Reisenotizen


Das Klatschen der Wellen gegen den Pier, auf dem ich stand und der Geruch von Fisch und Meer

(du sagst: von der Fischbude dort)

Später im Schanzenviertel aus dem Auto heraus jenen Tisch wiedergefunden, an dem ich im August saß

Trotzdem hat an diesem Tag Hamburg verloren gegen Berlin
Ich weiß nicht warum
Vielleicht der Umstände wegen und der Zeit, die wir nicht hatten

Als ich den Zug stieg
dachte ich zweimal
»Bis bald«

John Dee, Olso.

Mädchen

Mein ersten Emo-Konzert. Ich kenne wirklich einige Comics, blöde Witze und Vorurteile über Emos, aber die sehen tatsächlich so aus. Auf Konzerten wie diesen haben sie sogar Handys mit schwarzem Bildschirmhintergrund. Und sie sehen alle aus wie Elliott Smith - der sich im Grab umdrehte, wüsste er das.
Diese Musik, von der meine Gastgeberin schwärmen wird »diese Melodie!«, die ich verpasst haben muss. Und Geschrei. Die Band kündigt another hardcore song an, doch man versichert mir, das sei Emo. Und Elliott wippt mit dem Kopf.

Die Bands, die hier spielen, kenne ich nicht. Mit der berliner wird meine Gastgeberin später Pizza essen gehen, wozu ich keine Lust habe. Ich werde lieber zwanzig Minuten auf die Bahn warten.

In Oslo scheint die Sonne, ich laufe im norddeutschen Strickpullover wo andere sich bräunen. Ich ziehe mir im Unterholz die Kapuze tief ins Gesicht, als ich vor dem nackten Mann stehe, dem das hier mehr ausmacht als mir.

1X

Ich bin wieder hier.

Dreimal sagte mir man, dass man sehr begeistert sei, wie ich mich gäbe und wie fröhlich ich sei. Das war vor vier Tagen. Ein Urlaub nur, keiner der leichten, einer in dem man seinen Standpunkt überdenken und Vorurteile über Bord werfen muss.
Das letzte, das fiel (wie zum Beweis!): Wenn etwas anstrengend ist, macht es keinen Spaß.

Er war wichtig.
Vielleicht hat er mich zurückgebracht an Orte, an denen ich lange nicht mehr war.
Sicherlich hat er mich weitergebracht an Orte, an die ich nie gekommen wäre.
Sie war wichtig.

Kaffeebar: San Sebastián

Geruht, geschlafen hab ich kaum
Ich schrecke hoch aus einem Traum
Ich hab geträumt weiß nichtmal was
Mein Kissen ist von Tränen nass
Ich weine doch schon lang nicht mehr
Wo kommen dann die Tränen her?

Die Straße fällt nach Süden, es muss Süden sein, den Hang hinauf. Der Schneematsch heißt mich willkommen zurück; ich war selbst nicht sicher, ob und wann, jedenfalls dass ich so schnell nicht wieder hier sein würde. Du weißt warum.

Geht man ein paar Kilometer weiter am Ufer des Sees kommt man zu einer jungen Frau, die enttäuscht mit den Wellen spricht, man hört es aus jedem Satz, den wir uns sagen. Als wir an der Stelle vorbeifahren, hören wir ein Wispern in der Luft, dass uns kalte Schauer über den Rücken treibt.

Während du eine Mutter zitierst, denke ich »pass auf«. Im Zug später rasen rosige Berge an uns vorbei. Ich sage Dinge, die ich noch nicht wissen kann.
Und du sagst »Pass auf«.

– Hannes Wader - Schlaf Liebste

Nachdem ich den Zug betreten habe, der nur eine Alternative zu dem ursprünglich geplanten, ja gewollten, war und letztendlich gewesen ist, genau genommen die vierte Alternative, die der Rangfolge nach absteigend ihrer Beliebtheit auftreten, wird klar, warum die Reservierungen der drei früheren Züge nicht möglich gewesen sind. Der ICE, mit dem ich die Messestadt verlasse, platzt aus allen Nähten und die Wand hinter meinem Sitz, die Fahrgastzelle von Führerstand trennt, murmelt mir »Glück gehabt« ins Ohr.

Vier Stunden später, ich habe den Platz meiner Sitznachbarin, einer Sonderpädagogikstudentin aus Augsburg, die recht bald dem Bordradio lauschen und schlafen wollte, eingenommen, schüttet sich ein junger Familienvater Meditonsin direkt aus der Flasche in den Mund, wahrscheinlich um heil aus dieser Quarantänestation, wie er jeden Zugwagen seiner Frau gegenüber zu Hause nennen wird, umringt von Bazillenschleudern, wie er die anderen in Zeiten wie diesen seiner Frau gegenüber betitelt, herauskommt und also gesund bleibt, gesund bleiben wird. Sein bayrisches Kind macht komische Grimassen, neben mir fragt eine Tochter ihre häkelnde Mutter, ob man jetzt aussteigen müsse.
»Nein« diese, und was sie nicht weiß:

Wir sind noch lange nicht da.

An Tagen wie diesen sind wir fast wie Giganten. Wir trauen uns zu, alles zu verändern, den Stein der Weisen gefunden und mit Löffeln gefressen zu haben.

Konferenz in Bochum

Das Gefühl steht irgendwann in der Tür dieses Cafés, in das wir gingen, um den Tag ausklingen zu lassen und vor dem allabendlichen Konferenz-Dinner zu flüchten. Das Mittagessen hat seine Spuren hinterlassen, noch einmal fallen wir nicht darauf herein, sagen wir uns, wissend lächelnd, dass wir den Masterplan zur Rettung der Welt in der Tasche herumtragen.

Irgendwo fahren die Freunde herum; In diesen Tagen fahren sie alle nach Norden. Hoch hinaus, sagen wir uns, wissend lächelnd, dass uns der Masterplan den Weg nach oben schon zeigen wird.

Hinten am Horizont reckt sich ein kupfergrünes Dach in den stahlgrauen Himmel. Das Gefühl steht irgendwann in der Tür dieses Zimmers, von dem man den Bahnhof gut überblickt:
Die Welt rettet man bestimmt nicht von hier -
die Fetzen des Plans weht der verregnete Wind auf die Gleise.

Der Ruhrpott macht seinem Namen alle Ehre,
das Wetter vereint sich mit der Landschaft.
»Und darum gibt es hier in jedem Dorf, in jeder Stadt einen Verein. Was bleibt außer Fußball und Selbstmord?« Der grimmig dreinschauende Rot-Weiß-Fan nickt und nimmt einen großen Schluck, der schmutzige Zug schneidet die stickige Luft.

Später wird ein Aufzug nach Rauch und nach Schweiß riechen, stinken.
Später wird ein Mensch nach Rauch und nach Schweiß riechen, stinken.
Während ein Zug die Luft schneidet,
die zu schwer ist zum Atmen.

Neunzig Minuten Fußmarsch durch die schlafende Stadt. »Und dies will eine Hauptstadt sein« denkst du, abbiegend von der beleuchteten Hauptverkehrsstraße in eine der letzten kleinen Gassen, an deren Ende sich der Hauptbahnhof und (für dich wichtiger) die Bus-Terminale befinden. Sie hat gesagt, man brauche zwei Stunden, also bist du zeitig aufgebrochen, weil du sowieso nicht schlafen konntest nach einer Woche auf dem Studentenwohnheimboden. Du hast ihr im Halbschlaf auf Wiedersehen auf die Wange gehaucht, im Hinausgehen wurde ist klar, wie schön und wichtig es war, hier zu sein.
Nicht wegen der Stadt.

Start learning!

Aus den Randbezirken durch das - wie man sagt - gefährlichste Viertel der Stadt, Industrieplatzromantik in den schmutzigen Straßen, monoton blinkende Parkhausleuchten, schließlich ein nervender Tourist, der seit einer halben Stunde an seinem Koffer herumklappert.
Du bist über die Tage tatsächlich Naturmensch geworden: Als du von Bergen zum ersten Mal hörtest, hattest du die Reise dorthin längst schon geplant.

Alle Menschen samma zwider,
i mechts in die Goschn haun.
Mir san alle Menschen zwider,
in die Goschn mecht ichs haun.

– Kurt Sowinetz - Alle Menschen samma zwider

Man wendet sich entschuldigend an mich, die Wochen vorher war es besser und man könne sich auch nicht erklären, warum ausgerechnet…

Rain

Meistens lege ich an dieser Stelle meine Hand auf den Mund des Gegners, die Worte abschneidend und bedächtig nickend »Ich weiß, es ist nicht das erste mal« und schaue in den Himmel; Eine Station entfernt vom Olympiastützpunkt, ein paar wenige von der großen Skisprungschanze, die ich mit keinem Blick würdige. Mich ziehts in die Stadt und in die Natur, auf die Felsen und an den Hafen.

Touristen aalen sich in der wärmenden Sonne, Ausflugsdampfer mit lachenden Kindergesichtern nehmen Kurs auf die kleine Insel voller Hasen.

Man muss hier beginnen zu
lügen
oder sich
umzubringen.

Es ist wie in schlechten Filmen, diese Busse müssen niemals tanken - weder von Göttingen nach Hamburg, noch von dort nach Kopenhagen und auch dieser hier, kurz vor Göteburg hat bisher nicht nachgetankt und ich bin sicher, dass dies auch in den nächsten vier Stunden bis Oslo nicht passiert - oder sie tanken, während ich gerade schlafe; und das ist oft.

Über Oslo

Seit mehr als vierzehn Stunden dämmere ich zwischen Texten und Musik, diese Fahrt kommt mir vor wie das letzte Sigur Rós Album auf heavy rotation.
Fotografieren lohnt sich nicht, die Landschaft gibt sich mühe, doch fehlt, wie ich fühle: Die Musik im Ohr und der Geruch dieses doch recht neuen Reisebusses in der Nase.

Nicht mit Abstand,
wohl aber kann ich hier der Jüngste sein.

Draußen putzt ein Mädchen die Scheiben ihres in den Hinterhof zeigenden Zimmers für den eine halbe Stunde später eben jenes aufreißenden Männerkopf, der - rauchend - die Folgen jener Handlung nicht erkennt und diese also nicht auf sich beziehen kann.

Oslo Hafen

Das Mädchen raucht solidarisch mit und sieht lächerlich aus dabei, wie rauchende Mädchen eben immer lächerlich aussehen bei diesem Versuch des Rauchens, aus Solidarität oder vermeintlicher Coolness ist meistens egal.
Ich lese Mittelmaß und Wahn, schaue dem Männerkopf beim fünfminütigen Zähneputzen zu, den Gestank aus dem Maul putzend, halte die Augen nur mit Mühe offen
in dieser Stadt,
aus der in zwei Stunden mein Bus fährt,
in der es zu regnen beginnt.

Das Gewicht der Welt

Wenn man einen solchen Anruf bekommt, registriert man in den nächsten jedes Hintergrundgeräusch, analysiert die Stimme des Gesprächspartners, ob es etwas Neues gibt.
Wir werden uns wahrscheinlich nie kennenlernen. Vielleicht hast du von mir gehört, weil jemand aus meiner Familie von mir erzählte, wie ich von dir gehört habe, weil jemand aus deiner Familie von dir erzählt hat. Und trotzdem denke ich gerade an dich und kann sonst wenig tun.
Seit diesem Anruf geht es mir schlecht.

Wir werden uns wahrscheinlich nie kennenlernen.

(März 2007)

Wie immer kommt dieses Gedicht zu spät.
Gute Reise.

Die Datsche liegt ruhig vor den Toren von Eberswalde. Der Nieselregen prasselt auf das Dach, unter dem die Freunde noch schlafen, draußen duftet es nach dem gestrigen Lagerfeuer aus deinem Pullover. Irgendwo terzt eine Glocke, ein einsamer Vogel schreit auf einem lang toten Baum, der Wind spielt mit den gepflegten Hecken dieser Kleingartensiedlung vor den Toren der Stadt.

Noch immer liegt die Glut unter der Asche
ich atme ein, ich atme aus
der Herbstwind pfeift auf Fingern, ich verfluche ihn
es ist morgen, es ist kalt, es regnet in Berlin

Peryton - Unter der Asche

Du, der gerne das Stadtkind heraushängt, schließt die Augen, vergräbst die Nase im Kragen. Der Holzfeuergeruch steigt in die Nase, du hast gestern gelernt zu vermissen. Und verlässt Städte, in denen endlich die Sonne scheint, fährst dem Regen hinterher.
Eine sagt, die Bahnhöfe liebt, von diesen Orten käme man immer fort. Es sind diese Gedanken:

«Wieviel Angst kann man haben?»

vor
bei


Im Norden.
Ein Hafen.
Ein Keller.
Zwei Menschen.
  Nördlicher.
Die See.
Der Wasserturm.
Die Menschen.


Das war eines der größten Wochenenden der Geschichte.
Es tat gut, euch zu sehen. Es tat gut, mit euch zu gehen.
Es tat nicht einmal weh, zurückzukommen.
Morgen?
Morgen ziehe ich um. Treibe mich um. Flüchte wieder.

Der Regen rinnt die Fenster des auf offener Strecke stehenden Zuges hinab,
dass man Blitze am Horizont nur verschwommen wahrnehmen kann.
So hat es lange nicht geregnet.

Die Gedanken, die ich scheue, sind klar;
Mich fragt ein Blinder nach dem Weg, den ich nicht sehe.
Ich erzähle einem Tauben von unterwegs.
Jemand, der mich gestern nicht erreichte, weil ich nicht allein war,
geht nicht ans Telefon, weil er nicht alleine ist.

Wir stehen auf offener Strecke, ich blicke durch die Scheibe, erkenne selten wenig.
Dass dies nicht die Zukunft ist, in deren Richtung der Zug steht.
Und dass es aufhört zu regnen.

Ein Nebel liegt über der Stadt.

Siehst du die Löcher in den Schuhen?

Wattig eingepackt kommst du durch den Tag und die Nacht. Tagsüber Arbeit, danach was man nachts eben so macht. Und Flucht. Angst hast du nur vor dem, was dich beruhigt.
In zwei Wochen trennen sich Leben. Deins weiß es, das andere ahnt es bestimmt.

Und wenn alles vorbei ist,
geht wieder alles von vorne los.

Ein Nebel liegt über der Stadt.

Pünktlich in Hannover, mit der Straßenbahn durch die Brennpunkt der Stadt ins Künstlerviertel, dass ich bereits während der Aufenthalte zuvor schätzen gelernt habe.

Hannover, 9. Juni 2007

Das Café habe ich nicht gefunden, so kam ich bereits nachmittags Béi Chéz Heinz an, dem Ort, an dem die Lesung stattfinden sollte, wegen der ich ursprünglich hier bin.

«Hast du so etwas schon einmal gemacht?» fragte einer und ich sagte einem «Klar». So wurde ich DJ für diesen Abend. Einer unter vielen, aber immerhin jener, der die Autoren durch den Abend brachte. Um 6 Uhr dann das letzte Bier vor einem Freibad, im Gras liegend mit irgendwem, den ich nicht kenne und dessen Fahrrad, zehn Minuten später der Beginn einer wunderbaren Fahrradtour quer durch die Stadt und der Nacht in dieser fremden Wohnung.

Sechs Stunden später allein und nüchtern zurück. Sah ich so abgerockt aus wie ich mich fühlte, sollte ich Teil dieses Films sein, zu dem Tilman Rossmy und Dirk von Lowtzow den Soundtrack schrieben:

Dieses gute wilde Leben!

Das erste (und das tatsächlich einzige) Mal, als ich auf einen Hochsitz geklettert bin, hat meine erste große Liebe oben gewartet. Später wusste ich, die erste große Liebe war es nicht, bloß die erste Person, die ich in meinem Freundeskreis als «meine Freundin» einführen konnte.

Es ist lange her, wie viele Jahre weiß ich nicht. Wir haben uns weder geküsst noch haben wir uns die Hände gehalten. Vielleicht ist mir aus diesem Grund kein Hochsitz je in guter Erinnerung geblieben.

Béi Chéz Heinz - Lesung

Vor übermüdeten Augen hinter dem Fenster fliegt die Landschaft vorbei, braune Kühe auf grünen Wiesen. Eine junge alleinerziehende Familie sucht einen Anschlusszug, während eine bierselige grün-uniformierte Gruppe junger Verwaltungsangestellter auf Betriebsausflug* ihre neueste Eroberung, zwei Vierersitzgruppen drei Meter weiter, in Beschlag nimmt.

Trotzdem schätze die Bahn.
Vielleicht, weil ich hier einst küsste.

* Mutmaßung

I. Ich lerne gerade (und) ich stecke in einer Sinnkrise.
Vielleicht bedingt das eine das andere. Dass ich hier sitze und gar nichts mache, ist wahrscheinlich genau das Richtige. Man gewöhnt sich an dieses Gefühl - ganz bestimmt. Und erdrückt damit, was stört.

II. Ich schätze die langen Gespräche mit dir, Mutter, zwischen Wach und Schlaf auf der alten Couch meiner Kindheit. Das Erste, was ich im Gästezimmer neuerdings mache, ist das Öffnen des Vorhangs. Du weißt, ich kann so nicht schlafen.
Hörbach nacht
III. Als ich vorletzte Nacht den Satz sagte, ich müsse mich wohl erst daran gewöhnen, dass ich dir doch vertrauen kann, habe ich mich sofort sehr geärgert.
Das «doch» war zuviel.

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