Archiv der Kategorie: Freunde

Kommst um zu gehen

Bild titelt »Die 100 beliebtesten Deutschen«, der Mann vor mir nimmt die Zeitung halb vom Stapel, hält sie seiner Frau entgegen und mutmaßt, heute ebenfalls in der Zeitung erwähnt zu sein. Weil sie seine Witze lange kennt, schweift sein Blick suchend durch den Raum und bleibt an meiner Reaktion hängen.

Innenansichten

Du hast keine Zeit, ich weiß
du hast immer schon was los
wenn du endlich einmal da bist
bist du auch schon wieder fort

Drüben bauen sie Plastikfenster in das vierhundert Jahre alte Haus. Die alten Fenster in unseren Zimmern schlossen nie richtig. Im Winter ist es in ihrer Nähe ein paar Grad kühler als in der Mitte der Zimmer, wir rücken dann näher zusammen, ums Cembalo, und trinken warmen schwarzen Tee.

Ich hab nie gesagt, dass ich dich brauche
hab’s wahrscheinlich nicht gewusst.
und weil du immer neben mir warst
hab ich dich auch nie vermisst

Schöftland – Kommst um zu gehen

Ich weiß

Der eine sagt, mischte man alle Farben, bekäme man weiß.
Der nächste macht genau dies und steht vor einem Eimer klumpigem Braun, bestenfalls Schwarz.
Ein noch anderer meint, Farben gäbe es sowieso nur bei Licht
und der Besserwisser schwenkt mit Band 8 (Enu-Fils) und lehrt: «Schwarz und Weiß sind keine Farben!»

Ich muss ungefähr fünfzehn Jahre alt als gewesen sein, als ich mit dieser gesamten Farbenlehre abschloss. Kurioserweise lautete das Thema im Kunstunterricht gerade «Zeichnen mit Graphit» (oder jedenfalls ähnlich), doch genauso wenig wie ich mit dem Graphit schwarz zeichnen konnte, hatten wir weißes Papier. Am Ende stand ich vor meinem Kunstwerk, ahnte, dass ich mich gerade nicht mit Ruhm bekleckert hatte und schaute auf meinen mattgrauen Autotransporter, akkurat gezeichnet mit Lineal ungeschickt auf gelbes Papier. Es sah dämlich aus, musste sogar ich zugeben.
Das Donnerwetter war groß: Wie wenig Phantasie ich denn habe?! – «Aber wenigstens gerade.»
Seitdem sind mir Farben egal.

Es gibt da diese Firma, die andere erst spät entdecken.
Von denen steht hier ein weißes Regal.

»Ich halte mich für das menschliche Urmeter« ist ein Satz, den ich gern adaptiere, weil er nicht zutrifft

einsichtig

Duck in a bottle

Du hast dich nicht verändert
und das ist auch gar nicht nötig
schließlich bist du gut gefahren
in den letzten vier, fünf Jahren.

Heute sind wir weit entfernt
von was wir früher waren
schließlich bist du gut gefahren
dafür haben wir uns nichts zu sagen.

philiströs

Nach langen Diskussionen (zum Beispiel über Berlin),
kann ich nicht anders, als die Dinge zu sehen wie sie.
Und nicht anders, als verzweifelt
am eigenen Ansatz festzuhalten (zu klammern!)
und ihn lächerlich verteidigen.
Mit jedem ihrer Worte schießt sie mich beeindruckend sturmreif.
Irgendwann verstummt, grummle ich
und sie fragt, warum diese Stille.

Ein Komm wieder

Gestern ruft ein Freund an und wirft meine Pläne über den schlecht gelaunten Haufen.
Seit ich mein Funktelefon abgeschaltet habe, schlafe ich wieder (gut). Aber das hilft nicht gegen alles, sage ich und dir im Stillen und in der Hoffnung, du hast telepathische Fähigkeit, wie man das Menschen nachsagt, die sich mögen.

So wie er, der anruft, um mir die Entscheidung abzunehmen, allein ins Kino zu gehen dadurch, dass ich ihm auf der Weide bei Gesprächen mit seinen Pferden zuhören darf.

Ein Gestern
Ein Morgen
Ein Komm zurück

Peryton – Es gibt doch (das Peryton)

Life on the electric avenue

Als ich mich schwitzend wälze im Hotelzimmer in dieser Stadt schräg gegenüber jenes Gebäudes, in dem heute nacht wieder Menschen sterben, donnert ein viel zu Junger durch die Nacht, so dass es mich aus dem Schlaf reißt. Wieder.

So waren wir unterwegs in dieser Stadt, in der ich die ein oder andere Nacht auf den Straßen verbrachte. Auf jene Busse wartend, die mich nach Oslo bringen, oder auf dich, wenn wir zum Kaffee verabredet waren.
Ich träume von dir, ohne dass du in dem Traum vorkommst. Und doch, hat er mit dir zu tun, und doch bist du da. Egal, wohin ich gehe, es ist beruhigend, deine Stimme bei mir zu wissen. Schon wieder.
Man erzählt mir, dass du mich anrufen wolltest.
Wir sehen uns später.
Bald.
Gleich.

Was sind denn schon bitte zwei Wochen?

Die Katze legt ihren Kopf zur Seite am Kopfende dieses Sofas und schaut gegen die Wand. Wir sind beide durch den Tag geschwommen, haben uns nicht viel zu erzählen, haben eben gelebt, sind nicht verhungert, haben die Welt mit eigenen Augen gesehen und suchen nun den ruhenden Punkt um zu entspannen.

Aufhören!

Und ich frage »Wie hälst du das aus?«
Zwölf Stunden Leben lassen altern wie vier ganze Jahre. Ich habe heute morgen Menschen weinen gesehen und mich ein bisschen geschämt, als ich das nicht konnte. Ich aß heute morgen zwei Brötchen, als andere nach Papiertüchern kramten. Hinter uns saßen unglückliche Menschen, als wir uns das letzte mal küssten. Du hast gewinkt und ich durch die Scheibe im verhangenen Himmel dein Lächeln erkannt.

Wir sind durch den Tag geschwommen im Fieberwahn
auf dieser Couch, auf der wir unsere Geschichten verschweigen.
Sie sagen von dir, du schaust nicht in Augen. Stolz wie du bist.

Und ich frage »Was sind denn schon bitte zwei Wochen?«
Die Antwort kennen wir beide.

Sag an, was tut dir weh?

Wieder singt der alte Freund Tinnitus sein immer gleiches Lied, »lange nicht gesehen!«
Im anderen Ohr hockt seit Tagen schon, was ich nicht ignorieren kann.

Thank you!

Du fragst, auf welcher Seite ich schliefe und warum ich mich wälze unruhig im Traum. Ich sage, dass dich wahrscheinlich nachts selten jemand so oft beobachten kann.

Und: »Nimms nicht persönlich, ich würde ja gern die Augen geschlossen halten, aber dann fangen die Konzerte wieder an, in denen die Geigen nicht stimmen.«

f: FOUND Magazine

Agætis Byrjun

Ich glaubte schlafen zu können bei der Musik der isländischen Band.
Ich glaubte mich im Bus nach Oslo, wenn ich die Augen schloss, diese Musik im Ohr, damals wie heute sind die Erinnerungen geweckt, der Geruch des Busses und der Geschmack der Ferne.
Ich schrieb eine SMS, dass ich bald komme
und »weißt du denn nicht, was dich erwartet?«

Im Bus nach Oslo

Die Wecker ticken einen sonores Geräusch, ich wäre gern bei dir in der Stadt.
Und ich habe gesagt, dass ich, käme ich wieder, flöge.
Heute bin ich mir nicht mehr so sicher.
Und ich habe gesagt, ich sei verloren.
Und wie immer viel früher als ich
hast du gewusst
was ich meine.

Lass uns alle Stunts selbst drehen

Wir wollten nie ein Fernsehfilm werden,
sondern immer ein Kinofilm sein.

Als du mir dieses Buch empfahlst, dir vertraue ich blind, da war noch alles anders. War alles anders?
Gestern war es. War es gestern? Ich habe geschrieben, weil ich einiges besser machen möchte als vor ein paar Jahren. Weil kein Wort des Briefs gelogen ist. Und weil das alles zusammenhängt.
Weil ich dem eine Menge zu verdanken habe.

Liebe ist kein Liter Wasser, den man auf verschiedene Gläser verteilen muss.
(Ein Teil meines Lebens, den ich nicht überdenken werde.)

Wir wollten nie ein Fernsehfilm werden
und keine deutsche Produktion.

Karpatenhund – Stunts

G

»Wir sind unsterblich!«
Ich würde gern, doch von dem Kreis, in dem ich das zum allerletzten Mal rief, sind nur Ruinen übrig.
Weißt du noch, damals?

Der Unvernunft – oh ja – Tribut: »Wir sind unsterblich!«
Von dir weiß ich’s, du wirst mich schlagen mit dem falschen Bild, das ich mir mache.
Du sollst dir kein Bild machen – »halt’s Maul!« und poche auf den Übermut.

Ruinen liegen also auch hinter mir.
Und jetzt?
Das Ende vom Anfang ist nicht der Anfang vom Ende.

Du weißt, wie wichtig du mir bist.