September 2007
Monthly Archive
So 30 Sep 2007
Der Ruhrpott macht seinem Namen alle Ehre,
das Wetter vereint sich mit der Landschaft.
»Und darum gibt es hier in jedem Dorf, in jeder Stadt einen Verein. Was bleibt außer Fußball und Selbstmord?« Der grimmig dreinschauende Rot-Weiß-Fan nickt und nimmt einen großen Schluck, der schmutzige Zug schneidet die stickige Luft.
Später wird ein Aufzug nach Rauch und nach Schweiß riechen, stinken.
Später wird ein Mensch nach Rauch und nach Schweiß riechen, stinken.
Während ein Zug die Luft schneidet,
die zu schwer ist zum Atmen.
Do 27 Sep 2007
Mit dem gebrochenen Deutsch, an das du dich über die letzten Jahre gewöhnt hast, fragt sie dich lächelnd, ob du nicht mehr gegenüber wohnen würdest. Du versuchst ebenso zu lächeln, während du wahrheitsgemäß antwortest, hoffend, dass sie nicht weiter bohrt.
Natürlich hast du - wie immer - Pech.

Du erzählst also, es sei wegen des masochistischen Nachbarn, den du nachts manchmal weinen gehört hättest. Und die Stimme jedes Mädchens, das du irgendwann kennengelernt hast, tauchte irgendwann nebenan auf.
Du erzählst also, dass du wegen der unerträglichen Nachbarschaft das Weite gesucht hast, flüchtend vor der dich stets einholenden Vergangenheit, wegen alter Erinnerungen, die dich schließlich nachts wach liegen ließen; gleich so, wie es vielen unserer Großväter ging.
Du erzählst also, alles wegen eines Mädchens.
Sie gibt das Wechselgeld und den Kaffee heraus,
wie früher.
Wie immer.
– Bild: Found Magazine
Mo 24 Sep 2007
Posted by niels under
Lifestyle ,
Musique1 Comment
We have collected some stones and some wood
and will build a house up here
Seine Beerdigung war am Freitag in dieser norwegischen Stadt. Abends widmet der Freund ihm sein Konzert, ihr umarmt euch länger als nötig. Es zeigt, dass die Dinge dort anders liegen als hier.
Obwohl du ihn nicht kanntest, mochtest du ihn. Seit Freitag laufen seine Alben auf heavy rotation, er schafft wieder, was vielen anderen nicht gelingt.
Nicht das einzige, was bleibt.
Then we will invite you home
and offer you some wine
– St. Thomas - Waltzing around insane
Plötzlich fällt dir wie Schuppen von den Augen, warum du zugfahren so liebst:
Der einzige Ort der Welt, an dem der Platz neben dir für jemanden reserviert zu sein scheint.
So 23 Sep 2007
Posted by niels under
Freunde[3] Comments
Ich frage mich, immer wenn ich deinen Namen lese und ein Foto von dir sehe, wo du gerade bist, was du wohl gerade so machst.

Die Platte im Schrank verdanke ich dir, mit der ich begann, mich für elektronische Musik zu interessieren. Dass ich den Namen anschließend nie wieder gehört habe, liegt vielleicht am Landstrich, den man französischsprachige Schweiz nennt: Dort liegen Dinge begraben, die man später nie wieder sieht.
Und dieser Name - natürlich hattest du es leichter, als du sagtest, du kämest von dort - weckt eine Erinnerung, nicht die schlechteste, die lange zurückliegt.
In deinem gebrochenen Deutsch hast du dich verabschiedet
und ich sagte französisch: Bis bald.
Sa 22 Sep 2007
Neunzig Minuten Fußmarsch durch die schlafende Stadt. »Und dies will eine Hauptstadt sein« denkst du, abbiegend von der beleuchteten Hauptverkehrsstraße in eine der letzten kleinen Gassen, an deren Ende sich der Hauptbahnhof und (für dich wichtiger) die Bus-Terminale befinden. Sie hat gesagt, man brauche zwei Stunden, also bist du zeitig aufgebrochen, weil du sowieso nicht schlafen konntest nach einer Woche auf dem Studentenwohnheimboden. Du hast ihr im Halbschlaf auf Wiedersehen auf die Wange gehaucht, im Hinausgehen wurde ist klar, wie schön und wichtig es war, hier zu sein.
Nicht wegen der Stadt.

Aus den Randbezirken durch das - wie man sagt - gefährlichste Viertel der Stadt, Industrieplatzromantik in den schmutzigen Straßen, monoton blinkende Parkhausleuchten, schließlich ein nervender Tourist, der seit einer halben Stunde an seinem Koffer herumklappert.
Du bist über die Tage tatsächlich Naturmensch geworden: Als du von Bergen zum ersten Mal hörtest, hattest du die Reise dorthin längst schon geplant.
Alle Menschen samma zwider,
i mechts in die Goschn haun.
Mir san alle Menschen zwider,
in die Goschn mecht ichs haun.
– Kurt Sowinetz - Alle Menschen samma zwider
Fr 21 Sep 2007
Man wendet sich entschuldigend an mich, die Wochen vorher war es besser und man könne sich auch nicht erklären, warum ausgerechnet…

Meistens lege ich an dieser Stelle meine Hand auf den Mund des Gegners, die Worte abschneidend und bedächtig nickend »Ich weiß, es ist nicht das erste mal« und schaue in den Himmel; Eine Station entfernt vom Olympiastützpunkt, ein paar wenige von der großen Skisprungschanze, die ich mit keinem Blick würdige. Mich ziehts in die Stadt und in die Natur, auf die Felsen und an den Hafen.
Touristen aalen sich in der wärmenden Sonne, Ausflugsdampfer mit lachenden Kindergesichtern nehmen Kurs auf die kleine Insel voller Hasen.
Man muss hier beginnen zu
lügen
oder sich
umzubringen.
Di 18 Sep 2007
Es ist wie in schlechten Filmen, diese Busse müssen niemals tanken - weder von Göttingen nach Hamburg, noch von dort nach Kopenhagen und auch dieser hier, kurz vor Göteburg hat bisher nicht nachgetankt und ich bin sicher, dass dies auch in den nächsten vier Stunden bis Oslo nicht passiert - oder sie tanken, während ich gerade schlafe; und das ist oft.

Seit mehr als vierzehn Stunden dämmere ich zwischen Texten und Musik, diese Fahrt kommt mir vor wie das letzte Sigur Rós Album auf heavy rotation.
Fotografieren lohnt sich nicht, die Landschaft gibt sich mühe, doch fehlt, wie ich fühle: Die Musik im Ohr und der Geruch dieses doch recht neuen Reisebusses in der Nase.
Nicht mit Abstand,
wohl aber kann ich hier der Jüngste sein.
Mo 17 Sep 2007
Draußen putzt ein Mädchen die Scheiben ihres in den Hinterhof zeigenden Zimmers für den eine halbe Stunde später eben jenes aufreißenden Männerkopf, der - rauchend - die Folgen jener Handlung nicht erkennt und diese also nicht auf sich beziehen kann.

Das Mädchen raucht solidarisch mit und sieht lächerlich aus dabei, wie rauchende Mädchen eben immer lächerlich aussehen bei diesem Versuch des Rauchens, aus Solidarität oder vermeintlicher Coolness ist meistens egal.
Ich lese Mittelmaß und Wahn, schaue dem Männerkopf beim fünfminütigen Zähneputzen zu, den Gestank aus dem Maul putzend, halte die Augen nur mit Mühe offen
in dieser Stadt,
aus der in zwei Stunden mein Bus fährt,
in der es zu regnen beginnt.
Di 11 Sep 2007
Posted by niels under
AllgemeinNo Comments
| Von: |
|
Peryton |
| Betreff: |
|
Re: Danke und… |
| Datum: |
|
6. September 2007 23:18:58 MESZ |
| An: |
|
Niels |
mein dank zurück.
die antwort wurde zur satire. du wirst sie in den nächsten tagen bei mir finden :))
gute nacht!
Niels Fallenbeck schrieb:
….nach all dem, was wir gestern redeten:
Heißt Lieben
leiden?
Mo 10 Sep 2007
Posted by niels under
Gesellschaft1 Comment
Ich treffe den Spitzenkandidaten auf der Straße: Waren Sie schon wählen?
Ich muss mich zusammennehmen, nicht in die alten Verhaltensweisen zu verfallen, über die ich mich im Nachhinein immer selbst ärgere: Ich würde sagen: nein und blöd grinsen, in meiner Phantasie und zu Hause vorm Spiegel würde ich natürlich anders, cooler agieren.
Ich so: Wählen? Zwischen was?
Er so: Heute ist Landratswahl. Sie sollten Wählen gehen, wir brauchen Ihre Stimme.
Ich so: Das ist die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich bin zum Wählen viel zu verschnupft.
Mit dem letzten Satz sperre ich die Haustür auf, merke im Hausflur, dass ich allein bin.
Hoffentlich habe ich gar nichts gesagt.
(Überschrift aus »Bronsteins Kinder« von Jurek Becker)
So 9 Sep 2007
Menschen schauen zu selten nach oben, Gewohnheitstiere wie sie sind, den Blick geheftet auf den Futternapf, das Bequemste findet sich immer in Augenhöhe.
Bekomme ich einen von ihnen zu Gesicht, streift mein Blick zuerst seine Hand; ich zähle die still die Ringe an seinen Fingern - jeder ist mir einer zuviel.
Ich schaue nach oben und seh’ sie von unten.
Ich zähle still meine Ringe unter den Augen.
Sa 8 Sep 2007
Das erste mal seit über zwei Monaten suche ich mir Bekleidung aus dem Kleiderschrank wieder nach Katzenhaarkompatibilität zusammen. In ziemlich genau vier Stunden stehe ich ihm gegenüber und werde extrem empfangen; totale Abneigung gegen abgöttische Freude.
Wie würde ich an seiner Stelle reagieren? Weggegeben, abgeschoben, umgezogen, wie hat er unsere Trennung im Gedächtnis?
Ich trage vergessenes Spielzeug nach, nehme auf den Arm, drücke, sage »siehst du?«.
Und habe das Gefühl
beim Selbstgespräch erwischt.
Ich denke an dich.
Di 4 Sep 2007
Posted by niels under
Freundschaft1 Comment

Ich fühle mich, als hätte ich den ganzen Tag geweint.
Es ist das körperliche Gefühl der Ausgelaugtheit. Gestern erst habe ich gedacht, dass Weinen befreiend wirkt. Und gemerkt, dass ich es lang nicht mehr kann.
Vielleicht liegt es an fehlenden Gründen oder der Einwattiertheit jener Tage.
Vorher saßen wir zusammen und haben über Leben geredet, andere Worte mit L und Ziele in fünfhundert Tagen. Irgendwann hat er gesagt, man sähe an meinen Augen, dass ich begann zu beenden. Und ich habe gedacht, damit hat es sicher zu tun.
Denn heute war’s schön.
Und ich fühle mich, als hätte ich den ganzen Tag geweint.