Literatur


Traumlos wälzen, weil die schlimmsten Träume für die Bedienung der Psychosen gerade nicht ausreichen. Dein lachendes Gesicht, als ich koffeingeschwängert »Plane mich ein« sage. Dein (wahrscheinlich) lachendes Gesicht beim Hinausgehen - könnte ich Gedanken lesen, müsste ich mir nicht nur einreden, dass du dich über meinen Übermut kaputtlachst.

Lese-Nacht & After-Theater-Party
Waggonhalle Marburg
Samstag, 1. Dezember, 23 Uhr

Ein Nebel liegt über der Stadt.

Siehst du die Löcher in den Schuhen?

Wattig eingepackt kommst du durch den Tag und die Nacht. Tagsüber Arbeit, danach was man nachts eben so macht. Und Flucht. Angst hast du nur vor dem, was dich beruhigt.
In zwei Wochen trennen sich Leben. Deins weiß es, das andere ahnt es bestimmt.

Und wenn alles vorbei ist,
geht wieder alles von vorne los.

Ein Nebel liegt über der Stadt.

Ich habe heute ein Buch verschenkt. Ich verschenke in der Regel ausschließlich Bücher, von denen ich selbst begeistert bin oder war, und wie so häufig konnte ich mich bei diesem nicht an den Grund der Begeisterung erinnern - das kann ich auffallend selten, es ist auch keineswegs auf Literatur beschränkt; ich habe Bandnamen im Kopf, denen das Attribut «hörenswert» anhaftet, eine Assoziation mit Liedern fehlt jedoch vollständig.

Mit dem Buch wünschte ich eine ähnliche Freude, die ich damals hatte. Mir schien diese Formulierung die beste, war es doch in guter Erinnerung geblieben. Als ich vor zwei Stunden mein Exemplar aufschlug um die Geschichten wachzurufen, erschien der ausgesprochene Wunsch überaus unpassend. Das Buch macht seinem Namen alle Ehre, allein die ersten beiden Geschichten vernichten den Abend. Natürlich geht es um Liebe.

Damals hat alles gepasst. Ich glaube, damals war ich noch traurig.
Und eine wunderbare Stelle fehlt in den neuen Auflagen des Buches, die einzige, die einlädt zum Schmunzeln.

Kurzes Zwischenspiel…
…über das Thema Sparen: Ein Wort, zwei Sliben, sechs Buchstaben - welcher Klang! [...]
Das ist «sparen». Es steht auch im Wörterbuch vor «Vermögen» und «Wohlstand».

(Wolfgang Borchert)

Ich hatte es in der Hand und vor meinem geistigen Auge sehe ich den dunkelbraunen Reclam-Einband, wie er für die Ausgaben der Jahrhundertwende typisch war. Und in altdeutschen Lettern steht dort: »Lotte in Weimar«.

Thomas Mann - Tolle in Weimar

Dachte ich. Und schaute nach. So riss ich ein Reclam-Bändchen nach dem anderen aus dem Regal - nicht nur die dunkelbraunen - doch erst beim Schiller machte sich der Verdacht breit, dass ich Goethe nicht einfach falsch einsortiert habe.
Die Gesamtausgabe des Geheimrats steht im anderen Regal und hat zehn Bände. Und ein unheimlich schlechtes Inhaltsverzeichnis. Fünf Minuten später meine ich zu glauben, warum sie bei ebay seinerzeit nur zwei Euro gekostet hat. Zuzüglich Versand. Weinrot. Ähnlich dem Reclam-Einband und mit goldenen Lettern am unteren Buchrücken: Weltbild Verlag.
Darüber habe ich mich damals schon geärgert. Auch für zwei Euro.

»Lotte in Weimar« ist von Mann.
Es hat keinen dunkelbraunen Einband; es ist nicht einmal von Reclam.
»Lotte in Weimar« war teurer als die Gesamtausgabe von Goethe.
Zuzüglich Versand.

  • Guido Westerwelle auf der Buchmesse, von dem mir nur sein Personenschutz in Erinnerung bleib, weil er selbst so schnell vorbeilief.
  • Wolfgang Clement auf der Buchmesse, in einer Diskussionsrunde. Niemand kann so gelangweilt schauen wie er. Um was es ging, war in fünf Minuten nicht rauszukriegen.
  • Helmut Markwort auf der Buchmesse, am Focus-Stand auf einer Sitzgruppe lümmelnd, umringt von Kameras. Schnell weiter.
  • Wolf von Lojewski auf der Buchmesse, am Stand der Süddeutschen Zeitung. Ich hatte eine gute halbe Stunde Zeit, dem Gespräch «Autoren treffen Journalisten» zu lauschen. War interessant.
  • Katharina Borchert auf der Buchmesse, glaube ich. Weder kenne ich sie persönlich noch sonderlich viele Fotos von ihr, aber die Person am Kaffeestand in Halle 4.1 könnte sie durchaus gewesen sein. Wäre dann kleiner als ich dachte.
  • Yala Pierenkemper auf der Buchmesse, die zufällige Begegnung, über die ich mich mit Abstand am meisten gefreut habe. Sieht ihrer Mutter gar nicht ähnlich, ist aber trotzdem nett (die Mutter). Note to self: Nächstes mal mehr Komplimente in der Halle, nicht nachgeschoben per ICQ.

Ich wollte manchmal
ich wäre so erfahren
wie ich alt bin
oder auch nur
so klug
wie ich erfahren bin
oder wenigstens
so glücklich
wie ich klug bin
aber ich glaube
ich bin
zu dumm dazu

Erich Fried
Weihnachten ‘83

Eine Widmung um heute antiquarisch gekauften Buch Der Fall (Albert Camus).

Diese Gedichte, dachte ich mir immer, sind wirklich schlecht. Warum tun Menschen sich das an? Besser: Warum tun Menschen so etwas überhaupt und sind sich dann nicht einmal zu schade, ihren Namen unter diese »Werke« zu setzen.
Wenn ich etwas Peinliches im Fernsehen entdecke, muss ich wegsehen oder umschalten. Aus dem gleichen Grund habe ich nur hin und wieder einen Blick in die Rubrik »Grüße« der Lokal-Postille meines Heimatortes geworfen, doch jedes Mal entdeckte ich ein lyrisches Kleinod wie

Kaum zu glauben, aber wahr
die Elisabeth Krause aus Bellersdorf wird heut’ 80 Jahr’!

Entrinnen, indem ich fortan nur überregionale Tageszeitungen las, konnte ich ihnen nicht. Heute entdeckte ich ein zwei Gedichte in anderen Blogs, die damit nicht nur sofort von meiner Blogroll flogen, sondern sich auch Gemeinheit am Menschen vorwerfen lassen müssen.
Welcher Arbeitgeber verlangt bitte von seinen Mitarbeitern, sich in der Öffentlichkeit derart zu blamieren? Er hat entweder kein Herz oder einen verdammt miesen Geschmack.

Schlechte Bücher (im Sinne von Fehlerhaftigkeit) machen mich rasend. Ich befinde mich im dreizehnten Kapitel des gestern erwähnten und dieses setzt allem die Krone auf. Ob die dümmlich wirren Sätze dem Übersetzer - Charlotte Lyne - oder dem Lektorat des Verlags anzulasten sind, sei dahingestellt. Dort heißt es

[...] XSAN, ein Netzwerk-System des Speicherzeitalters. [...] [Es handelt sich um ein] Diskettenspeichersystem für Firmen.

Dieser hanebüchene Unfug wird begleitet von sich ständig im Text findenden Anführungszeichen, denen das Gegenstück abhanden gekommen ist. Auf Seite 353 beginnt sogar eine Zeile mit Datenmüll, der an ein defektes Dokument einer bekannten Textverarbeitungssoftware erinnert.

“,4>

Die Möglichkeit zum Erstellen einer kompletten Mängelliste habe ich verpasst und freiwillig fasse ich das Buch in naher Zukunft nicht wieder an. Aber, lieber Verlag, es gibt keine Software namens iMovies und iWorks. In einem Buch, das diesen Bereich mehr als tangiert, darf das nicht passieren. Genau wie die Vernichtung des Sinns mit dem Übersetzen der Überschrift: “Der »näXTe« Schritt”.
Sechs, setzen. Viel Glück bei den nächsten Auflagen.

[Update: Der »Leserbrief«]

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe mir vor einiger Zeit das im Scherz-Verlag erschienene Buch “Steve Jobs - und die Geschichte eines außergewöhnlichen Unternehmens” gekauft und muss jetzt, nach dem Lesen, leider sagen, dass es jenes Buch der letzten Jahre gewesen ist, welches mir am wenigsten Spaß bereitet hat.
Der Grund ist eine Mischung aus inhaltlicher Ungenauigkeit und einem scheinbar schlecht arbeitenden Lektorat - ein Buch mit derart vielen Orthographiefehlern ist nicht nur für den Preis von fast zwanzig Euro eine Enttäuschung.
Derart zahlreiche Anführungszeichen lassen ihren Gegenpart vermissen, auf Seite 353 anschließend ein wirklich grober Schnitzer beim Druck: Eine Zeile beginnt mit “,4>.

Inhaltlich schlägt Kapitel 13, das ironischerweise “Showtime” heißt, dem Fass den Boden aus. Auf Seite 420 heißt es “Und dann kam der iPod Nation.” Faktisch gibt es ein solches Modell nicht, dass hier aber kein Musik-Player gemeint (und der Artikel darum falsch) ist, wird allerdings erst sechs Seiten später deutlich; es wird die iPod-Nation beschrieben als ein Universum aus Zubehör.
Im Gegensatz zu den Geräte- und Programmnamen (die großteils falsch sind - “iWorks” und “iMovies” gibt es nicht, die Programme heißen “iWork” und “iMovie”), ist der Begriff “iPod-Nation” keineswegs so verbreitet und als bekannt vorauszusetzen.

Bezeichnend ist der herausstechende Fehler schon im Inhaltsverzeichnis. Die (Übersetzung der) Überschrift des Kapitels 5 (Der »näXTe« Schritt) ist geradezu sinnraubend, hier sollte man am Wort »NeXT« (Der »NeXTe« Schritt) tunlich nichts ändern. Einem Lektor mit Hintergrundwissen (das Buch richtet sich an all jene Apple-Begeisterte, die sich mit der Geschichte des Gründers oftmals näher befasst haben) muss dieser Schnitzer auffallen.

Leider habe ich verpasst, eine “Mängelliste” anzufertigen, dies sollte allerdings auch nicht den Lesern zugemutet werden.
Ich hoffe, sie nehmen das Buch genauer unter die Lupe und werden in der nächsten Auflage diese Fehler beseitigt haben.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Niels Fallenbeck

Alle Seitenangaben beziehen sich auf die erste Auflage der deutschen Version.

[Update 2: Die Antwort]
Die Fischer Verlage antworteten mit einer freundlichen eMail und räumten ein, dass einige beim Druck unter den Tisch fielen, was natürlich sehr ärgerlich sei.
Die Absenderin war um Schadensbegrenzung bemüht und bietet mir die im Mai 2007 erscheinende Taschenbuchausgabe als Entschädigung.

Diese Mail hat mich heute sehr gefreut.

»Macht kleine geile Firmen auf« sang irgendwann Funny van Dannen.
Lust hätte ich, es fehlt nur die Geschäftsidee. Mit einem Hausmeisterservice für Server will ich mein Geld nicht auf Dauer verdienen. Und Webdesigner (sic!) gibt es auch an jeder Ecke, obwohl HTML für mich den gleichen Spaß bringt wie das Streichen einer Decke. Eine weitere No-Go-Area ist die Entwicklung von Software mit grafischer Oberfläche. Doch glaube ich zu wissen, wann Software funktioniert und wann nicht.
Wie wäre es mit Visionär?

Ich lese gerade ein schlecht übersetztes, mit inhaltlichen und Rechtschreibfehlern durchsetztes Buch über Steve Jobs und ärgere mich über ein Schriftbild, wie man es sonst nur in der Marburger Neuen Zeitung findet. Der Verlag heißt Scherz.

Und ich mache mir Gedanken um eine Geschäftsidee…

(Der Titel dieses Eintrags entstammt dem Lied Synapsentennis von Fleischbrei.)

Als wir heute morgen auf die Lahnberge fuhren, versuchte mich der Freund mit dem Vorwurf, Blogs würden lediglich aus Gründen der Selbstprofilierung und -präsentation geschrieben, zu einer angeregten Diskussion hinzureißen.

Private Blogs dienen selbstverständlich zu einem gewissen Maße der Selbstdarstellung, wie allerdings auch ein Gang in die lokale Einkaufsstraße oder ein Besuch beim Friseur. Für diese Blogs wird oftmals der Grund der Zuhörerschaft durch die Leser bei Problemen ausgekramt und es mag sein, dass sie manchem den Psychiater ersetzen. Sie gehen für viele einher mit dem Beigeschmack des »fishing for compliments« und manchem geht es nach einer Portion Mitleid tatsächlich besser.
Weiterhin gibt es Weblogs wie jene eines bekannten A-List-Bloggers, die allein für die Leserschaft schreiben. Auch meines sollte dieser Kategorie zugeordnet werden. Sie dienen nicht weniger der Selbstdarstellung und ich freue mich über jeden Kommentar und jede Spitze in der Grafik der Besucherzahlen. Das absolut Faszinierende ist allerdings das Netzwerk, das sie dahinter aufspannen und die Erreichbarkeit von Ressourcen, die vor wenigen Jahren noch verborgen geblieben wären: Heute erreichte mich ein Kommentar von einem SXF zum Eintrag Als wir träumten.

In meiner Diplomprüfung im Nebenfach Medienwissenschaften lasse ich mich auch über den Bereich »Kommunikation in den neuen Medien« prüfen. Die Dozentin brachte im Vorgespräch die Blogosphäre ins Gespräch und wunderte sich, was deren Reiz ausmachen würde und deren Präsenz im Kommunikationsdiskurs. Auf diese Frage und ihren Satz »vielleicht bin ich einfach zu alt« konnte ich spontan nichts erwidern.
Heute wüsste ich eine Antwort.

»Ich habe keine Ahnung, was “Hain” bedeutet,
aber es muss schlimm sein«

So reagierte ein sehr guter Freund auf meinen Einberufungsbescheid im Jahr 1998. Gestern las ich in Clemens Meyers Als wir träumten:

»Mit Rückfahrt?«, fragte die Frau am Schalter. »Nein«, sagte ich, »nur einfach.« »Umsteigen in Riesa«, sagte die Frau, »einundzwanzig sechzehn, einundzwanzig achtundzwanzig weiter nach Zeithain.« »Wird spät«, sagte ich, als ich bezahlte, »Zapfenstreich«, weil ich wusste, dass es in Zeithain auch eine große Kaserne gab. Sie blickte mich an und nickte und gab mir mein Wechselgeld.

Das Kapitel trägt den Titel »Jugendarrestanstalt Zeithain« und umfasst mehr als fünfzig Seiten. Zeit genug, um im mit der Überschrift konform gehenden Gefühl zu versinken, dass sich teilweise noch immer abrufen lässt. Man idealisiert über die Jahre und ich habe jetzt sentimentale Laune, wenn ich an die Monate Juli und August 1998 denke, an linoleumartige Böden und trostlose Landschaft. Schön ist anders. In Zeithain gibt es neben der Kaserne (und der Jugendarrestanstalt offensichtlich) nichts. Ein paar mal sind wir nach Dienstschluss rausgefahren nach Riesa in ein großes Einkaufskarree. Wie der andere Ort heißt, den wir besuchten, weiß ich nicht mehr.

Aber das Diorama, was der Freund mir zum Abschied schenkte, besitze ich heute noch. Ganz bestimmt fahre ich irgendwann wieder einmal hin, bis zum großen Parkplatz vor das Tor. Und an dem See vorbei, von dem ich vor acht Jahren dachte, man könne in ihm baden.

Ich blättere gerade durch den ersten Band meiner fünfzig Jahre alten Sammlung von Brecht-Stücken, als mir ein Zeitungspapier entgegenfällt:

Gedicht

Ich mag keine Hörbücher aus dem gleichen Grund, aus dem ich keine Podcasts mag. Nicht nur, dass mir die Möglichkeit fehlt, solche unterwegs anzuhören (und in der Kleinstadt, in der ich wohne, dauern Busfahrten selten lang genug), auch lese ich Bücher und Blogs lieber selbst.
Da mir bei einem eigenen Eintrag die Betonung für bestenfalls einen einzelnen Satz gefiele, hake ich Podcasting als Trend ab und schüttele den Kopf über den ein oder anderen, in den ich zu Anfang hörte. Mit der Bitte, der Blogger möge bei der Schriftlichkeit bleiben, entsetze ich mich über Menschen, die sich einen Hesse auf CD anhören und verstehen wollen.
Ich weiß vom Vater eines Freundes, der seine weit über eintausend Objekte umfassende Tonträgersammlung erst digitalisierte und dann verkaufte. Das ist wie das Einscannen oder Eintauschen der Bücher gegen Audioliteratur: unmöglich.
Ein Anderer, den ich letztens besuchte, traf ich beim Lernen, im Hintergrund die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Auf meine entgeistert wirkende Frage, wie man bitte lernen und zuhören kann, erklärte er, dies sei die zweite Wiederholung, er höre alles fünfmal. Tauschen mag ich weder mit seinen “Lese”-Gewohnheiten noch seinem akademischen Erfolg.

In der Informatik sitze ich gewöhnlich zwischen Zweien: Einem wahnhaften Büchersammler und Einem, der Literatur der Belletristik als Textdatei auf seinem Laptop liest.

Obgleich mir mein Bundesland unangenehm ist, ich den Dialekt hasse und auch sonst wenig Tolles an der Region finden kann, ist mir der Name in einem anderen Kontext nicht negativ konnotiert.
So findet sich in der Antwort auf die Frage, welche meine Lieblingsbücher seien - eine kaum zu beantwortende; nach spätestens fünf Minuten möchte man das Gesagte revidieren - stets der Demian.

»Da lesen wir Homer«, höhnte er weiter, »wie wenn die Odyssee ein Kochbuch wäre. Zwei Verse in der Stunde, und dann wird Wort für Wort wiedergekäut und untersucht, bis es einem zum Ekel wird.«

(Hermann Hesse - Unterm Rad)

Ich mag Hesse, auch wenn man mir in der Schulzeit den Autoren mit Durchkauen des Steppenwolfes madig zu machen versuchte. Tatsächlich habe ich den Steppenwolf verflucht und gehasst und dass ich später mit Demian anfing, war ein - wie sich herausstellte - glücklicher Zufall. Der einzige Fakt, den ich aus dem Deutsch-LK damals noch weiß, ist die Homosexualität des Autoren. Seitdem wäge ich jeden seiner Sätze auf mögliche Zeichen ab, aber Hesse macht ja keine Anstalten, seine sexuelle Ausrichtung zu verbergen.
So behalte ich Demian mit einer Atmosphäre im Gedächtnis, die Fakten verrät. Und auch Unterm Rad, das ich nunmehr zum mindestens vierten Mal begann, legt diese Vermutungen schon weit vor der Hälfte nahe. Obwohl das Fahnden anstrengend ist, kann man es nicht abstellen.
Das ist, was Knut meinte, wenn er sagte, zum Zerstreu bleibe einem Medienwissenschaftler doch nur das gemeine Fußballspiel.

Es ist die Zeit der Gastblogger. Während Doreen ihren Großonkel (o.ä.) einführt, habe ich gestern meinem Ghostwriter (Link folgt später) eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt, die heute redigiert zurückkam.

Es war vor langer, langer Zeit
Als ich noch ein Junge war, mein Opa regelmäßig aufs Land und meine Oma mir durchs Haar fuhr, bevor sie in benachbarte provinziale Städtchen radelte, um Besorgungen zu machen, während ich mich für Bonbons und Schneckenhäuser begeistern konnte.
Ich weiß noch, wie es damals roch, immer wenn Oma frische Mandeln mitbrachte. Jahmarkt und siebenundvierzigelf.
Eines Tages, Oma war unterwegs, mein Opa nicht zu Hause, wie ich es am Telefon zu sagen hatte, klingelte es an der Tür.
Natürlich kannte man jeden im Dorf. In seiner Altersklasse sowieso,
aber dieses blonde Mädchen hatte ich noch nie gesehen.
Das war das erste mal, dass ich - ohne das Wort zu kennen – Korkenzieherlocken auf den Lippen hatte.
Schwimmen gehen wollte sie, in einer richtigen Badewanne. Sie hätte so lang unterwegs gewohnt, da hätte man keinen Stauraum für stehende Gewässer, hatte der Losbudendieter wohl gesagt.
Sie schmiss ihren Rucksack in die Ecke, zog die grünen Gummistiefel aus, seufze und schaute mich aus großen Augen an.
Heute denke ich oft an sie, wenn mir mein Katertier nachts mit weiten Pupillen ins Gesicht starrt. Vielleicht weil ihre Zöpfe so wippten wie er das mehr recht als schlecht mit dem Schwanz fertig bringt. Vielleicht aber auch nur, weil Katzen so lautlos sein können.
Ich drehte mich kurz um, wollte Milch und Honig wärmen, wie Oma das tat, wenn mir kalt war, doch während ich mit meinen Kindergedanken noch ihren bläulich schimmernden Händen und dem Gedanken an fahrende Duschen nach hing, war ich mittelmäßig überrascht, als ich ihre Arme von hinten um meine Brust spürte. ‚Ich bin anstrengend”, sagte sie. ‚Ich Niels“, antwortete ich gefasst.
Na, du kannst dir denken wie’s kam.
Traue niemals einem Kind in Gummistiefeln, denn als ich mich umdrehte, roch es leicht nach Mandelkern, ihre Stimme hallte leise noch in mir und ein paar Stiefel dampften vor der Tür,
aber ich stand allein, mit Honig, Milch; heut mit Bier.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mich beobachtet
und manchmal bilde ich mir ein, ich wüsste, wo sie wohnt.
‚Du bist toll.“ das wollte ich ihr noch sagen,
wenn ich sie das nächste Mal sehe. Werde es sagen und natürlich das mit dem doppelten Wortsinn abstreiten, jedenfalls ist dies das Geheimnis, warum ich keine Mandeln essen kann, ohne ein Grinsen zu unterdrücken.
In der Ecke ruckt noch ein Sack. Faul starrt er mich an aus der Nacht.
‚Ende?“
Erst, wenn ich sie gefunden habe.

Eine kurze Kaffeepause, bevor es an die letzten vierzig Seiten geht.

Ich bin nicht gut im Verschenken.

Am Abend...

Zum Einen fällt mir gar nichts ein und ich schenke immer die gleichen, ideenlosen Dinge. Mir ist das regelmäßig peinlich und wenn einmal nicht, bin ich doch sehr unglücklich mit meiner Wahl. Diese Unentschlossenheit, diese Ideenlosigkeit ist der Grund, warum ich mich Mitte Dezember schlecht fühle, wenn Freunde mich fragen: Hast du schon alles?
Es ist nicht so, dass ich nicht gern schenke. Wenn es mir gelingt, Menschen glücklich zu machen und ich mit dem Geschenk nicht ganz unzufrieden zu sein, ist das ein schöner Moment, der nur von der Angst überlagert wird, dass ich nichts finde bis zum nächsten Mal.

Zum Anderen kann ich mich einfach nicht von Dingen trennen. Es spräche nichts dagegen, ein schon gelesenes Buch aus meinem Schrank zu verschenken, außer mein Bücher und Tonträger betreffender Anhäufungszwang; selbst den Verleih schlage ich grundsätzlich aus.
Dabei bin ich kein Mensch, der Bücher drei- oder viermal liest. Wenn ich eines beginne und mittendrin stecken bleibe - was ständig passiert und nichts über die Qualität des Geschriebenen sagt - fällt es mir schwer, von vorn zu beginnen und längst Vergessenes noch einmal zu lesen.
Das baldige Nachkaufen eines Buchs kommt auch nicht in Frage, denn es ist nicht meins, in dass ich viele Stunden sah und diese Beziehung ist einfach nicht da. Das ist wie mit den T-Shirts und früher: dem Spielzeug.

Als ich Russendisko kaufte, lag auch Heinz Strunks Fleisch ist mein Gemüse auf dem Buchstapel, den ich zur Kasse trug. Auch hier erzählte man sich und mir von der überragenden Qualität des Buchs.

Ja. So etwas lese ich gern, es hat diesmal nur wenig mehr als vierundzwanzig Stunden gedauert, bis das Buch gelesen war. Manch russischer Autor kann sich eine Scheibe abschneiden, vielleicht muss ein Buch aus längeren als dreiseitigen Geschichten bestehen, um lesenswert zu sein, Sprachwitz enthalten und einen sympathischen Loser als Hauptcharakter, mit dem man sich identifizieren kann.
Ein Patentrezept gibt es sicher nicht, doch scheint die angesprochene Kombination in Strunks Buch zu funktionieren.
Wer Kaminer für leichte Bettkost hält, wird mit Heinz Strunk wesentlich glücklicher.

Sein erstes Buch und jenes, was ihn in Deutschland bekannt machte, ist Russendisko. Aber warum? Nachdem ich von einigen Seiten hörte, Kaminer sei lesenswert, habe ich genau das getan.
Warum ist Kaminer lesenwert? Die Antwort findet man nicht in diesem Buch, dass eine gebundene Aneinanderreihung belangloser und langweiliger Geschichten ist. Dumpfe, vermeintlich witzige Sätze beschreiben dümmlich wirre Situationen. Auf Seite 166f heißt es zum Beispiel

“Ich habe Knochenkrebs, die deutschen Ärzte wollen mir ein Bein abhacken. Halten sie das auch für notwendig, oder gibt es vielleicht eine Alternative?”
“Es gibt immer eine Alternative” erwiderte der Radiodoktor. “Essen sie Blei!”
“Was esse ich?”
“Sie sollen Blei essen. Viel Blei” wiederholte der Doktor und legte müde den Hörer auf. Noch ein Menschenleben gerettet.

Die auf dem Rücken abgedruckte Kritik der Süddeutschen Zeitung

Ruft noch jemand nach dem großen Berlin-Roman?
Bis der kommt, mag man sich mit Kaminer vergnügen und dessen Expeditionen durchs Dickicht der Stadt.

trifft zu: Ich rufe nach dem Berlin-Roman und würde mich wirklich gern mit Kaminer vergnügen. Aber nicht einmal die Süddeutsche hat eingeräumt, dass dies überhaupt möglich ist.

Kaminer ist langweilig. Ich kann verstehen, dass jemand nur Missgunst übrig hat, der den ersten Schritt in die Popliteratur mit diesem Buch versuchte.

Der Kaffee versucht, die deutlich zu kurze Nacht zu kompensieren.
Morgen ist also heiliger Abend und die Kürze der Nacht ist der bisherigen Geschenklosigkeit zuzurechnen. Freunde weilen in Frankreich, viele daheim und fragen mich, was ich in der nächsten Woche vorhabe. Auf Fragen, warum ich nicht zu Hause verbrächte, entgegne ich immer, dies sei mein zu Haus. Und ob ich allein sei beantworte ich mit einem Verweis auf Leo. Ansonsten habe ich ja die Bücher und die Musik. Und genug zu tun.

Ich setzte mich hin und, wie es so meine Art ist,
tat ich genau das, was Du von mir erwartest:
Ich begann damit, ihr Leuchten im Dunkeln zu beschreiben
und es mir in achtundvierzig Versen einzuverleiben
Nein: niemand ist allein! Und wir haben die Musik…

(Tom Liwa - Wir haben die Musik)
vor etwa einem Jahr in meinem Blog

Kennst du die Geschichte vom alten Kind? fragte sie. Nein. und: Der Titel klingt, als würde mir das Buch zu gut tun. Vielleicht aber ist auch das Gegenteil der Fall, dann wäre es in einem Atemzug mit der Legende vom Glück ohne Ende zu nennen. Ich will gar nichts fühlen, weißt du?
Ich habe gelesen: Die schwierige Sache mit dem Glück und fand es sehr gut. Und, weil Liegen lernen auch ein schmutziges Buch ist, nach dem ich sogar duschen musste, hielt ich das neue von Frank Goosen in der Hand. Wenn ich nachher Geschenke kaufen gehe… ein formidabler Vorwand.

Die schönsten Kuverts machst immer noch du.
Die Post kommt nur im Mittel pünktlich.

Er tat alles, wie es die anderen taten; es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen, sein Dasein war ihm eine notwendige Last…

Georg Büchner (in: Der Kulterer (Thomas Bernhard))

Ich bin körperlich ramponiert. Ein linker Zeh schmerzt, der Rücken und mein Ellbogen imitiert die Schmerzen eines offenen Bruchs und wird in einer Schale Tiroler Latschenkiefer gebadet.
Keine Ahnung, was ich angestellt habe. Soweit ich mich an Knuts WG-Party gestern erinnern kann, war ich in keiner Situation, die das erklären könnte.

Da dies und die Tatsache, dass Jenny und Jens, meine Hannoverschen Gastgeber vom August, heute Marburg und mich besuchten, die einzigen Neuigkeiten und Erlebnisse des Tages sind, müsst ihr euch mit Links begnügen, die ich seit einiger Zeit gesammelt habe und nicht anbringen konnte.
Tolle Sonntagslektüre garantieren

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