Lifestyle


Der Kaffee schmeckt, leider nicht gut.
Die Rosinen des Brötchens kleben zwischen den Zähnen.
Über die Dächer dieser Stadt pfeift ein Wind, vor dem dich die Mauer hinter deinem Rücken schützt.
Irgendwo drüben klingelt die Kirche, bald geht es zum Morgengebet, die ungewöhnlich schwache Sonne gibt ihr bestes, um dich mit dem Tag zu versöhnen.

Stadtmauer und ich

Man sieht die Dinge anders von oben, haben wir gestern erklärt. Man hat uns zugestimmt und gesagt, dass sei trotzdem schwierig.
Und irgendwann habe ich einen dummen Satz gesagt, über den ich mich später ärgerte. Irgendwann danach bin ich dann gegangen und habe allein gegen mich im Schach verloren. So stülpen wenige Viertelstunden den Mantel der Melancholie über einen sonst guten Tag. Dazu gab es einen Beutel Tee, den man mir aus Hannover schickte vor Wochen.

Der Kaffee ist leer, Wolken verhängen die Sonne.
Die Rosinen des Brötchens kleben zwischen den Zähnen.
Über die Dächer dieser Stadt pfeift ein Wind.

Auf der Treppe ein Pfeil. Ihm folgend die emaillierter Petrischale, ein Unterteller als Deckel. Es riecht und sieht aus wie Spinat. Bewegende Knoten suhlen sich tarngrün durch den Schlamm.

Madenalarm

Nächstes Mal, Katze, isst du bitte auf!

Vorsicht Kurven

»Landflucht« sage ich, sei das, was ich mache. Und du: »Eher Stadtflucht.« Ich widerspreche, immerhin ist Spanien keine zehn Tage her. Für weiter reichte das Kerosin damals nicht, und ich wäre sprichwörtlich über das Ziel hinausgeschossen.

Du weißt, wie wichtig das für mich war. Es ist schön, uns zu treffen, wo man sich vor sieben Monaten traf. Die Umstände sind andere, sie deuteten sich damals nur an. Und noch vor einem Jahr wäre ich fast gestorben.

»Wieder ein Titel für meine Biographie« sage ich und zeige auf den alten Baum an der Ecke. Im Hintergrund schaut ein Fisch in den Himmel.
»Einmal Madrid« höre ich mich laut denken »oder doch vielleicht Barcelona.« »Oder - ach was - das hier ist doch ganz gut.«
Mit aller Melancholie.

Nur selten habe ich eine prägnantere Kurzbiographie von mir gefunden als jene, die mir Theater GegenStand in den letzten Tagen schrieb.

Niels Kurzdrama.

Touristen mit käsigen Beinen stehen herum, jemand dessen Stimme mich nervt, albert mit einem jüngeren Kind. Die Bücher sind aus, die Zeitung gelesen, das Essen kommt endlich und wer bestellt Milch.
Dieser Jemand hat deutlich mehr Ringe als Finger und ist mir naturgemäß fremd, er liest hier in meinem Wohnzimmer Bücher von jemandem, den man kaum kennt.

Mir fällt wieder auf, dass ich sehr schätze, was mir zum Wohnzimmer wurde. Weil andere sich hinaussetzen, sind die gemütlichen Sessel frei; Wir schauen in den Himmel und warten auf den Wolkenbruch: Jener, der schreibt nebenan und die zusammen frühstückenden Mädchen.

Hier läuft keine Musik (gerade!), Hannes Wader klingt mir im Ohr und macht sentimental. Es dampft ein Kakao aus der Schale auf dem Tisch
denn irgendwas muss sich ja ändern.

Es ist schon erstaunlich, man sitzt genau an der Quelle
und trotzdem fragt man nie »Kennst du einen guten Arzt?«
obwohl sie doch fast täglich geht.

Kein Vertrauen.

Auf dem Couchtisch flackert die Kerze, die wir in Salzburg aus dem Schnee gruben. Wir haben immer auf eine Gelegenheit gewartet, den alten Docht abzufackeln, es hat sie nie gegeben.

Sie ist nicht pittoresk, die Blechschale beulig zerdrückt, wie eine alte Kerze vielleicht aussehen muss, die Falten, die Großvätern ins Gesicht gerissen sind, unterbrochen von jenem wissenden Blick. Wir haben immer auf eine Gelegenheit gewartet.

Vor nicht mal einem Jahr wäre ich enttäuscht gewesen darüber, dass wir nicht haben reden können.
Darüber, wie wir haben reden müssen.
Ein paar Monate später glaube ich, dass es anders nie hätte stattfinden können.

Das ist, was ich letztes Jahr gelernt habe. Was in keinem Jahresrückblick, den man im Januar schreibt, auftauchen würde.

Ein Lied, das ich in Zeiten der Melancholie sehr schätze.
Dort, wo die Pathetik wohnt.
Die Musik der Marburger Band, die es schon lange nicht mehr gibt, wird rausgekramt in Zeiten, die gerade erst begonnen haben.

Und irgendwie ist alles gut. Seltsam melancholisch; ich kann nicht behaupten, das vermisst zu haben und doch fühlt es sich angenehm warm an, wie ein alter Bekannter, mit dem man einst zu viel Zeit verbrachte. Von dem man sich länger entfernt hat und sich doch freut, ihn wieder zu sehen.
Wie beim zehnjährigen Abitreffen vielleicht, das in einer Woche beginnt.
Und wenn ich nicht mehr mag, kann ich einfach fahren.

Die Band, die ich meine: Hotel Stern

Der Satz im Kaffee
reimt sich auf mich.

Ach, diese EM.

Seit vorgestern weiß ich, wo sie stattfindet.
Seit gestern, dass England nicht dabei ist.
Was sonst ist noch unwichtig?

Einen Urlaub im Internet zu buchen ist wie Einkaufen beim Pimkie’s, sagst du. Und verhältst dich wie vor Jahren, als wir es miteinander nicht aushielten. Du bist nicht besser geworden; ich weiß, du ärgerst dich über dich selbst.

Global Warming is now!

Das Glück wartet hinter der letzten Kurve. Immer. Ich freue mich auf Spanien. Ich werde viel zurücklassen, zu viel vielleicht. Hoffentlich genug. Wir schütteln beide den Kopf beim Wort Rücktrittsversicherung.

Draußen prallt die Sonne in noch nicht gestorbene Bäume, in den Häusern fällt der Regen. Wir gehen auseinander ohne uns zu verabschieden, wo und wann wir uns wieder sehen ist ungewiss. Du bist nicht was mich beschäftigt.

Du bist’s.

f: FOUND magazine

Das Bild, was auch hier hängt, habe ich letztens gesehen. Dort. Vielleicht im Traum, vielleicht bei ihr, die ich gar nicht sehr mag, es würde jedenfalls passen. Denn es erzählt über den, der es hängt.

Wo ich das überall sah.

Nicht bei ihr, bei ihm, der mich kannte/erkannte, der mir einen Kuss auf die Wange drückte und sagte, es ist alles okay. Ich war derjenige, der Angst hatte, ich war der eine in Sorge. Als wir uns das letzte mal sahen, schwangen Vorwürfe in der Luft. Dieses mal ein warmes Hallo und vielleicht ein »Bitte warte diesmal nicht so lang.«

Wo ich das überall hörte.

Und dann sagst du, der nächsten Woche steht nichts mehr im Weg und dass du nicht gehst. Ich sollte mich freuen und mache mir Sorgen. Ich weiß, was wir aneinander haben. Vielleicht gerade darum. Und nächste Woche wird toll.

Wo ich das überall dachte.

Man mag aus der Zukunft zurück auf etwas, das man nicht kennt schauen und sagen »Das war’s«; und sagen können: »Das war’s.” Und im Ohrensessel drehen den Kopf, an den Lippen hängen und die Geschichten hören. Von dir und euch. Und dich sehen.

Wo ich das überall träumte.

Da fragt mich einer, ob ich verliebt bin.
Vielleicht weil ich nicht schreibe,
vielleicht weil ich selten hier bin und
vielleicht weil ich nicht singe.
Vielleicht weil man uns zusammen sah
an einem Abend, dieses mal und jenes mal.

Die Antwort ist immer die gleiche
und hat nichts damit zu tun,
dass ich nicht schreibe,
dass ich selten hier bin und
dass ich nicht singe.

Es ist eine Art Lauf der Dinge
und irgendwann schreibe ich wieder mehr.
Doch im Augenblick passiert anderswo mehr.
Vielleicht muss man sich manchmal nur zwingen.
Das würde helfen, vor allen Dingen.

Bombesikker.

Die Katze legt ihren Kopf zur Seite am Kopfende dieses Sofas und schaut gegen die Wand. Wir sind beide durch den Tag geschwommen, haben uns nicht viel zu erzählen, haben eben gelebt, sind nicht verhungert, haben die Welt mit eigenen Augen gesehen und suchen nun den ruhenden Punkt um zu entspannen.

Aufhören!

Und ich frage »Wie hälst du das aus?«
Zwölf Stunden Leben lassen altern wie vier ganze Jahre. Ich habe heute morgen Menschen weinen gesehen und mich ein bisschen geschämt, als ich das nicht konnte. Ich aß heute morgen zwei Brötchen, als andere nach Papiertüchern kramten. Hinter uns saßen unglückliche Menschen, als wir uns das letzte mal küssten. Du hast gewinkt und ich durch die Scheibe im verhangenen Himmel dein Lächeln erkannt.

Wir sind durch den Tag geschwommen im Fieberwahn
auf dieser Couch, auf der wir unsere Geschichten verschweigen.
Sie sagen von dir, du schaust nicht in Augen. Stolz wie du bist.

Und ich frage »Was sind denn schon bitte zwei Wochen?«
Die Antwort kennen wir beide.

Man verschränkt die Beine auf der neuen alten Couch.
Aus der letzten verbleibenden Box säuseln Mogwai in jenes Ohr, in dem es zuverlässig pfeift.
Hinter den geschlossenen Liedern träumt man von Hamburg und der Hamburger Band,
von den Worten des Sängers, der mit Wir könnten Freunde werden Schuld trägt
an einer vergangen Beziehung, die einem vorkommt wie gestern,
wie nie beendet, wie auf anderer Ebene fortgesetzt.
Und man verschränkt die Beine.

No!

Nebenan stapeln sich Bücher,
die schwarze Katze
sitzt im Flur
und starrt
in den Raum.

f: FOUND Magazine

Es ist doch von Ende Oktober bis Mai
immer nur November.

I still love you

Die stille Verbündete sitzt schräg gegenüber, wir kennen uns nicht doch sind zusammen allein. Sie schließt die Augen oder schaut aus dem Fenster, wie es nur stille Verbündete tun. Sie wird ein paar Stationen früher aussteigen und sich wundern über wen, dem es gut geht, denn er kann wieder spüren.

Und es kommt mir so vor, als wenn dieses Jahr länger als zwölf Monate war
Januar, Februar, Maerz, April, Mai, Juni, Juli, August, September
Und gleich dreimal Oktober
November, Dezember

– Tocotronic - Dieses Jahr

Was ist es, das einen besten Freund zu diesem macht oder den Lieblingsautoren. Warum bezeichnet einer eine Band als seine wichtigste, ohne sie jeden Tag, jede Woche oder jeden Monat zu hören?
Wenn ein bester Freund sagt, man müsse nicht ständig telefonieren, denkt man vielleicht an den Österreicher, dessen Bücher man ab und zu liest. Dann denkt man vielleicht an die Hamburger Band, deren Lieder man lange nicht hörte.

WG-Zimmer-Romantik

Man schätzt sie doch und würde keinen Moment zögern, sie als jene für sich Wichtigsten in ihrem Genre zu bezeichnen. Der beste Freund ist eine Million Kilometer entfernt, der Lieblingsautor lange gestorben und mit der Band seines Lebens trank man einst das letzte Glas Bier.

Ich singe, wenn andere vermuten, mir ginge es schlecht. Nachts draußen, am 24. Dezember, werde ich sagen »Mama, das ist alles nicht meins« und sie wird sagen »Ich weiß«.

Ich lebe mich durch eines der schönsten Leben,
mit den schönsten Songs Welt.

– Geigen bei Wonderful World - Tomte

Wir sitzen in diesem Kunstcafé, an dem wir früher oft vorbeifuhren und dachten, man solle sich das vielleicht einmal anschauen. Durch die Fensterfront starren wir auf die nicht befahrene Straße, während der Regen die Bäume entlaubt. »Wie in Berlin« sagst du »in einer Ecke, in der gar nichts passiert.«

Ich sitze in diesen Redaktionsräumen, von denen ich früher oft träumte und dachte, man solle sich die vielleicht einmal anschauen. Ich habe in den letzten Stunden einige Menschen kennengelernt, die ich morgen nicht wiedersehen werde, weil ich mich in ein paar Stunden dazu entscheide, den Journalismus eben jenen sein zu lassen.

Dinge verlieren, geht man sie an. Das Tolle ist in der Wirklichkeit unspektakulär, wenig glamourös. Jemand hat gesagt, Phantasien bringen es einfach nicht. Vielleicht habe ich deswegen irgendwann aufgehört zu träumen.

Irgendwer schrieb:

Ich habe Heimweh.
Ich bin mir nur noch nicht sicher wohin…

An meinen Füßen liegt die schwarze Katze, die ich mit Futter bestach.
Die wahrscheinlich nur dort liegt, weil ich sie mit Futter bestach.
Die mir genervt ins hustende Gesicht blickt
und sich abwendet mit dem ihr auf die Stirn geschriebenen Gedanken
»Bis zur nächsten Mahlzeit bleibe ich.«

Und natürlich bilde ich mir ein, dass sie das Schniefen und Röcheln genießt als regelmäßiges Geräusch. Sie meine Nähe sucht (wenigstens sie), weil sie gern bei mir ist. Selbst jetzt. Und zur Belohnung denke ich, dass es ihr, wenn ich wieder gesund bin, noch besser gefallen wird in Abwesenheit des Schniefens und Röchelns als regelmäßiges Geräusch.

Dass dieses Weib nur dort liegt, weil ich Herr bin über das beste Bio-Katzenfutter der Stadt,
daran denke ich nicht.

Deine Gedanken faszinieren mich, deine Ansichten und dein entspannter Umgang mit »dem da draußen«. Dein Optimismus, wenn du sagst, die Welt habe keine andere Wahl als gut zu werden.

spelled backwards

Ich beneide dich manchmal um deine Wochenenden, jetzt auch um deinen Mittwoch. Stuck in Time singen Magdalena aus dem Radiogerät. Sich selbst zu bemitleiden ist einfacher als sich aufzuzwängen
- dieses Gefühl schwingt mit und beschreibt, wie ich mich fühle.
Auch dort, nicht nur hier.

Jeder deiner Satz klingt okay, nur wenn ihn jemand anders sagt, tut es weh.

– Foto: FOUND Magazine

Ein Bild flackert, in dem man sich sieht. Wie man sich immer sehen will, schreibt man ins Notizbuch, das man später in der Bahn verliert.

With care things will never change

Wir haben über Scheinprobleme gesprochen, wir haben sie durchdiskutiert, wir haben uns gegen sie entschieden. Wir haben über die Todesstrafe gesprochen, über Religion.
Wie oft musst du vor die Wand laufen bis der Himmel sich auftut? Seit es eine Stunde früher dunkel wird, schließen wir manchmal die Tür und machen uns unsere Gedanken, wir rufen uns an und erreichen uns nicht.

Wir schlittern, halten uns an Texten fest und Gitarren.
Wir schreien und nennen es Lieder.
Uns fehlen die Texte,
die Titel kennen wir schon.

– Foto: Caspar-Urban Weber

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