März 2006
Monthly Archive
Do 30 Mrz 2006
Man kann Apple gut finden. Und ein Großteil der Menschen, die das tun, ist stolz auf die Computer wie der Nazi aufs Vaterland. Warum eigentlich?
Wer ein bisschen Zeit mitbringt und sich im Macuser-Forum aufhält, wird ein paar dieser Menschen finden, die sogar einen iFliegenschiss für teures Geld kaufen würden und Benutzern anderer Betriebssysteme Borniertheit unterstellen. Deren Existenz beweist, dass der Unterschied zwischen den Nutzern von Apple-Systemen und “den anderen” gar nicht so groß ist.
Gerade nach dem Bekanntwerden des Wechsels auf Intel-Prozessoren war das Geschrei atemberaubend. Zum Einen wussten viele, dass dieser Schritt den sicheren Tod der Firma bedeutet, zum Anderen wurde klar, dass der Großteil gar nicht weiß, was ein Apple eigentlich ist. Und wer nicht schrie, bekräftigte seine Zustimmung gegenüber Jobs’ Strategie, der bekanntlich keine falschen Entscheidungen treffen kann.
Da hilft auch der haarsträubende Artikel von Manfred Heinze, dem Betreiber von mac-essentials.de nichts, der sich - uns - folgendermaßen charakterisiert:
Sie – wir –, das sind die Verrückten, die Kreativen, die Quertreiber, die Anderen. Wir verändern die Welt, wir erfinden, wir erforschen, wir inspirieren, wir machen.
Ich kann es langsam nicht mehr hören, mittlerweile muss man ja nicht einmal mehr zu diesen Idioten ins Forum, nun schwappen sie uns schon in den normalen Medien entgegen. So viele Flüche, wie ich gen Himmel schicken wollte, kenne ich gar nicht.
Und ich vergaß, ich hätte dafür wahrscheinlich keine Zeit.
Mi 29 Mrz 2006
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Uni1 Comment
Das Haus verwaist, im Treppenflur herrscht aufgeregtes Treiben, ich höre sie Sofas um die Ecken tragen, Geschirr klirrt von oben und hievt mich auf den zweiten Platz der am längsten hier residierenden Mieter; nur das eine Paar, welches meine Pakete immer entgegen nimmt, lebt länger hier.
Könnte man tagsüber schlafen, fiele das nächtliche Arbeiten nicht so schwer, das ich wieder für mich entdecke. Tagsüber bin ich bestenfalls zum Lesen und zu kurzen Notizen brauchbar, der überwiegende Teil meiner Hausarbeit entsteht in den Abendstunden bei neu entdecktem Instant-Cappuccino von Tchibo.

Die relevanten Bücher rufen die Erinnerung an das letzte Seminar des vergangenen Semesters hervor, in dem ich mein Buch vergaß und mich neben eine Kommilitonin setzte, die mir ihres freudig entgegenstreckte mit den Worten
Ich hab dich gesehen!
Im Internet!
Hallo. Ich habe mich sehr unwohl gefühlt neben dir.
Mo 27 Mrz 2006
Einen Tag nach dem verkaufsoffenen Wahlsonntag, an dem Marburg den Frühlingsanfang euphorisch feierte, in Trachten gekleidete Blumenmädchen Knollengewächse an drängelnde Teenager und Mütter verschenkten und die Stadt geradezu überlief mit glücklich jungen Familien, trommelt der Hagel aufs Nachbardach, als wolle er uns sagen »das habt ihr nun davon«.
Die oberhässliche Oberhessische Presse frohlockt
Diejenigen, die zur Wahl gegangen waren, zeigten sich aber überwiegend gut vertraut mit dem neuen, nach 2001 zum zweiten Mal angewandten Wahlsystem
und übersieht, dass die Wahlbeteiligung bei historischen 43,9% liegt.
Vor dem Eintritt in die Wahlkabine überreicht man mir zwei mehrfach gefaltete und dennoch (DIN) A4-formatige Zettel mit den Worten “Viel Spaß”. Meine Überzeugung, fabelhaft vorbereitet zu sein (einige Wochen früher kam ein Brief mit Anweisungen, wie diese Zettel auszufüllen seien und was panaschieren, kumulieren und dergleichen bedeutet), weicht Hilflosigkeit bei der Handhabung des Papiers, das sich quadratmetergroß vor mir ausbreiten. Das Phänomen der zu kurzen Kette am Wahlkuli bestätigt sich auch in den Nachbarstädten und ich bin froh, als die Papierteppiche in einer blauen Tonne verschwinden und mich der Wahlhelfer anlächelt, als wäre ich einer von ihnen.
Als ich das Wahlbüro durch das Museum verlasse und ins Freie trete, lächelt mich eine gestelzte Fee an und klappert mit ihren seidigen Flügeln. Applaus?
Sa 25 Mrz 2006
Während die APPD sich vor den unregelmäßigen Schauern unter dem Vordach der Sparkasse versteckt und Selbstgekochtes verteilt (eher: verteilen möchte, denn kein Passant traut sich, den Weg durch die Traube von Punks zu bahnen), steht einhundert Meter entfernt der Sonnenschirm mit CDU-Wimpeln, unter dem (vermutlich) der Spitzenkandidat seinem (vermutlich) Wahlkampfleiter letzte Instruktionen erteilt.
Ich muss an die ältere, kettenrauchende Dame denken, die vor dem Kaufhaus der Stadt unter einem gleichen Sonnenschirm Luftballons an nicht Wahlberechtigte verteilt - die von der CDU sehen doch alle gleich aus.
Ich mag keine Lanze für die Pogo-Partei brechen, guten Gewissens kann man diese Gesellen in keine Verantwortungsposition lassen. Aber die Klons der christlichen Demokraten machen mir Angst - herabgestiegen aus den Wahlplakaten, geschminkt und gepudert wie im Fernsehstudio und sich ähnelnde Gesichtszüge rufen die Assoziation des frustrierten Ortsvorstehers oder des erwachsenen Sohnes eines örtlichen Bauunternehmers in gehobener Position hervor, der niemals dieses Kaff verlies.
»Politik muss so einengend sein« möchte man dem Berufssohn zurufen, während man Ersatz für den abgelaufenen französischen Quark nach Hause trägt.
Ich sehe Vater und Sohn im geklinkerten Mittelklassehaus, draußen gibt es selbstgemachten Kuchen von Mama. Und die wirklich wichtigen Themen.
[Update: 00:35 Uhr]
Da ist wohl der Sohn nach dem Tennisunterricht über ein wichtiges Kabel in Papas Keller gestolpert. Marburg ist offline.
Zum Glück ist der Sonntag eine Stunde kürzer.

Fr 24 Mrz 2006
Die Beziehung zwischen meiner Tageszeitung und mir ist eine herzliche, dennoch nicht unproblematische. Ich habe sie irgendwann abgesetzt, der Frau am Telefon erklären müssen warum, und bin doch seit vielen Monaten wieder Abonnent.
Nach der viel zu seltenen Lektüre weiß ich wieder, warum ich die Süddeutsche nicht noch einmal abbestellen werde. Allein heute:
- Im - freitags beiligenden - Süddeutsche Zeitung Magazin findet sich ab Seite 34 die Geschichte »Zwei Kinder und ihr Baby«, in dem das Leben zweier behinderter Eltern mit ihrem normalen Sohn beschrieben wird
- Die obligatorische, mehr als halbseitige Seite-3-Geschichte heißt heute »Wo die Ernüchterung regiert« und trägt den Untertitel »Israel vor den Parlamentswahlen: Reisen durch ein zerrissenes Land«. Sie stellt neben der Lesbarkeit das Killerargument gegen die exklusive Nutzung von Online-News-Medien dar
- Der Kommentar im Wirtschaftsteil »Die Millionen der Manager«, wegen dem einige Freunde den Kopf schütteln werden
Am Sonntag sind Kommunalwahlen in Marburg. Ein Freund steht für die APPD auf dem Wahlzettel, doch ist mir die Partei zuwider. Ich spreche nämlich einem Teil der Mitglieder ab, was dem Spitzenkandidaten und der Bundesführung klar ist: die Realsatire.
In einer der vergangenen Wochen ist mein ehemaliger Klassenlehrer der Mittelstufe gestorben. Ich habe es heute per eMail erfahren.
Er wollte zum Ende unserer Schulzeit die Namen auf einen Zettel Papier schreiben und daneben, was er glaube, was aus uns werden würde. Und er wollte diese Zettel nach zehn Jahren zum Klassentreffen mitbringen.
Dieses Klassentreffen findet im Jahre 2008 statt.
Mo 20 Mrz 2006
Wardriving war gestern.
Auf dem Weg zum Tegut und zurück habe ich alle auffindbaren drahtlosen Netzwerke protokolliert. Der Großteil der 65 gefundenen WLANs war zwar gesichert, 11 Accesspoints aber arbeiteten ohne Verschlüsselung.
Das »Protokoll« des Weges, der aus meiner Wohnung durch die Barfüßerstraße und schließlich am Schlossberg-Center vorbei führte, kann man hier als CSV-Datei herunterladen.
Allein die Namen der Netze sind es wert, an einem anderen Nachmittag die gesamte Marburger Oberstadt abzulaufen.
Interessant wäre zu wissen, wie viele Leute offene Netze nutzen und deswegen vielleicht sogar auf die Beantragung eines eigenen Internetanschlusses verzichtet haben…
Mo 20 Mrz 2006
Posted by niels under
LifestyleNo Comments
Eine Eremitage bringt absonderliche Spezialisierungen hervor. Nachdem mein Experiment gestern abend aufgrund Zitterigkeit nicht fortgesetzt werden konnte, fielen mir in den heutigen Morgenstunden die Jahre nicht gebrauchten Caipirinha-Gläser ein.

Ein Film steht und fällt - lassen wir die Besetzung der Haupt- und Nebenrollen außer Acht - mit dem Bühnenbild und der Atmosphäre. Da meine Tchibo-Milchaufschäumkaffeemaschine nicht mit ausgewachsenen Automaten von Saeco oder WMF konkurrieren kann, bleiben altbewährte B-Movie Tricks, um aus der Low-Budget-Produktion einen Blockbuster zu machen.
Autosuggestion mag eine geringe Rolle spielen, doch bilde ich mir ein, dass der heutige Kaffee besser schmeckt - genau wie Wein aus dünnwandigen Gläsern im Vergleich zur Tetrapak-Plastikbecher-Kombination.
Ich denk an dich. Raus in die Sonne!
(Ich geh so lange duschen.)
So 19 Mrz 2006
Posted by niels under
Lifestyle1 Comment
Sonntag, halb eins.
Dass ich neuerdings schlafen kann wie ein Murmeltier, beunruhigt mich. Ich hätte um halb acht aufstehen sollen, als ich auf die Uhr schaute, mich wach fühlte und mir überlegte, dass es im Bett doch angenehm warm ist - und mich umdrehte.
Es ist kein gutes Vorzeichen, von sich selbst genervt beim Frühstück zu sitzen, vorher Brötchentüten tragend durch junge Familien, die ihren Sonntagsspaziergang absolvieren. Ein Spießrutenlauf vor meinem Gewissen.
Für die Brötchen das letzte Geld zusammengekratzt, der Instant-Kaffee ist alle, im Kühlschrank gähnende Leere, dem Appetit der langen Weile kann nichts angeboten werden, und so drücke ich mich - »echten« Kaffee kochend - vor der unangenehmen Aufgabe, die heute auf meiner To-Do-Liste steht.
Als ich vor ziemlich genau eineinhalb Jahren in die Oberstadt zog, hatte ich für die Sonntage einen anderen Plan: Ich sah mich kaffeetrinkend und zeitungslesend in einem der zahlreichen gemütlichen Cafés; ich wollte meine Literatur, die ich für Hausarbeiten brauchen würde, dort lesen. In der Mitte anderer Menschen und doch in einer beneidenswerten Privatheit.
In der Sonne. Ein französisches Gefühl.
Ich sitze am offenen Fenster, koche den Kaffee selbst und habe mit den Büchern nicht einmal angefangen.
Mi 15 Mrz 2006
Posted by niels under
Uni[5] Comments
Das erste Projekt ist abgeschlossen und es geht nahtlos weiter zum zweiten. Dennoch ist es Zeit, die obligatorischen drei Kreuze ob des hinter sich gelassenen Monsters zu machen.
Die Abschlusspräsentation hinterließ einen guten Eindruck und ich merke, dass der Wohlfühl-Faktor stark mit dem Foliendesign korreliert: das Halten eines Vortrages macht bei ansprechend gestalteter Präsentation doppelt Spaß.
Dass anschließend der Professor bedauert, keine Abschlussfeier stattfinden zu lassen und wir ihm “auf jeden Fall” Bescheid sagen sollen, würde dies nachgeholt, rundet den positiven Gesamteindruck ab; man vergisst für die Minute, dass der Schlaf in den kommenden Nächten besser abgeschafft werden sollte.
Do 9 Mrz 2006
Es ist, wie es ist. Mancher guten Dinge sind drei, der anderen vier und Altes gehört im Keim erstickt, nicht beachtet, Anachronismen der Großväter und Legenden der Vergangenheit.
Während in der Zeit eine Artikelreihe über Spießertum gedruckt wird, erkenne ich mich in manchen Artikeln durchgängig wieder und fühle mich dennoch nicht schlecht. Wenn Menschen popeln, schmatzen und rülpsen, hat das mit persönlicher Freiheit nicht viel zu tun. Das eine Lager räumt bis zur fehlenden Hygiene reichende Freiheiten ein; wenn sich der Betroffene wohlfühlt, wäre Kritik unangebracht. Mir reichen gähnende Radfahrer; ich unterschreibe Beobachtungen anderer Freunde und bin entsetzt. Wer entschuldigt, kann gleich am Trog speisen; wo die Freiheit des Anderen anfängt, endet jene des Einen.
Oder - weil ich nicht an völlige Abstumpfung des Individuums glaube:
Was du nicht willst, das man dir tut,
das füg’ auch keinem anderen zu.

(Foto von ix)
Di 7 Mrz 2006
Wie oft kann man in der Minute seine Nase hochziehen? Mitzählen zeigte: Zwanzig Mal. Mich macht mein Gegenüber aggressiv und ich warte auf meine Verabredung zum Mittagessen, die sich gewohnt verspätet.
Vorher im Bus:
Der Button am Eastpak-Rucksack qualifiziert den heutigen Punk. Abgesehen von der Frisur gleicht er Klößchen, wie ich ihn mir beim Hören der TKKG-Kassetten immer vorstellte. Hornbrille und Korkenzieherlocken tragend redet er auf seine Freundin ein, die auf dem Rest ihres Hosenbeins steht. Die Fransen verraten, dass bei modernen Hosen nicht nur der Schritt zehn Zentimeter zu tief hängt.
Viel später - vor der Wohnung von Hans’ Freundin - werde ich zu Heiko sagen, dass man die Vernünftigen gegen Ende seines Studiums kennenlernt.
So 5 Mrz 2006
Posted by niels under
Arbeit ,
UniNo Comments
Wenn man sowieso keine Zeit hat, kommen meist zusätzliche Anforderungen, die vom nicht mehr vorhandenen Zeitkontingent weitere Teile abfordern.

Die bis Dienstag zu lösende Aufgabe im einen Praktikum klingt einfach und fügt sich auf meiner To-Do-Liste zwischen »Softwareprojekt abschließen« und »Gliederung für die Hausarbeit über Vilém Flusser« nahtlos ein. Der vom Betreuer mit einer Stunde veranschlagte initiale Teil nahm den gesamten gestrigen Tag in Anspruch. Heute stehen drei größere Teilaufgaben auf dem Programm, von der die erste bereits vor dem Frühstück unbeeindruckt gegen die Wand lief.
Während das oben angesprochene Softwareprojekt sich dem Ende zuneigt (allerdings längst hätte abgeschlossen sein sollen) und präsentiert werden muss, pocht die Hausarbeit über den »Medienphilosophen« mit Vehemenz an die Tür. Sie wird die Kommunikationsstrukturen im Internet dem Netzgedanken Flussers gegenüberstellen und Hand in Hand mit dem Kommunikationsseminar des vergangenen Semesters gehen, dem sich ebenfalls eine Hausarbeit anschließt.
Flusser hat nicht nur wegen des früheren Abgabetermins Vorrang: Unangenehme Dinge erledige ich gern zuerst. In den vergangenen Tagen kamen allein sechs von ihm geschriebene Bücher, flankiert von Teilaspekten anschneidender Literatur anderer Autoren, denen bis Ende des Monats meine Aufmerksamkeit gilt. Die Lektüre philosophischer und medienwissenschaftlicher Fachliteratur geht auch bei spannenden Themen erfahrungsgemäß langsam von der Hand.
Mi 1 Mrz 2006
Im Aufzug, der die Marburger Oberstadt mit dem Rest der Welt verbindet, klebt ein Zettel, auf dem steht:
Bitte im Aufzug nicht sprechen!
Das gehört sich nicht.