Archiv der Kategorie: Literatur

Das Rennen

Ich schrieb es schon einmal. Aber der Ärger muss raus! Und doch gibt es eine Versöhnung.

Ein Blick in das Bücherregal

Fast scheint es, man könne entweder gut Fahrrad fahren oder gut schreiben. Ich besitze einige Bücher, die diese These nahelegen. Die Lektüre von Alpenpässe und Anchovis liegt schon so lange zurück, dass ich mich an wenig mehr erinnere als daran, dass es mich einigermaßen langweilte und ich nicht betroffen war von dem beschriebenen Text. Das Buch irgendeines Kolumnisten irgendeiner Radzeitung, in dem er seine Glossen zusammengebunden hat, nervte mich nach zehn Seiten so, dass ich es sofort zurückgegeben habe. Nach Sieg am Himmelsjoch habe ich keinerlei Lust und Ambitionen mehr, jemals am Ötztaler Radmarathon teilzunehmen, wahrscheinlich war die Intention des Autors eine andere. In der Geschichtensammlung Die Liebe zum Fahrrad gefällt mir lediglich eine Erzählung, die mich die anderen lesen ließ in der Hoffnung auf eine zweite gute Geschichte. Gefühlt kenne ich noch einige Bücher mehr, doch dass mir nicht mehr alle Titel in Erinnerung sind, spricht Bände. Aus all diesen Büchern blieben mir nur drei positiv im Gedächtnis.

Die Leere in ihrem Leben schockiert mich!

Die Autobiographie von Laurent Fignon habe ich glücklicherweise sehr früh gelesen, sonst hätte ich vielleicht nicht die Hoffnung behalten, je auf ein gutes Buch zu stoßen. Wir waren jung und unbekümmert ist kein Vertreter der Hochliteratur, nicht Goethes Faust auf zwei Rädern. Aber es ist authentisch. Fignon muss mit diesem Buch keinem mehr beweisen, was er kann und dass sich auskennt; technische Wichtigkeiten, die nichts als nerven, fehlen hier völlig. Dass ich ein klein wenig auch wegen ihm nach Paris fuhr, müssen andere erst einmal schaffen. Auch eine zweite Biographie, Put me back on my bike über Tom Simpson, habe ich gern gelesen, obwohl sie aus tragischen Gründen keine Autobiographie sein kann: Tom Simpson starb 1967 am Berg Mont Ventoux. Wenn Radbuch, dann Biographie? Nichts neues seit April 2014?

Rennlenker

Fast. Ein alter Freund fragte, ob ich das Buch dieses Niederländers kenne, das fast dreißig Jahre lang nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Zuerst veröffentlicht 1978, trägt die deutsche Erstauflage das Datum 2006. Das gebundene Buch hat 162 Seiten, das beschriebene Rennen 137 Kilometer. Und so liest man Kilometer für Kilometer, Seite für Seite, kommt außer Atem an den Anstiegen zu den vier Pässen, ärgert sich über die Zögerlichkeit bei den Abfahrten und über diesen einen Hinterradlutscher, der sich im Windschatten der anderen ziehen lässt. Hier schließt sich der Kreis zu Fignon, der die Tour de France 1989 um acht Sekunden an einen (in seinen Augen) ebensolchen verlor:

LeMond war mit hauchdünnem Vorsprung auf mich ins Gelbe Trikot gefahren, aber man konnte von ihm keine offensive Fahrweise erwarten – das war nicht sein Stil. Er scheute jegliches Risiko. Gleich die erste Pyrenäenetappe von Pau nach Cauterets machte das deutlich. Sein Stammplatz war das Hinterrad der Gegner, wo er sich mit der Rolle des stillen Beobachters beschied.

Morgen dann wieder ein versöhnliches Buch.

Coffee to stay

Ich habe den Kindle in die Ecke gelegt. Seit Tagen kommen wieder stapelweise Bücher bei mir an, bevor ich ein eBook kaufe, zahle ich zehn Euro mehr für die gebundene Ausgabe oder – wenn es nicht anders geht – die zwei Euro für das Taschenbuch. Und so reise ich doch wieder mit einer dedizierten Tasche für Bücher, die ganzen Vorteile von Hintergrundbeleuchtung und Gewicht der Bibliothek hinter mir lassend, denn das ist nicht, worum es geht.

Kindle Nook Sony Reader I say Hardwick this sure is an impressive library a cartoon by Jeffery Koterba

Es geht um das Gefühl, es geht um die Haptik. Einen Plastikkasten in der Hand zu halten und auf einen Bildschirm zu starren bleibt etwas anderes als die Maserung und der Geruch des teilweise Jahrzehnte alten Papiers, die sich von Buch zu Buch unterscheiden. Wie ich Notizen auch noch immer handschriftlich mache, weil ich mir einbilde, einmal durch den Stift auf das Papier gesetzt habe ich sie länger präsent im Gedächtnis als in einem lokalen Wiki auf meinem Computer. Auch hier bin und bleibe ich analog.

Schloss Trautmansdorff

Ich habe aufgehört, Coffee to go zu trinken. Vielleicht, weil ich die Zeit im Café brauche, meine Notizen zu sortieren, weil ich einen Freiraum brauche zum Lesen, in den ich mich bewusst begeben muss, weil ich die Bücher digital nicht mehr dabei habe. Sicher, weil die Abfallerzeugung durch die Kaffeebecher dumm ist. Wie vieles zur Zeit.

b: Jeffrey Koterba

Der Phrasenprüfer

Als ich Ende des letzten Jahrtausends mein erstes Studium abbrach und mein zweites begann, als ich mich Anfang dieses Jahrtausends in der kleinen Stadt an der Lahn erstmals in einen Informatik-Hörsaal setzte und mit J. in eine WG zog, die immer noch nachwirkt, hat Wau Holland noch gelebt.

Bitte heute keinen giftigen Nebel,
Keinen Unfall im Atomkraftwerk,
Keinen Schwefelschnee im Erzgebirge,
Weil ich Geburtstag hab‘.

Ich bin zufällig über das Buch gestolpert, habe es bestellt und dann nicht mehr aus der Hand gelegt. Vielleicht, weil es mich an die eigene Zeit in Marburg erinnert, an die ein oder andere Situation, die im Buch beschrieben wird. Nicht, weil ich damals dabei gewesen wäre oder Ähnliches erlebte, aber weil ich Freunde habe, mit denen das möglich ist. 

Keinen Polenwitz in Frankfurt an der Oder,
Keinen Türkenwitz in Frankfurt am Main,
Keinen Schlagstock auf die Kinder Sowetos,
Weil ich Geburtstag hab‘.

Im Hintergrund lief eines Abends ein Lied von Gerhard Schöne, heute kam hier ein gut verpacktes Paket an aus der DDR, in dem vier Schallplatten steckten. Normale LPs für je zwölf Ostmark und zehn Pfennig das Stück, eine Doppel-LP für exakt den doppelten Preis. Die jüngste Platte wurde ein Jahr vor dem Fall der Mauer aufgenommen, alle vier sind bei Amiga erschienen.

Bitte heute keine Rüstungserfolge,
Kalten Kriegern heute keinen Trumpf.
Kein Manöverspiel im Kinderzimmer,
Weil ich Geburtstag hab‘.

Als ich Anfang dieses Jahrtausends mein Studium in Marburg abschloss, war Wau Holland nicht mehr am Leben. Und als mir Mitte der Zehnerjahre dieses Buch in die Hand und ein Foto von seinem Grab, erst da merkte ich, welche Rolle Marburg auch für ihn gespielt hat.

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Ich muss das jetzt noch einmal aufgreifen, weil es mich seit Tagen – ach was: Monaten! – wieder beschäftigt. In Italien hatte ich statt eines Stapels dicker Bücher meinen alten eBook-Reader dabei, keines der neueren Geräte, die WLAN oder sogar eine permanente Internetverbindung besitzen, und so bleibt das Aufspielen neuer Bücher auf das Gerät das Geheimnis der ganz und gar furchtbaren mitgelieferten Software, die bestenfalls leidlich funktioniert. Diese Software ist so beeindruckend schlecht, dass ich dieses Lesegerät stets nur einige Tage lang benutze, um es anschließend wieder ins Regal zwischen die echten Bücher zu stellen, wo es darauf wartet, in einen Urlaub mitgenommen oder aus sonstigen Gründen verwendet zu werden, die meistens mit Nostalgie und dem Satz »Ich habe doch irgendwo auch noch so einen« zu tun haben. Kurz: Ich besitze einen eBook-Reader, den ich nicht benutze.

Lüneburg, 1975

Seit Amazon den Kindle Paperwhite mit Beleuchtung auf den Markt gebracht hat, schaue ich unregelmäßig auf der Webseite vorbei, sitze seufzend davor und denke: »Ach«. Er wäre praktisch, erlaubt er doch den unmittelbaren Kauf neuer Bücher, egal wo ich mich befinde; die ohnehin überfüllten Regale würden nicht weiter aus den Nähten gehen, kein unnötiger Besuch des Buchladens wäre mehr nötig, weil sie das neue Buch noch immer nicht haben. Keine Bestellung und kein Abholen mehr, keine spießrutenlaufartige Fahrt mit dem Rad über den Marienplatz und keinen Applestore nebenan, in dem man ja nur mal eben… Schließlich: Keine vorwurfsvollen nächtlichen Ellbogenstöße mehr in meine Richtung die Frage in meine Seite prägend »muss das Licht wirklich immer noch leuchten«?

Juni 1931

Ich habe mir abgewöhnt, wöchentlich ins Antiquariat zu gehen. Zur Zeit schaue ich alle vierzehn Tage vorbei und trage auch nicht mehr die Mengen an Büchern hinaus, mit denen ich vor einem halben Jahr das Geschäft jeden Samstag verließ. Gebundene Bücher gibt es dort für drei Euro; für jede Datei, die ich auf das Lesegerät lade, bekäme ich also drei Bücher im Leineneinband mit originalem Schutzumschlag. Anschließend kann ich all jene Bücher verschenken, die ich unabsichtlich oder bewusst doppelt gekauft habe, ich kann mich an Widmungen auf den ersten Seiten freuen, die achtzig Jahre alt sind und von Freundschaften und Beziehungen zeugen. Ich kann meine Nase in Bücher stecken – sprichwörtlich – und mich am typischen Geruch alter Bücher erfreuen, denn wie Alte im Altenheim riechen, riechen Bücher in meiner Bibliothek: Eigen, nicht jeder erträgt es.

München, 1931

Ich würde gern – wenn ich einmal alt bin – die Widmungen in zu verschenkenden Büchern beginnen mit meinem geschwungenen F, das ich so sehr schätze. Die Widmungen möchte ich auf die erste Seite bringen, mit dem dann alten Füllfederhalter, beinahe so alt wie ich selbst. Sie müssen nicht lang sein, vielleicht bloß zwei Worte und sie sollen zeigen, was du für mich bist.

Irgendwann sind sie an Altersschwäche gestorben

Was soll man schon machen, wenn man wimmernd die Oberschenkel reibend im alten Ohrensessel sitzt, weil man gestern am Spitzingsattel übertrieben hat. Torten haben da eine wundervoll schmerzlindernde Funktion, man benötigt nur jemanden in der Nähe, der einem die Torten an den Krankenstuhl bringt und – weil man dahindämmert, mal draußen auf dem Balkon unter dem cremefarbenen Sonnenschirm, mal drinnen im Ohrensessel – der einen rechtzeitig weckt für das Konzert im Brunnenhof der Residenz. Wir wohnen zwar nicht sonderlich weit von der Residenz entfernt und ein Brunnenhof verspricht ebenerdig zu sein, doch ist unsere Wohnung nun einmal nicht ebenerdig. Und mit ein paar tausend Höhenmetern in den Oberschenkeln gerät jedes Stockwerk in einem Treppenhaus zu einem veritablen Hindernis.

Torte

Ich hatte gepackt wie immer und trug einen Tablet-Computer, eines dieser neuartigen Lesegeräte und ein, zwei Bücher auf den Berg und wieder hinunter. Während ich in der Wand stand, mich zwischen Kühen hindurchdrückte und oben mit den Wolken Wer-zuerst-lacht-verliert spielte, überlegte ich, ob und weshalb meine Bücher den gleichen Weg wie meine CDs gehen sollten: In den Keller.

Gipfelbeleuchtung

Kathrin Passig hat eine Linksammlung ins Internet gestellt, in der pro dem digitalen Buch argumentiert wird. Die Contra-Argumente liefert Amazon heutzutage selbst, indem es einzelne Bücher oder gleich ganze Konten jener Kunden löscht, die übermäßig oft von ihrem Rückgaberecht Gebrauch mach(t)en; mit dem Amazon-Konto verliert ein solcher Kunde den Zugriff auf bei Amazon gespeicherte Buchdaten – der Kindle kann auf existierende gekaufte (und ausschließlich bei Amazon gespeicherte) Bücher nicht mehr zugreifen.

Denken

Abgesehen davon, dass ich sowieso der Meinung bin, man sollte Lebensmittel auf dem Bauernmarkt kaufen und Bücher in Läden, in denen Menschen arbeiten, die Bücher lieben, diese Sammeln und liebevoll über Buchrücken streichen, spricht die Einfachheit des Buchkaufs für Amazons Vertriebsstruktur: Rund um die Uhr kann man Bücher kaufen, die wenige Sekunden später bereits auf dem Lesegerät sind. Nebenbei lässt sich bei Literatur, die der fragwürdigen Buchpreisbindung nicht unterliegt, tatsächlich ein beträchtlicher Betrag sparen. Und gestern – wenn man ehrlich ist – hätte ich etwa 300 Gramm weniger getragen.

Abtrieb

In der Landschaft oben am Berg versteht man gut, dass man besser kein Gerät kauft, mit dem man Bücher lediglich lizensiert, diese weder verleihen noch verschenken kann, dessen Batterie in wenigen Jahren verbraucht ist und das man dann nicht mehr weiter benutzen kann. Das ist ein bisschen wie mit diesen neuartigen Fahrrädern mit Stützrädern Hilfsmotor: Als wir uns letztens auf dem Spitzingsattel die verschwitzten Hände reichten, kam eine Gruppe Mittvierziger auf Pedelecs an. Jeder von ihnen trug eine Helmkamera, wahrscheinlich um die Ausfahrt auf Youtube zu dokumentieren.

Abstieg

Doch was erwartet man auch von Menschen in Zeiten, in denen man die Webseite einer Autovermietung findet, wenn man nach »Buchbinder« sucht.

Briefe die ihn nicht erreichten

Kannst du dir vorstellen,
allein in ein Café zu gehen
wenn du nichts dabei hast außer zehn Euro in bar?

Ich habe gezögert (einigermaßen lange gezögert) gestern das Haus zu verlassen. Bevor ich in Richtung des Antiquariats ging, habe ich die Notwendigkeiten erledigt, die Hemden in die Reinigung gebracht, Flaschen zurück und dergleichen Dinge. Ich war nun einige Wochen nicht im Antiquariat und nicht dass ich Angst hätte, dorthin zu gehen, weil man mich kennt und mich mit längst bekannten Fragen adressiert, so habe ich den Besuch gestern durchaus hinausgezögert. Auch nicht wegen einer Unsicherheit – ich habe in diesem Geschäft meine Routine: zuerst zu den wirklich alten Büchern in der Regalwand am Ende des Raumes, dann zu den Klassikern und schließlich ein schneller Blick auf die Regalreihen Bücher (gebunden). Doch vielleicht aus Respekt und Scham, in den Büchern Widmungen zu finden, die eine Lebenswelt aufspannen, von der ich Teil werde durch den Kauf jenes Buchs.

Reading

Ich habe vor Jahren ein Buch verschenkt und scheute mich eine Widmung anzubringen, obwohl ich durchaus etwas zu schreiben gehabt hätte. Das wusste auch der Beschenkte, der mich ansprach und dem ich mein Dilemma damit erklärte, gern etwas geschrieben zu haben und dabei doch das Buch unverkennbar an ihn zu binden, es unfrei zu machen, ihn unfrei zu machen es weiterzugeben. Heute suche ich gezielt diese Sätze auf den ersten Seiten, und ein Buchhändler erzählte, wie schwierig es sei, alte Bücher mit Widmung zu verkaufen. Ich gestand, das ein oder andere Buch, das mich wirklich nicht interessierte doch gekauft zu haben gerade wegen solch einer Widmung.

Widerlebe

Man kann die Verzweiflung spüren einer Liebenden, die ein Buch verschenkte an wen, der sie nicht zurückliebte, der das Buch losgeworden ist, peinlich berührt, schnell, ohne es gelesen zu haben. All das kann man erkennen am perfekt erhaltenen Einband, am Leseband, das liegt wie es in neue Bücher eingebracht wird. Dies ist die Tragik der Widmung, das ist mein Fernsehprogramm, ich leide in solchen Moment mit den Autoren der Worte, die jene Bücher eröffnen. Schlägt man es auf und entdeckt die Karte eines Hotels in Paris, die den Zugedachten niemals erreichte, dann bekomme ich eine Ahnung, warum ich mich winde, in Geschäfte mit alten Büchern zu gehen.

Grand Hotel

#1

Ihn kenne ich kaum, da ich normalerweise das Antiquariat zu anderen Zeiten besuche. Eine geschickte Terminplanung macht es mir möglich, gerade jetzt in diesem Laden zu stehen. Ich habe sorgsam einige Bücher zusammengetragen, die sich jetzt auf dem Tresen stapeln, neben der alten Kasse, hinter der er jetzt steht und mich flüchtig begrüßt. Er murmelt im Timbre eines Bibliothekars und wie immer in solchen Situation lächle ich unsicher zurück und deute mit einer Hand auf die vielleicht zehn Bücher vor mir.

Bücherstapel

Er fängt an zu erzählen, erst langsam und zäh wie ein Schiffsdiesel und kommt dann (wie ein solcher) in Fahrt, erzählt zu jedem der Bücher eine Geschichte, mindestens jedoch einen kurzen Satz. Buch für Buch gehen wir durch, er, der Bibliothekar und ich der Student an der ewigen Ausleihe, jedes nimmt er in die Hand, kontrolliert den Einband und dem Schutzumschlag, klopft ihn in die richtige Position bevor er mir das Buch ergeben hinschiebt und nickt.

Geschichten in alter Manier

Ihm entgehen nicht die Widmungen, die ich in den Büchern ebenso fand, und nicht die Unterschriften  der Autoren auf den Titelseiten zweier Bücher (eines habe ich alleine deswegen gekauft). Er lächelt ebenfalls, ein Hauch von Abschied liegt auf seinen Lippen, als ich bezahle, als ich mich bedanke und geh‘. Mir fällt das Herz auf, das einer der Signaturen innewohnt, allerdings erst später am Abend, als ich bei einem Ingwertee durch die Bücher blättere, ein Ritual kurz vor dem Einsortieren der Bände.

Textfluss

Lüneburg, 30. XI. 1975

Gestern hatte ich Besuch von einem Freund aus Istanbul. Es ist so, dass ich im Vorfeld keine Pläne erdenke, was ich mit Besuch unternehme. Vielmehr frage ich die Interessen des Besuchs ab und nehme mir vor, spontan zu entscheiden, was unternommen wird. Was ich durchaus nicht bedenke (und bis zum nächsten Gast stets wieder vergesse) ist, dass es an Alternativen nicht mangelt, doch wohl an spontanen Ideen; gemeinhin bin ich also überfordert. Gestern nun saßen wir den ganzen Tag bei Tee vor der Bücherwand und gingen sie durch, zwischendurch andere Themengebiete streifend.

Ich hatte vor vielen Jahren einen Kalender. Zu diesem gab es (und gibt es noch immer) lederne Ringbücher, verschiedene Einlageblätter und zahlreiches anderes Zubehör. Ich kannte das System von früher: meine Mutter besaß und benutzte es sehr lange, hatte es im Sommer zuvor jedoch aussortiert und so hatte ich eine adäquate Menge an Dingen, die ich lediglich um ein aktuelles Kalendarium ergänzen musste. Ich glaube, ich habe den Kalender zwei Wochen benutzt.

Lüneburg, 1975

Noch vor dieser Zeit habe ich angefangen, meine Gedanken in Notizbüchern zu sammeln. Einige Texte (vornehmlich früher) entstanden in ihnen und mit ihnen verbunden sind Szenen und Erinnerungen an verschiedenen Orten. Ich erinnere mich gerade jetzt an einen regnerischen Tag in einem kleinen Ort, dessen Name längt verblasst ist. Dort saß Ich am Markttag in einem Café, mit mir zwei Einheimische, die mich argwöhnisch musterten beim Schreiben dieses Texts. Ich sehe die Einrichtung noch vor mir, sogar die Gedanken beim Durchblättern der Speisekarte, und beides versprühte den Charme und die Gewissheit, als rechne man dort nicht mit Gästen.

Der Freund erzählt, er könne keine zwei Dinge gleichzeitig und wie er damit umgeht täglich in seinem Büro. Er sagt Dinge, die ich mehrmals gelesen habe und die mich dennoch treffen wie Schüler, deren Streich aufgeflogen ist. Ich sitze dort mit roten Ohren und nehme mir vor, einiges auch einmal zu probieren. Ich entschuldige mich in diesem Moment und in Gedanken vorab bei all denen, auf deren Nachrichten ich vielleicht nur noch zweimal am Tag antworten werde. Einen Tag später, heute, krame ich das alte Telefon wieder hervor, das nichts kann als telefonieren.

Wenn ich einmal reich und tot bin

Dem Freund habe ich (genau genommen) eine meiner besten Investitionen der letzten Dekade zu verdanken: meinen Füllfederhalter. Mit allem anderen hat jener Freund kaum etwas zu tun.

Man kann nicht rausgehen, wenn der eig’ne Film im Augenkino läuft

Morgen gehst du für lange Zeit fort
für ein Jahr und Du gibst mir Dein Wort
dass Du mich nicht für immer verlässt
leg Dich lieber nicht fest

Es ist seit dreißig Minuten dunkel, draußen liegt seit dreißig Stunden nasser Schnee. Und der Wind… Das Fahrrad stand über Nacht in der Garage, heute nehme ich es endlich wieder zu mir und verbringe mit ihm in dreißig Minuten eine Stunde im Wald. Und der Wind…

Bücher auf der Galerie

Eine Kollegin ist heute zum letzten Mal hier für circa ein Jahr. Wir haben versprochen, uns zwischendurch zu besuchen. Sie hinterlässt eine Lücke im Büro ein paar Türen weiter und stopft uns zum Trost noch den Magen.

Es regnet seit Tagen, morgen ist schon Dezember.
Manche sagen endlich, ich sage na gut

»Kennst Du das Lied von jenem Weisen, der am Wasser saß, nach Jahr und Tag die Namen seiner Feinde fast vergaß und sie am Ende tot im Strom vorüber treiben sah? Nein, wir beide sind nicht weise, unsere Feinde (sprich jetzt leise!) leben und sie sind ganz nah.«

auf der Galerie Bücher

Denn ich weiß, dass der Tag kommen muss
wo ein flüchtiger Brief oder Gruß
mir verrät, wie fremd du mir schon bist
und du mich bald vergisst

Ich möchte aufwachen vom Geräusch unserer Tür wenn sie ins Schloss fällt morgen früh, wenn Du kommst. Ich verbringe heute, wie ich die Tage verbringe, an denen Du tanzt: Ich sitze für mich, arbeite mit meinen Händen etwas zu schaffen – zum Ausgleich – das man sieht.

Es ist keine schlechte Idee, Werkzeuge zu sammeln, die einen in den eigenen Fähigkeiten unterstützen. Es ist keine schlechte Idee, vorzusorgen. Eliteuniversitätsabsolventen nennen das Netzwerken, ich nenne das Freundschaft.

Man wundert sich, nicht radikaler zu sein. G., ich weiß, Du nennst das alterssenil.

t: Peryton, Hannes Wader 

Zwischen zwei Revolutionen

Wenn ich mich zurück erinnere, sehe ich zwei Küchen, in denen ich jahrelang saß: Da ist zum einen die Küche im Haus meiner Eltern, seinerzeit modern eingerichtet mit Schränken in einem Grünton, der aus der Zeit stammte vor meiner Geburt. Es gab ein mehrbändiges Kompendium mit Rezepten, dessen Buchrückenbeschriftung ich noch immer aufsagen kann. (Sprich mich darauf an, wenn wir uns das nächste Mal sehen.) Zum anderen sehe ich die Küche meiner Großeltern, in der ich ein regelmäßiger Gast gewesen bin zu Zeiten der Mittel- und Oberstufe im Gymnasium unserer Stadt. Beide hatten miteinander gemein, dass sie zum Wohnraum hin geöffnet waren, lange bevor Einrichtungszeitschriften diesen Trend in die breite Masse trugen, in Städte wie Frankfurt oder Berlin, in denen man umgehend das Alte herausriss und ersetzte durch in Küchenstudios entworfene Orte mit Klarlackschranktürdesign. Zu dieser Zeit nahm ich die Speisen in höchster Eile zu mir, nicht um diesen Orten zu entfliehen – das jedenfalls war nie der Grund. Ich kann mich jedoch an an keinen Moment erinnern, in dem ich bewusst in der Küche saß, jemanden zu treffen, weil andere dort gewesen sind.

Zwischen zwei Revolutionen

Zwei andere Küchen wurden in den Jahren danach viel wichtiger als jene, in denen ich als Jugendlicher aß. Erst viele Jahre später in Marburg wurde mir jene im Grimm-Haus lieb, genau genommen ein kleiner Raum, in dem wir speisten und tranken, weil die Küche sehr klein gewesen ist. Trotzdem habe ich mehrere Abende im Kopf, an denen wir sogar vor der Küchentür saßen im Flur, weil man sich dort naturgemäß traf. Andere standen vor dem kleinen Herd und kochten mit Resten, die einem eine Bäuerin für wenig Geld auf dem Markt überließ. Und ich erinnere das alte Haus am Ufer des Chiemsees, das in wenigen Räumen einen Ofen besaß. Man weilte im Winter stattdessen am Herd, der eine angenehme Wärme verstrahlte.

Daran also musste ich denken, als ich diese dreiviertelstündige Dokumentation eben sah, über einen Menschen, den ich sehr beeindruckend finde. Das Internet jedoch würde ich nicht aufgeben wollen, die Empfehlung kam schließlich hierüber von Lu

So etwas tut man nicht!

Manchmal Abends, nach Tagen wie diesen, liege ich im Bett und denke an G. Ich denke daran, wie und warum ich ihn schätze, durch was für einen Zufall wir uns trafen (oder besser: er mich). Ich denke an alles was kam in den Jahren danach, schließlich warum ich hier sitze, wie ich bin und mit wem. Dann merke ich, dass ich die Stimme, die sagt »das kannst Du nicht machen!« von Monat zu Monate leiser vernehm‘.

Aufklärung

Ich weiß genau, wovon ich träume, wenn ich mich sehe in wenigen Jahren. Doch gibt es einen Teil meines Lebens, der ist mir noch nicht völlig klar; den sehe ich nicht. In Gedanken versunken, an Abenden wie jenen eben erwähnten, blitzt er manchmal hervor. Dieser Teil meines Lebens ist noch unterwegs. (Im anderen als dem üblichen Sinn.)