April 2006


»Sommerregen ist nützlich. Er macht größer, wenn man keine Mütze auf hat.«
»Willst du größer werden? Ich bin doch auch nicht größer.«
»Damit ich größer bin als du, Lisa.«
»Mußt du denn größer sein als ich, du?«
»Ich weiß nicht. Ich finde.«

(aus: Wolfgang Borchert - Liebe blaue graue Nacht)

Das Kleingeld reicht nicht für einen Kaffee, ich sitze im ungemütlichen Foyer des mathematischen Fachbereichs und durchsuche die mir bekannten Bücher-Dienste nach den Literaturangaben des Dozenten der letzten Veranstaltung. Das Geld für die Kaffeemaschine könnte ich auch in Bücher investieren, an Empfehlungen mangelt es nicht.

Statt mich hinter dem Bildschirm zu verkriechen würde ich meine Kommilitonen lieber bei einem Heißgetränk - »Cappuccino mit extra Zucker« heißt es verlockend am Automaten; das Ergebnis ist alles andere, aber trinkbar - studieren. Diese Gruppe aufgekratzter Jugendlicher vor dem ersten Mathematik-Tutorium zum Beispiel oder jene, deren Namen perfekt zu ihrem Erscheinungsbild passen:
Wer heißt denn heute noch Udo?

Ich habe mich über den Tag gerettet, indem ich mich in PHP vergraben und eine problematische Stelle auf unserem Webserver ausgebessert habe. Ein bisschen neidisch wird man, weil ein Freund in der MOTD eine Nachricht hinterlässt: »Grüße aus Irland«.
Wenn Informatik-Professoren erzählen, sie hätten damals um jedes Bit kämpfen müssen, weil die Speicherkapazitäten minimal waren und bemängeln, dass heutige Studenten lieber einhundert Megabyte zu viel verbrauchen, als sich mit der Entwicklung speicheroptimierter Algorithmen zu beschäftigen, denke ich immer an unseren Server, dessen Hauptspeicher verglichen mit den damaligen riesig ist, aber verschwindend klein für eine eierlegende Wollmilchsau, wie wir sie betreiben.

Kaffee!Als ich vor einigen Monaten bei meiner Mutter zu Besuch war, bot sie mir einen Cappuccino an. Seit dem ersten Geschmack war ich neidisch auf ihre Kaffeemaschine und nahm mir vor, jeden Cent für einen dieser Kaffeeautomaten des bekannten italienischen Herstellers zu sparen. Tatsächlich stammte des Getränk aus einer Tüte Jacobs Cappuccino mit Nussgeschmack. Diese sind dermaßen rar, dass man sie in Marburg gar nicht bekommt. Bestenfalls die Vanille- oder die normale Variante, von Nüssen findet sich in den zentralen Läden dieser Stadt keine Spur.
Jetzt sitze ich mit einer der letzten Tassen, die sich aus dem importierten Vorrat brühen lässt, bei Kerzenschein und Pita.

Der Mordfall in den USA, der die Kannibalen-Diskussion neu entfacht hat und in der letzten Zeit permanente Medienpräsenz erfährt, ist wahrscheinlich jedem ein Begriff. Spiegel Online titelte am 16. April, vier Tage nach dem Tod des Mädchens:

Ein grauenhaftes Verbrechen entsetzt die Menschen im US-Bundesstaat Oklahoma. Die zehnjährige Jamie wurde das Opfer der krankhaften Phantasie ihres Nachbarn: Er soll das Mädchen mit dem Ziel umgebracht haben, ihren Leichnam zu verspeisen.

Entgegen der Macht der Gewöhnung, die der täglichen Berieselung durch die Medien diesbezüglich innewohnt, besitzt dieser Fall eine neue Facette: Er ist individuell erfahrbar.

Der mutmaßliche Mörder der Zehnjährigen ist - bzw. war - im Internet sehr stark präsent. Der Blog optymyst.blogspot.com hat alle Informationen zum Fall und zur oben genannten Person zusammengetragen und hält auch Backups von mittlerweile nicht mehr erreichbaren Seiten. Der Beitrag Kevin Ray Underwood bietet den Einstiegspunkt in die Online-Welt eines Menschen, der von sich selbst behauptet:

Single, bored, and lonely, but other than that, pretty happy.

SIE unterwandern die Uni ja seit zweihundert Jahren. Ganz Marburg, wenn man es genau nimmt. Die Menschen laufen wie Autos durch die Gänge, überwacht durch GPS, fernsteuerbar durch Elektrik, die ja überall ist.

Während er dies sagt, zeigt er mit der Hand auf die nicht sonderlich saubere Decke der philosophischen Fakultät und sitzt vor mir auf dem Tisch, direkt neben der alten Schultasche meiner Mutter, die ich jetzt im Studium verwende, und meinem Kaffee, über den wir ins Gespräch kamen. Er fragte mich, ob ich “das” noch bräuchte, er würde eigentlich zwei Kaffees benötigen, “die brühen ihn immer so schwach hier”.
Entschieden hielt ich die Hand über meinen Becher und schaute kurz aus der Süddeutschen auf. In den folgenden zwanzig Minuten lerne ich eine Menge über die Stasi (und eigentlich alle anderen Geheimdienste) sowie Implantate, von denen ich nie gehört habe, nie hören konnte und die es DENEN ermöglichen, Menschen fernzusteuern. Mit den Drähten alter Radiospulen um Arme und Beine sei er im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen, unter einem Dach mit der Mafia.

Er verabschiedet sich, einen schmierigen Belag von seinem Jakett zurücklassend, mit den Worten

Aber wir lassen uns so leicht nicht kriegen, was?
Pass auf dich auf!

Gerade ist die letzte Seite der Hausarbeit über linguistische Merkmale in Blogs aus dem Drucker gekommen, der heute - natürlich - seltsam sponn. Damit können wir das Sechzig-Seiten-Monster nach einer 19,5-Stunden-Schicht endlich ad acta legen und ich mich einem in den letzten Wochen sehr vernachlässigten Programmierprojekt widmen.

Eigentlich wollte ich hier früher schreiben.
Eigentlich kann ich gar keine Blogs mehr sehen.
Zur Zeit.

Gute Nacht.

Oh, so wird das nichts. Gestern nachmittag im Café habe ich ein wenig an der Blogs-Hausarbeit geschrieben und für heute hatte ich hehre Vorsätze. Man sollte meinen, dass man für sich allein deutlich schneller vorankommt als im gemeinsamen Gespräch, vor allem wenn die Themen disjunkt verteilt sind.
Nichts da. Das Wachstum der Schreibe bleibt heute weit hinter den Erwartungen zurück und mir nichts anderes übrig, als in den Abendstunden meiner Kreativität freien Lauf zu lassen.
Wenigstens habe ich gesaugt.

Prog Rock

Samstag, Köln, Einkaufen.

Ein grausames Triplett. Ich kenne das Gefühl, Läden verlassen zu müssen. Oftmals ist es die Musik, die mich wieder hinaustreibt, manchmal sind es die Menschen, und immer fühle ich mich unwohl.
Meide ich Filialen der üblichen Verdächtigen schon jetzt, prallte am Wochenende die gemäßigte Kleinstadtwelt auf das Konsumuniversum der Großstadt, auf die Verquickung von Diskothek und Kleidungsgeschäft für die Besucher eben jener.
Ein Zugeständnis an die Supermarktphilosophie ist - neben horrender Qualität - auch das Fehlen der Verkäufer und damit der Ansprech- und Rückfragenmöglichkeiten, die allein schon deswegen notwendig sind, weil eine irgendwie geartete Ordnung in den Geschäften nicht erkennbar ist.
Wir gingen dann ohne die Dinge, die wir wollten, dafür mit dem Wissen, dass die Jugend von heute eine sehr seltsame zu sein scheint.
Was für die Jungen der H&M, ist für die Alten der Media Markt, in dem ein bulliger Sicherheitsbeamter die Kunden in Gute und Schlechte sortiert, über Funkgerät Beobachtungshinweise gibt und niemand sich daran stört.

Ein paar Straßen weiter waren die Läden ruhiger, geordneter und kleiner, die Verkäufer netter und vorhanden und die Kleider siebenhundert Euro teurer.So schien die filetierte Rohkost samt Dips im französischen Café ein vergleichsweise preiswertes Essen.