Da steht dein Leben vor dir. Selbstverpackt, doch unverhofft. Selbstverpackt in sechzehn Kisten, zehn davon klapprige Plastikboxen, von denen eine nach Alkohol stinkt. Dahinter ein gähnendes Regal, in deinem Kopf ist lange schon Sonntag.
«Was macht das noch für einen Unterschied» hast du gedacht, als du Wichtiges in die Kisten und das Andere in den Mülleimer warfst, «wenn schon nicht zu Hause, dann richtig.» Im Kopf Lagerhausromantik, die sich einfach nicht einstellen will.
Vor etwa einem Monat ging es dir schlechter. Du kannst nicht behaupten, dass es sich schlimm anfühlt. Nur wie ein trauriges Lied auf einem Rock’n'Roll-Album, dass sich «Leben» nennt. Du siehst die melancholische Spinne an der Decke und erzählst, wie sich Leben verändern. Fast drei Jahre sind vergangen - nicht spurlos an den noch ungestrichenen Wänden - und du sagst, du hoffst, dass es ihr gut geht. Dann kommt das nächste Lied.
Als erster im Büro, was bei einem Zweier-Büro keine große Leistung ist. Man macht’s mir aber leicht in diesen Tagen. Der Ort, den ich vor zwei Monaten noch als «zu Hause» bezeichnet habe, ist mir seit Wochen keines mehr.
Nachdem wir am Sonntag auseinander zogen, war die Wohnung seltsam leer. Ein Loch. Seitdem sind die Wände noch ein Stück enger zusammengerückt, die Decke noch etwas tiefer gerutscht. Und der Boden etwas höher, so dass man stolpert beim Betreten.
11:58:50 : Er so : ich glaube, kinder muss man nicht mögen, zumindest nicht die nachbarskinder bei uns um die ecke, die jeden tag fussballspielend einen heidenlärm veranstalten, aber sobald du dein erstes kind in den armen hältst, wirst du alles aussenherum vergessen, ich bin noch kein vater, lege es auchnicht auf teufel heraus darauf an, aber wenn es passiert, dann passiert es und vergiss alles, was du bis dahin dazu gedacht oder gesagt hast…. 12:00:28 : Ich so : mag sein. ich legs auch nicht drauf an. ich versuche, sogar, das zu verhindern. ich glaube, manchmal würde mir dann fehlen, mich auf damentoiletten zu übergeben, betrunken fahrradtouren durch hannover morgens um 6 zu machen, in wohnungen aufzuwachen, die man nicht kennt neben frauen, die man 6 stunden kennt und denen man die telefonnumer aufs bein geschrieben hat. und nichts passiert ist. das sich-versifft-fühlen und dieser song, der dir auf dem nach-hause-weg die ganze zeit im kopf hallt: “dieses gute wilde leben”
»Wie war’s eigentlich in Weimar« werde ich fragen und du wirst es mir sagen und dann werden wir abschweifen bald, denn nach einer Stunde ist jedes Thema alt. Vielleicht werden wir Bogen schlagen und irgendwann werde ich bestimmt wieder fragen »Du warst doch in Weimar, wie war es?« Und dann machst du dieses Gesicht und ich komme mir kurz vor wie erwischt.
Vielleicht haben wir einmal - ich werde es hoffen - vertauschte Rollen und du schaust betroffen wenn du mich fragst, wie das damals nun war, mit der alten Kulturhauptstadt Europas, mit Weimar. Und ich werde sagen »Du kannst es dir denken, ich bin sozusagen ein Held des Verdrängens. Doch Erwischt! Ich war nie in Weimar, ich hab’s nur gebloggt. Darum schreib ichs auf. Denn habe ich jemals das hier vergessen, lies diese Geschichten, das musst du versprechen!«
Das soll kein Bericht über die Campus Invasion am Samstag sein, derer langweilige gibt es einige von irgendwelchen Mixtapebabes. Die glatt und fälschlicherweise behaupten
Stimmung: im Mittelblock meistens gut, an den Seiten eher lahm
Stimmt nicht, Frau Babe: Wir hatten Spaß und rockten die Flanken. Und drehten Juli-Musikvideos im Vormonat:
Später dann Mando Diao, deren angebliche neunzig Minuten mir vorkamen wir bestenfalls zwanzig «da vorne im Pit», deren Songs mich kaum interessierten und die ich nicht kannte.
Und wenn das langweilig und blöde klingt, dann täuscht das. Tocotronic waren da. Und Jamie T. Und haben genau das Gegenteil von Mando Diao geschafft: Mich positiv überrascht.
An Maximo Park kann ich mich leider nicht erinnern.
Dann auf einer Party in der Unterführung stranden, die genauso in Berlin hätte stattfinden können. Bei der die Musik scheiße, das Ambiente aber prima war.
Er sagt, dass Schwäne sich nur einmal im Leben verlieben.
Ich denke: Interessant. Unsinn. Sagen Wissenschaftler, wie? Den Schwänen Liebe unterstellen, oder wie haben sie das herausgefunden? Bekommen den Begriff für sich selbst nicht definiert, bei Schwänen aber kein Problem und natürlich sofort erkennbar: Einmal im Leben.
Gehen nach Hause, laufen ihren Partnern nach und wenn sie keine Lust haben, sagen diese «Wir haben uns kaum vor lauter Arbeit» und dann laufen sie doch. Wie Schwäne, die sich in einen Plastikschwan verlieben und Jahre kuscheln. Weil sie sich nur einmal verlieben. Dann nie wieder.
Ich denke: Dann geht des den Schwänen also besser als mir, der sich vielleicht niemals verliebt. Oder gleich mehrmals. Aber wahrscheinlich tun Schwäne das auch und eigentlich ist das egal, denn dass du da bist, ist alles was zählt. Ich weiß, wir werden uns nicht ewig haben. Das hat noch nie funktioniert. Vielleicht verstehen Schwäne mit den Momenten des Glücks besser umzugehen.
Ein Vormittag nach deinem Geschmack, mit den Noch-Nachbarn und einem Freund im Café, irgendwie den letzten Abend ausklingen lassen. Jetzt knistert das Vinyl im Hintergrund, du richtest in Gedanken deine neue Wohnung ein und kannst dieses dich beschleichende Gefühl der letzten Tage nicht ignorieren, dass sich etwas geändert hat.
Leute, von denen du dachtest, das passt uneingeschränkt, zeigen dich störende Seiten. Dich freute, euch zu sehen. Aber eigentlich hättet ihr euch gestern Abend alleine gereicht. Und dieses eine Mädchen. Die anderen siehst du später, im dreckigen Staub des alten Platzes auf diesem Konzert, das für dich so wichtig ist, doch du kannst dieses dich beschleichende Gefühl der letzten Tage nicht ignorieren, dass sich etwas ändert.
Da gibt es nicht viel. Entweder sie oder du haben sich verändert. Weil du glaubst, dass die da draußen Veränderungen überfordern, verortest du diese bei dir. Zum Beispiel letzte Woche in den Küchen dieser Stadt, in denen du dachtest, du gehörst nicht mehr dazu. Und dann war da eine, mit der klappt das noch immer. Das sind die, für die es sich lohnt. Doch du kannst dieses dich beschleichende Gefühl der letzten Tage nicht ignorieren, dass sich etwas ändern wird.
«Tausend Dank» Die letzten Worte trennen vom Regen. Die Show ist vorbei, Tropfen hämmern aufs Zeltdach und machen klar, dass die nächsten hunderte Meter - egal.
«Der Regen passt gut zu ihrem Gesicht» denkst du, als der erste am Rahmen deiner Hornbrille zerplatzt und du die Kapuze tiefer ins Gesicht ziehst.
Irgendwo vorn jemanden, den du kennst. Der kontrollierende Seitenblick kann das Wasser längst nicht mehr unterscheiden, die Stoffschuhe sind nach wenigen Metern durch, «die Situation kennst du aus Filmen». Aber im Kino nimmt alles ein Ende, während du zum ersten Mal das Gefühl hast, ihr könntet ewig so gehen.
«Von hinten sehen sie doch gar nicht so unglücklich aus.»
Wattig eingepackt kommst du durch den Tag und die Nacht. Tagsüber Arbeit, danach was man nachts eben so macht. Und Flucht. Angst hast du nur vor dem, was dich beruhigt.
In zwei Wochen trennen sich Leben. Deins weiß es, das andere ahnt es bestimmt.
Und wenn alles vorbei ist,
geht wieder alles von vorne los.
Pünktlich in Hannover, mit der Straßenbahn durch die Brennpunkt der Stadt ins Künstlerviertel, dass ich bereits während der Aufenthalte zuvor schätzen gelernt habe.
Das Café habe ich nicht gefunden, so kam ich bereits nachmittags Béi Chéz Heinz an, dem Ort, an dem die Lesung stattfinden sollte, wegen der ich ursprünglich hier bin.
«Hast du so etwas schon einmal gemacht?» fragte einer und ich sagte einem «Klar». So wurde ich DJ für diesen Abend. Einer unter vielen, aber immerhin jener, der die Autoren durch den Abend brachte. Um 6 Uhr dann das letzte Bier vor einem Freibad, im Gras liegend mit irgendwem, den ich nicht kenne und dessen Fahrrad, zehn Minuten später der Beginn einer wunderbaren Fahrradtour quer durch die Stadt und der Nacht in dieser fremden Wohnung.
Sechs Stunden später allein und nüchtern zurück. Sah ich so abgerockt aus wie ich mich fühlte, sollte ich Teil dieses Films sein, zu dem Tilman Rossmy und Dirk von Lowtzow den Soundtrack schrieben:
Das erste (und das tatsächlich einzige) Mal, als ich auf einen Hochsitz geklettert bin, hat meine erste große Liebe oben gewartet. Später wusste ich, die erste große Liebe war es nicht, bloß die erste Person, die ich in meinem Freundeskreis als «meine Freundin» einführen konnte.
Es ist lange her, wie viele Jahre weiß ich nicht. Wir haben uns weder geküsst noch haben wir uns die Hände gehalten. Vielleicht ist mir aus diesem Grund kein Hochsitz je in guter Erinnerung geblieben.
Vor übermüdeten Augen hinter dem Fenster fliegt die Landschaft vorbei, braune Kühe auf grünen Wiesen. Eine junge alleinerziehende Familie sucht einen Anschlusszug, während eine bierselige grün-uniformierte Gruppe junger Verwaltungsangestellter auf Betriebsausflug* ihre neueste Eroberung, zwei Vierersitzgruppen drei Meter weiter, in Beschlag nimmt.
Trotzdem schätze die Bahn.
Vielleicht, weil ich hier einst küsste.
Irgendwann gestern nacht zwischen eins und zwei, als ich mit meinem Nachbarn im Hinterhof saß, der große Wagen über uns parkte, jeder ein Bier öffnete und Leo beim Herumstreifen beobachtete.
Ich bereite mich gerade auf die Reise vor; Auch wenn ich es zu Hause ertrage, will ich das nicht strapazieren. Und morgen werfe ich einen weiteren Teil meines Lebens über Bord.
Das Schild in dem Café, dass mir in den letzten Wochen wichtig und sympathisch wurde, hätte ich gestern um den Hals tragen und heute ignorieren können.
Als ich sagte, ich würde dich fangen, wusste ich ja nicht, dass du so zickzack fallen würdest.
sagte eben ein Freund und zitierte einen anderen. Ich denke an jemanden, der sich vernachlässigt fühlt und von dem ich gestern wieder merkte, wie wichtig mir dessen Freundschaft eigentlich ist.
Wieder schwöre ich Besserung, wieder sage ich mir, dass es so nicht gehen kann.
Ich erkenne mich im Satz und danke jenen, die unten warten. Jenen, die hochwerfen.
Das hatte ich schonmal. Und diesmal hoffentlich mehr daraus gelernt.
Ich habe gestern nacht die Uhren von den Wänden gerissen.
Nicht nur damit die Zeit nicht vergeht.
Wir haben den Mond gesehen - rot, fett und rund - wie er an den Türmen der Kirche vorbeizog. Im Wald leuchtete das Neon-Herz und wir froren.
Es passiert in den letzten Tagen nicht viel. Oder zu viel.
Das Schlimmste ist etwas ändern zu wollen - sofort - und sich gedulden zu müssen.
Wer sagt, ich sei gut im Warten?
Ich habe die Uhren von den Wänden gefetzt, als ich das Ticken nicht mehr ertrug.