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Was nirgends sonst hineinpasst.

Hallo, Welt.

Ich habe heute den Jutebeutel gefunden, in dem ich all meine Schlechtwetter-Radutensilien nach meinem zweiten Sturz verstaut habe. Ich suchte sie einige Zeit, die Regenhose und die Jacken, die vor getrocknetem Schmutz strotzen. Denn die brauche ich wieder: Vor zwei Tagen fiel der erste Schnee und ich habe keine Schutzbleche mehr.

In diesem Haushalt fahren mittlerweile andere häufiger Fahrrad als ich. Doch auch mir kribbelt es langsam wieder in den Beinen. Ich will wieder raus und natürlich gibt es bessere Monate als den November, um wieder zu starten. Aber ich fürchte, die Zeit habe ich nicht. Es muss jetzt sein, es fühlt sich so an.

Flugplatz

So bequem das Leben mit Auto ist… ich habe im Spätsommer bei einer Runde um den Chiemsee gemerkt, was es bedeutet, ein dreiviertel Jahr kaum mehr Rad gefahren zu sein. Mental verkrafte ich diese Veränderung gut, doch der Körper zollt der Faulheit Tribut. Ich will so nicht enden.

Es erfordert Organisationstalent, die anderen drei und die Räder unter den Hut zu bekommen. Ehrlich gesagt: Das gelingt mir nur schlecht. Ich besuche die Orte, die ich einst nur mit dem Rennrad kannte, heute zu Fuß. In Begleitung zwar, aber dennoch zu Fuß.

Regattaanlage

Ihr ahnt, ich habe viel zu erzählen (und ganz am Ende von einem Plan): Es ist viel passiert im vergangenen Jahr. Ich hätte nicht einmal mehr zwei Wochen abwarten müssen, dann hätte dreihundertfünfundsechzig Tage lang Stille geherrscht in diesem Blog.
Aber eigentlich ist das egal.

Ich wollte nur sagen: Manchmal muss man Anlauf holen, um anschließend sehr weit zu springen.
Nein, eigentlich wollte ich sagen: Ich schreibe jetzt wieder.

Im Sonnenuntergang

Da ist er…

Sie liegen uns in den Ohren, wie laut die Straße vor dem Haus lärmt. Und es stimmt: Wenn wir uns unterhalten, muss ich häufiger nachfragen, weil Satzhälften im Hupkonzert eiliger Münchener untergehen. Immerhin kann ich mich gut darin beobachten, dass Ich stets höflich Bitte? frage als ein kurzes, zeitsparendes Hä?. Denn wir hier oben auf unserem Balkon haben es nicht eilig. Aber wir haben auch keine Zeit zu verschenken.

Regattaanlage

Als ich vorgestern mit R. von hier an den Stadtrand fuhr und dann in einer Schleife über die Regattastrecke zurück, sind mehrere Radfahrer beinahe in uns gerast, gedankenverloren und auf der falschen Seite des Radwegs. Man sollte ihnen dann aber nicht Penner! hinterherrufen, weil sie sich umdrehen und dabei den nächsten Radler hinter einem selbst gefährden. Das haben wir für Sie getestet.

Sonnenuntergang

Campagnolo

Und dann kommt J.’s SMS, der mich einlädt in den Sonnenschein an den Rand eines Biergartens auf Höhe des völlig überlaufenen Isar-Ufers. Da ist er, der Moment, in dem mich das eher abstößt als freut. Nicht wegen J. selbstverständlich, wegen der Menschenmasse an der Biegung des Flusses, wegen des Wegs dorthin durch die Stadt. Als wir vor ein paar Wochen morgens um halb sechs dort saßen in den ersten Sonnenstrahlen, konnten wir gut beobachten, wie der zivilisierte Mensch seine Umwelt behandelt. Vielleicht ist damals die Entscheidung gefallen, vielleicht auch erst in den letzten zehn Tagen, in denen mir die Rücksichtslosigkeit und Lautstärke sonderbar intensiv vorkommt.

Ich brauche Abwechslung und eine Gruppe zum Fahren, vielleicht nicht mehr in der Innenstadt, vielleicht eher im Süden des Landkreises, wo die Wahnsinnigen nicht wohnen.

Zwei Bilder

Durch das kleine Fenster in der Bordüre, die die Kassettendecks zur Wand hin abschließt, fällt – wenn die Sonne richtig steht – zu einem bestimmten Zeitpunkt am Tag ein sonderbar harmonisches Licht gleichsam warm und deutlich auf das Gemälde in der Ecke des Raums. Auf diesem Gemälde sieht man zunächst nur eine italienische Landschaft, einen angedeuteten See und einige Berge am Horizont; ein harmonisches Ensemble – zu harmonisch, wie die Kritiker schreiben. Einen Satz, den man lächerlich finden kann, wie »du bist einfach zu nett für eine Beziehung«, den immer die schönsten Mädchen als dümmste Ausrede benutzten in meiner Jugend. Einen Satz, den man wohl auch ernst nehmen muss, wenn einer ihn sagt, nämlich ausgerechnet das wunderschöne Mädchen, das man gerne mit an diesem See haben würde, wo immer der See einmal liegt.

Nicolaes Berchem - Italienische Abendlandschaft

Doch S. zieht das Stadtleben vor. Einer ihrer Gründe ist das Gesetzte, sind die Beziehungen, die man auf einem Dorf haben oder aufbauen muss, ist das Einpassen in die Struktur. Dass die Gesellschaft in bayerischen Dörfern vom Filz tatsächlich durchtränkt ist, kann man dieser Tage in allen Zeitungen nachlesen. Ich nehme das zwar zur Kenntnis, wundere mich aber selbst über meine Regungslosigkeit. Es ist ja nicht so, dass ich nicht vom Land komme, nur eben nicht vom bayerischen, wo man die Christsozialen und deren Seilschaften von Klein auf mitbekommt und sich an die Realität über Jahre hinweg gewöhnen konnte. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der Vorsteher des Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin, seinen Neffen und Kindern Türen geöffnet, vielleicht eine Ferienarbeit besorgt hat und Bekannten von Gelegenheiten erzählte, die sich ergaben und von denen er in seiner Funktion als Dorfvorsteher frühzeitig in Kenntnis gelang. Ich glaube, dass das alles recht normal ist und durchweg geduldet, wenn man die Staatskasse nicht dafür verwendet, überhöhte Löhne auf Familienkonten zu zahlen.

Doch scheint mir all das ein geringer Preis, eine Stadt zu verlassen, die zwei- und dreispurige Straßen durchziehen, die sich selbst Radlhauptstadt nennt und ein neues unterirdisches Parkhaus (für Autos) bauen möchte, die im Winter die Radwege am Stadtrand nicht mehr streut.

Pieter de Bloot - Bauernbelustigung

Nun bin ich mir sicher, dass auch Prien, Gmund, Tutzing, Inning und Herrsching im Winter die Radwege nicht streuen. Doch ist es so, dass ich einige schöne Momente erinnere, die alle gemein haben, nicht in Städten zu spielen. Sofort fällt mir ein Nachmittag ein, an dem ich auf einen See hinabsehe von einem grasbewachsenen Hügel und den Weg versperren weder Zäune noch „Den Rasen nicht betreten!“-Schilder wie vor unserem Haus. Und Liebste, du weißt, wie ihr im Dezember in den Wald zogt eine Tanne zu schlagen. Auch aus meiner Kindheit zeigt eine Erinnerung den guten alten Bernersennenhund vor den Hörnerschlitten gespannt, die Tanne obenauf und mein Vater und ich hintenan auf dem Weg zu unserem alten am Waldrand gelegenen Haus.

Lass uns den Wohnort einmal nach dem Bilderrahmen entscheiden.

Café Juliana – Zwei Jahre her

Café Juliana

Eine der ersten Erinnerungen, die ich an den Kurort am See besitze, ist meine Ankunft auf dem kleinen Bahnhof und der Besuch des Cafés schräg gegenüber, in dessen Garten ich zeitweise häufig saß, um auf Züge zu warten. Es hatte den Charme jener Cafés, die ich selten finde; das mich nicht nur deswegen an mein geliebtes Café am Grün erinnert, weil man sich seine Getränke selbst holen muss.

Es ist vielmehr so, dass sich jene dies Suchende gleichen; sitzen an einem Fluss in der Sonne mit ähnlichen Idealen und ähnlichen Ideen. Es ist naturgemäß ein Kosmos, in den nicht jeder findet, wie ein BWL-Hörsaal ein Kosmos ist oder die Freitagabende in der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deines Vertrauens.

Ich sei zwei Jahre nicht mehr hier gewesen, sagte sie zwischen dem Dampf der Siebträgermaschine. Vor zwei Jahren nämlich habe man dieses alte Haus bezogen, das mir neu ist und seltsam vertraut. Man habe den Garten gern getauscht, der an der lauten Straße des Bahnhofs lag zugunsten dieses verwinkelten Hofs. Und man hoffe, es dauert nicht wieder zwei Jahre… das Zischen der Alten Vertrauten verschluckt den übrigen Satz.

»Vegetarische Bratwurst« ist ja auch immer irgendwie ein Pseudonym für »mittelschwere Katastrophe«

Wir haben am Sonntag, als der Besuch aus der Tür war, einen Film geschaut, eine DVD, die wir lange besitzen. Ich habe ihn vor vielleicht sechs Jahren zum letzten Mal gesehen und wusste nicht wenig mehr als dass er mir damals gefiel. Und ich sagte zu ihr, der Film sei lustig.

Natürlich war der Film auch traurig. Und ich weiß endlich wieder, warum ich ihn mag. Und dass es schön sein kann, mit einem Kloß im Hals im Bett zu liegen und einen Pfirsich zu essen. Und – noch wichtiger:

Das Herzklopfen sollte nicht allein der Espresso begründen.

Liebe lässt sich nicht beschreiben
genauso wenig wie die Luft
noch der Blumenduft
und Geheimnisse, die bleiben,
nur uns’re Augen können sie einverleiben.
Wie der Heilige im Sünder
ist das Licht der Bilder Gründer.

— t: Tom Tom in The Million Dollar Hotel

Dieser Kaffee macht keine Gefangenen

Gestern haben wir uns beim Abendessen über dieses Viertel unterhalten, wo ich jetzt in dem nach einer Baulücke benannten Café Gap sitze. Das Viertel erinnert diesem Café gleich an eine einzige Baustelle, zwischen denen bepackte Menschen ihre Einkäufe aus den offenen Märkten nach Hause tragen, mäandernd durch sich stauende Autos.

Hier in einer der kleinen Straßen hinter dem Hauptbahnhof ist der Kaffee doppelt stark wie damals an der marokkanischen Straßenecke, an die ich denken muss, die Bänke sind durchgesessen und an vielen Stellen notdürftig geflickt; unverputzte Wände blecken mich an, die Toiletten sind schräg hinten im Hof. Es ist der Ort, der dem zurückgelassenen Refugium am Nächsten ist.

Ich habe von einem Menschen gelesen, für den ist dieses Café ein Stück Berlin hier unten im Süden. Es ist eines der guten.

Man kann nicht rausgehen, wenn der eigene Film im Augenkino läuft

»Zweieurodreißig« sagt sie und »wie immer«, während sie einen Becher über die Theke schiebt in einer mir unbekannten Größe. Sie lacht und ich zahle 40 Cent weniger als noch am Tag zuvor; auf meinem Weg zur U-Bahn steht sie vor ihrem Laden und ruft mir winkend »Ciao Bello« hinterher.

Ich bin wie stets in solchen Situationen paralysiert. Folgerichtig werde ich in den nächsten Wochen keinen Fuß mehr in dieses Café setzen. So war es immer.

Rückblickend wird mir deutlich, woher ich kam. Was für Zeiten das gewesen sind! Was das für Zeiten sind! Ich habe bei ihm mehr gelernt als wissenschaftlich zu schreiben. »Anspruchsvoll bist du geworden« sagt eine aus dem Schwarzweißfilm bekannte Figur und streicht mir sachte über den Kopf. Während ich vom Lehnsessel die Straße zum Museum überblicke, denke ich »Pech für die anderen, sie leiden darunter.« Doch: Der, der leidet, bin ich. Auch das habe ich gelernt in der letzten Dekade: Alles wird immer irgendwie gut.

On ne comprend pas
on ne voir jamais
on n’écoute rien

Und dieser Preis, dessen bin ich mir sicher, ist angemessen hoch. Es wird doch niemand verhungern, oder? Es wird noch niemand hier verhungern?!

Peryton

Aggressively, we all defend the role we play

Nach einhundert Kilometern tut mir alles weh.

Aggressively, we all defend the role we play

Leere Worte fallen aus dem Mund, die ich nicht aufheben werde. Stumpf laufe ich durch den Tag, unfähig zu reden und zu schreiben, Belanglosigkeiten reichen ihre Hand und sagen »Willkommen zuhaus’«.
Dass ich hier nicht mehr herwollte, weißt du. Weiß ich. Und gerade das macht mir so Wut.

Ich verfluche das Weltenmodell, alles scheint mir seltsam klar. Ich schwelge, schaue den Zeigern beim Wandern zu. Es regnet.

We hope you enjoyed your stay
it’s good to have you with us
even if it’s just for the day

The Killers – Exitlude

Ich habe ihr gestern geschrieben, ich sei im Hassen besser als im Lieben.

Foto: Fotolog.com

Rocket Radio

Von:   Peryton
Betreff:   Re: Danke und…
Datum:   6. September 2007 23:18:58 MESZ
An:   Niels

mein dank zurück. die antwort wurde zur satire. du wirst sie in den nächsten tagen bei mir finden :))

gute nacht!

Niels Fallenbeck schrieb:

….nach all dem, was wir gestern redeten:
Heißt Lieben
leiden?

Nachbar Bernd Begemann

Sie winken, beide, eine reißt sich los, läuft mit dem fahrenden Zug, verabschiedet sich von einem Menschen, den ich von hier aus nicht sehen kann.
Mir standen schon Tränen in den Augen, als sie mir letztens zuwinkte ohne zu laufen. Jetzt weine ich.

Die Landschaft, alles wird flacher, Brücken über Abgründen, ich habe das Buch beiseite gelegt, genieße, gehe in diesem Moment konform mit Menschen, die sagen, der Weg sei das Ziel.

Ich trage Socken, die an den unmöglichsten Stellen dünn sind und dämlich aussehen. Ich zeige sie jedem, den es nicht interessiert; verteidige dieses Abteil gegen die Unangenehmen. Jene, die bereits sitzen, merken nichts von meinem Krieg oder mögen trainingsbejackte Cordhostenträger, deren Kopf eine Blase voller Gedanken ist auf dem Weg nach Hamburg, auf dem Weg nach St. Pauli und in die Schanze.
Hinten über dem Horizont haben die Wolken die Form eines Tintenfasses und eines geflügelten Hirschs.

Die Sonne, alles kommt näher, ich lege den Stift aufs Papier, genieße, gehe in diesem Moment konform mit Menschen, die Sagen, die Welt sei ein Dorf.