Februar 2006


Jetzt wo fremde Schiffe stranden
ist erst Recht nichts überstanden

Der Bücherstapel für die Hausarbeiten wächst und verschlingt Kapital, da die wenigen Bücher über Vilém Flusser der Bibliothek entweder ausgeliehen oder als Präsenzbestand (bestenfalls mit möglicher Kurzausleihe) verfügbar sind.
Der Berg aus Teebeuteln steht diesem in nichts nach. Ich lasse viel zu lang brühen, über Bücher und Zettel gebeugt vergesse ich den Tee bis zur Kälte.

Zeitungsnotiz

All das stört den jungen Mann nicht, der selten im großen Computersaal unseres Fachbereichs sitzt und Karten spielt. Oder Mikado. Ein Spiel, dessen erfolgreicher Abschluss mit tosendem Computerapplaus belohnt wird. Ein guter Spieler.
Er erinnert mich an einen Freund, den ich nicht besuchen werde, an einen Freund, den ich schätze und der seine Lautsprecher abstellte. Der nicht raucht und über die verdreckte Tastatur gebeugt neben aufgeregter Spielerei Zigaretten dreht.
Er wird wenig beachtet, ich sehs, auch von Freunden links und rechts fällt der Blick nur beim erfolgreichen Ende seines Spiels.
Ich sah ihn am Freitag mit unglücklichem Gesicht am Bahnhof.

Damals, als LiveJournal seine Anmeldebeschränkung aufhob und jeder ein eigenes Journal starten konnte, ging ein Schrei durch die Reihen der alteingesessenen Benutzer, tags darauf gründete sich mit der Community “Hochhaussprung” eine pseudoelitäre Gemeinschaft, die sich in der obligatorischen Selbstbeschreibung als “die Elite des LiveJournals” charakterisierte.

In Folge dessen konnte man beobachten, was auch in der Blogosphäre wahrnehmbar ist: Die Anzahl der Blogs explodiert, Tausende erkunden Neuland und merken, dass die regelmäßige Befüllung eines Weblogs ein gewisses Maß an Disziplin und Zeit erfordert, verlieren die Lust und lassen die Blogs brachliegen oder gleiten in die Belanglosigkeit, um täglich schreiben zu können.
Die Zahl der uninteressanten Weblogs steigt, wahrscheinlich wird sogar ihr Anteil in der Blogosphäre größer, doch beginnen ein paar Schreiber, deren Geschichten man gern liest.

Die Liste der Abonnements in meinem RSS-Reader enthielt bis vorhin knapp weniger als einhundert Einträge; wenn man abends vor 250 ungelesenen Beiträgen sitzt, erlaubt einem die Abgekämpftheit bestenfalls ein grobes Überfliegen mit dem Bewusstsein, seine Lieblingsblogs nicht hinreichend berücksichtigt zu haben.
Von etwa der Hälfte dieser Abonnements habe ich mich heute getrennt. Die Blogschwemme hat nämlich einen sehr unangenehmen Effekt: War Blogosphäre für mich bisher positiv konnotiert, bilden sich neuerdings verquickte Gemeinschaften, die mich an das LiveJournal-Niveau erinnern, aufgrund dessen ich diesem Anbieter damals den Rücken kehrte.

Ich blättere gerade durch den ersten Band meiner fünfzig Jahre alten Sammlung von Brecht-Stücken, als mir ein Zeitungspapier entgegenfällt:

Gedicht

Ich mag keine Hörbücher aus dem gleichen Grund, aus dem ich keine Podcasts mag. Nicht nur, dass mir die Möglichkeit fehlt, solche unterwegs anzuhören (und in der Kleinstadt, in der ich wohne, dauern Busfahrten selten lang genug), auch lese ich Bücher und Blogs lieber selbst.
Da mir bei einem eigenen Eintrag die Betonung für bestenfalls einen einzelnen Satz gefiele, hake ich Podcasting als Trend ab und schüttele den Kopf über den ein oder anderen, in den ich zu Anfang hörte. Mit der Bitte, der Blogger möge bei der Schriftlichkeit bleiben, entsetze ich mich über Menschen, die sich einen Hesse auf CD anhören und verstehen wollen.
Ich weiß vom Vater eines Freundes, der seine weit über eintausend Objekte umfassende Tonträgersammlung erst digitalisierte und dann verkaufte. Das ist wie das Einscannen oder Eintauschen der Bücher gegen Audioliteratur: unmöglich.
Ein Anderer, den ich letztens besuchte, traf ich beim Lernen, im Hintergrund die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Auf meine entgeistert wirkende Frage, wie man bitte lernen und zuhören kann, erklärte er, dies sei die zweite Wiederholung, er höre alles fünfmal. Tauschen mag ich weder mit seinen “Lese”-Gewohnheiten noch seinem akademischen Erfolg.

In der Informatik sitze ich gewöhnlich zwischen Zweien: Einem wahnhaften Büchersammler und Einem, der Literatur der Belletristik als Textdatei auf seinem Laptop liest.

Mädchen stehen nicht auf nette Kerle. Was viele Männer als Mythos abstempeln, um nicht vollends zu verzweifeln, ist ein pandemieähnliches Problem für Menschen wie mich. Wenn Don Alphonso jetzt behauptet, “Wer weniger als 2.000 Bücher hat, kriegt doch keinen ordentlichen Geschlechtspartner”, bleibt zu fragen: Wie?

Eine Gruppe, die typischerweise weniger als zweitausend Bücher im Regal stehen hat - meistens für die Allgemeinheit uninteressante Sonderausgaben von The Art of Computer Programming - bilden die Informatiker. In den Vorlesungen des Fachbereichs sitzen mitunter normale Menschen, wenn allerdings abends ein Vortrag angesiedelt ist, den eine Dozentin der Theoretischen Informatik hält, ist das Auditorium ein konzentriertes Gemisch genannter Gruppe. So war es wenig verwunderlich, dass sich kaum weibliche Zuhörerschaft einfand, lediglich ein Student überredete seine Freundin, eine Nicht-Informatikerin, die - als der Vortrag die Ankündigung “auch für fachfremde Personen” Lügen strafte - mit ihrer Fassung rang. Dem Kommilitonen wünsche ich, dass sein Buchbestand weit unter zweitausend Bänden liegt.

Auch ich brachte einen Freund, der zwar Informatik studierte, vor langer Zeit aber wechselte. Er beugte sich nach einer halben Stunde herüber: “Ich bin kuriert.”

Schön waren die Zeiten.
Normalerweise bin ich kein Mensch, der alten Tagen nachtrauert; sollte das dennoch phasenweise vorkommen, hat das bestimmt einen guten Grund, eignet sich aber nicht als Leitmotiv für mein Leben.

Als wir gestern in der Frankfurt Batschkapp vor der Bühne standen, sehnte ich mich allerdings in die alten Zeiten zurück, in denen man die Band noch auf direktem Wege und nicht nur durch diese kümmerlichen Displays der hochgehaltenen Digitalkameras und Multimediahandys sehen konnte. Spätestens seitdem die Hersteller eine Videoaufnahmefunktion integriert haben, nerven die Dinger auf Konzerten wirklich.
Ich, der auch mit Konzertfotos nie viel anfangen konnte, stelle mir die Frage nach dem Sinn der briefmarkengroßen Videoschnipsel mit grauenhaftem Ton. Zum Konservieren des abendlichen Eindrucks sind sie ebenso unbrauchbar wie zum Überzeugen von Freunden, und ein Konzert in der Erinnerung Revue passieren zu lassen, stellt sich mir reizvoller dar, als meine Phantasie mit dem Entschlüsseln des nicht erkennbaren Pixelbreis auszulasten.

Dass eine Fotomöglichkeit dennoch praktisch sein kann, habe allerdings auch ich erkannt. Ein paar lohnenswerte Bilder wären nie zustande gekommen (na nuuna na?), auch eignet sich diese Funktion für das Archivieren von Öffnungszeiten oder sonstigen öffentlichen Informationen, die ich allzu gern vergesse.
Für die mir stets fremd gebliebene Videofunktion gibt es allerdings auch begeistert angenommene Anwendungsszenarien. Warum also sollte sich nicht auch irgendwer Konzerte im Handy ansehen?

Obgleich mir mein Bundesland unangenehm ist, ich den Dialekt hasse und auch sonst wenig Tolles an der Region finden kann, ist mir der Name in einem anderen Kontext nicht negativ konnotiert.
So findet sich in der Antwort auf die Frage, welche meine Lieblingsbücher seien - eine kaum zu beantwortende; nach spätestens fünf Minuten möchte man das Gesagte revidieren - stets der Demian.

»Da lesen wir Homer«, höhnte er weiter, »wie wenn die Odyssee ein Kochbuch wäre. Zwei Verse in der Stunde, und dann wird Wort für Wort wiedergekäut und untersucht, bis es einem zum Ekel wird.«

(Hermann Hesse - Unterm Rad)

Ich mag Hesse, auch wenn man mir in der Schulzeit den Autoren mit Durchkauen des Steppenwolfes madig zu machen versuchte. Tatsächlich habe ich den Steppenwolf verflucht und gehasst und dass ich später mit Demian anfing, war ein - wie sich herausstellte - glücklicher Zufall. Der einzige Fakt, den ich aus dem Deutsch-LK damals noch weiß, ist die Homosexualität des Autoren. Seitdem wäge ich jeden seiner Sätze auf mögliche Zeichen ab, aber Hesse macht ja keine Anstalten, seine sexuelle Ausrichtung zu verbergen.
So behalte ich Demian mit einer Atmosphäre im Gedächtnis, die Fakten verrät. Und auch Unterm Rad, das ich nunmehr zum mindestens vierten Mal begann, legt diese Vermutungen schon weit vor der Hälfte nahe. Obwohl das Fahnden anstrengend ist, kann man es nicht abstellen.
Das ist, was Knut meinte, wenn er sagte, zum Zerstreu bleibe einem Medienwissenschaftler doch nur das gemeine Fußballspiel.

Ich erwähne noch immer in der Antwort auf die Frage, welches mir das liebste Konzert gewesen sei, jenes von Blobkanal und Kamera hier in Marburg, das erste nach Studienbeginn, und das Konzert der Weakerthans, bei dem ich im Weg von John K. Samson stand und ein paar Worte wechselte, als er auf die Bühne wollte.
Seine Ausstrahlung habe ich heute noch im Gedächtnis, doch ich bin weit davon entfernt, mir Bilder von ihm in die Wohnung zu hängen oder als Desktop-Hintergrund einzusetzen.

Leo im BettIn meiner Bekanntschaft existieren derartige Strömungen mit anderen Künstlern. Die Hintergrundbilder können nicht schnell genug wechseln, um keinen zu vergessen. Diminutive der Vornamen unterstreichen die Lächerlichkeit, als Spaß ist das schon längst nicht mehr deklarierbar.
Ich verachte das Groupietum, dass deutlich vom Fan-tum zu unterscheiden ist. Wer auf Konzerte fährt, um anzuhimmeln (jaja, die Musik, …), verhält sich lächerlich. Wer fünfunddreißig mal das gleiche Video anschaut wegen des Sängers, wer alle mit Vornamen anredet, um Verbundenheit zu signalisieren und wer all dies leugnet, während er verlegen grinst, ist dieser Strömung anhängig.
Der dann die Bravo nicht mehr liest, kein “Teen” sondern “Twen” ist und sich im infantilen Verhalten suhlt.
Und mich rasend macht.

Ich weiß mittlerweile sehr gut, warum mein Opa sich früher über mich aufregte und stets sagte “höre auf zu spinnen”. Aber auf mich hört ja keiner.

Es bleiben viele Dinge liegen, wenn Termine wie in der letzten Woche drücken. Das Ganze wird in den nächsten 4-6 Wochen keinesfalls besser, aber vielleicht kann ich in Momenten, in denen ich auf die Wirkung des Kaffees warte, regelmäßiger ein paar Zeilen schreiben.

Todesanzeige
(via creative’s blog)