März 2007
Monthly Archive
Do 29 Mrz 2007
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Literatur1 Comment
Ich hatte es in der Hand und vor meinem geistigen Auge sehe ich den dunkelbraunen Reclam-Einband, wie er für die Ausgaben der Jahrhundertwende typisch war. Und in altdeutschen Lettern steht dort: »Lotte in Weimar«.

Dachte ich. Und schaute nach. So riss ich ein Reclam-Bändchen nach dem anderen aus dem Regal - nicht nur die dunkelbraunen - doch erst beim Schiller machte sich der Verdacht breit, dass ich Goethe nicht einfach falsch einsortiert habe.
Die Gesamtausgabe des Geheimrats steht im anderen Regal und hat zehn Bände. Und ein unheimlich schlechtes Inhaltsverzeichnis. Fünf Minuten später meine ich zu glauben, warum sie bei ebay seinerzeit nur zwei Euro gekostet hat. Zuzüglich Versand. Weinrot. Ähnlich dem Reclam-Einband und mit goldenen Lettern am unteren Buchrücken: Weltbild Verlag.
Darüber habe ich mich damals schon geärgert. Auch für zwei Euro.
»Lotte in Weimar« ist von Mann.
Es hat keinen dunkelbraunen Einband; es ist nicht einmal von Reclam.
»Lotte in Weimar« war teurer als die Gesamtausgabe von Goethe.
Zuzüglich Versand.
Do 29 Mrz 2007
Wenn ich mich an ihn erinnere, denk ich an kilometerlanges Nebeneinanderhertraben. Wir haben nie ein Wort gesprochen, doch waren froh, die morgendliche Strecke, die wir damals fast täglich zusammen liefen, miteinander und nicht allein zu absolvieren, kurz: uns zu haben.
Dafür bin ich viel zu geschwätzig.
Sa 24 Mrz 2007
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Lifestyle1 Comment
Das Gebrüll der Klingel weckt dich. Du schlägst das Kissen zusammen, um den Kopf nicht heben zu müssen. Kurz nach zehn. Um diese Zeit würde keiner deiner Freunde klingeln, denkst du und drehst dich um, als es zum zweiten Mal läutet. Ein Paket erwartest du auch nicht, der Kater schaut abwechselnd zu dir und zur Tür.
Beim dritten Mal stehst du auf. Du kannst an einer Hand abzählen, wie oft es bei dir häufiger geklingelt hat, wahrscheinlich brennt gerade das Haus oder die Stadt. Kurz nach dem Drücken des Öffners brüllt ein Postbote etwas mit Einschreiben. Den Spiegel neben der Tür meidest du, als du ins Treppenhaus trittst in etwas, das sie anderswo »Schlumpfkleidung« nennen. Wer achtet schon auf farbliche Zusammenstellung bei Klamotten, in den er schläft? fragst du dich, den zerrissenen Ärmel des rosa Pullovers hochkrempelnd, den dir deine Mutter vor Jahren überantwortet hat, weil du ihn sowieso immer trugst. Die blaue Hose ist in der Wäsche und ich habe sonst nur noch diese rote, rechtfertigst du dich vor dir selbst, als du die letzte Kurve nimmst und das Gleiche passiert wie immer, wenn unangekündigter Besuch dich in diesem Aufzug erwischt.
»Geht im Moment nicht anders« sagst du anstatt guten Morgen und meinst damit irgendwie alles. »Wenigstens die Augen passen zur Hose« sagt der Mensch von der Post, oben geht eine zweite Tür auf. »Irgendwas wegen Uni« die Post, du: »Bei mir auch.«
Fr 23 Mrz 2007
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Reisenotizen1 Comment

Hannover im Februar.
Der Zug kotzt dich in den Schnee. Das Einzig nicht weiße ist deine ursprünglich weiße Sommerhose, der Riemen der alten Ledertasche längst gerissen. Geduckt wie ein Autor auf Lesereise, die niemanden interessiert.
Kröpke, Flucht ins Café, gold. Wenn du eines nicht leiden kannst…
Eine Stunde später abgeholt, entscheidest du dich für die Straßenbahn nach Linden, ihr kauft im Supermarkt Wein. Später anstoßen; es gibt was zu feiern!
Künstlerviertel, Boheme. Der Kaffee ist schlecht und teuer. Und kalt. Weil du dich im Bernhard festgelesen hast. Trotz normaler Hose heute Blickfang. Hinterhofidylle und eine Wohnung, aufs Höchste gelobt.
Die mit der von gestern nicht mithalten kann. Wie vieles.
I’m here to keep you worried
and I am here to fight you
I am here to make you cry
I am a ghost so I got the right to
(Norwegian Recycling - Just Like a Ghost)
Do 22 Mrz 2007

Nachts im Bett, die Hörer auf den Ohren und die Augen geschlossen, stelle ich mir meistens vor, wie es wäre, die Musik für dich zu spielen. In irgendeinem Club deiner Altstadt.
Altstadt is everywhere!
Es hat den ganzen Tag geschneit. Vor dem inneren Auge das alte Roadmovie. Einer, von dem du nichts ahnst, sagte, ich wäre wohl ein guter Schauspieler. Seitdem gefallen wir mir in den Hauptrollen.
Der alte Tourfilm. Hätte ich jemals Automatensuppe gegessen, würde ich es vielleicht anders sehen. Dein Auto hat sowieso nie ausreichend Platz für die Band und für dich.
Aber das ist egal, wenn ich wieder auf der Bühne stehe.
Und Liebeslieder spiele.
Lass uns am Anfang, am Anfang
den Karren nicht an die Wand fahr’n!
(Anajo - Am Anfang)
Mi 21 Mrz 2007
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Arbeit[7] Comments
Warum du gerade einen Kaffee gekocht hast, ist dir schleierhaft. Eigentlich willst du ins Bett, die Augenlider haben sich bereits selbstständig gemacht und versuchen sich an der gewichtigen Imitation Hella von Sinnens.
Wahrscheinlich Gewohnheit.

Mit diesem Gedanken zurück an den Schreibtisch und wenigstens für die nächsten dreißig Minuten, die der Kaffee immer abkühlen muss, Konzentration! Dass er dir dabei nicht helfen wird, weißt du schon, bevor du ihn trinkst.
Wahrscheinlich Gewohnheit.
Es ist, als würdest du sie anziehen. Doch wahrscheinlich ist gar nichts. Du verlierst dich in Wortspielen zwischen anziehen-ausziehen, die Tasse lacht dir »Jusomunter.« entgegen und ja, Luftballons können sie machen, hat sie gesagt. Und du: Heißluftfabrikanten eben.
Wahrscheinlich Gewohnheit.
Di 20 Mrz 2007
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ArbeitNo Comments
»Wenn ich mich nicht melde, geht es mir gut« pflege ich immer zu sagen, wenn ich mir von verwandtschaftlicher Seite anhören muss, dass ich, wenn ich sowieso nicht vorbeikomme, nicht einmal anrufen würde. Manchmal sage ich dann noch »ich bin nicht gut in sowas« und danke immer denen, die von sich aus nach einem halben Jahr anrufen oder jenen, die da sind, wenn es einem nach zwei Jahren wieder schlecht geht.
Für den Moment habe ich eine andere Ausrede, die sich mit Arbeit gut umschreiben lässt. Ich schloss mich über das Wochenende ein, zweimal herum, habe meine Kommunikationsprogramme beendet, extra noch eingekauft und gedacht: »Jetzt schauen wir mal!« Und dann habe ich gedacht: »Du kannst nachts sowieso besser arbeiten.«
Dass einem spät die Gedanken um die Ohren fliegen und nicht zu fassen sind, hat mir in all den Jahren niemand gesagt. Darin bin ich wirklich gut, aber das kann man ja leider in keine Bewerbung schreiben.
Ich habe in den letzten Wochen zweimal umgeräumt.
Und viermal gesaugt.
Do 15 Mrz 2007
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Damals[8] Comments
Ich kann mich noch gut erinnern, dass sie irgendwann ihren Schal bei mir vergaß. An den Geruch kann ich mich natürlich nicht mehr entsinnen, nur daran, dass er mir gefiel und ich den Schal am liebsten behalten hätte. Im folgenden Disput zwischen dem Gewissen und der Geruchsfaszination siegte letztlich die Ehrlichkeit.
Immerhin konnte ich ihr einen Kompromiss abringen, wenn ich mich recht entsinne, hat der Schal in der folgenden Nacht irgendwo in der Nähe meines Kopfes geschlafen.

Ein paar Tage später fand ich heraus, woher sie diesen Schal hatte und keine achtundvierzig Stunden später besaß ich den gleichen, weder eingetragen jedoch noch geruchsschwanger. Wenn ich mich heute zwischen denen, die ich besitze, entscheiden muss, fällt die Wahl selten auf diesen. Und doch besitze ich ihn seit all diesen Jahren. Und versuche seit eben so langer Zeit, passende Kleidung für einen gelben Schal zu kaufen.
In einer frühen Vorab-Version meiner Diplomarbeit hat der Betreuer eine Blume neben einen Absatz gemalt.
So 11 Mrz 2007
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Damals[2] Comments
Ich wurde vorhin aufmerksam auf einen Artikel in mindestens haltbar, der sich mit den normalen Sorgen eines Redakteurs der Schülerzeitung vor fünfzehn, vielleicht zwanzig Jahren beschäftigt.
Teil einer solchen Redaktion war ich nie, doch manchmal lümmelte ich mich in den Redaktionsräumen unserer alten Schule, weil Schülerzeitungsredakteure auf meiner persönlichen Coolness-Liste relativ weit oben rangierten; das wiederum war begründet durch jenes Mädchen, das ich dort immer zu treffen hoffte, denn ich war vielleicht ein bisschen verliebt.
Zu dieser Zeit spielte ich in einer Band und irgendwann hat sie mir erzählt, dass es ihr damals ein bisschen erging wie mir. Möglich, dass ich mich aus diesem Grund heute an Blogs und Tageszeitungen festhalte, während sie nebenbei in einem Plattenladen arbeitet.

Mein Leben in der alten Schule drehte sich indes nicht nur um jene Räume, in denen sich die Schülerredaktion befand, sondern auch um das Kabuff des Hausmeisters, an das ich mich beim Lesen des Artikels erinnere; diese Räumlichkeiten, gehütet wie ein Geheimnis, waren das Zentrum einer meine ganze Schullaufbahn durchziehenden Faszination - vielleicht das Einzige, was sich in den neun Jahren auf dem Gymnasium nie geändert hat.
Während der gesamten Mittelstufe habe ich mich auf das Austeilen qualitativ schlechter Zettel gefreut, weil sie gegenüber normalen Kopien, die in der Anfangszeit meiner Gymnasiallaufbahn wenn überhaupt eine untergeordnete Rolle zu spielen schienen, an die ich ich jedenfalls überhaupt kaum erinnern kann, was ja aussagekräftig genug ist, eine Eigenschaft hatten, die uns als Kinder und Jugendliche faszinierte: sie rochen. Es war der durchdringende Geruch von Spiritus und wenn solche Blätter ausgeteilt wurden, saßen einige von uns gebeugt wie Süchtige über dem neuen Klebstift.
Je älter man wurde, desto seltener wurden diese Kopien und desto weniger wurde der Moment des Austeilens zelebriert. So inhalierte man in der Oberstufe bestenfalls versteckt am neuen Aufgabenblatt der Biologie (während man vorgab, in seiner Tasche zu suchen). Dass man die Schrift der zwanzig Jahre alten Vorlage kaum mehr entziffern konnte, regte niemanden auf. Denn:
Das beste am Hektographieren
ist natürlich der Geruch.
Zitat: Reisenotizen aus der Realität
Bild: Old Cambridge Shakespeare Association
So 4 Mrz 2007
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Freunde[2] Comments
Meine Liebe,
ich gehe einfacherweise davon aus, dass du hier liest. Immerhin hast du dich nicht wieder gemeldet, was nur im Hinblick auf die letzte Konversation am Bahnsteig als nicht außergewöhnlich erscheint.
Ich sagte, ich melde mich später irgendwann. Und dass ich dir Musik mitbringe, weil du mir erzählst, dass dir Musik die ich höre, gefällt. Und natürlich kann ich dir alles, aber gerade nicht meine liebste Musik geben, sie wäre dir sofort unerträglich, was vermieden werden muss, schließlich ist es Musik, die ich liebe. So hast du sie selbst zu finden, ich kann sie unmöglich verraten an dich; gäbe ich dir je etwas, dann nie, was mir am Liebsten ist.
Das, du ahnst es, ist ein denkbar schlechtes Fundament für uns zwei. Wenn ich erzähle von damals, rede ich immer vom »Priesterseminar«. Der Begriff, den wir beide unendlich different auslegen, beschreibt gerade darum gut, was ich meine. So kann ich dir doch nur den Hesse empfehlen. Den, glaube ich, mögen wir beide.
Was haben wir disputiert! Damals auf dem Weg in die Stadt, ich für die Wissenschaft und du religiös wider mich. Vor einhundert Jahren hätten wir einen veritablen Briefwechsel auf die Beine bekommen, doch die Zeiten haben sich geändert. Vielleicht liest du ja mit:
Machs gut.
Sa 3 Mrz 2007
Posted by niels under
LifestyleNo Comments
Wüssten das meine Eltern, sie würden Dinge sagen wie: »Diese Kombination aus “Sie” und deinem Vornamen, das passt doch gar nicht!«
Meine Markthalle liegt die Straße runter, statt Schweinebraten gibt es dort neue Frisuren, und wird von allen meinen Freunden gemieden, die nicht verstehen, wieso man regelmäßig einen Betrag in die Frisur investiert, der verglichen mit den Preisen des Haar-Discounters um die Ecke oder »Juttas Haarstudio« geradezu maßlos erscheint.
Ich frage sie dann immer, ob ihre Friseurin oder ihr Friseur von russischem Punkrock erzählt, von Hamburg, Berlin und München oder von Themen, die man anspricht, wenn man sich bereits drei Jahre kennt. Meistens legen diese Freunde deutlich mehr Wert aufs Essen.
Aber sie kennen meine Friseurin ja nicht.
»Für dich ist dies Gedicht geschrieben.
Dafür sollst du mich einmal lieben.
Dafür sollst du mich einmal küssen.
Und nicht nur einmal, sollst du wissen.
Und nicht nur küssen, meine Liebe.
Ich denke auch an andre Triebe,
Die, weißt du, weiter südlich liegen.
Ich dichte nur. Um dich zu kriegen.«
Rayk Wieland (SZ Wochenende vom 3. März)