Juni 2008


»Bist du schon wach?« - »Man kann dieses christliche Terror-Geläut dort draußen ja kaum überhören!«
Stünde ein Muezzin auf dem Dach meines Nachbarn - es wäre nicht weniger unangenehm aber dennoch gerecht.

Heute Abend kämpfen zwei Götzen und unten blöken Besoffene, schwenken ihre Wimpel im Takt und freuen sich, was man in der letzten Zeit gewonnen hat. Und hacken die Zähne ins Fleisch toter Tiere und sabbern und saufen und gröhlen und spei’n.

Sonntag morgen, die Bimmel klingelt zum Fußballgebet - dass heute abend nach Wien kein Stein mehr auf einem anderen steht!

public viewing [funeral] - öffentliche Aufbahrung {f}

Touristen mit käsigen Beinen stehen herum, jemand dessen Stimme mich nervt, albert mit einem jüngeren Kind. Die Bücher sind aus, die Zeitung gelesen, das Essen kommt endlich und wer bestellt Milch.
Dieser Jemand hat deutlich mehr Ringe als Finger und ist mir naturgemäß fremd, er liest hier in meinem Wohnzimmer Bücher von jemandem, den man kaum kennt.

Mir fällt wieder auf, dass ich sehr schätze, was mir zum Wohnzimmer wurde. Weil andere sich hinaussetzen, sind die gemütlichen Sessel frei; Wir schauen in den Himmel und warten auf den Wolkenbruch: Jener, der schreibt nebenan und die zusammen frühstückenden Mädchen.

Hier läuft keine Musik (gerade!), Hannes Wader klingt mir im Ohr und macht sentimental. Es dampft ein Kakao aus der Schale auf dem Tisch
denn irgendwas muss sich ja ändern.

Es ist schon erstaunlich, man sitzt genau an der Quelle
und trotzdem fragt man nie »Kennst du einen guten Arzt?«
obwohl sie doch fast täglich geht.

Kein Vertrauen.

Das Klatschen der Wellen gegen den Pier, auf dem ich stand und der Geruch von Fisch und Meer

(du sagst: von der Fischbude dort)

Später im Schanzenviertel aus dem Auto heraus jenen Tisch wiedergefunden, an dem ich im August saß

Trotzdem hat an diesem Tag Hamburg verloren gegen Berlin
Ich weiß nicht warum
Vielleicht der Umstände wegen und der Zeit, die wir nicht hatten

Als ich den Zug stieg
dachte ich zweimal
»Bis bald«

Auf dem Couchtisch flackert die Kerze, die wir in Salzburg aus dem Schnee gruben. Wir haben immer auf eine Gelegenheit gewartet, den alten Docht abzufackeln, es hat sie nie gegeben.

Sie ist nicht pittoresk, die Blechschale beulig zerdrückt, wie eine alte Kerze vielleicht aussehen muss, die Falten, die Großvätern ins Gesicht gerissen sind, unterbrochen von jenem wissenden Blick. Wir haben immer auf eine Gelegenheit gewartet.

Vor nicht mal einem Jahr wäre ich enttäuscht gewesen darüber, dass wir nicht haben reden können.
Darüber, wie wir haben reden müssen.
Ein paar Monate später glaube ich, dass es anders nie hätte stattfinden können.

Das ist, was ich letztes Jahr gelernt habe. Was in keinem Jahresrückblick, den man im Januar schreibt, auftauchen würde.

Ein Lied, das ich in Zeiten der Melancholie sehr schätze.
Dort, wo die Pathetik wohnt.
Die Musik der Marburger Band, die es schon lange nicht mehr gibt, wird rausgekramt in Zeiten, die gerade erst begonnen haben.

Und irgendwie ist alles gut. Seltsam melancholisch; ich kann nicht behaupten, das vermisst zu haben und doch fühlt es sich angenehm warm an, wie ein alter Bekannter, mit dem man einst zu viel Zeit verbrachte. Von dem man sich länger entfernt hat und sich doch freut, ihn wieder zu sehen.
Wie beim zehnjährigen Abitreffen vielleicht, das in einer Woche beginnt.
Und wenn ich nicht mehr mag, kann ich einfach fahren.

Die Band, die ich meine: Hotel Stern

Der Satz im Kaffee
reimt sich auf mich.

Ach, diese EM.

Seit vorgestern weiß ich, wo sie stattfindet.
Seit gestern, dass England nicht dabei ist.
Was sonst ist noch unwichtig?