Blumensommer und Taubenwinter

Für Espresso auf dem Balkon war es auch in Südtirol schon zu kalt; um von einstürzenden Altbauten getroffen zu werden, waren wir zu weit nördlich, das Wetter durchgängig sonnig und diese sieben Tage ein Trainingslager für meine Hüften und Beine. Zwei-, dreimal ertappte ich mich beim Gedanken, ob man diese immerfeuchten Holzlatten, aus deren Zwischenräumen dich der Abgrund der Klamm angähnt, statt am letzten Tag vor der Renovierung nicht besser am ersten Tag nach ebenjener betreten sollte.

Wie ich klein war, hat’s mir einegstopft die Knödln,
hat’s glauert mit dem Pracker in der Hand;
hat’s mir auch umdraht schon den Magen,
es war ihr wurscht, sie hat mi gschlagen,
so lang, dass i schon angfangt hab zum Beten:
Lieb Jesukind, laß d’Oma doch verrecken.

Ich hatte zahlreiche Bücher dabei, die ich ebenso zahlreich ungelesen zurückgetragen habe nach dieser Woche. Gelesen habe ich trotzdem zwei Bücher, aber viel wichtiger war die Nacht an Allerheiligen im Auto vom Schwimmbad in Brixen nach Hause an den See, an dem wir lebten. Während von der Rückbank ein schweres Atmen und leise Seufzer nach vorn drangen und das wunderschöne Mädchen träumend in die Nacht schaute, spielte ein österreichischer Pop-Sender ein Lied Ludwig Hirschs.

Einmal hab ich’s gfragt: „Wo ist der Opa?“
„Im Himmel auf an Wolkerl spielt er Geign.“
Für Führer, Volk und Vaterland
erschossen, aufghängt und verbrannt,
auch das hat sie dem Adolf stets verziehn.
Er hat ihr ja das Mutterkreuz verliehn.

Ich drehte das Radio lauter, das wunderschöne Mädchen musste mir hin und wieder Übersetzen und drehte sich nach viereinhalb Minuten lachend um, dieses Lied kenne sie von früher, ihre Eltern hatten diese CD. Ich kenne noch immer recht wenig von ihm, aber zwei Lieder höre ich seitdem jeden Tag.

Oma, pfüadigott, mach’s drüben besser,
mach keine Knödeln für die Engerln, sei so gut!
Tu nicht die Heiligen sekkiern, tu nicht den Opa denunziern;
und gehst zum Herrgott auf Besuch – ein guter Tip:
Omama, nimm’s Mutterkreuz net mit!

Ich hatte keines der Bücher Thomas Bernhards dabei, doch nach vielen Jahren Abstinenz und unzähligen Manmüsstemals wird es glaube ich wirklich Zeit.

Es wird ja nicht besser.

– Ludwig Hirsch: Die Omama

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