Archiv der Kategorie: Lifestyle

Breitcordcouchfahrer

Wahrscheinlich sollten die schneebedeckten Landschaften an uns vorbeifliegen, aber hier tröpfeln wir durch die weite Landschaft, sehen zugefrorene Autos am Bahnübergang warten und erahnen das Mädchen, das hinter dem Lenkrad ihre Hände reibt, um sie zu wärmen. Wir sind unterwegs nach Norden, nach Hamburg. Ich reise der Inspiration hinterher; wenn ich eine Hoffnung habe, sie zu finden, dann ist es in den nächsten vier Tagen dort oben auf dem Kongress.
Ich warte seit einer Stunde auf jemanden, der mir Bahnkaffee bringt.

An der Regattaanlage

Mit zwei weinenden Augen bin ich gefahren, so zerrissen war ich in den vergangen Jahren noch nie. Erstens wegen der anderen zu Hause, zweitens weil ich die 500-Kilometer-Challenge von Rapha nicht mitfahren kann: 500 Kilometer in den sechs Tagen zwischen dem Heiligen Abend und Silvester, 500 Kilometer draußen auf dem Rennrad im Schnee.
Sie nannte mich Breitcordcouchfahrer, weil ich zwar ein Rennrad kaufte mit dem Ziel, das auch bei Regen zu fahren, dann fiel mir jedoch auf, wie schön ich das Rad finde und dass man ihm den Regen und den Schlamm nicht unbedingt zumuten muss. Ein anderer nannte mich auf einer früheren Fahrt Papagei, weil die gelben Überschuhe mich aussehen ließen wie ein Hähnchen.

De Rosa AL+

Ich war vorgestern unterwegs. Es war kalt und ich habe mir die Überschuhe gespart.
Nie haben meine Füße dermaßen lange gebraucht, um aufzutauen und um aufzuhören zu schmerzen. 

Der Bucklige ist niemals satt

Dieses kleine Café in der ehemaligen Buchhandlung, die den Kampf gegen den Onlinehandel verloren hat, geizt nicht an Industriecharme: Keine Verkleidung versteckt die Rohre unter der Decke, eine komplette Reclam-Sammlung dient als Raumteiler und trennt eine Ecke mit Bücherregalen von vier wenig filigran gearbeiteten Holztischen, an denen Studenten vor Laptops und Papierstapeln sitzen. Ich lehne mit dem Rücken an einer der großen bodentiefen Scheiben, die den Raum zu zwei Seiten begrenzen und den Blick freigeben auf die vorbeilaufende Straße; ich habe die Füße auf einem Heizkörper und Patti Smith singt einen Song von Nirvana.

Prophecy

Ich habe ein Gefühl wie vor fast einem Jahr in der Lounge auf dem Chaos-Kongress. Nicht so laut vielleicht und etwas heller. Aber ich sitze hier und ich warte auf H. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich glücklicher bin, wenn ich schreibe. Vielleicht also schreibe ich doch – was ich stets bestritt – aus therapeutischen Gründen.

Diejenigen welchen

Wir treffen uns gleich auf dem mittelalterlichen Weihnachtsmarkt ein paar hundert Meter entfernt. Wir, das sind diejenigen aus unserer Arbeitsgruppe, die noch nicht genervt voneinander sind und denen es nichts ausmacht, sich noch einmal abends zu sehen.

Der Weihnachtsmarkt hat bis zwanzig Uhr geöffnet und wir haben Besuch.

Weißer Rauch

Wir, das sind diejenigen, die in Laufweite des Weihnachtsmarkts wohnen, die abends Besuch von Freunden haben jenseits der Grenzen. Die leiden und die sich nichts anmerken lassen.

Neues Jahr, neues Glück.

Coffee to stay

Ich habe den Kindle in die Ecke gelegt. Seit Tagen kommen wieder stapelweise Bücher bei mir an, bevor ich ein eBook kaufe, zahle ich zehn Euro mehr für die gebundene Ausgabe oder – wenn es nicht anders geht – die zwei Euro für das Taschenbuch. Und so reise ich doch wieder mit einer dedizierten Tasche für Bücher, die ganzen Vorteile von Hintergrundbeleuchtung und Gewicht der Bibliothek hinter mir lassend, denn das ist nicht, worum es geht.

Kindle Nook Sony Reader I say Hardwick this sure is an impressive library a cartoon by Jeffery Koterba

Es geht um das Gefühl, es geht um die Haptik. Einen Plastikkasten in der Hand zu halten und auf einen Bildschirm zu starren bleibt etwas anderes als die Maserung und der Geruch des teilweise Jahrzehnte alten Papiers, die sich von Buch zu Buch unterscheiden. Wie ich Notizen auch noch immer handschriftlich mache, weil ich mir einbilde, einmal durch den Stift auf das Papier gesetzt habe ich sie länger präsent im Gedächtnis als in einem lokalen Wiki auf meinem Computer. Auch hier bin und bleibe ich analog.

Schloss Trautmansdorff

Ich habe aufgehört, Coffee to go zu trinken. Vielleicht, weil ich die Zeit im Café brauche, meine Notizen zu sortieren, weil ich einen Freiraum brauche zum Lesen, in den ich mich bewusst begeben muss, weil ich die Bücher digital nicht mehr dabei habe. Sicher, weil die Abfallerzeugung durch die Kaffeebecher dumm ist. Wie vieles zur Zeit.

b: Jeffrey Koterba

Der traurige Monat

Ich hatte heute Nacht einen Traum, in dem wir alle auf einer Bühne standen, meine Arbeitskollegen und ich. Ich weiß nicht, welches Stück wir gaben und ich erinnere nicht, wer Hauptdarsteller war. Ich weiß allein ich war es nicht. Und ich erinnere mich, auf meinen Auftritt zu warten der sich dann verlor zwischen der Kantine und den Fluren des Hauses.

Ich dachte mir nichts dabei, als er von der Diagnose seiner Mutter erzählte. Ich dachte nichts dabei, als meine Mutter von meiner Großmutter sprach und ich dachte nichts, als ich sah, wie der Hund kollabierte hier auf der Wiese vorm Haus. Letztens, als die Sonne noch schien.

Vielleicht sollte ich aufmerksamer sein und auf die Regieanweisungen hören. Oder auf den Souffleur, wenn er empfiehlt, das Theaterstück endlich zu wechseln.

Das war ein schlimmer September.

Herr Sonnenmann

Hier am Küchentisch beim Frühstück
starb sie Donnerstag halb zehn,
kurz zuvor noch hat sie müde
wilden Schwänen nachgeseh’n

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich hier richtig bin. Vielmehr bin ich mir sicher, hier nicht mehr richtig zu sein. Das ist ein plötzliches Erkennen, aber keine plötzliche Entwicklung, sondern steht am Ende langer Jahre, die ich weiter Norden in der Stadt gelebt habe, in der Wau Holland begraben liegt, die Marx-Lesekreise unterhält und in der wir gegen die Konservativen und Burschenschaften kämpften, durch verschiedenen Wohnformen, Lebensweisen und in unserer WG. Nach dreieinhalb Jahren in München begreife ich dies Sonntag morgens bei der Lektüre eines Buchs, das mich zurückversetzt in diese Zeit, an Abende in unserem Esszimmer oder am Waldrand, aus dem nachts Freunde auf unser Haus zurannten und an meiner Tür Sturm klopften. 

Hier wohnte Heinrich Heine

Das Studium und die Arbeit hat uns damals noch die Zeit gelassen, die wir brauchten, um Dinge zu erleben, an die ich mich Jahre später erinnere, die hängen blieben und die mit Personen verbunden sind, die ich heute viel zu selten sehe, mit denen ich viel zu selten spreche.

Doch am schönsten war es immer
kam die Enkelin zu ihr,
oh wie war die Luft vor Lachen!
oh wie duftete es hier!
Jeder Quirl wurde lebendig
unter ihrer Kinderhand,
meinen wilden Kachelofen
hat sie Sonnenmann genannt 

Wir halten uns dort oben im Industriegebiet für eine Elite, ohne dass uns das klar ist. Wir sprechen darüber nicht offen, uns stellen sich die Nackenhaare auf, wenn man uns so bezeichnet, weil wir es selbst nicht glauben oder vielmehr: glauben, das nicht zu wollen. Allein wir sind es. R.s erste Worte, als er mir irgendwann ein Werkzeug vorbei brachte, war ein verzweifelter Fluch, den ich damals lachend abtat. Natürlich hatte er recht.

Wir sind Teil dessen geworden, das wir noch zu kritisieren glauben. Wir sind die zahnlosen Tiger, aber wir sind doch die Guten! Nein, das sind wir lange nicht, wir können kaum noch unterscheiden, wer der Gute und wer der Schlechte ist. Ich weiß die Geschichte von einem, der, als er herausfand, dass das Gummi aus der Fabrik seines Arbeitgebers für Schlagstöcke verwendet wird, aufstand, die Fabrik verließ und nie wieder zurückgekehrt ist. Doch uns geht es nur um uns allein: um unsere Verbindlichkeiten, die Dreizimmerwohnung im Herzen der Stadt und den nächsten Urlaub am Meer.

Trotzdem, trotzdem nicht!

Wir sind glattgespülte Kiesel, wir bewegen uns miteinander in die gleiche Richtung. Vielleicht ist das diese Ahnung, die mich seit Monaten zweifeln lässt. Es überrascht mich niemand hier unten – abgesehen von einem – und das Schlimmste ist, ich überrasche mich auch nicht selbst.

Doch Herr Sonnenmann, mein Fenster,
all das Lachen in mir drin
werden bleiben in den Träumen
ihrer kleinen Enkelin 

t: Gerhard Schöne – Die Küche

Es ist – gelinde gesagt – gerade monströs

Ich weiß gerade nicht genau, wo die Zeit bleibt. Vielleicht versickert sie zwischen Studien, die mir uninteressant erscheinen, vielleicht bleibt sie zwischen all den Ideen auf der Strecke, die mir angehenswert vorkommen und nach zwei Tagen ihren Drive verlieren. So habe ich eine Shortlist von Dingen, die darauf warten, abgearbeitet zu werden: Bloggen steht irgendwo an deren Ende und es gibt ja nicht allein dieses Blog zu bespielen.

Ein Mann im Schatten unsrer Museen

Vielleicht sollte ich einmal aufräumen wie dieser dort drüben im Schatten der Museen. Vielleicht sollte ich meine Dinge regeln und vergraben was mich bremst. Vielleicht habe ich in einigen Monaten wieder mehr Zeit – es gibt Leute, die warnen mich nicht zu verschätzen – aber dann muss ich Weichen stellen (das muss ich schon vorher), sortieren, den Dreck von der Gabel kratzen und fahren.

Finemine

Ich bin noch nie einen Marathon gelaufen. Die letzen Versuche, mich für das Laufen zu begeistern, waren mit A., die mich nach dem Training während des Dehnens gleichzeitig faszinierte und demotivierte. Seitdem habe ich eine Ahnung, zu was Körper anderer Menschen fähig sind, nicht aber, ob ich je in der Lage sein werde, einen Marathon in einer passablen Zeit zu absolvieren.

Erdfunkstelle Raisting

Ich habe einmal in meinem Leben einen Wettkampf im Schwimmen bestritten. Nicht, weil ich wahnsinnig talentiert wäre – ich wurde mit großem Abstand Letzter – sondern weil sich das irgendwie ergeben hat. Ich weiß selbst nicht mehr, wie ich in diesen Schimmunterricht und auf die Anmeldeliste des Wettkampfs gelangte, ich weiß lediglich, dass mir meine Eltern noch heute von meiner Begeisterung im Babyschwimmen erzählten. Seen und das Meer üben eine Faszination auf mich aus, stehe ich am Rand. Wenn ich schwimmen soll, bin ich ein Fan gefliester Gewässer und noch immer der langsamste Schwimmer im Becken.

Raistinger Becken

In der Sesamstraße gibt es eine Schnecke, die den Namen Finchen trägt. Ich weiß nicht, ob das damit zu tun hat, dass ich Tom Liwa für sein Lied Finemine danke und mich im Text verlieren kann. Aber wie es sich für den langsamsten Schwimmer der Welt und wie es sich für eine Schnecke gehört, ist dieser Artikel einen Tag zu spät.

Macht ihr den Scheißdreck weil ihr blöd seid?

Heute morgen fand der Kocherlball statt. Nachdem die Tradition der Hausangestellten 1904 aus Mangel an Sittlichkeit verboten wurde, findet sie seit 1989 einmal jährlich wieder statt. Wie der Münchner nun einmal so ist, wirft er sich für einmal jährlich stattfindende Veranstaltungen gern in Lederhosen oder Dirndl, die er für traditionell hält, und rottet sich mich Gleichgesinnten zusammen. Natürlich spielt Bier eine Rolle.

Balkon Links Eintritt frei für das Spektakel der Armen

Heute traf man sich um sechs Uhr im Englischen Garten zum Tanzen, gegen Ende der Veranstaltung sah man die Traditionsbewussten dann verstreut in der Stadt, mir vors Fahrrad laufend in ihren billigen Plastikkleidern auf meinem Weg in die französische Bäckerei.
Der Münchener Chic spielt einmal jährlich die Armen.

Leck mich fett,
das muss echt geil gewesen sein!

Heute nachmittag fallen sie dann mit ihren verschwitzen Körpern in den Englischen Garten oder, wenn sie den Kocherlball rechtzeitig verließen, hinterlassen sie ihre Spuren weiter südlich im See

Ein Zaun gegen die Münchener

Gestern teilte ein älterer Münchener die Menschenmenge an der Bushaltestelle vor unserem Haus mit seinem Auto, stellte den Motor ab, parkte, schnaufte sich adipös in die Eisdiele und kam mit drei fetten Kugeln zurück, bevor er zufrieden rückwärts setzte und mit seinem Auto entkam. Jeden Tag sehen wir die Massen der Rücksichtslosen, die alles tun für zwei Kugeln aus dieser Eisdiele, die als Statussymbol gilt, auf dem Radweg parken, vor der Einfahrt in unseren Hof oder gleich in der Bushaltestelle zwischen den Menschen vor unserem Haus.

Das sind bedauerliche Einzelfälle, rücksichtslos und selbstbezogen – asozial im Sinne des Wortes. Natürlich darf man aus ihnen nicht auf die Allgemeinheit schließen in dieser Stadt.
Natürlich nicht.

– t: Eure Mütter

Literature and Latte

Heute morgen schrieb mir eine auf Facebook, dass meine Fotos ihren Lebensstil ganz gut beschreiben. »Glückwunsch«, habe ich mir gedacht, »denn dann lebst Du recht vernünftig.«

Viola Tricolor

Im Übrigen stehe ich der Welt stets wieder mit einem gewissen Unverständnis gegenüber. Ein vatergewordener Kollege erzählte, seine erkennten ihn wieder, wenn er von mehrtägigen Dienstreisen zurückkehrt. Das freue ihn sehr, sei ein tolles Gefühl. Ich freue mich für ihn, obwohl es mich nicht interessiert und frage mich, warum er überhaupt auf mehrtägige Dienstreisen fährt. »Lass‘ die Krabben zu Hause, der Job ruft, ich muss meine Prioritäten setzen und allein der Erkennensfreude wegen arbeite ich jetzt zehn Stunden am Tag ohne dass meine Kinder mich sehen!«
Natürlich, der Job und oh! die Karriere.

Arbeit! Arbeit! Arbeit!

Das sind die Väter, die Emanzipation fordern, das ist der moderne Mann. Heute gilt als modern, der die zwei Monate Elternzeit nimmt und sich ansonsten verhält wie der eigene Großvater. Natürlich! Irgendwer muss schließlich das Geld verdienen und die Familie ernähren. Zur Sicherheit (und wegen der Rente!) in einem Achtstundentag-Angestelltenverhältnis und klar, die Frau kümmert sich – das ist doch natürlich! – um die Nachgeburt. Ja, Opa!
Es hat sich natürlich nichts verändert. Außer: Der moderne Vater lädt sein Heimchen zu sich ins Büro, geht stolz durch die Flure (er schiebt dann den Wagen oder trägt sein Kind stolz auf dem Arm), die Frau still nebenher wie ein Fremdkörper, der sie ist im Habitat des Vaters, der sich gerade vor anderen beweist: »Alle mal herkucken, Leute: Ich hab’ mich fortgepflanzt!«

Alter Mann

Liebe Eltern. Wie kommt ihr eigentlich darauf, dass euer Kind mich interessiert? Es interessiert mich nicht, auch dann nicht, wenn ihr es vor meine Füße legt. Mich interessiert sein Stuhlgang nicht, ob es krabbeln kann oder rülpst. Mich interessiert nicht, welche Eltern im Kindergarten eurer Kinder blöd sind und dass es gestern im Schwimmbad schön war oder schlimm. Ich will nicht über dein Kind reden; ich will nicht mit Dir reden, wenn Du kein anderes Thema mehr kennst. 

Bialetti Moka Express

Während ihr in den Eltern-Kind-Cafés sitzt laboriere ich an einem alten Problem. Es gibt dieses eine Programm, das ich nicht wirklich brauche. Und doch zuckt mein Finger stets über dem Bestellknopf, allein weil die Firma einen solch schönen Namen trägt, den sich dieser Beitrag hier als Titel geliehen hat. Und da sage einer, Details sind nicht wichtig. Ich trinke derweil einen italienischen Espresso, über dessen Farbe ihr beim Stuhl eures Kindes frohlockt.