Archiv der Kategorie: Musique

Eine Geschichte über die Liebe und eine über Musik

Diese Geschichte reicht etliche Jahre zurück. Ich kann mich erinnern, wie ich ihn kennengelernt habe in Köln. Wir standen am E-Werk und warteten dort, sie führte ein Telefonat und dann hieß es, er käme in zwanzig Minuten. Es war warm und ich weiß nicht mehr, welche Band abends dort auftrat; vielleicht The Notwist, das würde passen. Irgendwann kam ein Taxi und ich erinnere mich, wie seltsam ich fand, dass er ein Taxi benutzte.

Seine Wohnung sah ich erst Monate später. Irgendwann saßen wir in einer Bar und sprachen über Diedrich Diederichsen. Siebzigerjahre Deckenanhänger schmückten die Wände und was mir außerdem im Gedächtnis blieb waren meine Magenprobleme aufgrund der Menge an Bionade, die ich an jenem Abend trank. Das alles liegt mindestens fünfzehn Jahre zurück.

Mixer

Er war es auch, der mich fragte, ob ich an seinem Geburtstag auflegen möchte und der mich unvorbereitet hinter ein DJ-Pult stellte. Ich hatte einige Platten dabei, ich war zwar nicht überfordert – zumindest kam mir selbst das anders vor – doch die Leute tranken ihr Bier lieber auf dem Balkon. Ich glaube, bei einem Tocotronic-Song kamen einige zurück in das Zimmer.

Jahre später, an unserem ersten gemeinsamen Abend im Zimmer meiner alten WG, stand ich mit dem Rücken zum wunderschönen Mädchen. Ich weiß nicht mehr, was ich aufgelegt hatte (ich wette, sie weiß es noch ganz genau!), doch als wir uns zum ersten Mal unter dem Mistelzweig küssten, der über meiner Zimmertür hing, bin ich mir sicher gewesen, dass der CD-Player und das Mischpult jeden Cent wert waren – auch wenn aus mir nie ein wirklich guter DJ werden sollte.

Plattenspieler

Es ist sechs Jahre her, dass ich das alte Mischpult und den CD-Spieler bei eBay verkaufte. Seit vorgestern trauere ich um den Player, nie hat mich ein Verkauf im Nachhinein ähnlich geärgert. Zum Glück habe ich den Plattenspieler behalten und all die Schallplatten und CDs, die ich im Zuge der Überzeugung, MP3s würden reichen, in Kartons verpackt habe.

Einen Scheiß reichen sie!
Und die Hardware kaufe ich mir gerade wieder zusammen.

Le Cantate Italiane Di Handel

Es ist kalt geworden. Draußen toben die Weihnachtsmärkte, während sich drinnen Roberta Invernizzi durch die gesammelten Händel-Kantaten singt. Nebenan rauscht der Wasserkocher, in der Spüle blubbert das alte Wasser aus der Wärmflasche, die uns seit Jahren begleitet. Roberta Invernizzi habe ich mir damals auf dem Fahrrad gewünscht, weil ich das für eine stilvolle Einfahrt hielt, den Brennerpass hinab nach Sterzing, eine Triumphfahrt mir einem passenden Soundtrack. 

Roberta Invernizzi, La Risonanza, Fabio Bonizzoni - Le Cantate per il Cardinal Pamphili

Le Cantate per il Cardinal Pamphili hört man mit anderen Ohren, wenn man sich erinnern kann an den kurzen Aufenthalt im Familienpalazzo der Pamphilij, den wir während unserer Romreise besuchten, an die lichtdurchfluteten Gänge der Galerie, in der nicht nur zahllose Bilder hängen, sondern von der ein Durchgang in einen kleinen Raum führt, in dem des papstgewordene Familienoberhaupt der Pamphilij von Velázquez verewigt wurde. Natürlich ist man in diesen Gänge nicht allein, doch die Zahl der Besucher hält sich in Grenzen, wenn man Wochentags kommt. 

Roberta Invernizzi, La Risonanza, Fabio Bonizzoni - Le Cantate per il Cardinal Pamphili

Das sind schöne Erinnerungen, denen man im alten Ohrensessel nachhängen kann. Das Stövchen auf dem kleinen, aus dem Sperrmüll gezogenen Tisch gibt sein bestes, denn diese Momente können dauern, von Zeit zu Zeit einen ganzen Abend. Wenn der Gesang die Gedanken nicht im Buch liegen lässt, das man auf den Knien hält, wenn man lieber die Augen schließt und zuhört, statt das nächste Kapitel zu lesen.

Dieses Buch kann einem den Appetit verderben.

André Campra und die Rechnung, die ich ihm stelle

Das mit den Folgekosten ist ja immer so eine Sache: Man entdeckt irgendwo etwas, das sich passgenau ins eigene Leben und in die eigene Situation passen würde, einige Zeit später fällt die Entscheidung dafür. Was man oft übersieht, ist der Aufwand, der sich aus der neuen Errungenschaft direkt ergibt: beim Carbon-Rennrad sind das die Fahrradbekleidung, die Laufräder und all die kleinen Ersatzteile, bei Büchern sind das die Regalmeter, die sich beinahe wie von selbst füllen und bei den neuen Lautsprechern ist das dann gleich die ganze Kette aus Zuspieler, Verstärker und den entsprechenden Kabeln.

Kimber Kable

Dieser Text über Folgekosten hat jedoch nur zum Teil damit zu tun, dass ich – mehr zufällig – vor einigen Wochen am See deutsche Lautsprecher, einen englischen Verstärker und einen französischen CD-Spieler in eine Wohnung getragen und später bei Torte und Tee auf jener Anlage eine italienische CD mit Musik aus dem 17./18. Jahrhundert gehört habe: das zeigt rasch die Unzulänglichkeiten der eigenen Musikkomponenten, die vielleicht nicht furchtbar schlecht, aber eben auch nicht furchtbar gut sind. Wenn ich weiß, wie etwas klingen sollte, das zu Hause jedoch (nicht schmeichelhaft) anders klingt, muss ich das ändern. In diesem Falle beginnt es mit dem Surfen im Netz, dem Lesen von Meinungen und den abenteuerlichen Berichten einer Audiophilen-Gazette und Preislisten, die einem bei eBay ersteigerten Kabel beilagen, das später die Lautsprecher mit einem neuen Verstärker verbinden wird. 

Duevel Planets

Der andere Grund ist die Veränderung des eigenen Musikgeschmacks über die Jahre: wie ich früher keinen Spinat aß, schätze ich ihn heute doch sehr; wie ich damals wenig mit Klassik anfangen konnte, entdecke ich dieses Feld gerade für mich – eingeschränkt gilt dies auch für Jazz. Dafür sind Tocotronic und Locas in Love seltener geworden. Sowieso höre ich seltener Musik als vor einem Jahrzehnt und die meisten Rockkonzerte sind mir zu laut geworden. Das eine habe ich doch gemerkt: Die Boxen klingen auch mit Tocotronic sehr gut; das wird mit einem neuen CD-Player, mit einem neuen Verstärker noch einmal um einiges besser! Und dann klingt nicht nur die italienische CD wie sie sollte, dann spielt auch Abdullah Ibrahim wie vor Wochen im Prinzregententheater.

The Melody at Night, with You

Bevor ich vor einigen Jahren meine digitalen Tonträger in Kisten verstaute und auf den Dachboden der alten WG trug, schaute ich diejenigen Menschen verwundert an, die fragten, warum ich denn noch CDs kaufe. Eines der Argumente war, dass man beinahe den gleichen Preis für eine download-only Version eines Albums bezahlt, dafür auf oft liebevoll gestaltetes Artwork und den Beipackzettel samt Liner Notes und die Möglichkeit verzichtet, Musik bewusst zu hören: eine CD bewusst auszusuchen, den CD-Player und die Anlage zu verwenden, um gemütlich mit geschlossenen Augen auf dem Sofa zu liegen und in der Musik zu versinken. Download-Versionen sind darüber hinaus prinzipbedingt niemals limitiert und eine Sonderausgabe verliert in einem Download-Shop ihren Glanz.

Abdulla Ibrahim

Wenn man mich Monate später dann fragte, als die Tonträger gut verpackt unter dem Dach und später im Keller standen, warum ich Musik ausschließlich bei iTunes beziehe, schaute ich diejenigen verwundert an, warum ich für den beinahe gleichen Preis Staubfänger ins Regal räumen sollte, die darüber hinaus im Weg stehen würden. Weiters ist die Musik online mit einem Mausklick zu kaufen – auch Sonntags! – und gleich dort, wo sie sein sollte: auf den iPods und iPhones, auf der alten Apple-Box, über die ich all diese Stücke auch über die Stereoanlage hören kann ohne aufstehen und einen Tonträger einlegen zu müssen.

Wharfedale

Heute nachmittag saß ich Stunden in einem kleinen Geschäft vor einem CD-Spieler, Stapel von Tonträgern neben mir: ich habe bewusst Musik gehört, ausgesucht mehr, und war überrascht, dass download-only doch deutlich billiger ist. Vielleicht liegt das an den Musikverlagen, die mich interessieren: alte Musik aus Spanien ist teurer, ebenso der Jazz eines Münchener Labels. Er, erzählte der Freund letzte Woche, genießt die bewusste Entscheidung für Musik und deren bewussten Auswahlprozess, und ich fühlte mich erwischt in jenem Moment, in dem mir bewusst wurde, dass ich Musik seit Jahren schon beinahe nicht mehr genieße, sondern herunterschlinge, unaufmerksam, oft neben anderer Tätigkeit.

Abdulla Ibrahim, Keith Jarrett, Antonio Vivaldi, André Campra

Ich erinnerte mich heute Nachmittag in diesem Geschäft an das Gefühl, wenn ich früher nach der Schule den Plattenladen besuchte, vieles vor dem Kauf gar nicht erst anhörte, weil ich stets anhand der Bands und der Labels wusste, was mich erwartet; naturgemäß nicht genau – das blieb jenem Moment vorbehalten, in dem ich in aufgeregt-erwartender Stimmung die CDs zum ersten Mal in den Spieler legte und mich auf das Sofa, die Liner Notes im Booklet zu lesen, als die Musik noch etwas Besonderes war.

Mehta

Air

Auf einmal ist alles still. Und auf einmal, noch in den ersten Takten, hält das Gefühl Einzug, das ich zum letzten Mal hatte in der Berliner Philharmonie, dass diese Töne sich unterscheiden von allem, was ich normalerweise höre. Mein Gehör ist nicht geübt, weniger als das Filigrane höre ich mit dem Bauch; ich bin mir bewusst, wie viel mir entgeht und dass doch in eben diesen Dingen jenes Gefühl begründet liegt, das ich nur aus Konzerthäusern kenne.

Dabei kommt es so unvermittelt wie dieses Stück, das nicht auf dem Programm steht. Wegen eines Todesfalls wurde es eingeschoben wie die anschließende Gedenkminute – eine Stille aus mehr als zweitausend Kehlen. Mir widerstrebt alles, von einem Glücksfall zu schreiben.

Road

Mazeppa

Von außen betrachtet fällt manchen auf, dass ich gerade verstärkt Bücher erwerbe. Das ist ein Zeichen, dass sich etwas ändert, dass mich etwas genau interessiert: dann kaufe ich alles, was man zum Einlesen braucht. Mir selbst als Betriebsblindem wird dabei noch klar, dass die Berge der Schriften deutlich zeichnen, dass es um mehr geht als eine alltägliche Entscheidung. Ein Gedanken bricht sich die Bahn, ein Gedanke, den ich so stark nie wähnte, darüber bin ich selbst überrascht.

Bench

Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2

In manchen Interviews mit Künstlern findet man diesen Satz, dass Kunst unreflektiert passiert. Ich habe dies stets für die Koketterie gehalten der kunstschaffenden Klasse, und natürlich ist es vom eigenen Falle insofern verschieden, dass keine Kunst mich umtreibt. Wenn ich heute vage bleibe, bitte ich das zu verzeihen: Es ist wie der erste Schritt auf dem zugefrorenen See am Anfang eines Winters der Kindheit, in dem man nicht weiß, ob das Eis bereits trägt. Ich bin tatsächlich noch jenseits des Eises und vielleicht ist das bloß eine Phase – über die Jahre misstrau‘ ich mir selbst. Ich weiß nicht, ob sich viel mehr ändert, als dass die Bücherwände sich füllen. »Es wäre«, denke ich mir jetzt oft, »aber mal an der Zeit.«

HFF

Symphonie Nr. 5

Das Gefühl aus dem Air gab es später nicht mehr. Zum ersten Mal habe ich verstanden und mit eigenen Ohren gehört, warum der Münchner Gasteig kein gutes Konzerthaus ist. Es muss sich etwas ändern, um in dreißig Jahren nicht immer noch auf den Rängen zu sitzen, altersmild dann wie Zweitausend um mich herum. »In der Musik«, sagt man, »liegen die Werte des Lebens.«

L’Enfer du Nord

Paris-Robaix. L’Enfer du Nord oder auch La Reine des Classiques, je nachdem. Man muss sein Fahrrad ganz schön hassen, es über diese mehr als 250 Kilometer zu jagen, 50 Kilometer davon grob gepflastert. Oder die L’Eroica: Das Herz blutet, wenn sich die Wahnsinnigen auf alten Colnago- oder Gios-Rahmen die Schotterpisten hinabstürzen – nicht nur wenn man weiß, was sie kosten. 

Lenker

Wir hatten einen Abend lang eine Diskussion über Erwartung und Enttäuschung. Irgendwann vor etlichen Jahren sagte T. zu mir, ich müsse lernen, nichts zu erwarten und P. fragte mich letztens, wie das funktioniert. Ich weiß die Antwort bis heute nicht auf diese Frage, ich weiß nur, dass es sich lohnt.

Vielleicht trage ich sogar das maillot blanc in dieser Disziplin: Ich gebe auf, meine Radtouren zu planen und beschränke mich auf die Entscheidung Nord oder Süd, vielleicht hin und wieder den Ort. Den Rest überlasse ich dem Fahrradcomputer, den ich nicht verstehe, der mich über wilde Schotterpisten treibt oder auf Pfaden durch den Wald. Seit mein Radhändler, dessen bester Kunde ich bin, mir die Hand auf die Schulter legte und sagte, man können diesem Rahmen vertrauen, folge ich der Entscheidung dieses Gerätes in den meisten Fällen entspannt.

Heute stand ich dann irgendwann vor einem Schloss, irgendwo im Norden von München, in einem menschenleeren Park. Auch wenn ich nicht dort war, wohin ich eigentlich wollte, war das ein schöner Moment.

Schloss

Manchmal nach solchen Passagen lege ich meinem Rad die Hand auf den Rahmen und versichere ihm, es könne mir vertrauen. Uneingeschränkt.

Vivat academia.

Der Papst lebt herrlich in der Welt,
es fehlt ihm nie an Ablaßgeld;
er trinkt vom allerbesten Wein:
drum möcht ich auch der Papst wohl sein.

Doch nein, er ist ein armer Wicht,
ein holdes Mädchen küßt ihn nicht;
er schläft in seinem Bett allein:
ich möchte doch der Papst nicht sein.

Gaudeamus igiturEine Kollegin verabschiedet sich am Freitag mit den Worten »Dieses Wochenende ist bei uns Ostern« und ich bekomme in der Türzarge noch einen Crashkurs in Sachen orthodoxem Kalender und dazugehöriger Religion. Zur Ehre (ich sage fast: In stillem Gedenken) gab es heute morgen Frühstücksei.

Gestern war ich zum ersten Mal nach der Italienreise wieder im Antiquariat und kam zurück mit dem obligatorischen Stapel Bücher und einigen alten Schallplatten, unter anderem mit einer voller Studentenlieder, die nach dem zweiten Hören langsam ein generves Lächeln auf das Gesicht des wunderschönen Mädchens zaubern.

Manchmal stoße ich auf Verständnisloskeit. Verständnis erwarte ich nicht.

Ich wechsle die Platte.

Der Sultan lebt in Saus‘ und Braus,
er wohnt in einem großen Haus
voll wunderschönen Mägdelein:
drum möcht ich wohl der Sultan sein.

Doch nein, er ist ein armer Mann,
denn folgt er seinem Alkoran,
so trinkt er keinen Tropfen Wein:
ich möchte doch nicht Sultan sein.

Prof. Rudolf Grüttner und BarbaRossa: Papst und Sultan

24.12.65 v. Frl. Brendel

Die schönsten Dinge findet man mitunter in Läden, in denen man diese nicht erwartet. So geht man gewöhnlich zum Bücherkauf in einen der großen oder kleinen Buchläden am Platz und Musik kauft man im Plattenladen, in einer großen Elektronikkette oder gleich bei iTunes im Netz.

Als wir heute den kleinen Laden betraten, hatte ich anderes im Sinn als einen Stapel Bücher oder Musik; das ist gemeinhin die beste Voraussetzung für die Entdeckung toller Literatur und CDs. Das Buchregal stand versteckt hinter einer Ecke, so dass man sich unvermittelt vor einem unsortierten Regalmeter antiquarischer Bücher fand. Gegenüber stand ein leergeräumtes (oder nie wirklich gefülltes) Regal und die wenigen Schallplatten gaben ein verlorenes Bild.

Brendel-LPIch bin nicht sicher, ob diese Schallplatte zumindest kurz im Besitz der Familie Brendel gewesen ist. Das Frl. spricht dagegen – Alfred Brendel war zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet – kann aber gut eine Form der Ehrerbietung darstellen, mit deren Hilfe der Beschenkte, ein Professor der Medizin, der in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts sein erstes Buch veröffentlichte, seine Zuneigung zu Frl. Brendel, durchaus zum Pianisten höchstselbst, zum Ausdruck brachte. Der beigefügte Zeitungsauschnitt aus der Süddeutschen Zeitung vom 18. November 1965 deutet darauf, dass er begeistert war vom vierunddreißigjährigen Brendel. Andere Schallplatten untermaueren dieses Gefühl; Im beinahe leeren Regal fanden sich noch weitere, allesamt von Brendel, allesamt aus dem Besitz des Professors,

dessen Andenken ich nunmehr zu Teilen bewahre.

Ich würd Dir helfen, eine Leiche zu verscharren, wenn’s nicht meine ist

Es liegt verschwommen lange hinter mir, wie genau ich die Nationalgalerie entdeckte und mit ihr Niels Frevert als Sänger. Auf meinem iPod findet sich aus jener Zeit nur eines seiner Soloalben. Vielleicht habe ich meinen Vornamen im Internet gesucht und ihn gefunden, der sich nicht herumtreibt in den üblichen Kreisen, heute aber von Tapete Records verlegt wird, was dann wiederum doch zum Rest meiner Plattensammlung passt.

Rettet alles!Irgendwann im November hat das wunderschöne Mädchen dieses Album entdeckt. Vielleicht suchte sie meine Lieder und blieb eine Zeile darunter hängen. Und irgendwann fragte sie beim Kochen, ob ich ihn mehr schätze als irgendwen sonst.

Überraschung! Ich war g’rad in der Gegend,
ich hoffe, ich komme nicht ungelegen.

Einen Monat später markiert sein Konzert das erste seit langem. Hätte sie nicht gedrängt und Karten gekauft… (Ich kenne mich zu und Frevert dagegen nicht gut genug.) Er und seine wunderbar sympathische Band als Gegenpunkt zum Rock’n’Roll-Lifestyle, für den man irgendwann zu alt wird, der vielleicht mittlerweile bloß nervt. Eine Anmoderation, die man ihm glaubt. Ein Freund meldet sich eine Weile nicht und einer fährt vorbei und schaut mal nach ihm.

Es gibt Alben in meiner Sammlung, deren Kauf verstehe ich erst fünf Jahre später.

– t: Niels Frevert – Wohin hat es Deine Sprache verschlagen?

Um zu entspannen spielt sie Klavier

Es gibt wenige Fotos, obwohl das Instrument bereits vor zwanzig Jahren eine Reise hinter sich hatte, über die Menschen Bücher schrieben und schreiben. Deutlich vor 1989 kam es – auf verschlungenen Wegen – in unser damaliges Wohnzimmer, doch mir liegen jene Pfade im Dunkeln, ich war noch zu jung und zu wenig interessiert. Heute habe ich keinen, der sich erinnert oder jeder winkt ab.

Leipzig/DDREs ist kein Klavier von C. Bechstein und keines von Steinway und Söhne, aber es reicht, um dem Klavierbauer einen anerkennenden Pfiff über die Lippen zu jagen, als er es zum zweiten Mal stimmt. Ein Klavier, dem die fünfzehnjährige Auszeit im Keller nichts machte, in warmem Weiß, raumfüllend, mit einem Klavierhocker mit weinrotem Bezug. Ein Klavier, das in dieses Zimmer gehört, als hätten sie das Haus darum geplant und gebaut; ein Herr im Haus, freundlich bestimmt.

Steht man drüben im modernen Museum, in dessem neuen Café oder in der sich zu unserem Haus öffnenden Halle, kann man nicht nur die Bücherregale erkennen, den alten Ohrensessel und die alte Leselampe, sondern ebenso gut auch dieses weiße Klavier. Von Zeit zu Zeit stehe ich drüben, abends, und beobachte sie. Um zu entspannen spielt sie Klavier.