Bei uns auf dem Land

Ich habe nun in jenem seltsamen Zustand erreicht, in dem an sämtlichen Fahrrädern alle Kleinigkeiten und Einstellungen erledigt sind. Da war gestern noch einmal ein verregneter Nachmittag im Fahrradkeller, da war der zerlegte Antriebsstrang des Alltagsrads, der mich immer beim Anfahren an der Ampel oder draußen in der alten Heide neben dem Fußballstadion genervt hat, weil das Klacken die letzten Wildvögel verscheuchte, die von den Rollgeräuschen des Rades allein noch keinen Reißaus genommen hatten. Und weil dieses Rad ja nun Probe gefahren werden will – ja: muss! – sitze ich nun in diesem Café in der Nähe des kleinen Schlosses im Westen der Stadt und esse Tarte. 

Café Karameel, München

Unter dem geschwungenen Spiegel an der Wand gegenüber des Eingangs steht ein kleiner Tisch für zwei Personen. Daran haben sich vor wenigen Minuten zwei junge Männer niedergelassen; einer trägt ein weißes und einer ein blaues T-Shirt mit Ryan-Air-Aufdruck. In diesen Momenten würde ich gern mit dem Finger auf Menschen zeigen und rufen »Da da da«, damit auch sie all diese Situationen sieht, die mir täglich passieren. Und dann würden wir diskutieren und am Ende würde ich endlich den Satz widerlegen, dass auf dem Land auch solche Dinge geschehen.

Teich vor Deich

Auf dem Land, auf dem ich einmal lebe, geschieht dergleichen nicht. Dort entblödet sich niemand, mit einem Ryan-Air-T-Shirt zu sitzen, weil man zum Saufen schließlich in die Dorfkneipe geht und nicht den Billigflieger nimmt auf eine spanische Insel. Dort stehen keine betrunken Burschenschafter auf der anderen Straßenseite und singen nachts um halb drei und dort stehen sie nichts tagsüber in einer fünfzig Meter langen Schlange vor einer hippen Eisdiele, die in ihrem ,,Stammhaus’’ (wie das neu angeschlagene Schild nachdrücklich unterstreicht) für jede Kugel eineurofünfzig verlangt. Dass Herr Ballabeni eineurofünfzig verlangt, kann ich ihm nicht verübeln, nimmt er damit die Burschenschafter und die Münchener Schickeria aus und lässt sich seinen fünfmonatigen Winterurlaub finanzieren. Es ist nur blöd, dass auch mir sein Eis wirklich gut schmeckt.

Einspeichung hilft

Bei uns auf dem Land gibt es stattdessen eine direkte Auffahrt zum Pass und an den meisten Tagen des Jahres scheint bei uns die Sonne. Freunde kommen auf unseren Hof und wir versammeln uns abends vor dem alten Kamin.
Wenn du mich fragst, ich könnte nun umziehen, hier habe ich alles erledigt; die Räder wären soweit. Ich könnte höchstens noch die Bremsbeläge auswechseln. Aber wer braucht schon Bremsen?

6 Gedanken zu „Bei uns auf dem Land

  1. Besteht die Chance, dass dieses Land irgendwo real existiert oder ist das mehr so ein mythischer Sehnsuchtsort? Kenne jedenfalls ein paar ruhebedürftige Stadtflüchter, die sich auf dem Land echt umgeguckt haben.

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