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Fagott

Ich habe meine Mutter vor vierundzwanzig Stunden begraben. Ich ertappe mich mehrmals am Tag beim Staunen über die Tatsache, dass sie nicht mehr da ist, die immer da war. Ich ertappe mich, wie ich an jenem Riss stehe zwischen langem Erwarten und der Realität, wie ich gestern stand vor ihrem Grab.
Asche zu Asche.

tree

Nach dem Strampeln in den letzten zwei Wochen, nach den zweitausend Kilometern auf den Autobahnen, endlich ein klein wenig Ruhe und einen Espresso auf dem Balkon mit Blick auf die Alpen. Irgendwo dort hinter ist gerade ein Freund. Ab jetzt wird es nur noch körperlich anstrengend, aber wenn ich mit dem Rennrad dort hinten über die Berge komme …
Lieber heute als morgen.

Erde zu Erde.

Tosende Stille

Mama,

ich erinnere mich an den Anruf vor etwas mehr als zwei Jahren, an Dein „Ich habe Krebs“ und wie still es danach war in der Leitung. Ich habe die Detonation gespürt, die Deinen Unterleib zerfetzt hat, ohne sie zu hören. Ich erinnere mich noch gut an den Anruf.

Ich erinnere mich, dass Du mich batest, mit Dir in die Klinik zu fahren am Tag vor der großen Operation. Dass ich auf der Veranda stand und einen Punkt in den Feldern fixierte, als Deine noch benommene Stimme am anderen Ende sagte, Dir ginge es gut.

„Mir geht es gut“ ist ein Satz, an den ich mich gewöhnte, weil ich ihn tausendfach hörte. Du hast ihn mir immer gesagt, weil ich Dein Sohn bin. Ich kann mich an viele Bausteine erinnern, die ein Mosaik ergaben mit jenem Satz als scharfer Kante zwischen den grellen Flächen. Oft musste man gutgläubig sein, Dir diesen Satz zu glauben. Ich habe ihn geglaubt, weil ich Dein Sohn bin.

Als ich Dir erzählte, ich wünschte mir nur halb so viel Kraft zu haben wie Du, hast gesagt, dass ich sie hätte.
Ich soll so viel Kraft haben wie Du, die immer wieder aufgestanden ist, auch wenn niemand mehr glaubte, Du könntest überhaupt noch sitzen? Soviel Kraft wie Du, die immer wieder aufgestanden ist, auch wenn die Kraft dafür fehlte? Die vor einem Monat noch sagte, sie hätte sich mehr Zeit gewünscht – trotz allem?
Trotz all dem?

Ich erinnere mich an das Gespräch mit der Ärztin vor sechs Wochen und an ihre Einschätzung, uns blieben bestenfalls noch vier Wochen. Ich erinnere mich auch an Dein grimmiges „Der werde ich’s zeigen!“.
Was haben wir darüber gelacht am vorvergangenen Wochenende.

Kaum einer weiß von Deinem Lebewohl, dass Du mich anriefst am letzten Mittwoch; die, die es wissen, können nicht glauben, wie Du das geschafft hast. Dein Name stand auf meinem Telefon und ich hörte es rascheln am anderen Ende der Leitung und dann eine Stille. Ich habe Deinen Namen gerufen in der Hoffnung, Du würdest ihn hören. Nein, ich habe nicht Deinen Namen gerufen;
ich habe „Mama“ gerufen.

Ich glaube, Du hast das gehört.
Vielleicht auch das Danke danach, in der tosenden Stille.

gone

Salirà il sole del mezzogiorno

Der Frühlingseinbruch kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Winter ist, und nicht verhindern, dass ich bei den Liedern von Gianmaria Testa traurig werde. Ich sitze hier und schaue mir die Bilder von Bergseen an, die mir ein Freund zusendet, dem ich erzählte, dass ich unbedingt wieder nach Italien muss. Testa singt, ich verstehe kein Wort, doch ich schmelze.
Deutschland für immer ist es auch nicht; war es wohl nie.

Focus Mares Rapha

Zwei, drei Jahre ist es her, dass ich das letzte Mal mit dem Rennrad auf Pässen unterwegs war. Seitdem habe ich verdrängt, wie sich das anfühlt: Die Höhensonne auf der Haut, auf schmalen Reifen in den Hang geklebt unterwegs auf diesem kleinen asphaltierten Weg ins Tal (nach Italien!) mit Blick auf die Schnellstraße am anderen Hang, die Ruhe, der Wind. Die Abende am Bergsee, um den wir auch im Regen liefen. Die Sätze, die sie damals noch nicht konnte, wenn das Eis auf der Jacke landet anstatt im Mund:
„Das ist doch egal, oder?“

Es ist egal. Es ist ziemlich vieles egal, wenn Du mal in Italien gewesen bist und gefühlt hast, was ich gerade fühle, möchte ich sagen. Das wird sie irgendwann lernen, vielleicht redet sie irgendwann wie ihr Alter: Wir haben uns versprochen, in zehn Jahren über die Alpen zu fahren. Auf Rennrädern. Ich freue mich, aber ich fürchte, so lange kann ich nicht warten.

Hallo, Welt.

Ich habe heute den Jutebeutel gefunden, in dem ich all meine Schlechtwetter-Radutensilien nach meinem zweiten Sturz verstaut habe. Ich suchte sie einige Zeit, die Regenhose und die Jacken, die vor getrocknetem Schmutz strotzen. Denn die brauche ich wieder: Vor zwei Tagen fiel der erste Schnee und ich habe keine Schutzbleche mehr.

In diesem Haushalt fahren mittlerweile andere häufiger Fahrrad als ich. Doch auch mir kribbelt es langsam wieder in den Beinen. Ich will wieder raus und natürlich gibt es bessere Monate als den November, um wieder zu starten. Aber ich fürchte, die Zeit habe ich nicht. Es muss jetzt sein, es fühlt sich so an.

Flugplatz

So bequem das Leben mit Auto ist… ich habe im Spätsommer bei einer Runde um den Chiemsee gemerkt, was es bedeutet, ein dreiviertel Jahr kaum mehr Rad gefahren zu sein. Mental verkrafte ich diese Veränderung gut, doch der Körper zollt der Faulheit Tribut. Ich will so nicht enden.

Es erfordert Organisationstalent, die anderen drei und die Räder unter den Hut zu bekommen. Ehrlich gesagt: Das gelingt mir nur schlecht. Ich besuche die Orte, die ich einst nur mit dem Rennrad kannte, heute zu Fuß. In Begleitung zwar, aber dennoch zu Fuß.

Regattaanlage

Ihr ahnt, ich habe viel zu erzählen (und ganz am Ende von einem Plan): Es ist viel passiert im vergangenen Jahr. Ich hätte nicht einmal mehr zwei Wochen abwarten müssen, dann hätte dreihundertfünfundsechzig Tage lang Stille geherrscht in diesem Blog.
Aber eigentlich ist das egal.

Ich wollte nur sagen: Manchmal muss man Anlauf holen, um anschließend sehr weit zu springen.
Nein, eigentlich wollte ich sagen: Ich schreibe jetzt wieder.

Schmerz ist Schwäche, die den Körper verlässt

Vor etwa zweieinhalb Wochen bin ich mit dem Rennrad gestürzt. Am Ende einer Unterführung im Norden von München, in einer Linkskurve. Fragte mich einer, ich würde antworten, dass ich nicht zu schnell gewesen bin. Doch offenbar schon, für die Verhältnisse an jenem Mittwoch morgen: den strömenden Regen. Wie in alten Action-Filmen verlangsamte sich die Wahrnehmung (oder ich stürzte wirklich sehr langsam) und ich zog den linken Arm nach oben, um den Sturz abzufangen.

Waiting Woman

Der Chirurg, mit dem ich zwei Stunden später über diesen Unfall sprach, schickte mich zum Röntgen und weil er sich unsicher war, schickte er mich weiter zum CT. Dreifach gebrochen, alles in allem glimpflich, jedoch ein Knochenstück, an dem die Sehen am Oberarm hängen, bereits nach oben verschoben. Eine Woche später ist klar, dass möglichst schnell operiert werden muss.

Humerusfraktur

Wann ich das nächste Mal aufs Rad steigen kann, ist ungewiss. Ich habe nun Zeit genug, um mich über den Ersatz für jene Reifen zu informieren, in die ich das Vertrauen an jenem Mittwoch Morgen verloren habe. Ich bin zum ersten Mal seit zwei Jahren froh, diesen alten Rollentrainer zu haben. Wenn mein Kreislauf wieder belastbarer ist, werde ich wenigstens zu Hause wieder Radfahren können. Ohne Kurven, ohne Laub und ohne Reifen, denen ich nicht vertraue.

Über den Unfall und über mehr haben wir in unserer aktuellen Podcast-Folge gesprochen. Die Geschichte dauert etwa eine Stunde und beginnt bei Kapitelmarke 8.

Blumensommer und Taubenwinter

Für Espresso auf dem Balkon war es auch in Südtirol schon zu kalt; um von einstürzenden Altbauten getroffen zu werden, waren wir zu weit nördlich, das Wetter durchgängig sonnig und diese sieben Tage ein Trainingslager für meine Hüften und Beine. Zwei-, dreimal ertappte ich mich beim Gedanken, ob man diese immerfeuchten Holzlatten, aus deren Zwischenräumen dich der Abgrund der Klamm angähnt, statt am letzten Tag vor der Renovierung nicht besser am ersten Tag nach ebenjener betreten sollte.

Wie ich klein war, hat’s mir einegstopft die Knödln,
hat’s glauert mit dem Pracker in der Hand;
hat’s mir auch umdraht schon den Magen,
es war ihr wurscht, sie hat mi gschlagen,
so lang, dass i schon angfangt hab zum Beten:
Lieb Jesukind, laß d’Oma doch verrecken.

Ich hatte zahlreiche Bücher dabei, die ich ebenso zahlreich ungelesen zurückgetragen habe nach dieser Woche. Gelesen habe ich trotzdem zwei Bücher, aber viel wichtiger war die Nacht an Allerheiligen im Auto vom Schwimmbad in Brixen nach Hause an den See, an dem wir lebten. Während von der Rückbank ein schweres Atmen und leise Seufzer nach vorn drangen und das wunderschöne Mädchen träumend in die Nacht schaute, spielte ein österreichischer Pop-Sender ein Lied Ludwig Hirschs.

Einmal hab ich’s gfragt: „Wo ist der Opa?“
„Im Himmel auf an Wolkerl spielt er Geign.“
Für Führer, Volk und Vaterland
erschossen, aufghängt und verbrannt,
auch das hat sie dem Adolf stets verziehn.
Er hat ihr ja das Mutterkreuz verliehn.

Ich drehte das Radio lauter, das wunderschöne Mädchen musste mir hin und wieder Übersetzen und drehte sich nach viereinhalb Minuten lachend um, dieses Lied kenne sie von früher, ihre Eltern hatten diese CD. Ich kenne noch immer recht wenig von ihm, aber zwei Lieder höre ich seitdem jeden Tag.

Oma, pfüadigott, mach’s drüben besser,
mach keine Knödeln für die Engerln, sei so gut!
Tu nicht die Heiligen sekkiern, tu nicht den Opa denunziern;
und gehst zum Herrgott auf Besuch – ein guter Tip:
Omama, nimm’s Mutterkreuz net mit!

Ich hatte keines der Bücher Thomas Bernhards dabei, doch nach vielen Jahren Abstinenz und unzähligen Manmüsstemals wird es glaube ich wirklich Zeit.

Es wird ja nicht besser.

– Ludwig Hirsch: Die Omama

15 kids in the backyard drinking wine

Ich habe den letzten Monaten etwas Wichtiges verloren: Das Nachdenken. Stattdessen habe ich das ein oder andere Projekt gestartet, mich aber nie hingesetzt, meinen Gedanken nachzuhängen. Ich bin Herumgelaufen, ich bin Herumgerannt, beinahe in „Keine Zeit“ ertrunken und habe lange kein Lied zu Ende gehört.

No Man's Station

Man hat mir irgendwann gesagt, ich würde vielleicht zu viel denken. Ich habe es ein halbes Jahr lang probiert, ich habe schöne Dinge erlebt und vielleicht ging es mir nie so gut wie gerade. Doch ich möchte nicht der sein auf der Flucht, ich möchte nicht in Belanglosigkeiten flüchten, weil ich keine Zeit habe, die Unterschiede zu erkennen.

Ich bin nicht mehr der, in den sie sich verliebte.
Vielleicht habe ich mich zum Guten verändert.
Ich bin nicht mehr der, mit dem ich gern mein Bett teilte.
Mit Sicherheit habe ich das, mir fällt einiges ein.
Ich habe viel gelernt und doch werde ich wahrscheinlich die nächsten Jahrzehnte noch versuchen, mich zu verstehen und wer ich bin.

Me Myself and I

Ich möchte wieder mehr schreiben,
ich möchte wieder ein Lied bis zum Ende ertragen.
Und wenn ich wieder mehr nachdenke,
kann ich auch wieder anfangen zu trinken.

You tell me stories of the sea
and the ones you left behind
and the ones we left behind

Sag, wenn’s eng wird, kann ich bei Dir pennen?

Ich mag Regentage, an denen sich Wassertropfen auf den Pflanzen brechen oder – wenn wir Nordwind haben – der Regen gegen die großen Fensterfronten trommelt. Früher, in meiner alten WG, hatte ich ein Dachfenster, einfach verglast, das bei heftigem Regen großen Lärm verursachte. Das Fenster war genau über meiner Matratze und war seitlich angeschlagen: War es offen, ergab sich ein großer Spalt, durch den ich an dem Fensterrahmen (wenn man ihn so nennen mochte, es war ein altes Metallfenster) vorbei in den Himmel blicken und die Sterne beobachten konnte. Über die Jahre bin ich nicht selten aufgewacht, weil es mir nachts ins Gesicht regnete. Heute ist einer jener Tage.

Der Olympiaturm und sein Stadion

Der Regen hat vor ein paar Minuten aufgehört und gibt den Blick auf den verhangenen Himmel frei. In meinem Arbeitszimmer kämpft die alte Bankierslampe Seite an Seite mit dem spärlichen Licht, das von draußen hereinfällt: Heute Mittag rief die Kinderkrippe an, jetzt liegt das wunderschöne Kind im Bett, mit roten Wangen, in den Schlaf getrommelt von einer Garnison Regenwolken, und träumt. Ab und an zucken dabei seine Lider.

Socken

Und ich? Am Schreibtisch, auf der Couch in zu kurzer Jogginghose, eingelaufen während der ersten Wäsche, und in bunten Socken, die gestern eine Apple-Store-Mitarbeiterin in ihrem unifarbenen blauen T-Shirt sichtlich verwirrten.
Uniform sieht scheiße aus.
All Colors Are Beautiful.

Man weiß ja immer erst, was man hatte…

Als ich T. kennenlernte, war ich beinahe 15 Jahre jünger als jetzt und lebte in Marburg. Dass ich T. überhaupt kennenlernte und sie eine meiner wichtigsten Bezugspersonen werden sollte, habe ich G. zu verdanken, den ich selten spreche und sehr oft vermisse. Vor wenigen Wochen habe ich geträumt, wir seien zusammen gezogen.
Ich vermisse sie beide.

T. verließ Marburg irgendwann vor mir und zog ein Stück in den Norden, in dem Sie immer noch lebt. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, denke ich an ein kleines Blockhaus im Wald, an das wilde Gehölz eines Nationalparks und an Wildkatzen. Ich glaube, ich liege ganz nah an der Wahrheit. T. hat mir gestern Fotos gezeigt von ihrer kleinen Wohnung auf dem Land, für die sie soviel zahlt wie ein Münchner für eine Garage in hervorragender Lage. Aus jedem Möbelstück, aus jedem Detail ihrer Wohnung spricht jene, die ich aus Marburg noch kenne.

Unten am See

Ich fahre endlich wieder Zug,
trinke endlich wieder Bahn-Kaffee.
Ich habe das Gefühl, seit Jahren zu wenig nachzudenken
und weiß nicht, was am Erwachsensein so toll sein soll.
Ich müsste mal wieder raus – sicher in den Norden.
Zeit zu haben wäre toll.

Großstadtrevier

Man kann von hier oben die Polizeiautos hören. Im letzten Jahr, in der alten Wohnung, haben wir jede Nacht die Krankenwagen gehört. In den achten Stock, in dieses Zimmer zur Nordseite, dringen die Sirenen der Polizeiwagen, Richtung Stadt rasend, durch die alten Fenster herein. Diese Sirenen klingen schlimmer als jene der Krankentransporte.

Längental

Hier fühlt es sich großstädtischer an, genau wie im Einkaufszentrum zehn Minuten entfernt. Wenn ich das erzähle, lachen sie und führen aus: provinziell ist es, das Gegenteil einer Großstadt! Vielleicht reden wir aneinander vorbei, vielleicht verstehen sie nicht. Es ist mein Fernsehen, wenn ich hineinlaufe, es ist wie ein Stück im Theater, das ich nur so lange betreten kann, wie ich Distanz dazu wahre – ich darf mich nie daran gewöhnen.

Längental

Ich liebe den Blick in den Süden – bei gutem Wetter bis hinab in die Alpen! – wie ich den Blick in den Norden liebe auf die Gebäudereihe, hinter der die Großstadtautobahn die Sirenen in ihr Inneres leitet. Ich liebe die Stille dazwischen und die offenen Türen. Es fühlt sich alles richtig an. Und doch weiß ich nicht, wie lange wir bleiben. Es ist nicht für immer. Es ist für den Moment.