Als du das letzte mal in Hamburg gewesen bist - gleichzeitig das erste mal, an das du dich erinnern kannst - hieß die Station deiner Gastgeberin und dir »Schanzenviertel«.
Der typische Poptourist, der du bist, kauftest du unter anderem die noch immer aktuelle Platte von Blumfeld. Wenig später hast du das Meer gerochen und kannst nun bei jedem Lied die Melancholie spüren, an der nicht allein die Stadt Schuld trägt.
Poptourist, der du bist, fängst du bereits jetzt mit dem Anlegen der Devolutionaliensammlung an. Erwähnt ein hervorragender Text Dinge, besitzt du sie bereits am nächsten Tag; mindestens jeden zweiten drehen sich Blumfeld-CDs in deinem Spieler, in deinem Zimmer herrscht Sturmflut.
Blumfeld trennen sich.
Ich muss dieses Blog - was ich normalerweise nicht mache - für eine Nachricht an all jene »missbrauchen«, die bei »uns« Webspace, Domains oder Mails liegen haben: (Dieser Blogeintrag wird regelmäßig aktualisiert, neueste Nachrichten finden sich am Ende des Eintrags.)
Heute nacht ist die Festplatte unseres Webservers ausgefallen. Einen Vorgeschmack dessen gab es vor etwa 18 Stunden, als der Server für eine Stunde nicht erreichbar und mit obskuren Dateisystemfehlermeldungen ausgefallen war.
Seit heute morgen 7.32 Uhr ist er wieder nicht erreichbar, er bleibt beim Booten des Betriebssystems hängen. Erreichbar über ein Notfallsystem, lassen die Logfiles nichts Gutes erwarten.
In etwa einer halben Stunde werden wir neue Hardware bestellen, wann die Systeme dann wieder wie gewohnt laufen, vermag ich nicht zu sagen.
Für die Probleme entschuldige ich mich.
[09:02 Uhr] Der Server scheint wieder erreichbar und die neue Hardware ist bestellt. In eigenem Interesse sollte jeder eine Sicherung seiner Daten vornehmen (wahrscheinlich fährt der Server dann wieder gegen die Wand…)
[09:56 Uhr] Die Bestellung wird jetzt bearbeitet, mit hoher Wahrscheinlichkeit geht der neue Server heute noch online. Dieser muss dann am Wochenende eingerichtet werden…
[15:45 Uhr] Der Server fährt nicht mehr aus eigener Kraft hoch und ist nur noch via Rettungssystem zu erreichen. Um die auf der Festplatte verbleibenden Daten nicht noch weiter zu kompromittieren, werden wir den Server nicht mehr von dieser Festplatte booten und nachher, wenn die neue Hardware installiert ist, die Daten via Notfallsystem auf den neuen Computer kopieren.
[21:42 Uhr] Heute anscheinend nicht mehr. Sehr ärgerlich.
[Montag, 12:01] Nach einem Telefonat mit der Firma und einer Mail an deren Rechenzentrum warte ich jetzt auf Antwort. Man könne auch nicht verstehen, warum der Server noch nicht online ist.
So fangen gute Geschichten immer an….
[Montag, 14:51] Es tut sich was! Tut sich was?
Hallo,
macht mein Kollege im RZ gleich.
Freundlicher Gruß
[Montag, 21:54] Nach einem Anruf im Rechenzentrum gings dann. Zwar nicht schnell, aber vorwärts. Der Server ist also da und erreichbar, nun beginnt die lange Nacht.
[Dienstag, 20:12] Zwar kam die Hardware schon gestern abend, aber die IP-Adressen erst heute morgen. Im Moment sind wir am Wiederaufsetzen des Systems…
[Mittwoch, 05:51] Die Webseiten laufen wieder. Es kann und wird allerdings zu Problemen kommen, da der Datenbankserver nicht mehr über “localhost” erreichbar ist. Außerdem laufen sie im Moment mit Hilfe eines Hacks, da mir das Verhalten der Datenbank nicht ganz klar ist. Aber da kommen wir sicher auch noch hinter.
Jetzt schlafen. (Mails usw. kommen heute oder morgen, darin habe ich keine Aktien…)
Seit etwa einer Woche trage ich einen Apfel mit mir herum.
In dieser Woche lernte ich Menschen kennen, die Äpfel lieben und auf Berge gehen statt zu fahren. Ich schaue verschämt nach unten und murmele »bald«; wenn ich sage »morgen« meine ich »frühestens« und »vielleicht«.
Die alten Freunde, die Geschichte vom Kennenlernen zum wiederholten Mal, trotzdem höre ich sie immer wieder gern (wenn du sie erzählst). Ich freue mich über Menschen, die du mir vorstellst, die du magst.
Es ist nur manchmal ärgerlich, dass ich so müde bin.
Seit etwa einer Woche trage ich einen gelben Apfel mit mir herum.
Ich so: schule fällt aus Sie so: warum? Ich so: orkan? Sie so: ach deswegen regnets von rechts nach links
Die Uni hat uns nahe gelegt, den Nachmittag zu Hause zu verbringen und folgt damit offenbar einer Empfehlung des Deutschen Wetterdienstes. Lehrveranstaltungen fallen aus, die Schüler bekommen frei und die Bundeswehr schickt ihre Soldaten angeblich ebenfalls nach Hause.
Auf der Karte des deutschen Wetterdienstes ist Marburg tiefrot - »Endlich« sagt der Sozialist von nebenan.
Und ich muss heute noch raus.
In der aktuellen Folge des Benimm-Ratgebers im neuen Focus, die mir zwinkernd als Kopie überreicht wurde, steht unter dem Punkt »Die Ex-Freundin des besten Freundes«:
Eigentlich ein Tabu. Wollen Sie sich wirklich mit ihr verabreden, warten sie drei Monate für jedes Jahr, dass die beiden zusammen waren. Ist Ihr Freund anderweitig verliebt, können Sie den Zeitraum verkürzen.
Erstens kann ich froh sein, dass es dem besten Freund genauso geht wie mir und zweitens fand ich jenen Satz von Camus erheiternd in einer Zeit, in der es diesbezüglich wenig zu lachen gab:
Natürlich hatte ich Prinzipien, so zum Beispiel, daß die Frau eines Freundes tabu sei. Indessen hörte ich einfach in aller Aufrichtigkeit ein paar Tage vorher auf, für den jeweiligen Ehemann Freundschaft zu empfinden.
Ich hätte gern jemanden, den ich »das wunderschöne Mädchen« nennen könnte und damit meinte, mit ihm verbringe ich meine Zeit. Solche Gedanken kommen im Antiquariat, wenn der Besitzer lachend mit dem Finger auf ein Poster zeigt
»Wenn nichts mehr klappt
kann nur noch ein Buchhändler helfen«
als ich mich bedanke und zahle.
Einhundert Meter weiter frage ich die Dame nach ihrem Alter. Sie bahnt sich mit strahlenden Augen einen Weg durch Kartons von Papier und lächelt schüchtern, wie es 1925 in ihrer Jugend schicklich gewesen sein muss. Ich bezahle für etwas, das man anderswo kaum bekommt einen Preis, für den der hörige Prolet um die Ecke die neue Rammstein ersteht. Beim Hinausgehen fällt mir die Überwachungskamera auf, die vermutlich ihr Enkel, ein Mann im Alter meines Vaters, für sie installiert hat.
»Romantisch« sagt jemand und du drehst den Kopf nach rechts, schaust in den Hof und siehst Stapel von Kartons hinter einem Fenster, dass noch länger nicht geputzt wurde als das deine.
»Der Kaffee fehlt« denkst du dir, was weniger mit einem Suchtsyndrom als dem Vermissen eines Rituals zu tun hat; dem obligatorischen Kaffee nach dem Mittagessen in der Caféteria der Mensa beispielsweise, oder dem viel zu dünnen Kaffee aus dem Automaten der Arbeitsgruppe, der einem in die Nase dampft, wenn man Software entwickelt.
Doch besitzt die Arbeitsgruppe keinen Kakao und setzt auf fettarme Milch, der es somit an Geschmacksträgern mangelt. Manche sagen: »Wie der Kaffee, so die Milch.«
Der Automat im Foyer macht Kakao auf Wasserbasis - zum Preis von fünfzig Cent und einem Weg quer durch das Gebäude. Und irgendwie schmeckt Kakao tatsächlich besser.
Im Café, in dem du nie zuvor saßt, doch sitzen wolltest; kurz bevor es dazu kam, zog deine Verabredung dann nach Hamburg. Also liefst du wieder monatelang nur an der Panoramascheibe vorbei, hinter der ab und zu die Katze müde auf den verregneten Platz schaute.
Der Tag ist trüb und du zu spät für die studentische Frühstückszeit, das Café leer, du suchst den Tisch hinter dem Panoramafenster und beobachtest einen Greenpeace-Aktivisten, der Unterschriften sammelt. Hinter dir schwärzt eine Kerze die vergilbte Wand, vor dir räkelt sich die Katze und genießt deine Hand auf ihrem Fell. Du trinkst Kakao und isst eines der besten Baguettes dieser Stadt, draußen regnet es seltsam vertraut. Die Begleitung erzählt von Norwegen, wo du das letzte mal vor vielen Jahren warst, da wäre der Regen schöner als hier.
Und die Katze schnurrt; sie sieht nicht, wie der Aktivist resigniert, eine Tramperin mit einem Pappschild vorbeiläuft und die Familie das letzte Bierfass aus der Wohnung der Tochter im Auto verstaut, bevor sie Marburg den Rücken kehren.
Erwähnt man »Marburg« und »Musikszene« in einem Satz, fallen mir wenige Dinge ein: die besten Bands kommen sowieso nie oder selten, die ehemalige Punkband eines Freundes, dass ich Tomte vor mehr als zehn Jahren hier als Vorgruppe der Boxhamsters kennenlernte und jemand, der uns auf der Straße ansprach »Ihr kennt mich nicht, aber ich kenne euch aus dem Internet« und heute einer meiner liebsten Freunde ist.
Was ich bisher nicht wusste: Marburg ist offenbar eine Hochburg des Ghetto-Rap. Spätestens seit den neuen Busfahrplänen, mit denen man kaum mehr ohne Umstieg an jenen Ort kommt kommt, der diese Musik gebiert, suhlt man sich im Aggro Berlin Image. Ein Jugendlicher aus der Hauptstadt hat den Richtsberg sozialisiert und ein Video darüber gemacht (Achtung, explizite Lyrik!):
Weltmeister der Herzen - für andere bloß Wunschdenken, Marburg geht da mindestens einen Schritt weiter und installiert am »Spiegelslust«-Turm (sic!) gegenüber des Schlosses ein überdimensionales Herz, dass man mit einem Anruf der Nummer 09005 / 771207 illuminieren kann.
Auf den nächtlichen Bildern der Webcam sieht es tatsächlich wie ein überdimensionales Puff-Herz aus und ist damit an Skurrilität kaum zu überbieten. Tatsächlich leuchtet das Ding weiß. Schade eigentlich, dieser Stadt stünde Extravaganz gut.
Nachdem Marburg den größten hessischen Puff das größte Großbordell Mittelhessens beheimatet, mit einem roten Herz am Berg hätte es jeder geglaubt. Und eine Idee für die Überarbeitung des ausgelutschten »Marburg hat keine Uni, Marburg ist eine Uni« hätte ich auch schon…
Wir haben uns über Sucht unterhalten. Rauchen, Kaffee, Drogen und Dinge, die einem sonst noch einfallen, nach denen man süchtig werden kann. Dabei ist mir bewusst geworden, dass ich gar nicht kenne, wenn man von einer Sucht gefangen ist, das Bedürfnis zu rauchen im Nichtraucherabteil oder auf einer langen Fahrt im rauchfreien Auto.
»Dann verzichte doch mal einen Monat aufs Internet!« Ich denke, dass würde ich schaffen. Weil sich die Situation aber gerade nicht ergibt, eine einmonatige Auszeit im Studium zu nehmen, verzichte ich jetzt eine Woche auf Kaffee. Weil die anderen sagen, das wäre hart.
Sollte ich anfangen zu zittern, wüsste ich also, wie es ist.
Und ich wäre wohl süchtig, wenngleich ich immer behaupte: Nichts.
Nein, das glaube ich nicht.
Ich finde mich hängend auf der Seite des Jägerzauns, vor der er Passanten auf der anderen Seite schützen soll, fünf Meter über einem Abgrund, in der linken oder rechten Hand mein Skateboard, immer wechselnd mit dem Auftreten von Ermüdungserscheinungen der jeweils anderen Hand, die mich am Holz festhält.
Diesen Weg nehme ich eigentlich immer zum Bus, warum ich ausgerechnet heute keinen Platz zum Landen finde, weiß ich nicht. Es ist in Marburg, es könnte prinzipiell überall sein in dieser Stadt, tatsächlich aber weiß ich das Gebiet recht genau einzugrenzen.
Wenig später hänge ich nicht mehr allein, sondern inmitten einer Gruppe von Studenten, denen es ähnlich ergeht wie mir, obwohl ich niemanden mit einem Skateboard ausmachen kann. Ich biete einem BMW-Fahrer, der sich an einem Ast durch sein Schiebedach ins Freie zieht, sechzig Euro für die umgehende Befreiung. Kurz darauf, die anderen machen es ähnlich, denke ich an die beste Investition seit langem.
Später, vielleicht einen Tag, sitze ich mit einem blonden Mädchen und ihrer greisen Mutter im Café. Die Junge hing gestern neben mir, wie wir uns wiedertrafen, kann ich nicht sagen. Ich kann mich nicht einmal erinnern, muss ihr also glauben, wenn sie begeistert erzählt. »Setz dich mal so hin wie ich« sagt sie, während sie mir ihre Beine links und rechts am Körper vorbeischiebt. Ihre Mutter zieht ihren Rock herunter und erzählt dem Kellner ihre Größe: Sechseinhalb.
Was wirklich passiert ist:
Ich habe mir schon wieder die Schulter verlegen.