Archiv der Kategorie: Damals

Sag, wenn’s eng wird, kann ich bei Dir pennen?

Ich mag Regentage, an denen sich Wassertropfen auf den Pflanzen brechen oder – wenn wir Nordwind haben – der Regen gegen die großen Fensterfronten trommelt. Früher, in meiner alten WG, hatte ich ein Dachfenster, einfach verglast, das bei heftigem Regen großen Lärm verursachte. Das Fenster war genau über meiner Matratze und war seitlich angeschlagen: War es offen, ergab sich ein großer Spalt, durch den ich an dem Fensterrahmen (wenn man ihn so nennen mochte, es war ein altes Metallfenster) vorbei in den Himmel blicken und die Sterne beobachten konnte. Über die Jahre bin ich nicht selten aufgewacht, weil es mir nachts ins Gesicht regnete. Heute ist einer jener Tage.

Der Olympiaturm und sein Stadion

Der Regen hat vor ein paar Minuten aufgehört und gibt den Blick auf den verhangenen Himmel frei. In meinem Arbeitszimmer kämpft die alte Bankierslampe Seite an Seite mit dem spärlichen Licht, das von draußen hereinfällt: Heute Mittag rief die Kinderkrippe an, jetzt liegt das wunderschöne Kind im Bett, mit roten Wangen, in den Schlaf getrommelt von einer Garnison Regenwolken, und träumt. Ab und an zucken dabei seine Lider.

Socken

Und ich? Am Schreibtisch, auf der Couch in zu kurzer Jogginghose, eingelaufen während der ersten Wäsche, und in bunten Socken, die gestern eine Apple-Store-Mitarbeiterin in ihrem unifarbenen blauen T-Shirt sichtlich verwirrten.
Uniform sieht scheiße aus.
All Colors Are Beautiful.

Das entschwundene Land

Sie war meine erste Liebe, das Mädchen mit den roten Zöpfen, und erst sehr spät begriff ich, dass meine Liebe nicht ihr galt sondern der Autorin, die über sie schrieb. 

Ich wurde eingeschult in eine Zwergenschule, die vier Klassen hatte und zwei Klassenräume. Ich sehe heute noch ihren dunklen Keller vor mir, in dem die Gerätschaften lagen für den Garten hinter dem Gebäude, kann mich aber aus den vier Jahren, die ich an dieser Schule verbrachte, nur an einen einzigen Tag erinnern, den ich in diesem Garten verbrachte, am Teich. Lebendig sind noch die Stunden des Werkunterrichts, in denen wir Nistkästen bauten oder Staudämme im Bach; in diesen Stunden waren wir unabhängig des Wetters oft unterwegs in den Wäldern rund um das Dorf. Und lebendig ist die Erinnerung an die Frau des Schulmeisters, die meine Klavierlehrerin wurde.

Gewitter am Tegernsse

Wir Kinder hatten damals ein eigenes Baumhaus, entgegen des Mahnens der Eltern sind wir nie abgestürzt oder haben uns die Arme gebrochen; man entwickelt Bärenkräfte in brenzligen Situationen und wir kannten jeden Ast und wussten, welch einer trug. Wären wir nur zwanzig Zentimeter größer gewesen, wäre uns der Zugang zum Baumhaus durch die Büsche verwehrt geblieben. Das merkte ich Jahre später auf einem letzten Spaziergang, auf dem ich all diesen Stätten der Kindheit einen Besuch abstattete, «Auf Wiedersehen» zu sagen. Damals war die Hälfte des umliegenden Waldes bereits abgeholzt.

Ich habe Pippi Langstrumpf nicht mehr gelesen, als ich ein Jugendlicher war, ich habe Michel aus Lönneberga beinahe vergessen, als wir die Band gründeten und uns die Nächte vertrieben, Sterne beobachtend neben dem alten LKW-Wendeplatz. Doch mit neunzehn Jahren und zwei Freunden bin ich schließlich nach Småland gefahren auf den alten Hof in der Nähe von Vimmerby. Ich habe keine Fotos von damals und von der gesamten Woche weiß ich nur wenig, doch an diesen Tag erinnere ich mich deutlich: Ich sehe die roten Häuser noch vor mir, die Sonne und Büsche, in Zaum gehalten von weißen Zäunen aus Holz. Der alte Hof hatte als Vorbild gedient für Katthult und in ihm wohnten noch alle von damals, Michel selbst und Alfred, der Knecht. Alleine: ich wähnte sie dort nach so vielen Jahren.

Am Abend

Als Astrid Lindgren vor mehr als zehn Jahren starb, war ich so betroffen wie man sein kann, wenn eine fremde Person stirbt – als trauert man um wen, den man liebt. Allein: Eine Unbekannte war sie mir nicht, ich kannte sie durch die Geschichten. Und ich hatte erst gestern einen Kloß im Hals, den ersten wieder seit etlichen Jahren, als ich die Liebesgeschichte ihrer Eltern las, von Samuel August von Sevedstorp und von Hanna von Hult.

Der gelbe Schal

Ich kann mich noch gut erinnern, dass sie irgendwann ihren Schal bei mir vergaß. An den Geruch kann ich mich natürlich nicht mehr entsinnen, nur daran, dass er mir gefiel und ich den Schal am liebsten behalten hätte. Im folgenden Disput zwischen dem Gewissen und der Geruchsfaszination siegte letztlich die Ehrlichkeit.
Immerhin konnte ich ihr einen Kompromiss abringen, wenn ich mich recht entsinne, hat der Schal in der folgenden Nacht irgendwo in der Nähe meines Kopfes geschlafen.

blumig

Ein paar Tage später fand ich heraus, woher sie diesen Schal hatte und keine achtundvierzig Stunden später besaß ich den gleichen, weder eingetragen jedoch noch geruchsschwanger. Wenn ich mich heute zwischen denen, die ich besitze, entscheiden muss, fällt die Wahl selten auf diesen. Und doch besitze ich ihn seit all diesen Jahren. Und versuche seit eben so langer Zeit, passende Kleidung für einen gelben Schal zu kaufen.

In einer frühen Vorab-Version meiner Diplomarbeit hat der Betreuer eine Blume neben einen Absatz gemalt.

Prepared for Dramatic Reading

Ich wurde vorhin aufmerksam auf einen Artikel in mindestens haltbar, der sich mit den normalen Sorgen eines Redakteurs der Schülerzeitung vor fünfzehn, vielleicht zwanzig Jahren beschäftigt.
Teil einer solchen Redaktion war ich nie, doch manchmal lümmelte ich mich in den Redaktionsräumen unserer alten Schule, weil Schülerzeitungsredakteure auf meiner persönlichen Coolness-Liste relativ weit oben rangierten; das wiederum war begründet durch jenes Mädchen, das ich dort immer zu treffen hoffte, denn ich war vielleicht ein bisschen verliebt.
Zu dieser Zeit spielte ich in einer Band und irgendwann hat sie mir erzählt, dass es ihr damals ein bisschen erging wie mir. Möglich, dass ich mich aus diesem Grund heute an Blogs und Tageszeitungen festhalte, während sie nebenbei in einem Plattenladen arbeitet.

Hektograpie

Mein Leben in der alten Schule drehte sich indes nicht nur um jene Räume, in denen sich die Schülerredaktion befand, sondern auch um das Kabuff des Hausmeisters, an das ich mich beim Lesen des Artikels erinnere; diese Räumlichkeiten, gehütet wie ein Geheimnis, waren das Zentrum einer meine ganze Schullaufbahn durchziehenden Faszination – vielleicht das Einzige, was sich in den neun Jahren auf dem Gymnasium nie geändert hat.
Während der gesamten Mittelstufe habe ich mich auf das Austeilen qualitativ schlechter Zettel gefreut, weil sie gegenüber normalen Kopien, die in der Anfangszeit meiner Gymnasiallaufbahn wenn überhaupt eine untergeordnete Rolle zu spielen schienen, an die ich ich jedenfalls überhaupt kaum erinnern kann, was ja aussagekräftig genug ist, eine Eigenschaft hatten, die uns als Kinder und Jugendliche faszinierte: sie rochen. Es war der durchdringende Geruch von Spiritus und wenn solche Blätter ausgeteilt wurden, saßen einige von uns gebeugt wie Süchtige über dem neuen Klebstift.
Je älter man wurde, desto seltener wurden diese Kopien und desto weniger wurde der Moment des Austeilens zelebriert. So inhalierte man in der Oberstufe bestenfalls versteckt am neuen Aufgabenblatt der Biologie (während man vorgab, in seiner Tasche zu suchen). Dass man die Schrift der zwanzig Jahre alten Vorlage kaum mehr entziffern konnte, regte niemanden auf. Denn:

Das beste am Hektographieren
ist natürlich der Geruch.

Zitat: Reisenotizen aus der Realität
Bild: Old Cambridge Shakespeare Association