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Lied vom Stempeln

Wenn ich morgens aus dem Hauptgebäude durch den kurzen unterirdischen Gang in den Nebentrakt gehe, dort im Treppenhaus in den ersten Stock hinaufsteige und meinen Chip vor das elektronische Türschloss halte, um die Bürotür zu öffnen, höre ich aus der Küche schräg gegenüber oft den Eierkocher und das regelmäßige typische Klacken, das entsteht, wenn man Käsescheiben schneidet und das Messer auf das Schneidbrettchen knallt. Der Kollege und ich nicken nur kurz, wenn ich hinübergehe, um den zweiten Kaffee des Tages in der Bialetti-Maschine zu machen. Zwischendurch kocht das Teewasser einer dritten Kollegin, manchmal wische ich die Brotkrümel von der Anrichte, wenn ich den Espressokocher säubere.

Mauerweg

Mittags bin ich einer von vielen, die das Gebäude nicht verlassen, um die die Kantine des Max-Planck-Instituts hinüberzugehen. Viel zu selten nehme ich mir Essen von zu Hause mit ins Büro, in der Regel gehe ich gegen 11 Uhr hinüber in die Mathematik-Fakultät, um mein Mittagessen zu kaufen, das ich dann allein esse und doch zusammen mit den anderen Kollegen, jeder für sich in seinem Büro.

Nicht selten wird es gegen 18 Uhr noch einmal unruhig. Schneideräusche aus der Küche, ein vorgezogenes Abendessen vielleicht, ein letztes Obst vor dem Heimweg; jetzt hat es niemand mehr eilig. Was man im Büro isst, muss man zu Hause nicht essen.

Feld

Der perfide Grund für dieses Verhalten: Wir stempeln. Wir werden für Anwesenheit bezahlt; der großindustrielle Geist des neunzehnten Jahrhunderts weht durch die Flure. Es zählt nicht das Ergebnis, hier zählt der Luftverbrauch im Büro. Hätte ich keine Familie, ich würde auch in den Fluchten hinter der Stechuhr leben. Frühstück und Abendessen, wie die alleinstehenden Kollegen. Dafür wird man schließlich bezahlt. Hier zählt nicht das Erreichte, hier zählt nicht, ob man schneller gearbeitet hat oder mehr Dinge gemacht. Ich habe eine Familie. Ich mache Minusstunden.

Hier zählt nur die Differenz aus zwei Spalten in einer großen Tabelle – hier zählt jede einzelne Zeile.
Es macht mich wahnsinnig. Es verdirbt mir all das, was mir gefällt.

Radflucht

Manchmal arbeite ich Abends noch ein paar Stunden zu Haus. Dann trage ich Arbeitszeiten in die Tabelle ein, die niemand nachvollziehen, niemand kontrollieren kann. Das Stempeln ist lächerlich sinnlos, ein greller schmerzhafter Schwachsinn.
Es macht mich wahnsinnig. Trotz allem.
Vielleicht ist das gewollt.
Ich will das nicht. 

Wir müssen reden. Ich habe jemanden kennengelernt. [Update]

Als ich damals an der Universität gearbeitet und einen Großteil meiner Zeit in Forschungsprojekten verbracht habe, kam ich auch hin und wieder mit Arbeitsgruppen aus unterschiedlichen Instituten meines jetzigen Arbeitgebers in Kontakt. Ich wusste damals nicht, wie Institute der Fraunhofer-Gesellschaft funktionieren, ich habe nur als Resultat gesehen, dass wir als Universität nicht nur den Projektbeteiligten aus Unternehmen stets nachlaufen mussten (öffentlich geförderte Forschungsvorhaben besitzen in Firmen manchmal eine sehr geringe Priorität), sondern zeitweise auch den Fraunhofer-Kollegen. Warum das so war, habe ich damals nicht verstanden. Immerhin werben Fraunhofer-Institute doch auch damit, Forschungseinrichtungen zu sein.

Was ich selbst immer furchtbar fand und noch immer finde, ist die oft erfolglose Suche nach Informationen über eine Unternehmen im Vorfeld einer Bewerbung. Das war damals so, als Ernst & Young meine Gehaltsvorstellung wissen wollte und ich nicht herausgefunden habe, was man als Berufseinsteiger in der Branche verdient (es sind so knapp 50.000 Euro/Jahr). Wenn jemand mit dem Gedanken spielt, sich bei Fraunhofer zu bewerben und nicht genau weiß, was auf ihn zukommt: Ich kann nicht für jedes Institut sprechen, ich kann nur für die Insel der Glückseligkeit reden, auf der ich etwas länger als vier Jahre beschäftigt gewesen sein werde. Etwa ein Jahr nachdem ich bei AISEC angefangen habe, hat mich die Computerwoche gefragt, warum mir der Job, den ich dort mache, Spaß macht. Ich habe damals ein bisschen davon erzählt.
Falls jemand über die Suchbegriffe »Bewerbung« und »Fraunhofer« auf diese Seite kommt, kann ich vielleicht in diesem Text die ein oder andere Frage beantworten. Es würde mich freuen.

Drei Jahre nach dem Interview hat sich meine Sicht darauf nicht grundlegend verändert. Damals war es so, dass ich mir nach meiner Zeit an der Uni nicht vorstellen konnte, weiter in Academia zu arbeiten. Ich war dann kurz bei Ernst & Young, habe aber nach wenigen Wochen gemerkt, dass wir uns auseinander gelebt haben (manchmal geht so etwas schnell). Dann habe ich kurzfristig bei Fraunhofer AISEC hier in München angefangen. Aber ist es nicht so, dass Fraunhofer-Institute nicht Forschungseinrichtungen sind?

Nie wieder Forschung!

Nun.

Als Institut nehmen wir an sehr vielen öffentlich geförderten nationalen und internationalen Forschungsvorhaben teil. Diese Projekte sind wichtig, da bei Fraunhofer einige meiner Kollegen eine Promotion anstreben. Für die Durchführung von Forschungsarbeiten werden (zumindest in unserem Bereich IT-Security) Forschungsprojekte benötigt. Im Gegensatz zur Universität, an der ich etliche Zeit hatte, die ich in Forschungsprojekte investieren konnte, ist diese Zeit bei Fraunhofer knapper.

Viel Zeit verbringt man mit der Durchführung von Industrieprojekten. Diese sind für Fraunhofer insofern interessanter, als dass »Industriegeld« das bessere Geld ist, da Institute gewisse Kennzahlen erfüllen müssen: Etwa 30% der Institutseinnahmen müssen aus Industrieprojekten kommen. Dabei stehen IT(-Security)-Institute vor der Herausforderung, dass niemand für IT-Sicherheit bezahlen möchte, denn der Nutzen ist erst einmal nicht direkt messbar (diese Problematik wurde im aktuellen Choasradio auch kurz angeschnitten). Auf die Akquise und die Durchführung von Industrieprojekten wird also sehr viel Wert gelegt. Den Inhalt dieser Projekte machen jedoch – im Hinblick auf angestrebte Dissertationen – selten spannende Fragen aus, sondern in unserem Bereich Code-Audits, Schwachstellensuche, die Erarbeitung von Konzepten und das Verfassen von Gutachten.

Giving a talk in Berlin

Das alles hat für eine gewisse Zeit seinen Reiz, bringt aber die Dissertation nicht voran. Daher sind sowohl die Vorgesetzten als auch die betroffenen Kollegen interessiert daran, einen Teil der Arbeitszeit explizit für Forschungsprojekte frei zu halten. Manchmal gelingt das, in Phasen, in denen viele Industrieprojekte oder Deadlines anstehen oder in denen ein oder mehrere Kollegen das Institut verlassen, gelingt das eher nicht. In diesen müssen Universitäten dann uns Fraunhofer-Mitarbeitern hinterherrennen, da Forschungsprojekte (nicht persönlich sondern aus Institutssicht) nicht mehr so wichtig sind. Diese Position zwischen den Stühlen hat noch eine weitere perfide Auswirkung: Entwicklungen in den Instituten haben manchmal nicht die Innovationshöhe, die Entwicklungen von Uni-Mitarbeitern haben, die sich Vollzeit einem Thema widmen können. Das sind zwei der Gründe, warum Fraunhofer bei Universitäten einen eher durchwachsenen Ruf genießt (jedenfalls in meiner Wahrnehmung).

Von der anderen Seite gesehen ist Fraunhofer deutlich näher an der Forschung als viele Unternehmen. Gleichzeitig existiert eine gewisse Routine bei der Durchführung von Projekten zu bestimmten Themen. Auch wenn der Großteil der Mitarbeiter, die in Industrieprojekten eingesetzt werden, nur eine gewisse Zeit in Fraunhofer-Instituten arbeitet, gibt es gerade auf Ebene der Gruppen- und Bereichsleiter langjährige Mitarbeiter, die DOs und DONTs kennen sollten. Die Rekrutierung von Fraunhofer-Kollegen durch Unternehmen ist normal. Gleich anderen Unternehmensberatungen (eine Rolle, die Fraunhofer in gewisser Weise spielt) kommt man als Mitarbeiter mit sehr vielen Unternehmen in Kontakt, deren Türen für den persönlichen nächsten Schritt offen stehen, wenn man gut ist. Ich habe sehr oft ehemalige Fraunhofer-Mitarbeiter in großen Unternehmen getroffen, über die schließlich auch Projekte beauftragt werden.

Braun Uhr

Ich selbst habe die mehr als vier Jahre an unserem Institut genossen, allein schon wegen der Kollegen und unserer Institutsleitung. Ich bin froh, das ausprobiert zu haben; viele Projekte fand ich sehr positiv, weil die Auftraggeber offen waren und unterstützend: Das war selten ein Gegeneinander, viel häufiger zog man gemeinsam an einem Strang. Doch während der vier Jahre wurde mir auch klar, dass ein Job in dieser Branche paranoid machen kann oder wahnsinnig. Wahnsinnig in der Form, dass man immer wieder Details findet, die einen fragen lassen, warum sich die Welt überhaupt bitte noch dreht.  Paranoid, weil es im Kollegenkreis den ein oder anderen gibt, der alles Neue ablehnt und Angst hat vor allem. So möchte ich niemals werden.

Im oben erwähnten Chaosradio sagte Frank, dass das Bedürfnis, irgendetwas mit Orchideen oder Holz zu machen, nirgends so verbreitet ist, wie im Bereich der IT-Security. Diesen Schluss und daraus die Konsequenzen habe ich nun gezogen.

Auf einer Konferenz in Berlin

Nichts mit Orchideen werde ich machen und nichts mit Holz, aber auch nichts mehr mit IT-Sicherheit.
In Academia werde ich bleiben.

Nachtrag am Sonntag: Dieser Beitrag spiegelt hoffentlich meine generelle Tendenz bezüglich Fraunhofer als Arbeitgeber wider: Den Arbeitsvertrag würde ich genau wie vor vier Jahren wieder unterschreiben. Neben den oben erwähnten Spannungsfeldern bietet Fraunhofer das, was man gemeinhin anderen Unternehmensberatungen nachsagt: Einblick in viele unterschiedliche Firmen und eine Vielzahl unterschiedlicher Projekte. Natürlich setzt man irgendwann selbst seinen Schwerpunkt auf etwas, das einen interessiert. Manche Kollegen kümmern sich seit Jahren um die Sicherheit von Smartphones, andere schreiben Betriebssysteme oder bauen Hardware. So lange Industrieprojekte in diesen Bereichen anstehen, kann man sich selbst die Nische suchen, in der man sich austoben möchte. Wenn es jedoch keine Projekte im eigenen Schwerpunkt gibt, muss man natürlich in anderen Projekten und Bereichen aushelfen: das erweitert das eigene Wissen sehr, weil man auch mit Fragestellungen in Kontakt kommt, um die man sich sonst aus freien Stücken wahrscheinlich nie kümmern würde. In genau dieser Situation befand ich mich in den letzten Jahren. Nun möchte ich wieder zurück zum Cloud Computing und zu verteilten Systemen. Allein das ist der Grund, warum meine Zeit bei Fraunhofer endet.

Fix you

Morgen sehe ich alte Freunde wieder, wir treffen uns achtzig Kilometer von hier vor den Toren von Augsburg. Die Wettervorhersage ist im Sinkflug, aber das ist nur das höhnische Lachen nach einer höhnischen Woche; das Wetter ist schlimm, aber natürlich, dochMenschen hasse ich heute ein bisschen mehr noch als Montag…

Ich bin entschlossen, die Strecke morgen auch wenn es regnet mit dem Rennrad zu fahren. Ich habe mir Dokumentationen angesehen über zwei Fahrradrennen, über Paris-Roubaix und über Lüttich-Bastogne-Lüttich, und fühle mich gut gerüstet für morgen. Ich habe meinen iPod aufgeladen mit Musik, die aus den achtzig Kilometern selbst bei Regen ein Kinderspiel macht.

Liege-Bastogne-Liege Orica GreenEdge

Und außerdem: Da ist ja noch die Energie der vergangenen Woche. Ich werde meinen Kessel heizen mit den Körpern der Schwätzer und Feigen, mit den lächerlichen Protagonisten des Systems, das man Wirtschaft nennt.

Einmal mit Menschen, auf die man sich verlassen kann…

– t: Coldplay

I have a friend named foe

Wenn ich in Marburg sitze im Café am Grün – den Drang zum Vergleich hatte ich ja neulich erst thematisiert – dann fängt mich vor allem (neben der Selbstbedienung) dieser Aspekt und gibt mir das Gefühl der Heimat und des Hier bin ich richtig: Im Roten Stern wird mit Vertrauen bezahlt: Man holt die Getränke selbst an der Theke – es ist die gleiche geblieben über all diese Jahre, seit ich sie kenne, selbst die Gesichter dahinter wechseln nur selten – man kennt sich und wenn man geht, bezahlt man auf dem Weg hinaus in die Stadt.

Stühle im Roten Stern

Manchmal ist schwierig, sich an alles zu erinnern, das man trank und aß an diesem Tag. In meinem Notizbuch finden sich zahlreiche eingeschobene Strichlisten auf sonst leeren Seiten, mit denen ich mir die Getränke merkte bei ausgedehnten Besuchen. Ein einziges Mal vergaß ich zu zahlen, nachts fiel es mir ein. Am nächsten Morgen sprach mich eine an und fragte, ob es sein könnte, dass ich gestern das Zahlen vergessen hätte. Nicht böse, nicht vorwurfsvoll, vielleicht ein bisschen unsicher und ja: Ich wäre wahrscheinlich davongekommen, hätte ich es versucht.
Aber: So funktioniert dieses Café nicht. Sie vertrauen den Gästen, und diese sind (auch) deswegen ehrlich.

Kaffee an der Lahn

Ich habe Bedenken, dass dieses System in anderen Städten (zum Beispiel hier) ähnlich gut funktioniert wie in der kleinen Stadt an der Lahn. Ich grüble darüber, wie sich dieses Konzept übertragen lässt in einer Form, die auch hier umsetzbar ist und sich abhebt von den Vorstadtcafés, die den Münchener Chic anziehen, dem Pavesi, vor dem Geländewagen ständig in zweiter Reihe parken oder dem Tambosi, vor dem die Menschen sitzen wie am Rande eines Circus Maximus, durch den moderne Gladiatoren ihre Kompensationen für ihr KPI-gesteuertes Leben im Hamsterrad treiben. Das ist – natürlich – ein Traum und ein Traum wird es die nächste Zeit bleiben.

Vogel am Grün

Denn zur Zeit arbeite ich im Bereich der IT-Security, in dem ich acht Stunden am Tag von einer Welt ausgehen muss, in der jeder den anderen angreift und ausnutzen will. Eine Welt, die das Gegenteil dessen ist, weswegen ich den Roten Stern liebe.

The Ballad of Banjo Betty

Mit seiner runden Nickelbrille, die nur Lehrer tragen können und seinem groß karierten Hemd fragt er, ob der Platz neben mir frei ist. Er holt seinen Papierordner heraus, in dem zuoberst das selbstausgedruckte Bahnticket liegt, akkurat verpackt in einer Klarsichthülle, und auf einem Stapel Klausuren aus dem Unterrichtsfach Wirtschaft. Mein erster Eindruck hat mich nicht getäuscht und er hat längst zu korrigieren begonnen, als ich mit einem Blick das Deckblatt der Arbeit von Jennifer B. erhasche.

Messestand

Routiniert geht er die einzelnen Absätze durch, in beeindruckendem Tempo, und nickt anerkennend, während der in seiner rechten Hand ruhende Rotstift Zeichenkolonnen der Art »3/3« an den Rand der Blätter schreibt. Ich kann mich an keine meiner eigenen Klassenarbeiten erinnern, bei der ein Lehrer ein ähnliches Gefühl gehabt haben könnte wie dieser Wirtschaftslehrer an diesem Freitag Abend um kurz vor Mitternacht im ICE auf dem Weg von Hannover nach München.

Messestand später

Ein versöhnliches Ende nach einer versöhnlichen CeBIT. Ich mag, wenn die Messehallen beschallt werden von einem einzelnen Stand, der irgendwie immer die passende Musik spielt, wenn sich die Anspannung löst, die Tore sich öffnen für eine Armee von Menschen, die Kisten schieben, die Messestände zerlegen und alles sentimental klingt. Nicht, dass ich die CeBIT nächste Woche schon wieder bräuchte…
So viele Klausuren, wie es für diese versöhnlichen Enden bräuchte, kann man nicht schreiben.

Skywalk

Jennifer, das war eine echt gute Arbeit, eine beeindruckende Leistung. 

– t: Thomas Dybdahl

In der Überzahl

Ich habe es noch im Ohr, das Knarzen, das Rauschen und das vertraute Piepen des Konferenzsystems, das anzeigt, wenn ein Teilnehmer die Konferenz verlässt. Es ist vielleicht zwei Jahre her, wahrscheinlich nicht ganz, es war Frühling oder Herbst und ich saß in einem Konferenzraum in einer hässlichen Bürostadt vor den Toren Frankfurts am Main bei einem großen internationalen Unternehmen, das wenige Monate zuvor noch mein Arbeitgeber gewesen ist. Diesmal saß ich dort für eine andere Firma, gemeinsam wollten wir ein Projekt starten, von dem ich mir persönlich mehr versprach als die monatliche eMail, die mich Freitag abends erreicht und mir anzeigt, dass es eine neue Diskussion gibt in unserer Diskussionsgruppe in de sozialen Netzwerke dort draußen, einem Netzwerk für Professionals natürlich.

Blick über München

Eine halbe Stunde später geht die Tür auf und die beiden treten ein, mit denen zusammen wir vorhin gegen das Rauschen anschrieen, um uns zu verstehen. Dass die Leitung abbrach, erzählt der Ältere von beiden polternd, leicht nuschelnd und spuckend, läge an der Unzuverlässigkeit der Mobilkommunikation bei Geschwindigkeiten jenseits von zweihundert Kilometern pro Stunde. Der Dünnere, der Fahrer, kichert leise und ich frage mich unwillkürlich, ob er Haargel benutzt. Ich suche den Blick der E., die mir gegenüber sitzt und die ich seit zwei Stunden kenne. Ich weiß es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch in diesem Moment fragen wir uns das Gleiche. Der andere setzt wieder an, die Strecke aus Süddeutschland sei morgens voll und die Verspätung dann nicht mehr aufzuholen gewesen, stürzt sich auf eine polierte Kanne Filterkaffee und auf die Kekse, während das Meeting wieder beginnt. An diesem Abend werden wir alle Member des Boards und wir haben hehre Ziele.

Diagramm

Was von diesen Zielen übrig blieb sind 2013 nur wenige eMails, die in den Abendstunden kommen und die ich schon lang nicht mehr lese. Weil wir als Organisation uns nicht mehr treffen, weil keiner mehr auf eMails reagiert, die E. nicht und nicht die anderen Members des Boards. Wir haben die Vorlage der Überwachungsstaaten verstreichen lassen wie die Piratenpartei, wir haben uns an keiner Diskussion beteiligt, wir haben nicht einmal intern darüber gesprochen. Vielleicht, weil wir beschäftigt waren mit der Entwicklung einer Zertifizierung, die sich jemand selbstgefällig über den Kamin hängen kann. Vielleicht, weil wir uns aufgehalten haben mit Überflüssigkeiten, aus Respekt vor den echten Problemen, aus Angst vor der eigenen Meinung; nein – aus Angst vor der Reaktion unserer Kunden: man will seine Kunden ja nicht vergraulen, so muss man politisch agieren. Wir stürzten uns daher auf ein Akronym, das man sich ins Netzwerkprofil schreiben kann, wenn man genug Antworten für einen Test auswendig lernt. Uns kommt zu Gute, dass in dem Umfeld, in dem wir uns tummeln, Papier wichtiger ist als die Tat. Freitag abends, im Tal der Verzweiflung, glaube ich manchmal, es geht in dieser Branche alleine ums Reden, es geht nicht ums Machen.

Alte Post

Folgerichtig ist das vertraute Piepen des Konferenzsystems zu spielen, wenn eine Mail eintrifft unserer Organisation.

In Fat we Trust

Das wunderschöne Mädchen tippt mir auf die Brust und sagt »ich verstehe nicht, dass du ein T-Shirt trägst, auf dem eine Kuh in einen Burger verwandelt wird.« Ich hole etwas aus, erzähle von einem früheren Geburtstag – es muss acht Jahre her sein – und vom seltsamen Humor meiner Exfreundin und eines guten Freundes, der heute in Berlin lebt und den ich viel zu selten sehe. 

Campagnolo Record Titanium Schaltwerk

Morgen früh werden wir in Rom in einem Straßencafé sitzen, frühstücken und uns überlegen, wie wir die folgenden Tage verbringen. Ich werde ein wenig arbeiten (schreiben), während wir in der Nähe des Petersdoms oder gegenüber des Kolosseums in der Sonne sitzen und werde darüber nachdenken, wohin es mich in den nächsten Monaten zieht. Zur Zeit arbeite ich drei Tage die Woche bei dem Sicherheitsinstitut, und die übrigen zwei Tage pro Woche mit anderen Dingen zu füllen fällt mir noch schwer: Zwar erzähle ich vielen, dass ich Zeit für andere Projekte habe und komme dadurch zu Gelegenheiten – ich halte Vorträge, gebe Feedback zu Texten und schreibe jetzt für ein Blog der F.A.Z. – aber ich verbringe die zwei freien Tage pro Woche nicht so häufig in Cafés wie ich das ursprünglich wollte. (Aber das Wetter in den letzten Woche war schlecht und die Alltagskiste hat keine Schutzbleche.)

Giant X-Sport

In Rom, in der Sonne, werde ich mir bei einem Cappuccino Gedanken über die nächsten Schritte machen; vielleicht brauche ich einfach nur Zeit. Ein Freund sagte gestern, ich solle mit mir geduldiger sein. »Allein in den vergangenen Wochen hast du Dinge getan, für die du vorher keine Zeit gehabt hast.« Zum Beispiel: Das neue Rennrad liegt nicht mehr in Einzelteilen vor mir. Doch ist das nichts, was in den nächsten Monaten die Lücke im Geldbeutel füllt, nichts womit ich mir Croissants, Torten und Tee kaufen kann.

Campagnolo Super Record Skeleton Bremsen

Aber: Ich bin – das merke ich selbst – einen Schritt weiter in jene Richtung gegangen, die mir (trotz allem) richtig erscheint: Das geographisch ungebundene Arbeiten (wie gesagt: Das Kolosseum in Rom!) und die Vielfalt durch verschiedene Jobs. Nun muss ich die Tage nur noch besser füllen und mich besinnen auf meine Stärken, die vielleicht gar nicht so häufig anzutreffen sind: Ein Informatiker, der Reden will und der Reden kann. Nur von diesem T-Shirt – und mit ihm jenem seltsamen Humor – darf niemand wissen. Dieses T-Shirt trage ich nur nachts.

One Hit Single

Wir sitzen oft drüben – von meinem Platz im Ohrensessel aus gesehen – am Fenster mit Blick auf die Birken, denen unser Haus Platz ließ in den fünfziger Jahren, als der Architekt sich gegen den Wahnsinn entschied, dem man in den Prachtstraßen ständig begegnet. Dort also, nicht nur zurückversetzt sondern auch oberhalb der Schlange, die während des gesamten Sommers auf dem Gehweg mäandert, ein Eis bei Ballabeni zu essen, von dem man sich sogar in Architekturvorlesungen in Hessen erzählt. Während sie unten eine halbe Stunde anstehen für – zugegebenermaßen – hervorragendes Eis, lehnt man sich oben zurück und wartet, bis die Schlange auf ein erholsames Maß geschrumpft ist, steht auf und kühlt sich im steinernen Treppenhaus noch einmal ab, um wenig später das Eis zurück in der Wohnung (am Fenster!) an jenem Fenster zu genießen.

Seilbahn zum Gipfel

Gefühlt sind wir von dieser Zeit Monate entfernt, noch am Samstag kletterten wir vereiste Passagen auf dem Gipfel des Wallbergs. Doch Ballabeni hat seitdem seinen Laden geöffnet, der Freund bereitet seine Abreise vor nach Italien, das wunderschöne Mädchen kämpft langsam mit den Blüten der Birken und immer öfter bricht die Sonne durch die tief hängenden Wolken.

Gipfelkirche Wallberg

Es wird langsam Zeit, ich sitze schon drüben am Fenster, nur der Rest fällt mir schwer. Es sind die Wochen, zwischen denen ich lebe; ich probiere ein bisschen was aus (doch eher in mir als äußerlich sichtbar) und finde kein befriedigendes Ergebnis, ich finde nur Gründe. Ich habe eine Ahnung, und während ich anderen sage, sie müssten gehen, bleibe ich (vielleicht zu lange) stehen:

Go into the Knautschzone.

(Hub Munich, via workartists.de)

Bene merenti

Bei jedem seiner Sätze leuchten die Augen; in diesen Momenten scheint er wie ein sehr altes Kind. Unten im Keller öffnet er stolz eine neu gestrichene Tür und doziert, es gäbe sieben oder acht Räume dieser Art hier unten. Später hat er die Zahlen genauer im Kopf, wenn es nicht mehr um Batterien für die Notfallstromversorgung geht, wenn es sich nicht nur um Randdetails handelt.

Noch weiter im NordenZwei Stockwerke höher kennt er jedes Detail, er weiß jede Information zu vielen der zig tausend Server, die aufgereiht laut vor uns liegen. Er öffnet in kindlicher Überheblichkeit Serverschränke und Racks und schiebt jeden von uns eigens in den Luftstrom um sich versichern zu lassen, wie ungewohnt warm dieser ist. Nur von Zeit zu Zeit fällt mein Blick auf die unkontrolliert zitternde Hand, die den Schlüssel umklammert zu all diesen Räumen, die diesen nie loslassen will.

Ein paar Meter weiter nehmen wir Abschied – in einem Raum, in dem bis vor kurzem ein Supercomputer stand. Wie viel zu dicke Rüssel fallen in engen Abständen gewaltige Absaugstutzen von der Decke herab, nutzlos geworden wie der alte vor uns stehende Mann, der dieses Gebäude einst plante, aufbaute und nun nicht loslassen kann.

Ein Professor des ganz alten Stils.