Archiv der Kategorie: Freunde

Du hext mir die Haare grau

Ich hatte neulich (es ist bereits Monate her) einen Disput mit einem Freund, welchen Sinn es hat, die Tagesnachrichten zu lesen. Einer sagt (vielleicht war das ich), man kann das alles nur sehr schwer ertragen; der andere wendet ein, es sei dennoch notwendig um die Welt zu verstehen. Beide wissen sie nicht, wen ein Fußball-Relegationsspiel nerven kann, wenn im Mittelmeer Menschen ersaufen.

Klassentreffen

Letztens im Wald, ich war etwas zu früh und traf auf die ältere Frau, die später eine Beerdigungsrede hielt. Wir sprachen nach zwei Minuten über Politik und sie sagte, sie ärgere sich, dass wir (sie sagte tatsächlich wir!) Leuten hälfen, die von anderswo kämen. Ein dummer Mensch aus einem kleinen Dorf jenseits des Waldes, eine ihren kranken Sohn liebende Mutter, den sie als Rechtfertigung braucht. Der Egoismus spritzt aus jedem Satz; während der Rede am Grab hat sie Tatsachen und Namen vertauscht.

Der mißlungen Lebenslauf

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich drei Häuser im Wald, die vielleicht zu einem alten Hof gehören. (Ist das eine Flucht? Vielleicht ist das der Traum einer Flucht, vielleicht gebe ich irgendwann auf.) Ein halb abgeschliffener Küchenschrank steht unter dem Vordach einer fast verfallenen Scheune und das Telefonnetz reicht bis an ein Fenster der Küche, in dem Handys auf ihren Anruf warten. Die Bewohner haben kein Auge für sie, sie sitzen um einen alten, abgewetzten Eichentisch und essen irgendein Gericht mit Kartoffeln. Trotz Waldwegen gibt es hier keinen SUV, vielleicht nur einen alten Bus, mit dem sie sich zum Bahnhof in der Nachbarstadt fahren. Es regnet und in der Stube kauert eine Katze auf der Sitzbank am warmen Kamin.

Wo bleibt bitte das Gute?

Wir haben seit einem Tag keinen Zugang zum Internet mehr zu Haus’. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum es mich nervt.

Die Texte auf den Bildern sind alle von Kästner.

Ein schönes Leben

Als ich an ihrem Bett saß, sie gelb und schwach vor mir lag und zwischen einzelnen Sätzen hingedämmerte, mich manchmal um etwas zu Trinken bittend, habe ich sehr viel verstanden. Ich hatte lange schon eine Ahnung, ein Gefühl, aus dem in den Tagen an diesem Bett Gewissheit geworden ist.

Erinnerungen

Ich kenne sehr viele Menschen, die den Monsieur Ibrahim gern gelesen und so wenige, die sich was er sagte zu Herzen genommen haben. Ich sprach mit Kollegen – wir sind alle am Zweifeln und doch machen wir immer weiter. Auch wenn wir tausend Euro Miete zahlen müssen, einen Wohnungskredit bedienen oder die Leasingrate für den SUV in der Vorstadt, die anderen sind nicht Schuld daran, wenn wir verharren. Wir selbst haben zu wenig Mut.

Erinnerungen

Ich habe ihr nichts versprochen, als wir uns zum letzten Mal sahen; sie hat mich nichts gebeten oder gefragt, vielleicht, weil sie mich kennt. Ich habe sie damit geneckt, dass ich das pinkfarbene T-Shirt trug. Darauf kam sie früher immer zu sprechen. Vorletzte Woche hat sie gelacht.

Erinnerungen

Ich habe sehr viel verstanden. Es ist beruhigend, sich Dinge erklären zu können: Das Seufzen im Bett bei geschlossenen Augen, die Farbe ihrer Haut. Es ist beruhigend, nicht glauben zu müssen. Religion war nie das Ding unserer Familie; meines nicht, nicht das meiner Eltern und ihres ist es auch nie gewiesen. Es war schön, sie angstlos und zufrieden zu sehen, nicht voller Panik vor der Bilanz. Aufklärung ist ein sehr hohes Gut.

Medikamente

»Ich hatte ein schönes Leben« hat sie vor zwei Wochen gesagt.
Vor zehn Tagen ist Großmutter gestorben. 

Dogma

Während die Zeit rennt, bin ich hinter die Absperrung gestiegen und schaue ihr beim Laufen zu. Der Neustart ist schwer, das Wiedereinreihen ins Rennen, die Rückkehr auf die Tartanbahn, an deren Ende doch nicht wartet, was ich will oder brauche. Und am Rande des Weges steht einer, den ich von früher kenne.

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Es ist spannend, sein soziales Umfeld zu beobachten: Es sind nicht nur Freunde, mit denen man sich abends trifft, über Dinge redet und dabei ein Eis isst, es sind Menschen, deren Einstellung und Prioritäten einen selbst beeindruckend präzise beschreiben. Wenn du im Freundeskreis Menschen hast, die sich über die Topmodelle einer Automarke am Wochenende freuen, die sie ihrer firmengesponserten Platinumcard eines Autoverleihers verdanken, bist auch du solchen Statussymbolen nahe. In anderen Freundeskreisen hingegen bauen sie Fahrräder oder Gemüse an, gründen nachhaltige Firmen, steigen jeden Abend auf einen Berg und andere bauen vielleicht einen Diesel-Flugzeugmotor – dann ist dein Interesse an Statussymbolen vermutlich eher gering. Abgesehen natürlich von einem vernünftigen Rad, das die ersten wiederum nicht unterscheiden können von einem, das du als langweilig bezeichnest. »Vernünftig«, sagen sie, »ist vielleicht nicht das richtige Wort.«

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Die Menschen in der anderen Gruppen sind dabei durchaus keine schlechten. Es sind nur unterschiedliche Lebensentwürfe, die bedingen, dass man sich gegenseitig nicht versteht. Es gibt zwei Herangehensweisen: Die Einen sagen, man muss mit allen reden, sonst verliert man sich in seinen Kreisen, verliert den Bezug zur Realität. Die Anderen pochen auf ihre Lebenszeit, die sie verbringen wollen mit Menschen, die interessant sind, mit denen Möglichkeiten und Projekte entstehen, kurz: die sie weiter bringen in ihrer Richtung. Diese wollen ihre Zeit nicht verschwenden mit Schwätzern und Small Talk.

Ich erinnere mich gut an eine Nacht auf meinem Balkon – sie liegt nicht lange zurück: Mit mir saß einer dort, mit dem ich einst Abitur schrieb und er erzählte zwei Stunden, die mir wie zwei Tage vorkamen, von seinem Auto, für dessen Preis andere zwei Jahre lang wohnen und essen. In München. Im Zentrum.

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Das war wahrscheinlich der letzte gemeinsame Abend auf meinem Balkon. Ich werde ihn in fünf Jahren wieder treffen, auf der Zwanzig-Jahre-Feier des Schulabschlusses. Das reicht, um die Vorgänge im Land, in der Gesellschaft, genau zu verstehen.

Sei Bewegt

Früher war nicht alles besser. Berlin zum Beispiel war gestern so gut wie niemals zuvor, nicht einmal, als ich monatelang gependelt bin. Wir haben uns vor das Café St. Oberholz gesetzt, was ich seit Jahren nicht schaffte, eine überteuerte Quiche gegessen und tranken Club Mate. Wir waren die einzigen ohne MacBooks (ohne Laptops generell), die einzigen, die sich miteinander unterhielten und dem überforderten Barmann beim Einholen der Markisen halfen. Es war nicht dieses Gefühl, das man abends in Italien oder München spürt, wenn man an den Straßen sitzt und die Flanierenden beobachtet; es war anders und schön auf seine eigene Weise. Sowieso, wir verstanden uns gut.

George

Was ich gestern erzählte, fällt mir jetzt auf meinem Sitz in diesem Zug wieder ein: Als das Pendeln aufhörte vor etlichen Jahren und eine andere Zeit begann, da vermisste ich nichts als das Zugfahren, die regelmäßigen vier Stunden, die ich für mich hatte mit meiner Musik und meinen Gedanken. »Ob ich tauschen möchte« fragst du. Die Antwort fällt mir leicht, früher war nicht alles besser.

Zirkuszelt

  

Du erzählst von deinem ersten Sommer in Berlin, ich von einer Zeit in Marburg, in der du bereits gegangen warst. So saßen wir den Abend vor dem St. Oberholz, tranken zwei Mate. Irgendwann sagtest du, du müsstest jetzt gehen. Und ich – natürlich – brachte dich zum Zug, fuhr ein Stück deines Weges in Richtung meines Hotels. 

Wanda Zirkus

Und auch wenn sie in Berlin jetzt italienische Rennräder fahren weil man das eben jetzt macht, dann habe ich in diesem Zug nunmehr sechs Stunden für mich, für die Musik und für die Gedanken. Und wenn man gute Kopfhörer besitzt und alte Platten hört – Delbo zum Beispiel oder Angelika Express – genau dann ist es heute besser als damals.

t: Delbo

 

Die besten Menschen der Welt

Meine liebe Freundin,

wenn du wüsstest, wie oft ich zurückdenke…
Nicht, weil es heute so schlimm ist, weil es damals so unglaublich gut war. Die Zeit in der Allee mit den Pflastersteinen, die uns durch die Südstadt führte jedes Mal hinauf in die Oberstadt, vom kleinen Markt gegenüber der alten Kaserne hinauf in die WG, die den Namen berühmter Vormieter trägt. Wir waren mit Äpfeln und Gemüse beladen und haben den Sommer verquatscht. Ich kann mich an den Lärm der Flügelschläge des Blechhahns erinnern, als sei es gestern gewesen; der Unerbittliche, der die Stunden über den Marktplatz peitschte, den G. immer herunterschießen wollte, wenn er da war. Und ich erinnere die Nacht, in der ich auf dem Markplatz schlief, weil ich die fünfzig Meter nach Hause nicht gehen wollte und morgens um Vier trotz Hochsommers von der Kälte erwachte. 

Damals

Ich stelle zur Zeit beinahe alles in Frage, andere sagen das merkt man mir an. Du würdest dich gut an mein altes Ich erinnern können in diesen Tagen, wirklich einfach war es damals schon nicht. Das war eine komprimierte Zeit. Wie sich im Großen alles wiederholt in Abständen von etwa zwanzig Jahren, wiederhole ich mich im Kleinen viermal so schnell.

Es ist das Bedürfnis von einem der stirbt, die Freunde um sich zu haben: Das Bild vermittelt die Literatur, das Bild vermittelt die Generation unserer Eltern. Du weißt, ich habe die besten Menschen der Welt, mit denen ich lebte und lebe, auch wenn wir uns selten berühren und selten sehen. Es sind die Menschen am Firmament, my personal milky way. »Man müsste« ist ein Satz, den wir streichen müssen. Ein Drittel meines statistischen Lebens ist vorbei, ich sollte nun dreimal so viele Entscheidungen treffen, um im Einklang zu sein.

Damals

Ich lese gerade sehr viel.
Ich schreibe gerade zu selten.

Wir sehen uns bald! 
Herzlich, Dein N.

Photos: G.

And any man who knows a thing knows he knows not a damn damn thing at all

Als wir uns irgendwann während des Telefonats ankichern und ich ihm sage, er höre sich gut an, sucht er den Grund im Schlafmangel. »Nein«, sage ich, »ich kenne Dich besser.« Er sagt, er müsse immer an mich denken auf seinen seltenen Reisen im Zug, ich melde mich immer bei ihm, wenn ich an Flughäfen sitze.

Der Blick in die Ferne gerichtet; ich besitze mehr Fotos von Flugzeugen als Fotos von Zügen, und auf ihnen liegt stets diese düstere Romantik und Melancholie.

Departure

Der Zug rast durch die abendliche Landschaft, leidlich erhellt vom Lichtstreifen am Horizont, vorbeirauschende Tannen spiegeln die Funkenschläge der Oberleitung wider gleich einem Stroboskop.

Der Blick in die Ferne gerichtet; manchmal kramt das Unterbewusstsein Erinnerungen hervor mit tanzenden Menschen, schweißnassen Wänden und lauter Musik. Ich bin froh, dass dort draußen nichts ist. Nichts sonst als das Licht und der Wald. Nichts sonst als die Stille, nichts sonst als die Nacht.

Sunset

Bis der Abspann die Hauptrollen verkündet

Erkenntnis kommt mancherorten und zu gegebener Zeit überraschend spontan. Kurz nach einem ersten Treffen, nach zwei Wochen vielleicht oder nach Jahren guten Kontakts.

Frau Hoffmann/GasseEs bleiben wenige bis zum Ende. Es gibt im Leben verschiedene Zeitfenster, in denen man spezielles erträgt. Ein Leben in Berlin beispielsweise, eine Vielfliegerkarte oder ein Haus auf dem Land in der Nähe der Eltern. Und fast alle Menschen, die man je traf.

Du sagst, Du seist sentimental – wir waren an einem Ort, um den unser Leben sich zeitweise drehte; wir trafen uns mit Freunden, die sicher bleiben bis zum Ende des Films. Ich will Dich beruhigen: In der Vorstellung gestern war das Publikum sehr speziell, eben jene, von denen ich rede. Eben jene wie Du.

Wann immer ich gehe, ein Teil bleibt zurück als Element einer mäandernden Spur. Und manchmal, an den Kreuzungen oder den ausgetretenen Wegen erinnern die Weiden an eine lange vergagene Zeit. Und spiegeln sie wider und halten sie wach. Bis an das Ende des Filmes. Wie ich hoffe:

noch eine verdammt lange Zeit.

Der geflügelte Hirsch (mit dem alles begann)

Draußen wieder die bekannte Landschaft. Das waren ein paar gute Stunden, in denen wir eingekauft haben, Salat gemacht und diese Cola getrunken, die wir letzte Woche entdeckten.

Nach Süden, die tiefstehende Sonne kämpft mit den Bäumen am Rand der Gleise und hinterlässt rote Blitze, wenn man die Augen geschlossen hält. Die Augen zu schließen fällt leicht bei dieser traurigen Musik.

Nach Süden, das Gefühl in den Norden fahren zu wollen, reißt in der Brust, besser es sein zu lassen trotz allem.

Nach Süden. Nach Hause.
Es kommt in Wellen und es fühlt sich gut an.
Nicht nur für den Moment. Für eine lange Zeit.
(Weil man immer nicht sagt.)
Nach Süden. Nach Hause.

Dead Man found in Graveyard

Das Café schien von außen interessant. Obwohl das Café, das ich liebe, einem Lounge gewichen war. Doch das allein macht in dieser Stadt lang nicht verdächtig. Außerdem war ich froh, um diese Uhrzeit noch etwas zu finden, was nicht ungemütlich aussah und nette zwei Stunden versprach. Alles unterstrich diesen Charakter: Links des alten Trolleys, mit dem ich gereist bin, illuminierte und wärmte ein moderner Gas-Kamin diesen Raum, die Musik war angenehm laut; angenehm, weil ich alleine sein mochte und auf jemanden warten, der jetzt noch nicht kam.

No entry Bornheim

Drüben am Fenster rauchten zwei Männer und irgendwie war das egal. Ich versuchte an etwas zu arbeiten, was demnächst wichtig sein wird und mich zu entspannen, ich trank Kakao. «Charles» rief ich und war überhört, hier sieht und hört man aneinander vorbei. Von Zeit zu Zeit wirft jemand ein Auge und fragt ob alles in Ordnung sei.

«So ein Frühstück ist selten» sagte ich noch, mehr zu mir selbst, «Danke» und «Gute Fahrt».

Kommst um zu gehen

Bild titelt »Die 100 beliebtesten Deutschen«, der Mann vor mir nimmt die Zeitung halb vom Stapel, hält sie seiner Frau entgegen und mutmaßt, heute ebenfalls in der Zeitung erwähnt zu sein. Weil sie seine Witze lange kennt, schweift sein Blick suchend durch den Raum und bleibt an meiner Reaktion hängen.

Innenansichten

Du hast keine Zeit, ich weiß
du hast immer schon was los
wenn du endlich einmal da bist
bist du auch schon wieder fort

Drüben bauen sie Plastikfenster in das vierhundert Jahre alte Haus. Die alten Fenster in unseren Zimmern schlossen nie richtig. Im Winter ist es in ihrer Nähe ein paar Grad kühler als in der Mitte der Zimmer, wir rücken dann näher zusammen, ums Cembalo, und trinken warmen schwarzen Tee.

Ich hab nie gesagt, dass ich dich brauche
hab’s wahrscheinlich nicht gewusst.
und weil du immer neben mir warst
hab ich dich auch nie vermisst

Schöftland – Kommst um zu gehen