Archiv der Kategorie: Netzkultur

Vielleicht warst du niemals gemeint

Es gibt zahlreiche Gründe zu Bloggen, wie es zahlreiche Gründe gibt, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren. Ich weiß nicht einmal, ob ich meine Gründe alle benennen könnte, würdest Du mich fragen.

Ich schreibe um zu vergessen.
Nur manchmal lese ich rückwärts und merke, dass mit ein paar Jahren Abstand viele Beiträge noch funktionieren. Die ganze »kryptische Scheiße« (But Alive) klingt nach langer Zeit wie Poesie.

Wenn ich auf den Knopf zum Veröffentlichen drücke, lade ich meine Gedanken ins Netz, konsequent, Braindump. Manchmal nicht ausformuliert, manchmal nicht zu Ende gedacht und nie mit strategischem Hintergrund. Ich bin nicht hier, um Kriege zu führen. Die Gedanken? Hauptsache weg. Wenn jemand mit mir über einen aktuellen Text reden möchte – vielleicht über meine Gründe, vielleicht über die Intension – dann bin ich in der Hälfte der Fälle genervt. Fire & Forget. Es steht hier, damit ich es los bin. Natürlich ist es verbunden mit meinem Namen, für alle sichtbar, und manchmal glaubt jemand, ich sei Rechenschaft schuldig. Vielleicht ist das nicht immer klug.

Thürigen

Selten trete ich wem auf den Schlips (ich bemühe mich jedenfalls darum). Einmal sagte mir ein Kollege an der Kaffeemaschine, er sei sauer, weil er sich im Blog falsch dargestellt fühle. Er war gar nicht dargestellt, er war nur der Ausgangspunkt der Entwicklung eines überspitzten Charakters. Er hat einen seiner Sätze erkannt, die zwei Tage zuvor fielen. Der Beißreflex war dann schneller als das Ende des Beitrags. Manchmal liest man das, was man will.

Beruhigt euch.

Gehe nicht auf alten Spuren
Beweine nicht was längst beweint
Lecke nicht die alten Wunden
Vielleicht warst du niemals gemeint

Peryton: Geh zu ihr/Überall

31C3

Ich könnte diesen Beitrag beginnen (ich könnte ihn füllen!) darüber, wie nicht entschieden wurde, ob ich diese Reise als Dienstreise abrechnen kann. Ich will stattdessen darüber schreiben – und ich will Bilder darüber zeigen – wie schön die letzten vier Tage in Hamburg waren.

Hacking

Festplatten

Kräne

Brücken

Bäume

Wie schön sie waren dieses Jahr, wie schön sie gewesen sind in den vergangenen Jahren. Falls ihr euch nächstes Jahr alleine nicht traut, ich werde dort sein, ich werde euch tragen. Und mit mir zehntausend andere, zehntausend denkende Menschen, wie sie H. letztes Jahr nannte.

Auf Wiedersehen

From Step One, To Nothing

Ja nein, einerseits andererseits.

Das ist alles nicht wirklich wichtig, was du erzählst. Zwischen wichtig und richtig liegt nur ein einzelner Buchstabe auf der deutschen Tastatur. Belanglosigkeit und stolz auf die eigene Leistung; ich weiß auch nicht, warum es mich nicht interessiert. Ist es so etwas wie Neid? Ist es einfach nur Desinteresse? Klar, das Zentrum Deiner Welt bist Du, natürlich ist Dein Blog ein Brennglas über diesem Ökosystem.

Walk, don't run!

Eine Freundin hat für ihren Sohn eine Welt in einem Einmachglas gebaut, in der es sogar regnet, wenn es lange genug in der Sonne steht. Irgendwann war die rettende Frischhaltefolie kaputt, die diese von der echten Welt trennte. Dort draußen gibt es eine Menge, das Deine Welt ernsthaft gefährdet; Frischhaltefolie mag nicht verrotten, doch ewig hält Frischhaltefolie nicht.

Du und Deine Echokammer.
Du hältst Dich für wichtig, nur weil Du ins Internet schreibst, bist Du es nicht. 

– t: Tias Carlson

Wenn man nicht mehr weiter weiß …

Ich finde es gar nicht so einfach, einen Überblick über die momentanen Versprechen und Absichtserklärungen zu behalten, in welcher Weise man die Menschen gegen den Überwachung schützen will. Seit Monaten scrollen beinahe täglich Meldungen durch die Newsticker, dass wieder eine Million Telefone abgehört und Bewegungsprofile erstellt worden sind.

Aber das ist doch verboten!
Wir müssen die Gesetze verschärfen!
Wir protestieren AUF’S SCHÄRFSTE! 

Ähm ja. Drüben in der F.A.Z. beschreibe ich meine Sicht der Dinge.

Schloß Gripsholm

Man muss Sascha Lobo nicht mögen. Ich kenne jemanden, der nur die Augen verdreht, wenn ich den Namen nur erwähne, denn ich finde Lobo durchaus gut. Vor allem wegen seiner beiden re:publica-Vorträge, aber auch wegen seiner Kolumne, die er drüben bei Spiegel Online schreibt. Die Kernaussage der aktuellen Ausgabe lautet: Wenn Du im Netz wirklich frei sein willst, brauchst Du Deine eigene Webseite.

Drive-By Shootings

Ich kann mich also ganz entspannt zurück lehnen, auf mein LiveJournal-Profil verweisen, dass mir eine mehr als zehnjährige Präsenz als Contentgenerator im Netz bescheinigt, oder auf den ersten Eintrag in diesem Blog hier aus dem August 2004. Meine Profile und Seiten bei den ganzen Social-Media-Netzwerken hingegen sind entweder noch nicht einmal halb so alt oder die Dienste und Communities gibt es schon gar nicht mehr (lebt eigentlich StudiVZ noch?).

Google+Und bei Google+ hat sich seit langem auch Ernüchterung breit gemacht, und wenn sie auch diesen Dienst irgendwann schließen, werden die Social-Media-Berater, die heute erst Hangout als unterschätztes PR-Instrument identifiziert haben, sich auf das nächste Unternehmensprodukt stürzen — und der zuerst da war ruft am lautesten, er hätte es immer gewusst. (Auf Google+ findet man übrigens ausschließlich PR- bzw. Social-Media-Berater oder IT- und Netz-Aktivisten, die in ihrer Überzeugung von offenen Schnittstellen komischerweise Google als Verbündeten im Kampf gegen das Böste in der IT ausgemacht haben. Ich möchte aber lieber Bilder aus Italien als die zehnte Diskussion über unterschätzte PR-Indstumente, Bilder von Fahrrädern und Katzen statt Musikvideos, die ich wegen der GEMA und fehlendem Flash sowieso nicht anschauen kann oder Neuigkeiten von den normalen Menschen aus meinem Leben, die Google+ wahrscheinlich noch nicht einmal kennen.)

Ich habe Bekannte gesehen, die von einem Blog-Anbieter zum nächsten umzogen. Sie haben ihre Texte zurückgelassen und mittlerweile mindestens teilweise verloren (weil es den Anbieter nicht mehr gibt oder das Konto gelöscht ist). Sämtliche Texte aus meinem LiveJournal habe ich hingegen in einer Datei auf meiner Festplatte und alle Einträge dieses Blogs sind über das Archiv durchsuchbar. Vor drei Jahren fing ich an, die Einträge in diesem Blog noch einmal von Beginn an zu lesen. Mit dem Wissen, wie eigene Texte nach sechs Jahren wirken, werde ich mich mit Füßen wehren, Relevantes und Wichtiges auf einer Plattform zu veröffentlichen, aus der ich das nicht (einfach) wieder herausbekomme.

Ich hatte vor drei Jahren zum ersten Mal das Gefühl, dass ich diesen Blog nicht nur für meine Leser geschrieben habe.

Günesim

Ich habe nach Namen, willkürlich gewählt, einiger meiner Arbeitskollegen bei Google gesucht. Ich habe nicht eine Homepage gefunden.

net life

Ich meine nicht, dass das etwas heißt. Landläufig gilt Facebook als Spielwiese jener, die wenig zu tun haben – Studenten allgemein und feierndes Volk. Man kann bestimmt, in dieser Lage, keine Onlinepräsenz pflegen.

Ich meine nicht, dass das schlimm ist. Doch es beschreibt sicher den Graben, der zwischen uns gähnt. Es gibt auch einen Hinweis darauf, wie wir ticken in ungleichem Takt. »Es muss solche und solche geben« pflegt meine Mutter zu sagen; einer nimmt mich väterlich an die Hand und erzählt, er kenne die Situation.

Was er dann sagt, zitiere ich nicht.

Ich lächele: “We try.”

Marouf guckt uns mit einem traurigen Lächeln an: “I don’t know why they don’t like me. Maybe because I look different. I think maybe I am sick. I go to the doctor to test, five month ago” Er erzählt uns mit roten Augen, dass er seine Ergebnisse seit fünf Monaten hat- aber keiner sie für ihn übersetzen möchte. “I go to people, I ask, can you read this? But they always say: no, no! Go away!” Wir sind still. Wir sind diese Menschen.

(dragstripGirl: this is heavy. – Marouf via *indigoidian.de*)

Darum schreibe und lese ich viel lieber Blogs als zu Twittern oder auf Facebook zu sein. Auch wenn’s mich mitnimmt dann und wann. Und ich fühl‘ mich erwischt.

Death kills

In unserem Team war ich der Erste, der mit dem Twittern begann. Irgendwann eröffneten wenige andere Kollegen einen Twitter-Account einem Anlass folgend, den ich längt vergessen habe. Sofort verlagerten sich bestimmte Mitteilungen auf Twitter, was von uns niemandem auffiel – wir waren alle dabei. Ich wusste, was meine Kollegen dachten, was sie gerade zugespielt bekommen hatten und über was sie sich amüsierten.

Wir hatten uns angewöhnt, Gedanken sofort online zu stellen und beinahe sofort Reaktionen auf diese Einträge zu bekommen. In dieser Zeit hatte ich viele Probleme, Blogeinträge zu schreiben: Die meisten Gedanken waren bereits veröffentlicht, und mit einem roten Faden ältere Twittereinträge zusammenzufügen hatte ich keine Lust – wenngleich einige Blogger das machen, damit ihr Blog nicht vollends verhungert («Ein Blog ist wie ein Haustier»).

Weil das Blog für mich wichtiger ist als eine Webseite voller ungefilterter Gedankenfetzen, war ich schließlich auch wieder der Erste, der seine Mitgliedschaft in diesem Kurznachrichtennetzwerk kündigte. Sofort merkte ich das Fehlen der über diesen Kanal gesendeten Informationen; bis heute muss ich regelmäßig nachfragen, wenn ich allen Referenzen im mündlichen Gespräch folgen will.

Besser als das.

Der Idiot

Man hat mir nie auf die Frage, was an mir gefällt, geantwortet:

Twitter

Ich habe heute dort wieder gekündigt.

Die Erkenntnis im Urlaub, Zusammenhänge lagen plötzlich wie offen vor mir. Seit ich Gedanken umgehend on air stellte, schrieb ich nicht nur weniger in diesem Blog, vor allem auch in das Notizbuch, dass ich mit mir herumzutragen pflege und aus dem ich gewöhnlich den ein oder anderen Gedanken für einen Text kondensiere und also weniger Texte an sich.

All jene Dinge sind mir wichtiger als Nachrichten im Microbloggingdienst, dessen Mitgliedschaft der jüngste Ausbruch meiner seismografischen Euphorie gewesen ist, auf die ich mich in Bezug auf die Relevanz einzelner Aspekte für mich verlassen kann.

Ich habe Briefe geschrieben und Texte mit Stift auf Papier. Man hat sie an Wände gehangen und lacht fröhlich, wenn man vorüber schreitet. So gebiert jeder Zweck sein Medium. Ich möchte wieder mehr schreiben. Daher gilt es diesen Baum (jenen einen!) zu fällen.