Gesellschaft


Atomkraft für Anfänger

Drei Störfälle in französischen Atomanlagen innerhalb der letzten drei Wochen, gestern wurden laut dem Stromkonzern EDF einhundert Mitarbeiter der Atomanlage Tricastin leicht kontaminiert.

Menschenverachtend stuft die französische Atomaufsichtsbehörde den Störfall auf Stufe Null ein, damit auf der niedrigstmöglichen Stufe der bis sieben reichenden Störfallskala. Eine Gefahr für die Bevölkerung habe zu keinem Zeitpunkt bestanden…

Mut machen die Störfälle in Frankreich nicht; sie könnten hier die Informationspolitik beeinflussen, um die Bedürfnisse der Atomlobby durchzuknüppeln.
Biblis (u.a.) ist von der gleichen Bauart und ungefähr gleich alt.

»Bist du schon wach?« - »Man kann dieses christliche Terror-Geläut dort draußen ja kaum überhören!«
Stünde ein Muezzin auf dem Dach meines Nachbarn - es wäre nicht weniger unangenehm aber dennoch gerecht.

Heute Abend kämpfen zwei Götzen und unten blöken Besoffene, schwenken ihre Wimpel im Takt und freuen sich, was man in der letzten Zeit gewonnen hat. Und hacken die Zähne ins Fleisch toter Tiere und sabbern und saufen und gröhlen und spei’n.

Sonntag morgen, die Bimmel klingelt zum Fußballgebet - dass heute abend nach Wien kein Stein mehr auf einem anderen steht!

public viewing [funeral] - öffentliche Aufbahrung {f}

  • als sie ihm Wochen nach der Trennung die Lippen bei jedem »bis bald« entgegenstreckt
  • als er stichelnd grient »dreimal willst du doch immer geküsst werden; links, rechts, mitte« und dich dann dreimal ernsthaft küsst
  • das Donnern von Trolleys auf dem Kopfsteinpflaster draußen wie
    das Donnern von Kobelbechern auf dem Kopfsteinpflaster draußen

Ich habe mir Blasen gewartet, den Schaum vom Mund geschlagen, den du so magst und der nach Zucker schmeckt.
Ich sehe aus dem Fenster auf das andere Ufer, Radfahrer im Schlag der Musik treten, Familien in Tretboten stampfen, der untergegangenen Sonne entgegen
mit dem Gewissen, beim nächsten Regen
nicht zu ersaufen (der Tret-Arche wegen).

Nagel sagt - ich habe Nagel gesehen - all das sei überbewertet und nur wichtig, wie man sich fühlt zu viert im Auto, mit der Musik auf dem Weg zum nächsten Gig, alles erreichen zu können.

Die Nie-Ersaufenden kennen nicht dieses Gefühl, wickeln sich in ihre billigen Fälschungen von Burberry-Schals, treten ein wenig schneller und fester
der untergegangenen Sonne entgegen.

Die Stadt wird wieder voller. Wie in sie fließt das Leben in mich zurück, reißt mich mit sich wie alte Hasen die Neuankömmlinge, die Marburg erst verdauen, kennenlernen müssen. Wahrscheinlich werden einige - wenn nicht viele - diese Stadt verachten, hassen, Freundschaften und Beziehungen beginnen die zerbrechen, merken, dass man sich nie aus dem Weg gehen kann, zu Hause sitzen, trinken, rauchen, weil man das in den Cafés dieser Stadt nicht mehr darf.

Es ist, würde ich erklären, fragte man mich, Gewöhnung auf ganz kleiner Flamme. Es dauere lang, betonte ich, wie langsam fallen, ein weiches Prallen. Man muss nur mit dem Gesicht nach unten liegen, ins Gras schauen, sich nicht umdrehen so lang man hier liegt, lebt. Wie man nicht nach hinten schauen darf.

Einer sagt, das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.
Ein anderer, dass wer nach hinten schaut und vorne rennt, die nächste Wand zu spät erkennt.

Mit dem gebrochenen Deutsch, an das du dich über die letzten Jahre gewöhnt hast, fragt sie dich lächelnd, ob du nicht mehr gegenüber wohnen würdest. Du versuchst ebenso zu lächeln, während du wahrheitsgemäß antwortest, hoffend, dass sie nicht weiter bohrt.
Natürlich hast du - wie immer - Pech.

Our Churches

Du erzählst also, es sei wegen des masochistischen Nachbarn, den du nachts manchmal weinen gehört hättest. Und die Stimme jedes Mädchens, das du irgendwann kennengelernt hast, tauchte irgendwann nebenan auf.
Du erzählst also, dass du wegen der unerträglichen Nachbarschaft das Weite gesucht hast, flüchtend vor der dich stets einholenden Vergangenheit, wegen alter Erinnerungen, die dich schließlich nachts wach liegen ließen; gleich so, wie es vielen unserer Großväter ging.
Du erzählst also, alles wegen eines Mädchens.

Sie gibt das Wechselgeld und den Kaffee heraus,
wie früher.
Wie immer.

– Bild: Found Magazine

Ich treffe den Spitzenkandidaten auf der Straße: Waren Sie schon wählen?

Ich muss mich zusammennehmen, nicht in die alten Verhaltensweisen zu verfallen, über die ich mich im Nachhinein immer selbst ärgere: Ich würde sagen: nein und blöd grinsen, in meiner Phantasie und zu Hause vorm Spiegel würde ich natürlich anders, cooler agieren.

Ich so: Wählen? Zwischen was?
Er so: Heute ist Landratswahl. Sie sollten Wählen gehen, wir brauchen Ihre Stimme.
Ich so: Das ist die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich bin zum Wählen viel zu verschnupft.

Mit dem letzten Satz sperre ich die Haustür auf, merke im Hausflur, dass ich allein bin.
Hoffentlich habe ich gar nichts gesagt.

(Überschrift aus »Bronsteins Kinder« von Jurek Becker)

Menschen schauen zu selten nach oben, Gewohnheitstiere wie sie sind, den Blick geheftet auf den Futternapf, das Bequemste findet sich immer in Augenhöhe.

Bekomme ich einen von ihnen zu Gesicht, streift mein Blick zuerst seine Hand; ich zähle die still die Ringe an seinen Fingern - jeder ist mir einer zuviel.

Ich schaue nach oben und seh’ sie von unten.
Ich zähle still meine Ringe unter den Augen.

Die Party ist zu Ende.
Neben mir liegt schlafend der kleinste Bruder des Gastgebers, irgendwer ist mit irgendeiner Blonden nach Hause gegangen und der Rest ins Bett. Ich werde einfach nicht müde, habe das koffeinhaltige Getränk in Reichweite und lasse die Gedanken kreisen.

  • Durch den Tag, den ich in Bad Homburg und im Schatten eines Baumes verbrachte, an einem Ort zwischen den Feldern, von denen man Frankfurt gut sieht.
  • Durch den Abend, diese Party, von der ich dachte, sie wäre schon gestern. Also habe ich einen Tag rangehängt, ranhängen müssen, einen Urlaubstag, in dieser Wohnung der Freundin, die ich selten sehe und mit der ich nichts teile außer die gemeinsame Erinnerung an vergangene Zeiten. Wir haben unterschiedliche Lebensmodelle, doch vielleicht ist gerade das manchmal entspannend wie es mit dem besten Freund entspannend ist, mit dem ich Abends nicht ausgehen kann aus ähnlichen Gründen. Durch die Party also, die ausgeklungen ist, mir noch im Gedächtnis steckt, wie die Situation draußen auf dem Balkon, in der ich mich fehl am Platze, unfähig in das Gespräch einzusteigen fühlte.
  • Zurück an den Platz, an dem ich am Nachmittag lag, das schlechte Buch zu Ende gelesen und nachsinniert habe. An diesen Ort, an dem ich auch hätte schlafen können, stünde nicht mein Fahrrad verschlossen im Keller, zu dem ich mir zwar Zutritt verschaffen könnte, dafür aber nicht verzweifelt genug bin; die Nacht also in Dingern verbringe, die sie hier Sitzsäcke nennen.

So schreibe ich hier, während alle anderen schlafen.
Manchmal ist mir genau dieses das Liebste.

Ich mag diese Orte, an denen ich in der letzten Zeit ungewöhnlich oft meine Zeit verbringe. Manchmal frage ich mich, ob man früher, als wir uns in einem Wendehammer trafen, diese Zeit nicht auch an Bahnhöfen hätte verbringen können.

Dass ich die Abende in den Zeiten der Oberstufe mit Freunden in LKW-Wendeplätzen stand oder lag, war dem Umstand geschuldet, dass zwar 100 Meter entfernt eines dieser amerikanischen Fast-Food-Restaurant, die nächste Alternative allerdings etliche Kilometer weit weg war. Klar gab es noch den «Buntspecht», doch einen Sommerabend verbringe ich noch heute lieber draußen.

Bahnhöfe jedenfalls haben mit Wendemöglichkeiten nicht gerade viel gemein. Uns war damals nicht wichtig, woher ein LKW kam und wohin er vielleicht fuhr.
Ist es nicht romantisch, den Fernzügen hinterher zu schauen? Romantischer noch als die Abflugterrasse eines bekannten großen Flughafens, unmittelbarer.

Es ist schön, wenn ein nasser Zug den Regen der Welt unter das Vordach bringt, unter dem man sich nebeneinander auf alten Bänken aus Gitterstahl die Kälte aus den Armen klopft.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit:

  • Freundliche Handwerker

Denn: Freundliche Handwerker helfen in abstrusen Situationen, so heute morgen, als die Tür der befreundeten WG verschlossen stand und die Bewohner wegen eines funktionsuntüchtigen Bads (mit dem die freundlichen Handwerker direkt zu tun haben) das Weite gesucht oder in den nächsten Wochen sowieso etwas anderes vor haben, als in dieser verregneten Stadt zu bleiben.

Dabei ist ihnen die urdeutsche Eigenschaft der Übervorsichtigkeit und des gegenseiten Misstrauens bestenfalls schwach ausgeprägt, sie sind zuvorkommend und freundlich.
So fällt Zufriedenheit leicht (Lächeln beansprucht nur halb so viele Gesichtsmuskeln wie grimmig schauen); Nach einem «da kann ja jeder kommen» als augenzwinkernde Antwort auf meine Frage winkte er mich hinauf,

durch das Loch in der Wand.

Du warst da, ich konnte nicht bei dir sein. Wir standen Schulter an Schulter, du warst unendlich weit weg. Als hätte wer den Schalter umgelegt;
Ich konnte kaum mit den Menschen, die so wichtig für mich wären.

Und dann war der Abend vorbei
und der Morgen war da.
Auf der blauen Couch, viel zu kurz, wie die Nacht. Wir saßen zerstört
den Abend in den Knochen.
Wir haben den Kopf geschüttelt, die Gedanken zu ordnen.

Wir ziehen die Sonnenbrillen tiefer ins Gesicht;
Wir können besser denken, wenn es dunkel ist.

Ich bin am Freitag mit etwas in Kontakt gekommen, dessen Existenz mir zwar bekannt war, was ich aber irgendwie immer fernab meines Kosmos gesehen habe:

Trinkspiele

Genau genommen das Bierspiel. Es geht tatsächlich nur ums Saufen, ich war der Einzige, der sich über die Aussetzen-Felder freute. Und der peinlich genau darauf geachtet hat, auf keinen Fall mehr Bier zu trinken als gefordert. Wahrscheinlich der Einzige, der das alles nicht verstanden hat. Ich war nur zwei Runden dabei, danach stand ich bei der Raucherin auf den Balkon. Lieber passiv rauchen als aktiv saufen.

Und hätte mir der beste Freund drinnen den Rücken nicht freigehalten und mich laufend entschuldigt, wäre ich wohl als Spaßbremse des Abends in die Geschichte eingegangen. Später, als ich ihn in die Fachschaft brachte, dachte ich an Herr Lehmann.
Vielleicht fühlt man so, wenn man viele Stunden vorher zusammen in der Sonne gesessen hat.

Der Wind vertreibt die Wolken
An diesem ersten Sommertag
Wir genießen unsere Freizeit
Und trinken warmes Bier im Park

Auf Konzerten stören mich doch immer die Menschen.

Da vorn der etwa, der schon als Kind der Freund war, über den man nicht redet. Heute lässt er sich das Rolex-Imitat von einem Kollegen aus China mitbringen und kann auch auf dem Konzert die optimierten Abläufe, die er als Bürofuzzi im mittelständischen Betrieb braucht, nicht ablegen. Darum gibt er seine und die leere Flasche des Kollegen, mit dem nie jemand spielen wollte und der nicht »Nein« sagen kann, vor der ersten Zugabe ab - weil die Theke schön leer ist.

Oder der Bootlegger im Jeansanzug mit seinem Mikro am Revers, der wütend abwechselnd zu mir und dann zu den Mädchen schaut, denen die Musik anscheinend nicht so gefällt. Die lieber reden und das Bootleg versauen.

Oder die von meiner Begleitung als Pinguin-Frau betitelte Mittvierzigerin mit dieser Brille, die jeder Aprés-Ski-Party würdig wäre. Die leider gar nicht singen oder tanzen kann. »Aber andere sind damit auch berühmt geworden« und lässt sich von ihrem weißhaarigen Begleiter etwas bringen, dass wie mexikanisches Bier aussieht.

Dann beugt sich der Mittelstandsingenieur zu meiner Begleitung, “wie cool” das doch sei.
Auf Konzerten stören mich doch immer die Menschen.

»Es sieht aus wie im Krieg« denkst du, wissend, dass dieser Vergleich ganz und gar ungültig ist, denn erstens warst du - Gott sei Dank - nie im Krieg und zweitens kann man das sicher nicht vergleichen, den Wahnsinn dort mit jenem des Rosenmontag. Abgesehen von den Häusern, die es unbeschadet überstanden und dem nicht zerbrochenen Glas der Scheiben aber: Es liegen Menschen auf den Straßen.

Während du vom einen Epizentrum ins nächste läufst, in dem du schließlich wohnst - vielmehr: in der zur Latrine umfunktionierten Gasse; daran hast du dich mittlerweile gewöhnt - in welchem betrunkene Punks am Brunnen sitzen der Staatsmacht gegenüber, die den Rest des Rathausplatzes in Beschlag genommen hat, in diesem Bierdunst, der den gesamten Weg über der Stadt lag, in den Zeiten, in denen du Wikinger oder schwankende Lolitas an den Pranken Betrunkener siehst, die sich heute mit Jogginghosen in die Stadt und also ins öffentliche Bewusstsein trauen, welches nicht mehr vorhanden zu sein scheint, sogar nicht mehr vorhanden ist, sind die Kopfhörer deines MP3-Players kaputt. Die neuen warten zu Hause. Doch dort brauchst du sie nicht.
Und heute abend werden die Mülltonnen rausgestellt.

Wenn getroffene Hunde bellen
und Hunde, die bellen nicht beißen,
beißen getroffene Hunde nicht?
(Oder irrt hier die Geschichte)

Denn: Es schießen schließlich nur die Idioten.
Doch jene sind leider recht zahlreich.

Erwähnt man »Marburg« und »Musikszene« in einem Satz, fallen mir wenige Dinge ein: die besten Bands kommen sowieso nie oder selten, die ehemalige Punkband eines Freundes, dass ich Tomte vor mehr als zehn Jahren hier als Vorgruppe der Boxhamsters kennenlernte und jemand, der uns auf der Straße ansprach »Ihr kennt mich nicht, aber ich kenne euch aus dem Internet« und heute einer meiner liebsten Freunde ist.

Was ich bisher nicht wusste: Marburg ist offenbar eine Hochburg des Ghetto-Rap. Spätestens seit den neuen Busfahrplänen, mit denen man kaum mehr ohne Umstieg an jenen Ort kommt kommt, der diese Musik gebiert, suhlt man sich im Aggro Berlin Image. Ein Jugendlicher aus der Hauptstadt hat den Richtsberg sozialisiert und ein Video darüber gemacht (Achtung, explizite Lyrik!):

Weltmeister der Herzen - für andere bloß Wunschdenken, Marburg geht da mindestens einen Schritt weiter und installiert am »Spiegelslust«-Turm (sic!) gegenüber des Schlosses ein überdimensionales Herz, dass man mit einem Anruf der Nummer 09005 / 771207 illuminieren kann.

Elisabeth-Herz am Spiegelslust-Turm

Auf den nächtlichen Bildern der Webcam sieht es tatsächlich wie ein überdimensionales Puff-Herz aus und ist damit an Skurrilität kaum zu überbieten. Tatsächlich leuchtet das Ding weiß. Schade eigentlich, dieser Stadt stünde Extravaganz gut.

Nachdem Marburg den größten hessischen Puff das größte Großbordell Mittelhessens beheimatet, mit einem roten Herz am Berg hätte es jeder geglaubt. Und eine Idee für die Überarbeitung des ausgelutschten »Marburg hat keine Uni, Marburg ist eine Uni« hätte ich auch schon…

Liebe “Sozialdemokratische Partei Deutschlands”,

ich habe es wirklich versucht mit uns beiden. Ja, die Mitglieder der Jusos sind nett und engagiert. Das ist wichtig für eine Partei, die an Mitgliederschwund leidet und keinen Grund dafür findet. Schaute ich nur auf die Jusos, wäre mir der Grund auch schleierhaft.

Du hast Dir aber wirklich Mühe gegeben, zu vergrätzen. Da behauptet der amtierende Vizekanzler, dass man, wenn man schon länger lebe, gefälligst auch länger arbeiten solle. Anschließend habe ich das “Sozial” aus Deinem Namen gestrichen.

Liebe “demokratische Partei Deutschlands”, natürlich habe ich mir bei der Vorstellung der Kandidaten für die kommende Landtagswahl hier in Hessen die Gelegenheit nicht entgehen lassen, beide in Augenschein zu nehmen. Bei der anschließend stattfindenden Abstimmung, welcher Kandidat der geeignetere wäre, hat die Basis mit “großer Mehrheit” (Zitat: »Vor der letzten Vorstellungsrunde am Donnerstag im Unterbezirk Odenwald steht es 17:8 für Walter«) gegen Frau Ypsilanti gestimmt. Beim Landesparteitag hingegen wurde sie von den Deligierten schließlich offiziell als Herausforderin benannt. Anschließend habe ich das “demokratische” aus Deinem Namen gestrichen.

Liebe “Partei Deutschlands”, wasch’ dich und rasier’ dich mal. Dann wirst du auch innerhalb von drei Wochen neue Mitglieder finden.

Wir leben länger, arbeiten aber nicht länger, sondern insgesamt eher kürzer.
Und da muss man gar nicht Mathematiker sein, da reicht halt Volksschule Sauerland um zu wissen: kann nicht hinhauen.

Den ersten Gedanken darf ich nicht schreiben, möglicherweise verklagt mich dann ein mitlesendes SPD-Parteimitglied wegen Beleidigung seines Ober-Muftis (man verzeihe mir die Wortnähe von “Mufti” und der oben - übrigens aus der Tagesschau zitierten - Textpassage des Herrn Vizekanzlers).

Was “kann nicht hinhauen”? Wo ist die Basis dieser Rechnung? Floskel-Franz im Einsatz: »Achtung, ich bin einer von euch!« ruft der Herr Besserverdiener vom Podium, um den (seit gerade) Seinigen ins Gesicht zu schlagen. Wer länger lebt, soll gefälligst länger arbeiten, damit er von der Forschung in Sachen Schulmedizin, die er - ungefähr - 45 Jahre mitfinanziert hat, weniger profitiert. Und das lässt sich die Bundesregierung mit ihrer Initiative 50plus richtig was kosten.

Vielleicht fehlen mir ein paar Informationen, vielleicht ist der Herr Müntefering aber auch einfach schlauer als ich. Aber:

  • Warum bitte muss länger gearbeitet werden, wenn die Arbeitslosenzahlen von fehlender Arbeit sprechen?
  • Warum subventioniere ich “die Alten” mit horrenden Beträgen, während die Jugend aus Aussichtslosigkeit Amok läuft (diese bösen Killerspiele!). Weswegen ermögliche ich demjenigen, der vielleicht nicht mehr arbeiten möchte, keinen früheren Eintritt ins Rentenalter (Konditionen sind zu klären!) und damit dem Schüler, der am Lehrstellenmarkt vielleicht leer ausgehen würde, keine Berufsausbildung?
  • Warum also wird in Zeiten des Wohlstands und des technischen Fortschritts davon nichts an den Teil der Bevölkerung zurückgegeben, der das Erreichen dieses Zustandes ermöglicht hat?
  • Warum nennt sich die SPD sozial?

Argumente für diese Regelung kommen - natürlich - aus der Wirtschaft. Die Gesellschaft altere und es gäbe immer weniger sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse, stellt Herr Schleyer vom “Zentralverband des Deutschen Handwerks” fest.
Den Gedanken, die Zahl jener Beschäftigungsverhältnisse zu verringern, die Last des Sozialsystems also wieder auf mehrere Schultern zu verteilen, blendet er aus. Er ignoriert damit die soziale Verantwortung der Unternehmer; symptomatisch für den perversen Profilierungszwang der durchlobbyisierten Politik (bevor der SPD-Sympathisant hier “siehste!” ruft: deine Partei ist mindestens ebenso ignorant).

Ein Wort, das Arbeitnehmervertreterhyänen nicht gern hören: Deregulierung.
Und der Glaube an das Gute in den Menschen und den Konzernen. Aber wahrscheinlich sind jene in den marmornen Vorstandsetagen ähnlich weltfremd wie die gewählten Bundeshornochsen in Berlin. Doch ersteren traue ich mehr.

In aller Freundschaft:
Weil die SPD ja gerade an ihrem neuen Grundsatzprogramm arbeitet, empfehle ich dringend die Aufnahme folgender Passage:

Die Volkspartei SPD ist die treibende Soziale Kraft Deutschlands!
Jedem Bundesbürger steht nach seinem Arbeitsleben, dessen Dauer mit seiner Lebenserwartung gekoppelt ist, eine Rentenzeit von maximal fünfzehn Jahren zu.
Die Initiative 82plus hilft Menschen beim Verlassen ihres maximalen Rentenalters bei der Wiedereingliederung ins Berufsleben!

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