Juli 2007


Der Takt wird langsamer. Der Takt wird langsamer.
Er beruhigt sich, nähert sich Normalnull, der Takt wird langsamer.

Ich war im falschen Takt, sagst du. «Ich hatte keinen.» fällt mir erst jetzt auf. Haltlos, unglücklich, aufgeschmissen. Der Takt wird langsamer, fängt sich, defibrilliert.
«It’s all about Takt» höre ich mich sagen drei Tage später, wissend, ich hatte den Style schon lange verloren an diesem Abend. Ich klammerte mich hilfesuchend an die Flasche, wurde gegen dich gespült und konnte mich nicht halten, prallte zurück.
Ich war in jeder Ecke, ich war unten und ich war oben. Am Ende war es schlecht, war mir schlecht.

Es blieb die Flasche. Und die viel zu kurze Couch.
Nicht alles, was steht, gibt Halt.

Der Regen rinnt die Fenster des auf offener Strecke stehenden Zuges hinab,
dass man Blitze am Horizont nur verschwommen wahrnehmen kann.
So hat es lange nicht geregnet.

Die Gedanken, die ich scheue, sind klar;
Mich fragt ein Blinder nach dem Weg, den ich nicht sehe.
Ich erzähle einem Tauben von unterwegs.
Jemand, der mich gestern nicht erreichte, weil ich nicht allein war,
geht nicht ans Telefon, weil er nicht alleine ist.

Wir stehen auf offener Strecke, ich blicke durch die Scheibe, erkenne selten wenig.
Dass dies nicht die Zukunft ist, in deren Richtung der Zug steht.
Und dass es aufhört zu regnen.

Das Letzte, was ich von dir sehe, ist deine Hand, die winkend hinter dem Fensterrahmen meines Zuges verschwindet. Ich weiß nicht, wann wir uns wiedersehen, ich weiß nicht wo. Draußen bilden vorbeifliegende Regentropfen Linien, scheinbar einem unsichtbaren Fluchtpunkt zusteuernd.

Als die kanadische Band ihre traurigen Lieder singt, stehe ich in Gedanken noch mit dir am Bahnhof. Dein Zug ist sicher gerade gekommen, auch du verlässt diese Stadt, scheinbar einem unsichtbaren Fluchtpunkt zusteuernd.

Wir treffen uns an dessen Ende,
irgendwo weit draußen
hinter meinem Horizont.
So lange denke ich an dich.
So lange vermisse ich dich.

Du warst da, ich konnte nicht bei dir sein. Wir standen Schulter an Schulter, du warst unendlich weit weg. Als hätte wer den Schalter umgelegt;
Ich konnte kaum mit den Menschen, die so wichtig für mich wären.

Und dann war der Abend vorbei
und der Morgen war da.
Auf der blauen Couch, viel zu kurz, wie die Nacht. Wir saßen zerstört
den Abend in den Knochen.
Wir haben den Kopf geschüttelt, die Gedanken zu ordnen.

Wir ziehen die Sonnenbrillen tiefer ins Gesicht;
Wir können besser denken, wenn es dunkel ist.

Bitte kaufe mir zwei Kartons Schmerztabletten,
erzähle mir dann von deinem restlichen Leben.

Mit dem Zug durch die Landschaft, draußen dreißig Grad und Sonne, drinnen die schwitzende Masse, die mit offenen Mündern schläft.
In einer Woche wird die Stadt leer sein, wie die Stadt vor Jahren leer war, an die du dich kaum erinnern kannst. Vielleicht der Grund, warum du nicht in Verzweiflung versinkst.

Während die Ähren im wohlwollenden Licht wiegen, erinnerst du dich an eine Zeit, in der es dir schlechter ging, als die alte Band sang.

Soll sie doch sagen, dass die Köhlbrandbrücke wenig romantisch ist. Du wirst es ihr schon beweisen, denkst du und siehst euch in einem alten Bus nachts Richtung Stadt.
Vielleicht auf dem Weg vom alten zu Hause zu ihrem neuen. Im Radio die alte Band, die schon sang, als es dir schlechter ging, während sie ausschließlich Dinge sagt, die dir gefallen.

Du wirst es ihr schon beweisen, denkst du
und zeigst mit der Hand auf den Hafen.

Mein Herz schlägt mir in den Ohren

ich suche etwas zum Anbinden

ich reiche meinem Herzen
zum Abschied die Hand

ich hörs

du kommst mit deinem Gedicht

wir haben uns wieder verpasst

Draußen gebären sie Kinder.
Mit jedem entrücke ich mehr dieser Gruppe, deren Teil ich nie weniger war als zur Zeit.
Mit jedem Kleid, dass sie kaufen, werfe ich ein Kleidungsstück weg.

Wie lange noch
kann man jede Woche
stets etwas zum ersten Mal tun?

Während du den Selbstbezug deiner Mails beklagst
ich weide mich gern in deinen Worten, die von dir erzählen.


Ja, es hat mir bergauf und bergab zu tun.
Das Metronom ist verstummt.

Du erzählst Märchen von Königen und Mauern. Ich schreibe den Satz den ich liebe und meine ,,da draußen” ist immer hinter der anderen Wand.
Du sagst stets traurige Lieder und «sie sind voller Hoffnung.»

Ich glaube
ich werde

betrunken sein
wenn

wir uns das letzte mal sehen.

Ich weigere mich einzuschlafen,
flüchte hinter die Stadtmauer,
beobachte Spatzen, die Turmfalken prügeln.
Geschrei bricht durch den Sonntag,
das Geschrei der Touristen über dem Kopf,
die diesen Platz niemals kennen.

«Erwarte nicht zuviel» flüstern mir beide in meine Ohren, «im Nichterwarten bin ich schlecht» entgegne ich und probiere die Medizin, die sie mir reichen. Auf der halbleeren Flasche steht Zufriedenheit auf einem fettigen Etikett, in der Sonne erkennt man Buchstaben, die dankbar ergeben.
Jeder Schluck rinnt brennend den Gaumen hinab. Sie sagen, der Hals sei das empfindsamste Körperteil; immer wenn ich dich erwische, sanft doch bestimmt und für zwei Sekunden hoffe, ich könne dich halten ohne dich reißen,
denk ich daran.

Was nie funktioniert, allem stets widerspricht.

Nach jedem Schluck aus der Flasche erkenne ich, bevor es wieder verschwimmt.
Schmeckt bitter - ist also wirksam - während das Narbengewebe unter der Haut langsam Gestalt jenes Wortes bekommt.

«Geh nach Hause» sagt er und
«Nimm einen Schluck.»

Ich habe den Fleck deiner Augen wie einen Orden nach Hause getragen.

Das Kissen schnufft noch gut nach dir.
– Boxhamsters

Ich verstehe nicht alles, bin aber bereit, dir alles zu glauben.

Jede Menge Kummer, einen ganzen Güterzug.
– Fink

Ich lese alte Texte.
Ich denke alte Sätze.
Ich denke mir Fragen aus, deren Antwort du kennst.

Jetzt geht wieder alles von vorne los.
– Tocotronic

Doch irgendwann zwinkern wir uns wissend zu.

Warum wir uns irgendwann nannten, wie wir uns nannten, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Auch nicht mehr an die Peinlichkeit, die uns die Wirbelsäule heraufgekrochen sein muss, als wir in der Vorweihnachtszeit des Jahres Neunzehnhundertsechsundneunzig Flyer mit dem Aufdruck «Analdiät wünscht frohe Weihnachten» in der schon damals ausgestorbenen Fußgängerzone unserer kleinen Stadt verteilten.

Natürlich nannten wir uns selbst Punks, und irgendwann kam wer mit caress. als neuem Namensvorschlag. Wahrscheinlich aus Unwissenheit von der Bedeutung dieses Wortes stand es wenig später auf den üblichen selbstcollagierten Plakaten, die Konzerte in Häusern der Jugend oder heruntergekommenen Diskotheken des Landkreises ankündigen. Schnell war klar, dass wir damit nicht durchkommen würden, sehr bald pflegte ich Nachfragen bezüglich der Übersetzung mit einer möglichst coolen Handbewegung Richtung Schlagzeug und einem bereits im Gehen hervorgebrachten «Frag mal Dennis» zu beantworten.

Heute denke ich mir keine Namen mehr aus für Bands, die ich nie haben werde. Aber heute singe ich jede Nacht Lieder auf meiner inneren Bühne.
Und manchmal schreibe ich Texte über uns beide, in denen wir alles überleben.

Als wir wiederum nicht wussten
was zu tun, wohin sich wenden
liefen wir stundenlang umher
auf den Alleen
und am Ende kamen wir zu einem Park
an dessen Tor zwei Sphinxen wachten
So verbrachten wir die Zeit
mit dem Gefühl von leichtem Schwindel

– Tocotronic

Ich schaue in ihre Augen, wenn wir uns treffen. Wir treffen uns selten, sie können mich nicht ertragen. Irgendwo spielt eine Gitarre und die Assoziationen verrückt. Weißt du noch, damals am Lagerfeuer? Das ist das einzige, was ich in positiver Erinnerung habe. Es hat nicht gereicht, um zu halten.
So liegen wir auf den alten Dielen.

Ich glaube, ich habe
deinen Satz endlich verstanden
den du sagtest
in einem der schönsten Momente der Welt.

In diesem Sturm aus Raum und Zeit
hat alles seine Möglichkeit

Melancholie auf Abruf. Die Armeen der Bitterkeit üben formiertes Marschieren.
Draußen fällt Regen vom Himmel in die Nacht, die Matratze feucht, weil es eine gute Idee schien, mit Regen im Gesicht einzuschlafen. Weil es keine gute Idee war. Du gleichst dem Kater am Straßenrand, überfahren vorgestern, seitdem gebrochene Dämme, Regen und Schnee. Einem steifgefrorenem Kadaver gleich mit Regen im Gesicht.

Und dann steht sie vor dir, wünscht mit ihren Augen einen schönen guten Morgen, lässt sich die Decke ausbreiten und dann nieder. Sagt kurz Danke, bevor ihr euch verabschiedet.

Die Kulissen stehen bereit
Die Rollen sind noch nicht verteilt

Weiße Flecken an senffarbenen Wänden. Gutaussehende junge Menschen in gutaussehenden Hosen.
Elektromusik illuminiert den Raum, es flackern Gespräche, jeder hängt an seinem Glas Sekt und erzählt, dass der Tod im Detail eines der schönsten Bilder sei.

Wir steigen um, bestellen Bier, dir war klar, dass ich Hamburger Schule spiele; du weißt, sie bedeutet mir was dir die Bilder sind.
Es ist deine Vernissage und r spielen die Musik.

Wir sind die üblichen Verdächtigen.
Und ziemlich gut gekleidet.
Denn hier spielt die Musik.

«Nächte sind zum Schlafen da» sagen sie. Du lachst wissend, keine Nacht durchgeschlafen in den letzten Tagen, aber du hattest schlechteren Schlaf. Auch wenn das Zimmer - wieder - verwühlt ist, hier hältst du es aus. Und sitzt auf den Kisten, den großen Kopfhörer auf den Ohren. Wegen des Anrufs aus Köln «Legst du auf?».

Der Kopfmensch sagt: «Sei streng zu dir.»
Der Gefühlsmensch bleibt einfach liegen. Und denkt sich, dass alles irgendwie wird.
Sätze wie dieser stammen von Menschen wie dir.

Alles wird immer
irgendwie gut.

Die Schräge, an die du dich gewöhnen musst, liegt wie eine schützende Hand über dir. Als es regnet, schließt du das Dachfenster, weil es tropft. In dem kurzen Moment zwischen Wach und Schlaf fragst du dich, wie lange das alles her ist.

Vernissage: 4. Juli 2007 ab 18 Uhr

Ein paar Meter weiter stehen die Kisten, unausgepackt, und die Stereoanlage auf dem Schrank. Du fühlst dich trotzdem zu Hause. Jetzt kann die Entwicklung der letzten Tage stocken, nimmst du dir vor, die Zeit war lange nicht so knapp wie heute. Und irgendwie hat das alles wenig mit mir zu tun…

Die zweite Jahreshälfte beginnt mit Terminen, auf die du dich freust.
Euphorisch rufst du «hier» wenn jemand fragt «hast du Lust?»
Wir hatten das schonmal.

Wenn der ganze Quatsch vorbei ist, setzen wir uns wochenlang ins Café!
Versprochen. Aber ich glaube, das hältst du nicht aus.