Uni


Und es kommt [...] eine Kaltfront
von der sich noch Generationen erzählen

Irgendwann muss man sich dagegen entscheiden. Oder dafür, jedenfalls dazwischen. Und während das Irgendwann zu implizieren versucht, dieser Quatsch sei irgendwann vorbei, trifft man die Entscheidung jedes Mal neu, in immer kürzen Abständen; die Einschläge kommen näher.

Das Lachen, das Stille bricht.
Das Gesicht, das widerlich scheint.
Schön, wäre es in der Unterzahl.

Du stellst dir vor, dass in allen Winkeln der Welt
Menschen wohnen und nur durch die Länge der Schatten unterschiedlich sind

Tomte - Der letzte große Wal

»Tschüss« mag man ihm nachrufen.

Emiliana Torrini

Und ihnen, die ich fein säuberlich sortiert, thematisch geordnet und möglichst platzsparend seit vier Wochen in den Karton lege, um Platz zu sparen für alles, was noch kommt. Um ihn auf einem Speicher zu vergessen, bestenfalls den Kindern zu zeigen. Sowas sagt man ja immer.
Heute endlich Karton zuklappen, einen Meter vom besten Klebeband und mit schwarzem Fasermaler:

- Studium -
Weihnachten ‘06

Fast. Die Diplomarbeit noch.

Frustrierend ist, wenn man sich den ganzen Nachmittag durch gigabyteweise Accounting-Daten kämpft um festzustellen, dass die (fremde) Software diese Daten keineswegs nach einer festen Struktur erstellt, sondern die Spalten innerhalb der Datei variiert. Dies resultiert in stundenlangen Bemühungen, eine verwertbare Datenbasis zu schaffen, aus der die selbstgeschriebenen Statistiktools tatsächlich sinnvolle Ergebnisse generieren können.

Teekanne

Frustrierend ist, wenn man feststellt, dass diese Ergebnisse nur einen begrenzten Nutzen haben, weil das Anwenderprofil den Anforderungen im Projekt widerspricht. Haarig wird es, wenn man trotzdem mit ihnen das Projekt rechtfertigen muss.

Diese Veröffentlichung ist schuld daran, dass ich in den letzten Tagen ständig (und ausschließlich) grünen Tee trinke und mir die Nachmittage und Nächte mit Scripten um die Ohren schlage.

(Der phantastische Titel stammt aus dem gleichnamigen Lied der Band My darling YOU!. Danke Julia.)

»Geisteswissenschaften studiert man zu Hause am Schreibtisch« sagte eine Freundin sinngemäß, und manchmal mag ich diese und dieses Arbeiten zu Hause. In den Seminaren des Semesters lasse ich mich schon lange nicht mehr blicken; Zum Einen, weil dieser Zweig meines Studiums in drei Wochen beendet ist, zum Anderen, weil die Freundin mit dem obigen Satz Recht hatte.

Als ich die Prüfung vor einem Monat terminierte, habe ich nicht an die WM gedacht. Ich weiß noch immer morgens nicht, wer abends spielt und verfolge meine Nachbarn beim Feiern der Spiele meist durch das geöffnete Fenster (erst zweieinhalb Spiele habe ich mittlerweile am Fernseher verfolgt) und gerade beim Spielen auf der Konsole. Einer meiner Nachbarn scheint gut zu sein, der andere nennt ihn ständig »Spasti«.

Während über mir gespielt wird und Habermas und Hickethier auf mich warten, lese ich die jetzt.de-Seite der Süddeutschen Zeitung und die grandiose Beilage der Zeit von letztem Donnerstag. Es geht um Jugend in Ost und West, es geht um Abschied und es geht um die Freunde und was aus ihnen geworden ist.

Der AStA Marburg versendet Spam, getarnt als Protestmail gegen Studiengebühren. Unter http://www.freie-bildung-ueberall.de/ wurde ein PHP-Script installiert, welches ein vorgefertigtes Schriftstück »an alle hessischen Landtagsabgeordneten der CDU und FDP mit einem Mausklick verschick[t]«.

Nach Eigenauskunft beteiligten sich 1302 Personen in vier Tagen, das entspricht 67756 Mails insgesamt oder 1302 Mails pro Abgeordnetem, also knapp 326 eMails pro Abgeordnetem am Tag. Ein Herr Mölller von der hessischen CDU hat reagiert und Mail-Weiterleitungen auf einige ihm bekannte Adressen der Protestbewegung gesetzt. Zwar stimme ich mit Möllers Einstellung pro Studiengebühren in keinster Weise überein, bin jedoch bei der Weiterleitungsgeschichte auf seiner Seite. Weitere Hintergründe bei heise.de und dem Protestblogger.

Der AStA Marburg, attac Marburg und das Aktionsbündnis gegen Studiengebühren haben sich hier wieder mit blindem Aktionismus gepaart mit »Ich kann PHP!« hervorgetan und agieren ähnlich intelligent wie die »Alles für alle und zwar umsonst« blökenden Vollpfosten auf den absolut notwendigen Demonstrationen gegen Studiengebühren.
Herr Reinhard aus dem Impressum weiß schon, warum er keine eMailadresse angegeben hat.

Der Mann auf der Straße macht sich keine Vorstellung, in welchem Maße gerade die Universität ein Hort der Dummheit ist.

(Siegfried Streufert, amerik. Intelligenzforscher)

edit: Gerade ist der Mailomat vom Netz gegangen.

In den Vorlieben gleiche ich meiner Katze zumindest farblich - die Lieblingsfarben von Katzen ist blau.
Gestern wollte ich eigentlich über Leos Geburtstag schreiben, er wurde immerhin vier Jahre alt, wir feierten das mit einem rauschenden Fest. Wie gewöhnlich verschlief er seinen Ehrentag zu mindestens fünfundsiebzig Prozent, doch schienen ihm seine Geschenke in den übrigen sechs Stunden einige Freude zu bereiten.

Sebastian sagte mal, dass er am besten nachts arbeiten kann. Ich habe ab und zu die Frühaufsteherthese probehalber verteidigt, muss aber jetzt einsehen, dass mir der Vormittag außer Kaffee und der Tageszeitungs-Lektüre wenig bringt, arbeiten kann auch ich erst später, abends.
So kommt es, dass ein drückender Termin nach dem lange ausgemachten Kinobesuch und - man will’s ja nochmal versuchen - ab acht Uhr morgen bedient werden möchte. Dann muss das mit dem Aufstehen aber besser klappen als heute.

Wir standen und redeten, als ich sagte, dass doch Accenture gar nicht schlecht klinge. Er schaute mich entsetzt an, kramte wortlos die aktuelle Zeit hervor und drückte mir den Innenteil in die Hand mit den Worten, das solle ich doch bitte einmal lesen: »McKinsey und ich«

Also liege ich hier, mit einem Kaffee auf dem Nachttisch, dem Laptop auf dem Bauch und der Zeitung in der Hand und würde viel dafür geben, dass ich diesen Segeltörn auf der Ägäis hätte machen können. Dass mein Gegenüber etwas anderes bezwecken wollte, weiß ich aus seinen die Übergabe der Zeitung begleitenden Worten.
Ich bin gerade in einer Phase, in der ich meine Art zu arbeiten, vielmehr mich für die vergangenen und vertanen Jahre hasse. Das ist dieser “Hättest du doch mal früher”-Gedanke, der mich seit Ewigkeiten begleitet, und dem ich jetzt endlich, wenige Monate vor meinem Diplom ein Schnippchen schlagen möchte.
Und da sind ein paar Dinge, die deshalb gar nicht so einfach sind.
Jetzt geht wieder alles von vorne los.

Es ist erschreckend, wie schnell die Zeit vergeht. Mir kommt es vor, als habe ich erst gestern geschrieben, dabei ist es schon drei Tage her (und auch das war nur ein Eintrag gegen die Verwaisung des Blogs).

Im Augenblick befinde ich mich knietief in zwei Projekten und entdecke die Möglichkeiten eines Wikis für mich. In beiden Fällen benutze ich es zur Dokumentation und bin begeistert, auch wenn ich keineswegs solch beeindruckende Ergebnisse wie die Wikipedia vorweisen kann.
Zwischenzeitlich habe ich meine beiden Hausarbeiten im Nebenfach zurückbekommen, in der Arbeit über Weblogs war einer der größten Kritikpunkte, dass wir aus der Wikipedia zitiert haben. Sie passt meines Erachtens vorzüglich zur Blogosphäre, im Lehrkörper jedoch ist die Akzeptanz der alternativen Enzyklopädie noch nicht derart weit vorangeschritten.

Viel mehr Sorge bereitet mir mein zweites Diplomprüfungsthema: Vilém Flusser. Auch hierzu entstand eine Hausarbeit, für die Abschlussprüfung werde ich jedoch um die Lektüre der zehn, in meinem Regal wartenden, Bücher nicht mehr herumkommen.

Das war er also, der Linuxtag 2006. Am Morgen eröffnete ein Vortrag über Nietzsche, den meine Begleitung - ein Kommilitone - und ich nach fünf Minuten verlassen mussten. Keine Präsentation, der Vortrag wurde vom Blatt abgelesen und entsprach in keiner Weise unseren Erwartungen, obwohl wir nicht wussten, was wir erwarten sollten und gerade darum im Auditorium saßen. Wir vertrieben uns die Zeit zwischen den wenigen interessanten Ständen, die von den auf einer Linuxmesse erwarteten Freaks belagert wurden.
Den einzig interessanten Vortrag hielt Steven Hand von der University of Cambridge über Virtualisierungstechnologien. Hier trafen wir unseren Dozenten, der an unserer Uni eine Vorlesung mit genau diesem Titel hält und sich nach dem Vortrag begeistert in die Konversation mit dem Referenten stürzte, während wir den nächsten Fehler begingen.

Eine Rahmung kam durch den Abschluss zu Stande, den wir zwei Stunden vor dem eigentlichen Ende terminierten, weil der Parkschein abgelaufen war und die letzten Stunden wenig Spannendes versprachen. Weil Informatiker zum Lachen in den Keller gehen, folgten wir ihnen und dem Programmheft zu einer Vorstellung, deren Titel uns umgehend zwei Stufen auf der Nerd-Leiter aufwärts katapultieren sollte. Der Dozent war ein ebensolcher Ubergeek, seine Präsentation erschöpfte sich im Vorlesen einer Manpage; Während er nur bei einem eigenen grenzwertigen Witz über Firewire einen Lachanfall bekam, rieben Heiko und ich unsere vor Lachen tränenden Augen in der letzten Reihe. Nebenan scheiterten »Hacker« an einer normalen Anmeldung an einem Computer und wenig später saßen wir bereits im Auto und gestanden ein, dass dieser Tag die Erwartungen nicht erfüllt hat.

»Sommerregen ist nützlich. Er macht größer, wenn man keine Mütze auf hat.«
»Willst du größer werden? Ich bin doch auch nicht größer.«
»Damit ich größer bin als du, Lisa.«
»Mußt du denn größer sein als ich, du?«
»Ich weiß nicht. Ich finde.«

(aus: Wolfgang Borchert - Liebe blaue graue Nacht)

Das Kleingeld reicht nicht für einen Kaffee, ich sitze im ungemütlichen Foyer des mathematischen Fachbereichs und durchsuche die mir bekannten Bücher-Dienste nach den Literaturangaben des Dozenten der letzten Veranstaltung. Das Geld für die Kaffeemaschine könnte ich auch in Bücher investieren, an Empfehlungen mangelt es nicht.

Statt mich hinter dem Bildschirm zu verkriechen würde ich meine Kommilitonen lieber bei einem Heißgetränk - »Cappuccino mit extra Zucker« heißt es verlockend am Automaten; das Ergebnis ist alles andere, aber trinkbar - studieren. Diese Gruppe aufgekratzter Jugendlicher vor dem ersten Mathematik-Tutorium zum Beispiel oder jene, deren Namen perfekt zu ihrem Erscheinungsbild passen:
Wer heißt denn heute noch Udo?

SIE unterwandern die Uni ja seit zweihundert Jahren. Ganz Marburg, wenn man es genau nimmt. Die Menschen laufen wie Autos durch die Gänge, überwacht durch GPS, fernsteuerbar durch Elektrik, die ja überall ist.

Während er dies sagt, zeigt er mit der Hand auf die nicht sonderlich saubere Decke der philosophischen Fakultät und sitzt vor mir auf dem Tisch, direkt neben der alten Schultasche meiner Mutter, die ich jetzt im Studium verwende, und meinem Kaffee, über den wir ins Gespräch kamen. Er fragte mich, ob ich “das” noch bräuchte, er würde eigentlich zwei Kaffees benötigen, “die brühen ihn immer so schwach hier”.
Entschieden hielt ich die Hand über meinen Becher und schaute kurz aus der Süddeutschen auf. In den folgenden zwanzig Minuten lerne ich eine Menge über die Stasi (und eigentlich alle anderen Geheimdienste) sowie Implantate, von denen ich nie gehört habe, nie hören konnte und die es DENEN ermöglichen, Menschen fernzusteuern. Mit den Drähten alter Radiospulen um Arme und Beine sei er im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen, unter einem Dach mit der Mafia.

Er verabschiedet sich, einen schmierigen Belag von seinem Jakett zurücklassend, mit den Worten

Aber wir lassen uns so leicht nicht kriegen, was?
Pass auf dich auf!

Gerade ist die letzte Seite der Hausarbeit über linguistische Merkmale in Blogs aus dem Drucker gekommen, der heute - natürlich - seltsam sponn. Damit können wir das Sechzig-Seiten-Monster nach einer 19,5-Stunden-Schicht endlich ad acta legen und ich mich einem in den letzten Wochen sehr vernachlässigten Programmierprojekt widmen.

Eigentlich wollte ich hier früher schreiben.
Eigentlich kann ich gar keine Blogs mehr sehen.
Zur Zeit.

Gute Nacht.

Oh, so wird das nichts. Gestern nachmittag im Café habe ich ein wenig an der Blogs-Hausarbeit geschrieben und für heute hatte ich hehre Vorsätze. Man sollte meinen, dass man für sich allein deutlich schneller vorankommt als im gemeinsamen Gespräch, vor allem wenn die Themen disjunkt verteilt sind.
Nichts da. Das Wachstum der Schreibe bleibt heute weit hinter den Erwartungen zurück und mir nichts anderes übrig, als in den Abendstunden meiner Kreativität freien Lauf zu lassen.
Wenigstens habe ich gesaugt.

Prog Rock

Das Haus verwaist, im Treppenflur herrscht aufgeregtes Treiben, ich höre sie Sofas um die Ecken tragen, Geschirr klirrt von oben und hievt mich auf den zweiten Platz der am längsten hier residierenden Mieter; nur das eine Paar, welches meine Pakete immer entgegen nimmt, lebt länger hier.

Könnte man tagsüber schlafen, fiele das nächtliche Arbeiten nicht so schwer, das ich wieder für mich entdecke. Tagsüber bin ich bestenfalls zum Lesen und zu kurzen Notizen brauchbar, der überwiegende Teil meiner Hausarbeit entsteht in den Abendstunden bei neu entdecktem Instant-Cappuccino von Tchibo.

Hausarbeit

Die relevanten Bücher rufen die Erinnerung an das letzte Seminar des vergangenen Semesters hervor, in dem ich mein Buch vergaß und mich neben eine Kommilitonin setzte, die mir ihres freudig entgegenstreckte mit den Worten

Ich hab dich gesehen!
Im Internet!

Hallo. Ich habe mich sehr unwohl gefühlt neben dir.

Das erste Projekt ist abgeschlossen und es geht nahtlos weiter zum zweiten. Dennoch ist es Zeit, die obligatorischen drei Kreuze ob des hinter sich gelassenen Monsters zu machen.
Folie aus der PräsentationDie Abschlusspräsentation hinterließ einen guten Eindruck und ich merke, dass der Wohlfühl-Faktor stark mit dem Foliendesign korreliert: das Halten eines Vortrages macht bei ansprechend gestalteter Präsentation doppelt Spaß.

Dass anschließend der Professor bedauert, keine Abschlussfeier stattfinden zu lassen und wir ihm “auf jeden Fall” Bescheid sagen sollen, würde dies nachgeholt, rundet den positiven Gesamteindruck ab; man vergisst für die Minute, dass der Schlaf in den kommenden Nächten besser abgeschafft werden sollte.

Wenn man sowieso keine Zeit hat, kommen meist zusätzliche Anforderungen, die vom nicht mehr vorhandenen Zeitkontingent weitere Teile abfordern.

tar

Die bis Dienstag zu lösende Aufgabe im einen Praktikum klingt einfach und fügt sich auf meiner To-Do-Liste zwischen »Softwareprojekt abschließen« und »Gliederung für die Hausarbeit über Vilém Flusser« nahtlos ein. Der vom Betreuer mit einer Stunde veranschlagte initiale Teil nahm den gesamten gestrigen Tag in Anspruch. Heute stehen drei größere Teilaufgaben auf dem Programm, von der die erste bereits vor dem Frühstück unbeeindruckt gegen die Wand lief.

Während das oben angesprochene Softwareprojekt sich dem Ende zuneigt (allerdings längst hätte abgeschlossen sein sollen) und präsentiert werden muss, pocht die Hausarbeit über den »Medienphilosophen« mit Vehemenz an die Tür. Sie wird die Kommunikationsstrukturen im Internet dem Netzgedanken Flussers gegenüberstellen und Hand in Hand mit dem Kommunikationsseminar des vergangenen Semesters gehen, dem sich ebenfalls eine Hausarbeit anschließt.
Flusser hat nicht nur wegen des früheren Abgabetermins Vorrang: Unangenehme Dinge erledige ich gern zuerst. In den vergangenen Tagen kamen allein sechs von ihm geschriebene Bücher, flankiert von Teilaspekten anschneidender Literatur anderer Autoren, denen bis Ende des Monats meine Aufmerksamkeit gilt. Die Lektüre philosophischer und medienwissenschaftlicher Fachliteratur geht auch bei spannenden Themen erfahrungsgemäß langsam von der Hand.

Mädchen stehen nicht auf nette Kerle. Was viele Männer als Mythos abstempeln, um nicht vollends zu verzweifeln, ist ein pandemieähnliches Problem für Menschen wie mich. Wenn Don Alphonso jetzt behauptet, “Wer weniger als 2.000 Bücher hat, kriegt doch keinen ordentlichen Geschlechtspartner”, bleibt zu fragen: Wie?

Eine Gruppe, die typischerweise weniger als zweitausend Bücher im Regal stehen hat - meistens für die Allgemeinheit uninteressante Sonderausgaben von The Art of Computer Programming - bilden die Informatiker. In den Vorlesungen des Fachbereichs sitzen mitunter normale Menschen, wenn allerdings abends ein Vortrag angesiedelt ist, den eine Dozentin der Theoretischen Informatik hält, ist das Auditorium ein konzentriertes Gemisch genannter Gruppe. So war es wenig verwunderlich, dass sich kaum weibliche Zuhörerschaft einfand, lediglich ein Student überredete seine Freundin, eine Nicht-Informatikerin, die - als der Vortrag die Ankündigung “auch für fachfremde Personen” Lügen strafte - mit ihrer Fassung rang. Dem Kommilitonen wünsche ich, dass sein Buchbestand weit unter zweitausend Bänden liegt.

Auch ich brachte einen Freund, der zwar Informatik studierte, vor langer Zeit aber wechselte. Er beugte sich nach einer halben Stunde herüber: “Ich bin kuriert.”

Great BrillainHeute abend wurden im Linguistik-Seminar erste Ergebnisse der Auswertung von eMails präsentiert. Eine der Arbeitsgruppen beschäftigte sich mit den sprachlichen Mitteln in Spam-Mails. Der Korpus von zwanzig eMails kann nicht repräsentativ sein, doch ein nicht geringer Teil der untersuchten Nachrichten bestand aus vermeintlich sinnlosen, um einen Link gruppierten Texten.

Die Spekulationen schossen wie einst im Deutsch-Leistungskurs aus dem Boden, die Phrasen verliehen eine persönliche Note, vielleicht sollten sie gar die Aufmerksamkeit des Lesers erwecken, was voraussetzt, dass dieser seine (offensichtlichen) Spam-Mails tatsächlich liest. Schaue ich meine Freunde an, wird das in den seltensten Fällen vorkommen.
Ihrer Illusion beraubt, fiel die Reaktion der Dozentin entsprechend dysphorisch aus, als Matthias in wenigen Sätzen erklärte, diese syntaktisch korrekten aber semantisch unsinnigen Sätze dienten zum Überlisten der Spamfilter.

Im LK hatte ich oft das gleiche Gefühl dieses zwanghaften Suchens nach bedeutungsschwangeren Sätzen und Situationen. Heute habe ich Übung und Tischnachbarn, die das ähnlich sehen.
Goethe schrieb die meisten Sätze auch bloß, um Kritiker ruhigzustellen.

Die Kassiererinnen zicken.
Ich sitze gerade im Café Leonardo - und bin mir nicht sicher, ob ich mich um eine Stunde vertan oder Matthias verschlafen hat - gegenüber der Kasse und erlebe die Machtausübung seitens der Kassiererinnen, die uniform gekleidet mit Einheitskittel und terrakottafarbenem Haarhelm wettern, schimpfen und lamentieren gegen den Kookai-Taschen-Zug, der an ihnen vorbeiflaniert.

Das Café Leonardo, wie die Caféteria im Hörsaalgebäude seit etwa zwei Jahren heißt, bietet eine funktionale Atmosphäre, hat aber seit der Renovierung und der damit verbundenen Umbenennung ein wenig an Bequemlichkeit gewonnen. Die Stühle sind noch immer aus ungepolstertem Holz, der Raum wird von kahlen Betonpfeilern durchzogen und durch die Panoramafenster kann man die Rückseite eines Verwaltungsgebäudes bewundern, dass die kahlen Bäume nicht verbergen.
Hierher geht man nicht, wenn man sich gemütlich unterhalten möchte. Dieser Ort ist aber erste Wahl beim Rechnen von Zetteln oder - früh morgens - zum Abgleichen der Ergebnisse vor deren Abgabe. So sieht man zusammensitzende, diskutierende Gruppen, eine schlafende Studentin und bissig schauende Kassiererinnen.

Dahinter Matthias, der mir versichert, ich habe mich in der Zeit geirrt.

Es lebe der Atheismus! schreit es ein paar Plätze neben mir, als wir im Seminar über Manets Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko reden und die Dozentin eine Parallele zu Anordnung der Delinquenten mit der biblischen Kreuzigungsszene herzustellen versucht.
Mit Es lebe er Atheismus! wird jede Argumentation der Dozentin jäh abgewürgt, es ginge hier nicht um Glauben sondern um Wissen. Es lebe der Atheismus!

Eigentlich wollte ich noch über nichtgeleerte und randvolle Mülltonnen schreiben, die erst in zwei Wochen wieder geholt werden und über die Post, die es nicht geschafft hat, in den letzten beiden Tagen zu kommen, wo ich mal zu Hause war. In den nächsten beiden, wo ich bestenfalls abends zu Hause bin, werden sich die Pakete bei den Nachbarn stapeln. Hoffentlich dort und nicht beim Postamt.

Aber wenigstens wirken die Koffeintabletten.
Werde ich je ein Mitarbeiterführungsbuch herausbringen, steht auf dem ersten Platz meiner “Wie motiviere ich richtig?”-Liste Wer schläft, macht etwas verkehrt.

Es lebe der Atavismus!

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