Dezember 2006
So 31 Dez 2006
So 31 Dez 2006
Der letzte Tag des Jahres und gleichzeitig jener, an dem der Tagesrhythmus vollends durcheinander ist; weil man fiebrig schläft und hofft, den trotzdem eintreffenden Fragen »Und was machst du Silvester?« aus dem Weg gehen zu können.
Beim Einkaufen erwischt: »Schon was vor morgen?«
Möglichst elend aussehend antworten: »Klar.«
An Einladungen mangelt es nicht, doch wem soll man zu Neujahr ins Gesicht husten?
Daheim bleiben - auch blöd, das letzte verschlafene Silvester schon Jahre her. Damals ging’s einem bestimmt auch nicht besser.
Eine Freundin fährt ans Meer und klang am Telefon euphorisch.
Eine andere ist in Oslo.
Ein Kommilitone in Stockholm.
»Erwischt!« und möglichst elend aussehend: »Klar.«
Do 28 Dez 2006
Keine Angst,
so toll, dass ich nicht über dich hinweggekommen wäre, bist du nicht; was nicht heißen will, ich würde mich über kein Lebenszeichen von dir freuen. Jetzt, wo das alles vorbei ist, könntest du doch auf eine eMail von mir antworten, Bezug nehmen auf eine SMS oder einfach sagen: Entschuldigung, hier bin ich wieder.
Du sagst, dass dein Bruder sagt, Leichen pflastern deinen Weg. Auch eine Einheit für Erfolg.
Ich sage: »Komm schon. Da gibt es bessere. Ehrlich.«
Manche nennen sie Freundschaft. Vielleicht bekommen wir das ja nochmal hin, nachts in die Stadt zu fahren über die Brücke, die du so magst.
Manchmal habe ich das Gefühl, du passt einfach nicht zusammen.
So 24 Dez 2006
Ich legte vor wenigen Wochen ein Buch in den Kühlschrank, das mir heute zum Frühstück in die Hände fiel: »Statt Schokolade” - ich fühlte mich in meinen Essgewohnheiten erwischt und räumte es verschämt in den Bücherschrank.
Draußen versteckt der Marburger Nebel die Widrigkeiten, während mir die klirrende Kälte auf dem Weg durch die menschenleere Stadt ins Gesicht schlägt. Später, lange bevor es dunkel wird, überhole ich einen Freund auf der Autobahn und wünsche mit der Lichthupe einen schönen vierten Advent.
Am Abend, zwanzig Jahre nachdem ich fiebernd aufs Christkind wartete und mein mich hütender Opa die liebe Not mit mir hatte, werde ich in die Rolle desselben schlüpfen und Geschenke verteilen, ohne den Menschen in die Augen zu schauen.
Weil ich nicht merken möchte, wenn Freude nur gespielt ist.
Alles Gute zum Geburtstag
und fröhliche Weihnachten.
Mi 20 Dez 2006
»Tschüss« mag man ihm nachrufen.
Und ihnen, die ich fein säuberlich sortiert, thematisch geordnet und möglichst platzsparend seit vier Wochen in den Karton lege, um Platz zu sparen für alles, was noch kommt. Um ihn auf einem Speicher zu vergessen, bestenfalls den Kindern zu zeigen. Sowas sagt man ja immer.
Heute endlich Karton zuklappen, einen Meter vom besten Klebeband und mit schwarzem Fasermaler:
- Studium -
Weihnachten ‘06
Fast. Die Diplomarbeit noch.
Mo 18 Dez 2006
Ich war mal in der SPD, aber die Jusos waren gegen neue Medien und ich dafür. Da bin ich nach einem Monat wieder ausgetreten.
(Tim Renner)
»Oh Mann, du und deine Ticks« sind Sätze, die ich mir ständig anhöre. Oder: »Alle, die dich kennen, haben sich nur gefragt: wann?«
Wie diese liegt über allem eine Konstantheit, jene des Unkonstanten sozusagen. Das Drehbuch eines hervorragenden Films ließ mal wen sagen: Dekonstruktion ist auch eine Form von Kunst.
Ein anderer so: Man sollte nicht immer bloß nachdenken, sonst vergisst man über’s Denken noch das Handeln (das war eines der letzten Zitate, welches ich mir nicht aufgeschrieben habe).
Warum sollte man sich aufhalten?
Wollen ist nämlich schwieriger als können. [Markus] Oehlen hielt seine Studenten an, eine Band zu gründen, was sie auch befolgten: Es entstanden die Clonheads.
»Die sollten sich wieder auflösen - nur so wird man legendär.«
Alle Zitate aus: Punk’s not dead, Süddeutsche Zeitung Magazin vom 15. Dezember 2006
So 17 Dez 2006
Liebe “Sozialdemokratische Partei Deutschlands”,
ich habe es wirklich versucht mit uns beiden. Ja, die Mitglieder der Jusos sind nett und engagiert. Das ist wichtig für eine Partei, die an Mitgliederschwund leidet und keinen Grund dafür findet. Schaute ich nur auf die Jusos, wäre mir der Grund auch schleierhaft.
Du hast Dir aber wirklich Mühe gegeben, zu vergrätzen. Da behauptet der amtierende Vizekanzler, dass man, wenn man schon länger lebe, gefälligst auch länger arbeiten solle. Anschließend habe ich das “Sozial” aus Deinem Namen gestrichen.
Liebe “demokratische Partei Deutschlands”, natürlich habe ich mir bei der Vorstellung der Kandidaten für die kommende Landtagswahl hier in Hessen die Gelegenheit nicht entgehen lassen, beide in Augenschein zu nehmen. Bei der anschließend stattfindenden Abstimmung, welcher Kandidat der geeignetere wäre, hat die Basis mit “großer Mehrheit” (Zitat: »Vor der letzten Vorstellungsrunde am Donnerstag im Unterbezirk Odenwald steht es 17:8 für Walter«) gegen Frau Ypsilanti gestimmt. Beim Landesparteitag hingegen wurde sie von den Deligierten schließlich offiziell als Herausforderin benannt. Anschließend habe ich das “demokratische” aus Deinem Namen gestrichen.
Liebe “Partei Deutschlands”, wasch’ dich und rasier’ dich mal. Dann wirst du auch innerhalb von drei Wochen neue Mitglieder finden.
Di 12 Dez 2006
»Herr Fallenbeck, ihre rechte Schulter hing eben etwas tiefer als die linke, ist ihnen das aufgefallen?«
Zuerst wollte ich das mit dem Todes-Druck begründen, konnte aber rechtzeitig auf ein glaubhafteres »Nein« umschwenken.
Mir kommen die seit nunmehr zwei Wochen stattfindenden regelmäßigen Sitzungen in der logopädischen Praxis um die Ecke wie verordnete Freizeit vor. Hätte die Therapeutin mir den Todes-Druck nicht abgekauft, an fehlender Glaubwürdigkeit wäre es nicht gescheitert.
»Die Zeit zum Handeln immer neu verpassen,
heißt die Dinge sich entwickeln lassen.«
(Johann Wolfgang von Goethe)
So 10 Dez 2006
Ein unzerbrechliches Spielzeug kann man gut dazu verwenden,
um andere Spielsachen damit kaputtzumachen.
(Van Roy’s Gesetz)
Frankreich, im November. Der Freund beugt sich herüber und sagt Dinge, die ich nicht hören möchte. Dinge, die mit Google zu tun haben und mit persistenter Datenspeicherung im Netz; mit Informationen, über die man in zehn Jahren vielleicht stolpert und die einem, wenn nicht sogar das Genick brechen, doch hinderlich sein können.
Warum der Satz »Ich habe nichts zu verbergen« eine grobe Fehleinschätzung der eigenen Situation ist, kann man in diesem hervorragenden Artikel in der Blogbar lesen.
So 3 Dez 2006
Lass uns nach Genua fahren, Liebling.
Schwing dich auf die Vespa, Schatz.
Lass uns Strand finden unter dem Pflaster der Revolution.
(Gustav - Genua)
Ich habe mir gestern einen Pullover bestellt, einen Damenpullover, um genau zu sein. Und es ist auch nicht wirklich ein Pullover, sondern ein etwas dickerer Pullover, so etwas nennt man heute »hooded«.
Als eine Freundin mit einem ähnlichen am Bahnhof stand, war ich kurz unschlüssig, wohin ich zuerst schauen sollte. Ich habe ihr an diesem Abend mindestens zehnmal gesagt, wie toll sie aussehe.
Die Eine sagt, ich solle es lassen, Damenpullover seien tailliert.
Der Nächste meint, das wäre bei mir doch egal.
Die Andere sagt, Jonas hätte die Jacke der gleichen Marke wegen zu starker Feminität zurückgeschickt.
Doch ich freue mich auf das Paket.
Und ich brauche eine Blue-Jeans.
Denn das Mädchen auf dem Foto sieht umwerfend aus.

