Archiv der Kategorie: Freundschaft

Ihr kommt ja doch wieder zurück

Als ich gerade in der Küche stand und mir ein Schokoladenbrot machte – und ich finde, ich esse viel zu selten Schokoladenbrot um Mitternacht – dachte ich an einen offenen Entwurf, den ich dieses Jahr noch veröffentlichen wollte zusammen mit den besten Wünschen für den Jahreswechsel. Beim Schmieren des zweiten Brots habe ich dann überlegt, ob ich etwas über Vorsätze schreiben sollte oder einen Ausblick geben, wie es hier weitergehen könnte. Ich schreibe normalerweise  selten über Technik, aber gerade hätte ich was auf dem Herzen… Dann habe ich mir gedacht, dass ich sowieso recht selten gebloggt habe im im letzten Jahr; sollte ich dazu was sagen?

8bit ftw

Auf Facebook hat ein Freund eines Freundes angekündigt, nichts mehr zu schreiben, weil seine Frau meinte, er sei Facebook-süchtig. Er finde das auch und ziehe nun selber den Stecker. Ich kenne noch andere, die eine On-Off-Beziehung mit dem Sozialen Medien führen und auch ich selbst habe mich irgendwann von allen Netzwerken verabschiedet, um ein paar Monate später reumütig zu Kreuze zu kriechen und mich dort wieder zu registrieren. Denn wenn Du einmal das Licht gesehen, wenn Du einmal verstanden hast, was Soziale Netzwerke ermöglichen, kommst Du immer zurück.

Ich bin vielleicht altersmilde, auf jeden Fall deutlich entspannter seit damals. Ich selber funktioniere in Wellen, ich kenne die plötzliche auftretenden Bedürfnisse sehr gut, weiß aber auch, wie schnell sie sich wieder legen. Nur manchmal noch gewinne ich bei eBay schneller Auktionen als mein Bedürfnis zum Verschwinden benötigt. Nach all den Jahren kenne ich die Tendenz, die gut für mich ist, gerade auch, was Computer betrifft, das Netz und andere Menschen darin. Wenn ich überlege, was für Freunde mir fehlten, hätte es damals AOL nicht gegeben, hätte #tocotronic im IRCnet nie existiert, hätte mich die Sache mit den Blogs nicht erwischt; einige der wichtigsten Personen in meinem Leben wären nicht hier. Stattdessen säße ich wohl in einem Eigenheim im Neubaugebiet in der Nachbarschaft meiner Eltern. Irgendwie sowas.

Lukas und Jim

Das Ding da draußen, dieses Internet, das ist die Zukunft!
Kommt gut nach 2016.

g*

Ein Lebenszeichen, weißt Du, das wäre schön.

Seifenblasen

Ich denke oft zurück und ich vermisse die Stadt bestimmt auch wegen Dir.
Ich weiß wohl: Alles ist näher als hier. 

Flora Mate

»G« möchte ich sagen und Dich umarmen.
Letztes Jahr in Hamburg war’s schön.

Der Schatten des Kindes

Ein Lebenszeichen, weißt Du, das wäre schön.
Zu viel verlangt, sagst Du? Mag sein.
Aber morgen oder so rufe ich an.

Wie wir Kameraden wurden

Liebe Kathi,

weißt Du noch… wie wir uns verbündet haben gegen alle mit Gebälg? Wir hatten diesen Billard-Tisch etwa zehn Minuten für uns selbst, bevor die Meute einfiel und wir – die Höflichkeit gebot ist – mit den Kindern spielten. Wir hatten diesen See vorm Haus, um den wir zwei, drei Runden gingen; erinnerst Du Dich noch an M., der nie mit uns gehen wollte und bestmöglich Abstand hielt: der beschleunigte, gingen wir schneller und stehen blieb, warteten wir irgendwo?

Affe

Gestern kam dann ein Paket mit zwei Karten, einem Affen und einem *das verschweige ich*. Da fiel mir dieser Text hier ein und dass ich unglaubwürdig wurde für die nächste Allianz gegen die Meute, gegen Krach. Allein, es hat sich nichts geändert: dieser Krach ist fürchterlich… und diese Meute! Ich bin empfindlich wie zuvor, jedoch: Du solltest ihre Augen sehen!

So warten wir auf nächstes Jahr und freuen uns auf Dich;
Ihr sollt Kameraden werden! (Und folgt ihr meinem Vorschlag nicht…!)
Ich warte und ich hoffe drüben – fernab – an unser’m Billardtisch.

Frohe Weihnachten!

#transalp13

Es muss einem wie ein Sieg vorkommen. Und obwohl ich noch diesseits des Berges stehe, fühlt sich allein hier zu stehen bereits wie ein Sieg an; das letzte Mal hatten wir zwar die Idee, doch kurz vor der Abfahrt mussten wir die Sache verschieben. Es geht übermorgen los – das Wetter scheint mitzuspielen – und in vier Tagen sitzen wir zwischen Weinbergen, auf der Suche nach WLAN, unsere Gedanken und Fotos zu bloggen. Wir haben die Qual noch vor uns; und wenn ich in dieser Zeit nachts nicht schlafe, sehe ich den weißen Lenker vor meinen Augen sich rhythmisch auf und ab bewegen, begleitet von meinem starkem Atem als Sound.

Kurbel

Während mich die Regelmäßigkeit dieses Atems wieder schläfrig macht, denke ich darüber nach, wo man seine Spuren hinterlässt. Ich habe einen Freund, der dieser Welt seinen Stempel aufdrücken will, der auf der Suche ist nach der nächsten großen Idee und der vielleicht irgendwann enttäuscht sterben oder Erfolg haben und mich später zu einem Tee einladen und sagen wird »doch«.

Antrieb

Wenn ich mich täglich einlogge in meinen Computer, sehe ich noch Fragmente von damals: Drüben, im alten Chat, in dem längst keiner mehr spricht, sind manche der alten Handles noch online und von manchen kennt man den Namen des Menschen dahinter noch nicht. Doch habe ich einige kennengelernt: Ich bin nicht oft in Wien, aber falls doch, treffe ich W., der mir einst den Bräunerhof zeigte, den Thomas Bernhard Zeit seines Lebens besuchte. Oder T., der früher in Osnabrück wohnte und kurz nachdem ich die kleine Stadt verließ, seine neue Stelle im Rechenzentrum begann. Wir haben uns um nur zwei Monate verpasst und darüber gelacht, als ich letztens in seinem Büro stand. M., den ich länger kenne als er seinen Ex-Freund und J., mit dem ich einmal zusammengelebt habe.

Bremse

Irgendwer sagte »damals war das Internet kleiner« und dort zu sein war etwas Besonderes. Das ist mir verloren gegangen, es ist normal geworden, es gibt nicht mehr die Eingeschworenheit einer Minderheit, zu der ich damals gehörte. Es ist gut, dass die Zeiten sich ändern, doch Freunde habe ich in diesem Medium danach selten gefunden.

Kurbel

Damals und doch in einer ganz anderen Zeit las ich von D., zuerst ein Buch, dann die Texte, die er ins Internet schrieb. Übermorgen radeln wir der Gebirgskette entgegen, in vier Tagen sitzen wir in den Weinbergen, im Herbst in Meran, und werden dorthin – auf dem ersten Gipfel – in Lachen ausbrechen, hysterisch verzweifelt, weil wir wissen, zwischen uns und Meran liegt ein weiterer Pass. Und er wird auf seinen Gepäckträger zeigen und lachen.

Wäre ich theatralisch: Es wird nur Blut geben, den Schweiß und die Berge.
Ich werde darüber schreiben. Hier und drüben bei Twitter.

Strophe & Gesang

Ein Zug ist der Beginn und ist das Ende aller meiner Reisen, die enden oder beginnen in der kleinen Stadt an dem Fluss. »Meine Liebe«, habe ich ihr zugeraunt, als der braune Lederkoffer über das Kopfsteinpflaster ratterte gen den beiden Menschen, die vor dem Café auf mich warten, »ich habe dich vermisst«.

Die Sommermädchen wechseln lachend die Straßen,
sie wissen, wie schön sie sind

Der erste Kaffee hinter den weiten Fensterfronten; wir haben uns nie vorher getroffen. Der Wind mischt sich in unsere Sätze, eine alte Tür schlägt an die Wand und J. erzählt vom anderen Ende des Landes, wir beide vom vergangenen Abend und er mahnt zur Besonnenheit, während er sich ein zweites Getränk bestellt. Ich deute seine spätere Nachricht als Dank für die Gewissheit, dass wir uns auch diesseits verstehen.

Dachstuhl

Auf dem Dach, in dem wir während der vergangenen Tage zwanzigmal saßen, erzähle ich, wie angenehm ich es finde: Wir erleben volle Stunden über den Giebeln gegenüber dem Rathaus, auf gleicher Höhe des blechernen Vogels, der stündlich seinen Unmut herausschreit und mit verrosteten Stummelflügeln schlägt, während unter seinen Füßen Gevatter Tod seine Sanduhr rotiert und Justitia mit ihren Waagschalen klappert. Die Stunden fliegen dahin, wir fallen aus dieser Zeit; Die zwei, bei denen ich wohne, haben sich frei genommen für mich; wir ziehen nachts über die Dächer und tagsüber durch die Cafés, wir sitzen am Fluss und wir verlieben uns wieder. Wir erwarten nichts voneinander, wir lassen uns treiben durch eine der bestmöglichen Zeiten.

Mate und Kuchen

Ich habe ihr erzählt von einem Gefühl, das ich seit langem habe, aus jener Zeit, vor der ich das wunderschöne Mädchen traf: Ich bin überzeugt (ja: ich hoffe), man kann einhundert Menschen gleichzeitig lieben. Und sie weiß, dass ich sie meine. Und er weiß, ich meine ihn.

Vogel

»Danke«, hätte ich ihnen zuraunen sollen beim Abschied, in der letzten Umarmung, »dass es euch gibt, für die vergangenen Tage.« Im Zug fallen mir all diese Sätze ein, die ich zu sagen vergaß.

Zärtlich streich‘ ich durch dein Haar,
Du wachst auf, reibst dir den Schlaf aus deinen Augen,
willst wissen, wo ich so lang‘ war

t: Flowerpornoes – Strophe & Gesang

Die besten Menschen der Welt

Meine liebe Freundin,

wenn du wüsstest, wie oft ich zurückdenke…
Nicht, weil es heute so schlimm ist, weil es damals so unglaublich gut war. Die Zeit in der Allee mit den Pflastersteinen, die uns durch die Südstadt führte jedes Mal hinauf in die Oberstadt, vom kleinen Markt gegenüber der alten Kaserne hinauf in die WG, die den Namen berühmter Vormieter trägt. Wir waren mit Äpfeln und Gemüse beladen und haben den Sommer verquatscht. Ich kann mich an den Lärm der Flügelschläge des Blechhahns erinnern, als sei es gestern gewesen; der Unerbittliche, der die Stunden über den Marktplatz peitschte, den G. immer herunterschießen wollte, wenn er da war. Und ich erinnere die Nacht, in der ich auf dem Markplatz schlief, weil ich die fünfzig Meter nach Hause nicht gehen wollte und morgens um Vier trotz Hochsommers von der Kälte erwachte. 

Damals

Ich stelle zur Zeit beinahe alles in Frage, andere sagen das merkt man mir an. Du würdest dich gut an mein altes Ich erinnern können in diesen Tagen, wirklich einfach war es damals schon nicht. Das war eine komprimierte Zeit. Wie sich im Großen alles wiederholt in Abständen von etwa zwanzig Jahren, wiederhole ich mich im Kleinen viermal so schnell.

Es ist das Bedürfnis von einem der stirbt, die Freunde um sich zu haben: Das Bild vermittelt die Literatur, das Bild vermittelt die Generation unserer Eltern. Du weißt, ich habe die besten Menschen der Welt, mit denen ich lebte und lebe, auch wenn wir uns selten berühren und selten sehen. Es sind die Menschen am Firmament, my personal milky way. »Man müsste« ist ein Satz, den wir streichen müssen. Ein Drittel meines statistischen Lebens ist vorbei, ich sollte nun dreimal so viele Entscheidungen treffen, um im Einklang zu sein.

Damals

Ich lese gerade sehr viel.
Ich schreibe gerade zu selten.

Wir sehen uns bald! 
Herzlich, Dein N.

Photos: G.

Es ist einfach Rockmusik

Wenn man mich fragt, wer mein Leben prägte, zähle ich oft die Namen einiger Musikgruppen auf, die einzelne Phasen meiner Jugend – und wenn ich so schreibe, sehe ich mich noch immer als Junger – begleitet haben.

Für mein Alter bin ich bin ganz schön altklug sagen sie
doch sie vergessen, ich mach schon immer Rockmusik 

Wenn man mich fragt, wer mein Leben prägte, erzähle ich selten von den Abenden damals vor dem Abitur im Wendehammer und vergesse stets zu erwähnen, dass es sich dabei nicht um eine Diskothek, sondern um einen wirklichen LKW-Wendeplatz in unmittelbarer Nähe zur Autobahn handelt, die Dortmund und Frankfurt verbindet. Für einige Jahre war dieser Platz Teil des Lebens meiner Freunde und mir, an dem wir standen, grillten und aßen, manchmal mit dem Rücken im Gras lagen – die Autos im Halbkreis um uns geparkt – und die Sterne bestaunten. Das war der Ort, an dem manche mir sagten, sie würden jetzt Väter und der Ort, an dem ich den ersten großen Blechschaden meiner Fahrerkarriere erlebte.

Freunde

Streicht mein inneres Auge über den Halbkreis der Freunde von damals, stelle ich fest, dass sie alle noch leben. Natürlich gibt es einige, die gingen, Freunde, die später in Geschichten auftauchen werden als unerreichte Rebellen, die Erzähler selbst niemals waren und als Rechtfertigung vor den eigenen Kindern, selbst anders zu sein (gesittet!), mit einem Familien-Van vor der Tür und nicht mit einem Zweisitzer ohne Kofferraum und undichtem Verdeck. Natürlich gibt es die Toten, doch waren wir nie zusammen an diesem Ort.

Wenn man mich fragt, wer mein Leben prägte, so muss ich erzählen, es waren in Teilen die Freunde von damals. Das hörte auf nach dem Abitur, als man sich trennte, Journalismus und dergleichen zu studierten in unterschiedlichen Teilen der Welt. Es traten andere in mein Leben, doch vergessen habe ich die Abende von damals nicht, auch wenn ich einzelne Gespräche naturgemäß nicht mehr erinnere. Ab und zu findet eine eMail den Weg in mein Postfach, fünfzehn Jahre danach.

Dies ist der Versuch einer offenen Antwort.

— t: Tocotronic – Es ist einfach Rockmusik

Um zu entspannen spielt sie Klavier

Es gibt wenige Fotos, obwohl das Instrument bereits vor zwanzig Jahren eine Reise hinter sich hatte, über die Menschen Bücher schrieben und schreiben. Deutlich vor 1989 kam es – auf verschlungenen Wegen – in unser damaliges Wohnzimmer, doch mir liegen jene Pfade im Dunkeln, ich war noch zu jung und zu wenig interessiert. Heute habe ich keinen, der sich erinnert oder jeder winkt ab.

Leipzig/DDREs ist kein Klavier von C. Bechstein und keines von Steinway und Söhne, aber es reicht, um dem Klavierbauer einen anerkennenden Pfiff über die Lippen zu jagen, als er es zum zweiten Mal stimmt. Ein Klavier, dem die fünfzehnjährige Auszeit im Keller nichts machte, in warmem Weiß, raumfüllend, mit einem Klavierhocker mit weinrotem Bezug. Ein Klavier, das in dieses Zimmer gehört, als hätten sie das Haus darum geplant und gebaut; ein Herr im Haus, freundlich bestimmt.

Steht man drüben im modernen Museum, in dessem neuen Café oder in der sich zu unserem Haus öffnenden Halle, kann man nicht nur die Bücherregale erkennen, den alten Ohrensessel und die alte Leselampe, sondern ebenso gut auch dieses weiße Klavier. Von Zeit zu Zeit stehe ich drüben, abends, und beobachte sie. Um zu entspannen spielt sie Klavier.

These tracks here will keep you on the straight and narrow

Mein lieber Freund,

Airport Munichich erinnere unsere seltenen Treffen, hier oben sitzend, vorüberfliegend, auf dem Weg in die Heimat, nach unzähligen verschenkten Stunden auf dem Flughafen. Dabei höre ich die Musik jenes Films, den Du mir empfahlst, als wir einst darüber sprachen, als wir uns einst unterhielten; mit den Kopfhörern, die ich kaufte, als ich glaubte, jetzt gehe es los.

Auch wenn wir in der letzten Zeit regelmäßig im gleichen Land waren, kam stets etwas dazwischen. Ich bedaure es sehr, ich hätte Dich gerne getroffen. Woanders als dort – weil sich schließlich doch etwas ändert – woanders als dort, wo wir uns einst einen Treppenaufgang teilten und mehr noch als das.

Es gibt ein paar Konstanten in meinem Leben. Meine Rufnummer habe ich mir auf meinen Arm tätowiert, damit sie jeder von überall sieht. Wir haben einige Vorteile, sind frei in Gedanken; Ich könnte Geschichten erzählen! Beim nächsten Glas Wein, mein Lieber, bei der nächsten Zigarette auf meinem Balkon.