Damals


Ich kann mich noch gut erinnern, dass sie irgendwann ihren Schal bei mir vergaß. An den Geruch kann ich mich natürlich nicht mehr entsinnen, nur daran, dass er mir gefiel und ich den Schal am liebsten behalten hätte. Im folgenden Disput zwischen dem Gewissen und der Geruchsfaszination siegte letztlich die Ehrlichkeit.
Immerhin konnte ich ihr einen Kompromiss abringen, wenn ich mich recht entsinne, hat der Schal in der folgenden Nacht irgendwo in der Nähe meines Kopfes geschlafen.

blumig

Ein paar Tage später fand ich heraus, woher sie diesen Schal hatte und keine achtundvierzig Stunden später besaß ich den gleichen, weder eingetragen jedoch noch geruchsschwanger. Wenn ich mich heute zwischen denen, die ich besitze, entscheiden muss, fällt die Wahl selten auf diesen. Und doch besitze ich ihn seit all diesen Jahren. Und versuche seit eben so langer Zeit, passende Kleidung für einen gelben Schal zu kaufen.

In einer frühen Vorab-Version meiner Diplomarbeit hat der Betreuer eine Blume neben einen Absatz gemalt.

Ich wurde vorhin aufmerksam auf einen Artikel in mindestens haltbar, der sich mit den normalen Sorgen eines Redakteurs der Schülerzeitung vor fünfzehn, vielleicht zwanzig Jahren beschäftigt.
Teil einer solchen Redaktion war ich nie, doch manchmal lümmelte ich mich in den Redaktionsräumen unserer alten Schule, weil Schülerzeitungsredakteure auf meiner persönlichen Coolness-Liste relativ weit oben rangierten; das wiederum war begründet durch jenes Mädchen, das ich dort immer zu treffen hoffte, denn ich war vielleicht ein bisschen verliebt.
Zu dieser Zeit spielte ich in einer Band und irgendwann hat sie mir erzählt, dass es ihr damals ein bisschen erging wie mir. Möglich, dass ich mich aus diesem Grund heute an Blogs und Tageszeitungen festhalte, während sie nebenbei in einem Plattenladen arbeitet.

Hektograpie

Mein Leben in der alten Schule drehte sich indes nicht nur um jene Räume, in denen sich die Schülerredaktion befand, sondern auch um das Kabuff des Hausmeisters, an das ich mich beim Lesen des Artikels erinnere; diese Räumlichkeiten, gehütet wie ein Geheimnis, waren das Zentrum einer meine ganze Schullaufbahn durchziehenden Faszination - vielleicht das Einzige, was sich in den neun Jahren auf dem Gymnasium nie geändert hat.
Während der gesamten Mittelstufe habe ich mich auf das Austeilen qualitativ schlechter Zettel gefreut, weil sie gegenüber normalen Kopien, die in der Anfangszeit meiner Gymnasiallaufbahn wenn überhaupt eine untergeordnete Rolle zu spielen schienen, an die ich ich jedenfalls überhaupt kaum erinnern kann, was ja aussagekräftig genug ist, eine Eigenschaft hatten, die uns als Kinder und Jugendliche faszinierte: sie rochen. Es war der durchdringende Geruch von Spiritus und wenn solche Blätter ausgeteilt wurden, saßen einige von uns gebeugt wie Süchtige über dem neuen Klebstift.
Je älter man wurde, desto seltener wurden diese Kopien und desto weniger wurde der Moment des Austeilens zelebriert. So inhalierte man in der Oberstufe bestenfalls versteckt am neuen Aufgabenblatt der Biologie (während man vorgab, in seiner Tasche zu suchen). Dass man die Schrift der zwanzig Jahre alten Vorlage kaum mehr entziffern konnte, regte niemanden auf. Denn:

Das beste am Hektographieren
ist natürlich der Geruch.

Zitat: Reisenotizen aus der Realität
Bild: Old Cambridge Shakespeare Association