebzig Kilometer, wofür man vielleicht drei Stunden benötigt, weil man dabei halb München durchqueren muss. Hätte ich das Rad genommen, wäre keine Zeit geblieben für die Spinatknödel auf der Hütte, die schon so oft das Ziel waren und wir immer eine halbe Stunde zu spät. Es wäre erst reicht keine Zeit geblieben für den Baumkuchen in der Konditorei, der hier eine Marzipanrinde trägt. Für diesen Kuchen macht man keinen Gefangenen, steht man vor der Wahl.

Kino

Natürlich gibt es auch in München nette Versuche mit dem Baumkuchen vom See zu konkurrieren, das Plateau au Chocolat ist davon nur einer. Dennoch haben das wunderschöne Mädchen und ich lose verabredet – noch während des Aufstiegs, die Knödel vor Augen – dass wir in einigen Jahren umziehen werden in eine dieser Regionen fernab der Stadt.

In eine dieser Regionen mit einer Konditorei am Ufer des Sees.

Seeufer

Januar 1972

Mit dem Rennrad?
Sind Sie sich sicher?

Worte eines vorbeikommenden Wanderers im Wald

Google kann ja jetzt Wettervorhersagen und wenn man »Wettervorhersage München« eingab in den vergangenen Tagen, erschien für Sonntag zumindest kein Regensymbol. Da mein Winterprojekt in den letzten Zügen liegt, das nach der Transalp in Italien gekaufte Rennrad (Belohnungsprinzip!) nun fahrbereit ist und wegen der beinahe frühlingshaften Verhältnisse denke ich seit Tagen an den vergangenen Sommer, das Alpenpanorama und die Fahrten hinunter zum See. Die lose Radverabredung in diese Richtung ist geplatzt, also habe ich mir eine Strecke herausgesucht in den Münchner Norden, mit vierzig Kilometern die richtige Länge, um das Fahrrad, die Laufräder und die komplett ausgetauschten Komponenten auszuprobieren.

Pannenbank

Irgendwann am Anfang des Waldes denke ich noch, dass dies für eine Rennradstrecke gewagtes Terrain ist, wende noch kurz, um ein Foto mit der alten nassen Holzbank zu machen und finde mich wenige Minuten später inmitten des menschenverlassenen Walds wieder auf dieser Bank, das Hinterrad auf den Beinen, einen neuen Schlauch in der Hand. Ein Wanderer passiert, wir kommen kurz ins Gespräch und ich sage noch, dass ich mit demjenigen Freund, der mit diese Strecke empfahl, ein ernstes Wörtchen zu reden habe. Ungläubig schüttelt er seinen Kopf, ob ich sicher sei? und lässt mich allein.

Zielbereich der Regattaanlage

Der künstliche See tut sich auf, sechs Holzzungen ragen in den Nebel hinein und wieder bin ich beinahe allein. Die Kälte zieht an den Beinen hinauf, während ich immer wieder nachpumpe, weil ich ein Vertrauensproblem habe, was neue Schläuche, vielmehr: was meine Handpumpe betrifft, auf die ich angewiesen bin bei einer Panne.

Regattaanlage

Der Norden zeigt sich von seiner unschönen Seite. Als Katastrophentourist halte ich oft und fotografiere noch öfter. Die Immobilienpreise sind wahrscheinlich trotzdem irrwitzig hoch und wer in der Stadt den Makler nicht bezahlen kann oder keinen astreinen Lebenslauf der Wohnungsbewerbung beifügt, landet wohl hier. Letzter Ausweg Hasenbergl. Der Nebel kriecht durch die Alleen und lichtet sich kaum, im Gegensatz zu den Straßen stadtauswärts sind jene im Norden nass als hätte es Minuten zuvor noch geregnet. Zwischen den Hochhäusern mit dem Charme einer nordkoreanischen Stadt führt eine alte Trasse die toten Gleise einer S-Bahn ins Nichts. Von hier aus sind es keine zehn Kilometer nach Haus.

Wohnturm

Tote Bahngleise

Was das Fahrrad angeht: ich verkaufe einen Satz Laufräder, renovierungsbedürftig. Falls jemand Jemanden kennt, falls jemand selbst Lust hat auf Basteln. Diese Laufräder finden sich – aus Gründen – nicht auf den Fotos. Und ich suche noch wen, der mir auf einer schöneren Tour noch Schlimmeres zeigt.

Die Mädchen hier tragen Fjällräven-Hosen

Ich weiß nicht, der wievielte Beitrag, die wievielte Liebeserklärung dies ist an das selbstverwaltete Café in Marburg, am Ufer der Lahn. Und dennoch habe ich sicher nicht alle Geschichten erzählt, die sich hier abspielten und deren Teil ich gewesen bin in jenen zehn Jahren, in denen es mich regelmäßig her zog und wohin ich nun so häufig ich kann zurückkehre, wenn ich diese Stadt besuche. Ich erinnere unsere gemeinsame Gesichte nicht mehr komplett, doch fallen mir einige Situationen, zahlreiche Stunde und zahllose Gespräche an den Tischen ein, die sich hier einander nicht gleichen: An diese zufällige Melange alter Möbel, die in den blitzenden, uniformen Oberstadt-Cafés keine Chance bekämen. Man hält sich hier die Unsympathen und Pöbler vom Leib, ein einfaches Prinzip führt dazu, dass nur wenige Studenten der Betriebswirtschaft und Juristerei dieses Café besuchen: Das Prinzip der Selbstbedienung.

Roter Stern/Café am Grün

Dieses Prinzip enttäuscht nicht nur die Erwartungen der serviceorientierten Karrierejugendlichen, sondern überfordert auch regelmäßig neue Besucher; man erkennt auf den ersten Blick, wer vorher noch nie im Roten Stern gewesen ist. Die sich auskennen erklären den Neuen, wie der Stern funktioniert und stehen im Wettlauf mit den wenigen Kollektivisten, die das Café betreiben. In der Vorweihnachtszeit fallen manchmal ältere Paare auf, die während des Einkaufens auf einen Kaffee hereinschauen. Ich habe noch nie einen Gesichtsausdruck bei diesen Menschen gesehen, der verriet, ob ihnen dieses Café, dieses Konzept praktisch oder unverständlich erschien. 

Roter Stern/Café am Grün

Um 19 Uhr schließt das Café am Grün, wie es offiziell heißt, und vielleicht auch deshalb wird Alkohol hier selten getrunken. Ich glaube, man bekommt tatsächlich Bier oder Wein, ich sah allerdings selten einen mit einem entsprechenden Glas. Wen ich stattdessen hier treffe sind zwei Professoren aus der Mathematik, zahlreiche Studenten der Biologie und die typische Kundschaft der politischen Buchhandlung, zu der dieses Café gehört, deren Mitarbeiter selbst zwischen der Siebträgermaschine und den Bücherregalen pendeln. 

Roter Stern/Café am Grün

Es gibt einige Gründe, die ständig genannt werden, wenn man sich mit jemandem treffen möchte und derjenige eine Alternative vorschlägt zum diesem Ort: Im Winter ist es oftmals kühl, doch wenn man gutbesuchte Tage erwischt, heizen die Menschen den Raum auf eine angenehme Temperatur. Den Filterkaffee als gut zu bezeichnen, braucht es einiges an Wohlwollen und der, die ich gestern hier traf, fiel auf, dass es statt Teppichen einen Fliesenboden gibt, was meine Bezeichnung des Roten Sterns als Wohnzimmer unterminiert. Was sie noch nicht verstand: Es sind für immer die Menschen, die Orte zu dem machen, was sie sind. Für mich ist es – und das wird sich wohl lange nicht ändern – mein Wohnzimmer, wenngleich in dieser WG, von jenen die auf seinen Couchen sitzen, längst nicht mehr alle hier wohnen, die ich noch kenne.

Ein Leben wie Franzosen Auto fahren

Ich trinke nicht mehr häufig Kaffee. Im Büro steht eine furchtbare Kaffeemaschine; Ich bin mir nicht einmal sicher, ob diese Kaffeemaschine furchtbar ist, doch die Bohnen sind es, furchtbar und billig. Sie kommen in Fünf-Kilogramm-Tüten aus einem Internet-Shop, stets für mehrere Wochen, damit man die Versandkosten spart. Zeit, die nötig ist, um das billigste Angebot zu finden und den Bestellvorgang (kostentechnisch) zu optimieren, wird gern investiert, ebenso wie die Zeit in Diskussionen auf Mitarbeiterversammlungen, um zwei Euro mehr bei der monatlichen Pauschale herauszuschlagen, die wir von unserem Arbeitgeber einfordern können, um die im Homeoffice entstehenden Telefon- und Heizkosten zu decken.

Es fiel mir also einfach, keinen Kaffee mehr zu trinken von einem Tag auf den anderen, anfangs gar nichts zu trinken außer Säften und Wasser. Aber da Mittagsschlaf bestenfalls komische Reaktionen hervorruft beim Spießbürger und ich mich darüber hinaus in einem Arbeitsumfeld befinde, in dem man Individualisierungen wie Sitzsäcke, -ecken und Rückzugsorte selbst finanzieren muss, trank ich irgendwann schwarzen Tee.

Apfelstrudel und Tee

Heute trinke ich Kaffee vor allem noch in den Zügen. Ein Ritual, und immer wenn ich darüber nachdenke, erinnere ich einen Freund, mit dem ich zusammen studierte und der jetzt in Istanbul lebt. Ich vermied es lange, Rituale zu haben, in der Angst, zu erstarren und irgendwann ständig die gleiche Sorte Kaffeebohnen zu kaufen. Dann zog H. nach Istanbul und passte damit nicht mehr in das Schema, das ich so fürchtete. Er sagte schon zu Studienzeiten, dass ihm Rituale wie die morgendliche Süddeutsche Zeitung und dazu eine Tasse Kaffee wichtig seien, doch er war auch stets in der Lage, diesen Plot zu verlassen, wenn es einen Grund dazu gab: Wie häufig fuhren wir morgens im Halbschlaf durch die Stadt, um rechtzeitig zu einem Termin zu kommen… fast immer ohne Kaffee und die Zeitung. Den Kaffee gab es dann an der Uni – beziehungsweise das, was der Kaffeeautomat eben ausgab.

Auch Sommersprossen
sind Gesichtspunkte

Ich traf heute morgen im Wartebereich für Vielreisende am Wiener Westbahnhof einen älteren Herrn, als wir beide vor dem einzigen Kaffeevollautomaten warteten. Wir kamen ins Gespräch, weil er den falschen Knopf gedrückt hatte und der Automat keine Milch aufschäumen wollte. »Wissen sie« sagte er freundlich, »wir verlieren einige Sekunden, was macht das schon im Leben?« Denn: Wir warten hier sowieso auf den Zug.

Kaffee im Zug

Der Alte stieg in einen anderen Wagen, nicht ohne noch einmal zu winken. Mein Leben fällt in solchen Momenten stets aus jenem Rahmen, den ich einst fürchtete wie einen Bilderrahmen um Gemälde aus einer dicken Farbschicht aus Öl. »Einen Kaffee bitte, und zweimal Milch und zwei Zucker« bestelle ich bei einem der Kellner im Schnellzug nach Hause. »Also wie immer…« noch leise. Es lächelt und ich lächle zurück.

— t: Wolfgang Müller

Meran. Wieder. Immer noch.

Vom Chiemsee aus Richtung München und dann das Inntal hinab bis nach Hall. Ampass, dieser Ortsname hat sich eingeprägt als Beginn der rückblickend steilsten Rampe der Tour, die wir wenige Wochen zuvor hinter uns ließen. Als Belohnung winkt der Wilde Mann, ein Gasthaus, das schon wieder zu früh hinter der Rampe wartet – damals hatten wir das Frühstück im Bauch, die ersten argen Höhenmeter in den Beinen und nach Tiroler Küche kein Verlangen. Dieses Mal passierten wir das Gasthaus kurz vor Mittag, waren aber noch satt vom Frühstück am See. Wir werden auf dem Rückweg einkehren, zu einer unmöglichen Uhrzeit, die unsere Auswahl auf eine wirklich kurze Karte beschränkt. Aber wir reden über unsere Pläne, haben ein gutes Gefühl und sind am Ende – wenn nicht überfressen – angenehm satt. Ein Espresso, um auf die Beine zu kommen, um wieder den Fahrersitz zu erreichen.

Auf dem Jaufenpass

Jaufenpass im Nebel

Der Wilde Mann markiert den Beginn der kleinen Bergstraße, die sich gegenüber der Brennerautobahn am Abhang entlangzieht Richtung Brenner und in Matrei auf die alte Staatsstraße trifft. Matrei dann, Brenner hoch, Brenner runter und während der Abfahrt den Blick auf den parallelen Radweg geheftet, der sich irgendwann von der Staatsstraße löst und in einem alten Bahntunnel verschwindet. Die Ahs und Ohs in Richtung des wunderschönen Mädchens unterbrach ich nur durch die Versicherung, dass diese Strecke mit dem Fahrrad noch einmal beeindruckender sei.

Auf der Ellbögenstrecke

Auf der Ellbögenstrecke

Am Fuße dann: Sterzing. Auf dem Hinweg ebenso ignoriert wie den Wilden Mann, auf dem Rückweg allerdings sind wir ins Zentrum gefahren, ich habe auf dem Marktplatz auf den Schwarzen Adler gezeigt und auf die Apotheke, in der ich mein Lippenbalsam erwarb. Am Ende der Fußgängerzone Kaffee und Torte in der Konditorei Prenn, aus der wenige Wochen Don ein Blech Apfelstrudel hinausgetrug und auf dem Radgepäckträger bis nach Meran brachte. Wir importieren ein Blech dieses Strudels in die Heimat, nur teilweise als Miete für das geliehene Fahrzeug. Der Rest – und an einem Blech Strudel isst man recht lang – ist der Nachtisch für die nächsten drei Tage.

Am Fuße des Jaufenpasses

Kaffee über Meran

Den Grafen, das alte Hotel, erreichen wir am frühen Nachmittag. Das Auto hat sich über den Jaufenpass gequält und ich kann es ihm noch nachfühlen, wacker geschlagen und wir tranken einen Tee auf dem Sattel des Passes, während eine alte Münchnerin ihren Mann dazu antrieb, einen Sack Kartoffeln von dieser Berghütte – als gäbe es Kartoffeln allein jenseits der Baumgrenze – ins Auto zu tragen. Über Meran muss man wahrscheinlich nichts sagen, es war wie immer und als uns der Hotelier in seiner eigenen Art zum Auto begleitete und uns auf die Strecke schickte nach Haus – besser sofort und besser schnell – huschte ein Leuchten über seine Augen, er lächelte und er sagte »bis bald«. Das jedoch ist eine andere Geschichte.

Hotel in Meran

Ich in Meran

Italienische Reise

Der Plan sah vor, dass wir morgens, geweckt von Croissants und dem Geruch von frischem Cappuccino im Bett liegend frühstücken, während wir den blauen Himmel beobachten, der sich über dem unseren Appartement gegenüberliegenden Haus abzeichnet, dessen Fassade aus dem frühen Achtzehnten Jahrhundert stammt. Das Zimmer ist bereits angenehm warm: Wir schliefen die Nacht mit offenen Türen und der Morgen hat seine Wärme bereits in unser Zimmer gedrückt. So liegen wir dort, die dünne Überdecke zurückgeschlagen und im Schlafanzug, der Frühstückswagen neben dem Bett, verschlafen in den Dampf der beiden Cappuccini blinzelnd.

Der Himmel über Rom

Rom

Wie das mit hohen Erwartungen ist, findet man sie am Ende bestenfalls teilweise erfüllt. Der Nachteil einer überbordenden Phantasie, der Nachteil einer Einbildungsfähigkeit, die einem gestattet, sich in tristen Phasen, sogar aus dunklen Kellern hinzuträumen an Orte wie französische Cafés oder Wiener Kaffeehäuser, Jahrhunderte zurück oder Jahrhunderte in die Zukunft, ist, dass der Versuch, dem Bild gerecht zu werden, dass diese Phantasie zeichnet, während jeden Urlaubs, während jeden Ausflugs aussichtslos ist: Naturgemäß schafft eine Reise das nie; die Zufriedenheit muss man sich mit jeder erfüllten Teilerwartung zurückkämpfen, zurückgewinnen, um der Enttäuschung Herr zu werden, weil es (in diesem Fall) nicht so aussieht wie im Italien, das man sich bei der Lektüre von Umberto Ecos Das Foucaultsche Pendel erdacht hat, sondern eher wie Fruttero und Lucentinis Italien, das sie in Ein Hoch auf die Dummheit entwerfen: chaotisch, touristisch, verdreht und irgendwie funktionierend. Wie, das verstehen wir nicht.

Akademie

Statuen

Bar

Zu behaupten, dass diese Zugfahrt der Höhepunkt dieser Reise sei, ist übertrieben und außerdem falsch. Wir haben die Vatikanischen Museen besucht, sind hinaufgestiegen in die Kuppel des Petersdoms und hinab in eine Nekropole im Süden der Stadt. Wir saßen in Kirchen auf Holzbänken, die so alt waren wie mein Großvater, vielleicht sogar älter, wir saßen auf Plätzen, während um uns herum das Leben tobte, Straßenkünstler ihre Stücke darboten und Portraitmaler Karikaturen ihrer Modelle zeichneten. Wir waren schließlich in phantastischen Restaurants, im jüdischen Viertel, das ich liebgewann in den letzten Tagen, wir wanderten am Tiber und saßen im Garten einer Mafiosi-Villa, die umgebaut wurde zu einem Veranstaltungsort für Jazzkonzerte.

Petersplatz

Chair

Wir waren nicht am Meer, nicht im Umland der Stadt, in den kleinen Dörfern, die jene Hügel säumen, durch die wir jetzt mit dem Schnellzug Richtung Bologna rasen. Es ist Samstag Vormittag und die Dörfer liegen verschlafen. Die staubigen Hauptstraßen sind leer, das kleine Café in der Dorfmitte ist noch nicht geöffnet, die Plastikstühle stehen noch nicht an der Straße und keiner der Einheimischen sitzt dort und trinkt seinen Kaffee. Es ist eher, wie uns die Western in unserer Kindheit erklärten: Steppenläufer wehen über die verlassenen Straßen der verlassenen Dörfer und an irgendeiner Ecke eines verlassenen Hauses bricht sich der Wind.

Quo Vadis

Shoes

Die Wahl

Den Wahlsonntag habe ich irgendwo zwischen München und Pfaffenhofen verbracht, möglichst weit weg vom Ausnahmezustand, der München zur Zeit heimsucht. Ich dachte mir, wenn mich schon ein Betrunkener überfährt, möchte ich wenigstens gut aussehen, zog also die neuen Schuhe mit den Weltmeisterstreifen an und putzte das Rad heraus, das mich neulich noch nach Italien trug. Die Schuhe waren Belohnung dafür.

Sidi Wire Carbon Vernice Rennradschuh - Edition Tony Martin

Nächste Woche fahre ich wieder in Italien, diesmal mit dem Nachtzug nach Rom. Weil sie auf dem Ausnahmezustand ein italienisches Wochenende haben, bekamen wir gerade noch das letzte freie Abteil. Die Dame am Schalter schaute mich bei der Buchung verständnisvoll an, sagte, sie würde auch gern in den Süden flüchten in Wochen wie diesen, denn viele Menschen am Bahnhof seinen in einem bedenklichen Zustand. Drei Jahre sei sie jetzt hier, drei Jahre hat sie sich herauswinden können aus dem Gruppenausflug ins Bierzelt. Ich weiß was sie meint.

Kuchen

Das Dachauer Hinterland, das mich durch den Sonntag begleitete, ist weder Italien noch hübsch. Langweilig würde es nicht treffen, doch ich habe mich zweimal beim Gedanken erwischt, wie es wohl ist, durch die Gegend zu fahren, in der ich aufgewachsen bin. Im Süden sind die Farben schöner, das Grün intensiver und jenseits des Alpenhauptkamms hat die Sonne ein anderes Licht. Aber es reicht, nach Süden die Stadt zu verlassen, der Norden hat mich nicht überzeugt.

Dachauer Hinterland

Am Wochenende habe ich außerdem das – noch immer habe ich keinen guten Namen – Alltagsfahrrad (das klingt viel zu unspektakulär!) umgebaut: Endlich ein Rennlenker, endlich Bremsschalthebel wie an den Rennrädern. Die Stunden im Keller sind beinahe so schön wie die Fahrt. Es ist: Mit den Händen zu schaffen, Probleme zu lösen. Der Vorgang dabei ähnelt sich stets: Man tritt zurück, kratzt sich am Kinn und dann fällt einem eines der anderen Fahrräder oder das alte Holzkisterl ein, das genau dieses Teil beherbergt, dass man gerade sucht. Man braucht nur ein bisschen Spaß am Probieren, etwas Zeit und eine ausreichende Anzahl anderer Räder.