Februar 2007


Und was wahr ist, wird bald klar sein
Weil es so nicht weitergeht
Darum lös ich meinen Fahrschein
Wenn dein Angebot noch steht

Der nächste Urlaub ist geplant, so gut man eben planen kann, wenn man den Zeitpunkt nicht kennt. Festgestellt, dass der iPod zu klein ist und gehofft, dass dieses Gefühl noch ein paar Wochen anhält: selten so viel Musik wie heute.
Draußen der Regen, drinnen Salz auf dem Boden; Am Ende hat er mir erzählt, wie man Platten macht.

Lass hier alles stehen und liegen
Pack den Koffer noch im Gehen
Nehm den nächsten Zug nach Süden
Sag dem Nest auf Wiedersehen

(Anajo - Gleis 7, 16 Uhr 10)

Ich habe in den letzten Tagen einige komische Erfahrungen gemacht:

  • Wie ein Vater, der sich für die Tochter den Freund wünscht, den die Tochter nicht haben möchte
  • Englisch zu denken, weil man die ganze Zeit englisch gesprochen hat
  • Jemanden nach drei Treffen zu mögen, dass der Abschied wehmütig ist und man außer einem »nice to meet you« nicht mehr viel herausbekommt und dem Schwur, wenn man irgendwann komme: »I’ll be there«.

An so einem Abend kann man nur Belle & Sebastian hören.

»Es sieht aus wie im Krieg« denkst du, wissend, dass dieser Vergleich ganz und gar ungültig ist, denn erstens warst du - Gott sei Dank - nie im Krieg und zweitens kann man das sicher nicht vergleichen, den Wahnsinn dort mit jenem des Rosenmontag. Abgesehen von den Häusern, die es unbeschadet überstanden und dem nicht zerbrochenen Glas der Scheiben aber: Es liegen Menschen auf den Straßen.

Während du vom einen Epizentrum ins nächste läufst, in dem du schließlich wohnst - vielmehr: in der zur Latrine umfunktionierten Gasse; daran hast du dich mittlerweile gewöhnt - in welchem betrunkene Punks am Brunnen sitzen der Staatsmacht gegenüber, die den Rest des Rathausplatzes in Beschlag genommen hat, in diesem Bierdunst, der den gesamten Weg über der Stadt lag, in den Zeiten, in denen du Wikinger oder schwankende Lolitas an den Pranken Betrunkener siehst, die sich heute mit Jogginghosen in die Stadt und also ins öffentliche Bewusstsein trauen, welches nicht mehr vorhanden zu sein scheint, sogar nicht mehr vorhanden ist, sind die Kopfhörer deines MP3-Players kaputt. Die neuen warten zu Hause. Doch dort brauchst du sie nicht.
Und heute abend werden die Mülltonnen rausgestellt.

Vermutlich hast du gerade ganz gute Chancen, erwischst du mich doch in einer Zeit der Empfänglichkeit; ich sinniere manchmal darüber, wenn ich im Bett sitze, der Kater um die Beine streift und sich in die Beuge des Ellbogens fallen lässt um zu sagen: »hiergeblieben«.

Ich hab gebastelt!

»Mitnichten« raune ich ihm zu, »wer weiß, wo wir schon morgen sind«.

»Ich kann nicht« sagst du und dann versagt deine Stimme. »Ich weiß« und lege die Hand auf deinen Arm, »man muss auch nicht immer«.

(Titel via Süddeutsche Zeitung.)

Wenn getroffene Hunde bellen
und Hunde, die bellen nicht beißen,
beißen getroffene Hunde nicht?
(Oder irrt hier die Geschichte)

Denn: Es schießen schließlich nur die Idioten.
Doch jene sind leider recht zahlreich.

»Hören sie doch mal auf zu laufen.«
- »Erst, wenn ich angekommen bin.«

Damals, als ich zu laufen begann, damals fing alles an. Wir waren, was man ein Team nannte, und du fingst mit dem Laufen an bzw. du warst schon eine Weile dran.
Irgendwann
fing ich an.
Und dann?

Heute würde ich gern jenen Satz der Frau unterschreiben. Aber wie man nie verlernt zu gehen, verlernt man nie zu laufen, und wenn, liegt ein großes Unglück hinter einem. Und dem laufe ich gerade entgegen.
Ich entgegnete außerdem, dass eine neue Studie zwar sage, Mittagsschlaf verringere die Gefahr des Herzinfarkts, aber es gäbe durchaus andere. Doch vielleicht rede ich mir das ein, um mit dem Laufen, welches mir gemütlich geworden ist, nicht aufhören zu müssen.
Nur manchmal, abends, im Moment zwischen Wach und Schlaf,
manchmal ist es ärgerlich, dass ich so müde bin.

Katzen, sagen sie, verlängern das Leben ihrer Besitzer. Nicht ganz freiwillig indes, es hätte irgendetwas mit Entspannung zu tun. Oder auch mit jenen Fällen, die es einmal im Jahr in die Medien schaffen; jene, in denen die Katze wegen des Lecks im Gasrohr rechtzeitig den Besitzer geweckt oder die Nachbarn informiert hat, die schließlich die Feuerwehr alarmierten.

iPod Headphones

Sie alle kennen Leo nicht.
Wer kotzt nach dem Urlaub aufs Bett? Wer wirft einen der neuen Lautsprecher um, weil oben ein toller Platz zum Liegen ist? Wer quetscht sich die Rippen unter dem fallenden Katzenbaum und muss wegen Atemnot zum Tierarzt?
Kein Leben, mit dem Leo sanft umgehen würde. Die Kopfhörer des iPods haben ihres gerade verloren.

Die waren aber auch schlecht…

Das Gefährliche an Kirchen sind ihre Prediger, ohne Prediger ist eine Kirche nichts als ein modriges Bauwerk mit schimmliger Luft. Das Drama an Kirchen ist - wegen der Prediger - die erdrückende Atmosphäre. Jene in der ich lag, der ich sozusagen erlag, war von außen als solche nicht erkennbar, wie viele Kirchen von außen nie erkennbar sind, sein müssen, weil der Mensch getäuscht werden muss und getäuscht werden kann, Religion ist naturgemäß kein natürlicher Feind des Menschen, weil vom Menschen selbst hergestellt als eine Waffe, die der Mensch als Tötungsinstrument fabriziert und genutzt hat.

YMCA

Gebetsbücher neben der Schlafstatt und der Prediger mit seinen Predigerfreunden nebenan, das schließlich ist das Fatale, Prediger sind erdrückende Personen, erdrücken Personen, ob sie gerade missionieren oder nicht, die bloße Anwesenheit eines Predigers reicht aus, um jemand zufällig in das Kirchengebäude gestolperten, gelockten, festzusetzen, einzumauern. Prediger überreden Menschen zum Tod, missionieren Menschen zum Tod, der Tod ist tiefer Bestandteil der Religion, in der sich naturgemäß alles um den Tod dreht, der Tod als Mittelpunkt wird zelebriert, praktiziert, platziert am Missionierten in den Messen der Erdrückten.

Was fällt ihnen zum Thema
»Religion« ein.

Und du willst mir etwas von Pädagogik erzählen.
Als ich am Bahnsteig sage »Ich komme sicher wieder, ich kenne hier noch viele nette Menschen« und du diesen Satz mit einem Lächeln wegwischen willst, weißt du, wie es mir gefallen hat.

(Foto von Kristian Köhntopp)

»Haben sie WLAN?«
»W-was? Was ist denn das?«

Du sitzt in einem Café in Linden, welches dir gestern von einer Freundin als Neukölln von Hannover vorgestellt wurde. Das war kurz vor dem Abend in der Küche, an dem ihr über Musik, Theater und Literatur diskutiert habt, etwas länger vor dem Frühstück mit jenem Kaffee, der verdünnt mit Milch im Verhältnis 50:50 und drei Löffeln Zucker immer noch schmeckt wie ein normalstarker Kaffee, den du sonst präferierst.
Ein wenig des guten Weins von gestern abend und der Schlaf in den Augen ist dir geblieben, und eine schmutzige weiße Sommerhose.

Der Milchkaffee dampft, die CD springt und du kannst die Frage, ob dir Hannover gefalle, für den Moment klar beantworten.
Eine Stadt nach ihrem Künstlerviertel zu bewerten ist jedoch wie die Qualität der Texte jener Freundin objektiv zu beurteilen.

Im Zug sitzen die üblichen Verdächtigen. Der Anzug- und Schlipsträger, der ohne zu atmen telefoniert, der Kurzhaarige, der an einen Verkäufer aus Hifi-Abteilungen in typischen Multimediaketten erinnert und auf seinem Laptop Filme schaut, und der glatzköpfige Mittvierziger, der sich jede Minute über den Kopf streicht und eine Marketing-Präsentation für die nächste Sitzung am Nachmittag zusammenklickt. In einem - so glaubt er - unbeobachteten Moment prüft er die Wirkungsweise seines Deos, doch scheint unzufrieden.
Nebenan öffnet die bereits Weißhaarige eine Flasche Cola Light, die sie schließlich nicht nur ihrem Enkel einpackt, wenn er zur Klassenfahrt aufbricht sondern - was für dich gut ist, ist’s für mich lange - auch sich selbst ein völlig überdimensioniertes Lunchpaket zusammenstellt, mit dessen Hilfe man eine Woche in Sibirien überleben könnte - doch ihre Fahrt endet in Göttingen, wie die elektronische Sitzplatzreservierung verrät.
Eine Sitzreihe dahinter die gleich alte oder gar ältere aber patentere Dame, die sich in einen Kalender aus Kalbsleder vertieft, vielleicht ein Montblanc oder Time/system.

Draußen fliegen schneebedeckte Felder vorbei, während du, deine Sommerkleidung tragend und Joanna Newsom im Ohr, aus dem Fenster und vom Frühling träumst.

Gott, weißt du noch, wie wir die Sonntage vertrödelten?
Zwei die vom Leben nicht wussten, was sie zu erwarten hatten und im Wald, in den Städen und Cafés, - wo wir uns damals überall herumdrückten - einfach überall zu Hause waren. Weißt du noch, wie wir nichts wussten, uns um nichts gekümmert, nicht nachgedacht haben und immer gerade gefahren sind, bis wir endlich da waren? Du hast gesagt »mach dir keine Sorgen« und ich hörte auf dich. Wir hatten nie Grund dazu, wir hatten ja uns. Uns und die anderen.
Wir erreichten das Ziel nicht nur einmal erst mit dem letzten Tropfen Benzin.

Man macht zu wenige Fotos wie man den Lieben zu selten sagt, dass man sie liebt. Auf der nächsten Tour, mein Freund, auf der nächsten Tour ganz bestimmt.

Kamera öfter benutzen!

Fotografier’ mich,
denn ich seh’ grad glücklich aus!

– Rolf Zuckowski - Dies ist der Augenblick

In dieser fremden Stadt, in der du aus nicht ganz angenehmen Gründen gerade weilst, in der deine Mutter die Schulter antippt und lachend ermahnt »Schau nicht immer den Mädchen hinterher«, weil du zeitweise überfordert den Gesprächsversuch unbeantwortet lässt, in dieser Stadt also, in der die Stadtführung ein hässliches Museum vor den Dom setzte, welches ein kaltes Grausen auslöst und das Gotteshaus verdeckt, in dieser Stadt haben die Buchläden kaum Bücher deines Lieblingsautoren. Also warst du beim Herrenausstatter.

Foto aus dem Reisepass von 1996

Weiter draußen vor den Toren, wo es wenig mehr als riesige Krankenhäuser hat, sitzt du in einer Caféteria und trinkst einen Latte Macchiato. Am Nachbartisch erzählt jemand von früher und du merkst an der Lautstärke seiner Stimme, dass es damals sehr laut gewesen sein muss, unter Tage, denn die Nachbarn sind Kumpel und die Cafeteria in einem Krankenhaus der Bundesknappschaft.

Und irgendwie hast du das unbestimmte Gefühl, dass ein Teil von ihm hier zu Hause ist. Und das ein Teil von ihm hier glücklich ist, mindestens aber sentimental.

Ich tendiere dazu,
mich gut zu fühlen wenn ich alte Fotos sehe
Es ist beruhigend zu sehen wie man älter wird

– Tomte - Theestube

Ich mag sieben mal im Archiv gewühlt haben, erst heute wieder in Gedanken.

Wieder einmal fing alles an mit diesem Klopfen an der Tür,
das selten Gutes verspricht aber Geschichten garantiert

Du hattest sie und Wein dabei; eine göttliche Komödie, die wir ihr boten. Du weißt, das mache ich und habe dich gerne. Jetzt trinke ich das letzte, das übrig gebliebene Glas deines Weins und höre Musik, für die du mir entsetzt den Vogel zeigen würdest.
Wenn sie sagt, in einer Beziehung müssen elementare Dinge stimmen, dann stimmen sie bei uns.
Ihr gebe ich deine CD gern. Du weißt warum.
Tocotronic sangen für Mädchen, die gern auf Böden sitzen:

Schon drei Uhr morgens, doch ich fühl’ mich fein,
»Willst du nochmal Sprudel in den Wein?«
Der Teppichboden hat ‘n paar Löcher mehr
Komm’ gut nach Hause und auch wieder her.