Oktober 2005


Als wir Leo abholten, stellte der Besitzer unser zukünftiges Haustier als Kommentier-Kater vor. Leo hat zu allem eine Meinung: “ich gehe auf Toilette”, “ich war auf Toilette”. Wenn er etwas nicht mag, wird geschrien, wenn er Hunger hat, wird lauter geschrien, wenn ich heimkomme, begrüßt er mich durchs Treppenhaus. Ja, er singt sogar mit Bob Dylan.
Und wenn ich ihn drücke, quittiert er das mit einem wohligen Schrei. Diese Art von Quittungston kommt freiwillig und klingt anders als die erzwungene, die man mit etwas mehr Kraftaufwand einfordern kann.

So stand ich eben in der Dusche und dachte über Quittungstöne nach. Die Standardpiepser bei meinem Handy habe ich abgeschaltet, das Knacken der Tasten gibt mir aber akustische als auch mechanische Rückmeldung. Auch das bei Tastaturen mechanisch bedingte Klacken lässt den Autor nicht im Ungewissen, auf den Sound beim Drücken eines Menüpunktes im Computer kann man getrost verzichten, liefert doch die Maustaste genügend Information. Apple hat in seine neueste Maus einen Piezo-Lautsprecher integriert, der bei Tastendruck das altbekannte Geräusch wiedergibt, weil das neue Modell berührungssensitiv und nicht mechanisch arbeitet.

Dass Rückmeldungen positiv aufgenommen werden, ist lange bekannt und die Idee hinter Sound-Design. Nicht nur bei Oberklasselimousinen stehen mannstarke Teams bereit, die nichts anderes tun, als das Zufallen der Tür mit der richtigen Akustik auszustatten. Das Schließen des Kofferraums soll auf keinen Fall blechern sondern wertig und schwer klingen, bekannter sind die Lautsprecher in neueren Autos, die bei Blinkerbetätigung die Schaltgeräusche des Relais aus alten Tagen ersetzen.

Auch das Design einer Betriebssystemoberfläche bietet Platz für Goodies. Immer wenn wir das Thema streifen, erzählt Knut begeistert vom Anmeldefenster bei Mac OS X, dass bei einem falschen Passwort mit dem Kopf schütteln (sofern das ein Fenster tun kann). Auch diese Form der Rückmeldung bedient eine altbekannte Situation: das Bild des verneinend kopfschüttelnden Gegenüber.

Die Grundlage für den Lautsprecher in der Maus waren Tests mit Computeranwendern. Wer einmal auf einem Rechner mit Folientastatur oder einem alten MSX-Rechner mit Gummitasten schrieb, weiß wovon ich spreche. Oft schaut man seiner Hifi-Fernbedienung nach, um sicherzugehen.

Den letzten Quittungston des Abends gibt die auf meinem Kopfkissen schlafende Katze, wenn ich ihr verdeutliche, wo mein Kopf schläft.

Müll abladen verboten

decibel audio

würde ich mir gern auf die Stirn schreiben an Tagen wie diesen. Sie regt sich über alles auf, lässt an nichts ein gutes Haar. Ich kenne das, doch bin zum Hassen viel zu müde. Da flögen Teller, hätte sie welche. Da rollten Köpfe, wäre der Aufwand nicht höher. Der Jean-Claude van Damme der Kunstgeschichte, der Berserker der WG.

Kontrapunktuelle Installation: Was eine Beziehung leisten sollte. Mir fallen die schönsten Worte nicht ein, aber Menschen, denen ich schreibe, von denen man sich beim Weintrinken beobachten lassen möchte.

[…] im Generellen sollte man schon wissen, wie der andere im Anzug aussieht, auch wenn er grade einen Jogginganzug trägt […]

Mir fehlen die Worte für mehr.
Entgegen der Planungen werfe ich mich noch in Schale, nach solchen Sätzen macht das doppelt Spaß.

Ein weißes Blatt Papier liegt vor deiner Tür
es sagt “Ich danke dir dafür”

(letztes Zitat und Titel von Tocotronic)

Ich habe wirklich Probleme mit einem Artikel, den ich für das Linguistik-Seminar lesen muss. Matthias warnte mich vor, er habe die Sätze teilweise häufiger lesen müssen. Nun weiß ich, was er meint.
Der Gebrauch von Fachtermini ist toll, verschachtelte Sätze ebenso. Allerdings erleichtern sie das Lesen nicht. Dass sich Fachliteratur nicht über die Verwendung eines umfangreichen Fremdwortschatzes definieren muss, zeigen zum Beispiel Hopcroft, Motwani und Ullman mit ihrer “Introduction to Automata Theory, Languages, and Computation”, es liest sich besser als die sperrige Belletristik beispielsweise Sibylle Bergs.

Heute nachmittag habe ich “liegen lernen” fertig gelesen, danach musste ich duschen. Nie vorher hat ein Buch dieses Bedürfnis bei mir ausgelöst, ich habe es gern und in annehmbarer Zeit gelesen. In der Regel verhungert Literatur, ich fange Bücher an, die zugunsten anderer Bücher auf dem Nachttisch verweilen. Liegen sie dort lange genug, stelle ich sie in den Schrank zurück mit dem Vorsatz, später noch einmal anzufangen, weil ich mich an den Anfang nicht mehr erinnern kann. Auf Halde liegen zur Zeit Franz Kafkas “Amerika”, Max Frischs “Mein Name sei Gantenbein” und einige Stücke Thomas Bernhards.

Wenn Knut mir eine Identitätsfindungsphase bescheinigt, stimme ich uneingeschränkt zu. Seit Jahren schon. Wie lange soll das bitte dauern?
In den Geisteswissenschaften fühle ich mich im Moment sehr wohl.

Ich habe heute etwas Zeit im Teezimmer des kunstgeschichtlichen Instituts verbracht. Das könnte mein Trainingslager für die nächsten zwei Packungen grünen Tees werden, heute habe ich das Geschenk ausgepackt und gemustert.
Aber, weg vom Tee, finde ich eine Einrichtung wie das Teezimmer eine wahnsinnig tolle Sache. Es ist ein nicht zu großer Raum mit der Atmosphäre einer Bibliothek, deckenhohe Bücherregale rahmen die Fenster, gemütliche Couchen laden zum Verweilen ein. Solch ein Zimmer passt in das alte Institutsgebäude, in dem auch die Musikwissenschaften und die Archäologie untergebracht sind, nicht aber in einen hässlichen Betonbau der 80er Jahre auf den Lahnbergen.

Beim Einkauf von Räucherkäse fiel mir der Blick auf das benachbarte Regal und der Tipp mit den Kerzen wieder ein. Da Teelichte zum Lesen und Arbeiten eine ungenügende Menge Licht produzieren, steckte ich die angebotenen Ikarus Leuchterkerzen (Aldi) in den Korb und später nach Kneipenvorbild in eine Flasche (nicht nach Kneipenvorbild: Hohes C). Dazu kam eine Flasche Wein, denn heute gehe ich nicht mehr weg. Zwar buhlen AStA-Party und Karambolage in der Waggonhalle um die Gunst des Publikums, doch fiel die erste wegen mangelhafter Bandbesetzung der Hauptbühne und letztere wegen früherer Empfindungen auf einer Vorgängerveranstaltung durch, jedenfalls aus den Möglichkeiten als Abendgestaltungsalternative heraus.

Ich lese “liegen lernen” (Frank Goosen) und erkenne die von mir gemachten Beobachtungen wieder, Seite einhundertdreiunddreißig ist mit einem Zettel markiert.

Beck war nicht beliebt an der Uni. Er ignorierte die Kleiderordnung. Bei den Geisteswissenschaftlern herrschten noch immer unumstritten die Wildlederjackenträger. Ein lederner Aktenkoffer galt hier als faschistoid. Beck war immer wie aus dem Ei gepellt, manchmal sogar im Anzug und immer in teuren Schuhen. Er war ein Exot, und er wurde mißtrauisch beäugt. Mörder und Diebe hätten es unter Geisteswissenschaftlern leichter gehabt als Leute, die sich gut anzogen.

Auch Doreen schaute an meinem Pullover und der Hose herunter und schätze ab: So werden sie dich sicher für einen Verbindungsstudenten halten.
Vielleicht bin ich bloß spießig.

Meine Chefin schenkte mir gestern einen Karton Tee.
Sie fragte, ob ich grünen Tee mögen würde, was ich - auf eine Tasse spekulierend - bejahte. Ungläubig sah sie mich an und strecke mir dann ein schuhkartongroßes geschenkähnlich verpacktes Behältnis entgegen mit den Worten “das schenke ich ihnen”.
Grüner Tee aus - ich habs vergessen. Es war weit weg.

Meine Tee- und Brüh-Erfahrungen beschränkten sich bisher auf supermarktvertriebene Portionsbeutel, vorzugsweise Pfefferminz und Kamille, eine recht unspektakuläre Teevergangenheit liegt also hinter mir. Wie es von Kosmos den Chemiebaukasten I oder von Märklin das Einstiegsset gibt, suche ich nach einem Starterkit für Teegenuss.
Während ich schreibe, schaue ich auf den Bio-Früchtetee von Westminster (Aldi) herab.
Ich glaube, er schaut nach oben. Und denkt: Wir werden ja sehen.

Ein Glas grünen Tee zum Probieren…
Ich erinnere mich, dass mir grüner Tee schmeckt. Falls man das nicht auch über all die Jahre idealisiert.

Ich konnte die Einladung, weil ich arbeitete,
nicht annehmen.
Doch verschlug es mich zum Kochen nach außerhalb.
Ich habe beim grammatikalischen Gewinnspiel den Sieger gemacht,
dafür gab es einen kleinen Schluck.

Wild gestikulierend am Tisch
wer holt Bier?
Ich reibe mir das schmerzende Knie und schlafe
im Stehen.
Nicht ich! von da.

Ich war schon! hier.

Mein Kleines
Negationsseminar.

Wer regt sich nicht über die neuen BA/MA-Studiengänge auf?
Jedenfalls in der Informatik wird das Modell sehr in Frage gestellt, da ein nach neuer Prüfungsordnung Studierender zwar am Ende jeder Lehrveranstaltung eine Klausur schreiben muss, aber Abschluss- und Zwischenprüfungen nicht existieren. Das Problem liegt auf der Hand. Recht grundlegendes Wissen (Betriebsmittelorganisation, Übertragsprotokolle, …) wird vielleicht früh im Studium erlernt, bis zum Diplom - das mit dem Ende der letzten Vorlesung automatisch verliehen wird - aber vergessen. Darüber sind zahlreiche Dozenten der Meinung, mündliche seien die für den Prüfling besseren Leistungskontrollen, als Fazit wird mit insgesamt schlechteren Abschlussnoten gerechnet.

Dazu passend der Bericht eines Kommilitonen, der von Marburg an eine Universität in den Vereinigten Staaten gewechselt ist, um seinen Abschluss zu machen. Er beschwert sich massiv über das Nichtvorhandensein mathematischen Verständnisses und grundlegenden Wissens selbst bei Absolventen des Massachusetts Institute Of Technology, einer Koryphäe auf diesem Gebiet.

Wir trugen gestern den hier erwähnten Dreisitzer von meiner Gasse in Doreens WG. Ich habe nie ein so schweres Sofa gehoben. Der Treppenaufstieg in den zweiten Stock dauerte schließlich doppelt so lang wie die Durchquerung der Fußgängerzone.
Christians Bemerkung wegen des Sitzmöbels vermutlich einwohnender Flöhe löst noch heute ein Jucken der Kopfhaut aus.

Nun war ich um 6.20 heute morgen noch vor der Müllabfuhr in meiner Straße. Wenig später an den Schlossgärten gab ich mein Vorhaben auf, in ihnen einen gern zu laufenden Rundkurs zu finden. Es war schlicht zu dunkel, langsam erkenne ich einen Sinn in diesen überall angebotenen Stirntaschenlampen, bei denen ich mich immer fragte, wer so etwas wohl braucht (jedenfalls in dem angebotenen Maße).

Vom Schloss aus zu starten und dann am Rande der von Verbindungshäusern gesäumten Straße bergab und schließlich durch die Oberstadt zu laufen, ist keine Route, die ich mir für jeden Tag vorstellen könnte. Alternativen zu finden, ist hingegen schwer: Die Lahnwiesen sind recht weit, der alte botanische Garten zu klein (und vermutlich auch zu dunkel, wenngleich ein paar Laternen leuchten) und in der Fußgängerzone mag ich auch um 6.30 nicht stur auf- und ab traben.

Abgesehen von den Initialproblemen: Tag, dir zeig ich’s!

Den einstigen Buchhändler, der bis zur Schließung des Großteils seiner Filialen mit Argusaugen darüber wachte, dass keiner der Angestellten pausiert, sitzt oder isst, habe ich heute hinter seiner letzten Kasse sitzen sehen, den leeren Blick auf einen Stapel reduzierter Mangelware.

Mitleid kann ich nicht empfinden, hätte er in seinem verbliebenem Raum noch Angestellte, ich würde ihn dafür hassen. Er hat - das war schließlich ein offenes Geheimnis - seine Angestellten nicht bezahlt, die entweder mit unlauteren Mitteln oder gar nicht an ihren Lohn kamen, bekam trotzdem von der Arbeitsagentur Bewerber zugeschanzt, die bei der Namensnennung des Händlers nichts Böses ahnten. Auf Nachfrage gab sich der Sachbearbeiter im Amt wissend.

Ohne selbst für ihn gearbeitet zu haben, bekam ich viele Kleindramen mit. Dass mir der Hals platzte, ist das letzte Kapitel unserer Geschichte, kurze Zeit später konnte er die Miete seiner Büroräume nicht mehr zahlen. Wohin es die monatelang unbezahlten Vollzeitkräfte verschlug, weiß ich nicht. Ahne aber wohl, warum die ganze Geschichte den Bach runterging:

Der Chef war ein, wie man sagt, Arschloch wie es im Buche steht, stets laut, unbeherrscht, ein Aasgeier mit Mundgeruch, der über die Einhaltung oben genannter Prinzipien herrschte. Sein Sortiment war grotesk. Zwar kenne ich weder Verkaufszahlen noch statistische Erhebungen, dass seine Warenauslage aber kaum Passanten ansprach, war wohl jedem außer ihm selbst klar. Er war unbelehrbar, rechthaberisch und pleite.
Und nicht bereit, über seine Situation nachzudenken.
Seine Domain funktioniert auch lange nicht mehr.

Es wird ernst, da drüben, über dem Büro.
Das Gestreiche, Gebohre und Gebaue lässt mich nach Vorhängen suchen und - ihr Wort in Gottes Ohr - auf Besuch hoffen. Regen hat sich über die Stadt gelegt und die Gassen gespült, draußen ist es wunderschön. Ich säße gern im Café, Menschen zu beobachten und das gute oder notwendige Buch zu lesen. Bei einem Cappuccino zu bloggen.

Ich bekam den Tipp, Kerzen zur Illumination des Raumes zu verwenden, um dem Gebrumme und Kaltlicht meiner Lampe zu entkommen. Ich liebe die Atmosphäre, in die Teelichte diesen Raum tauchen, doch vermisse zwei oder drei Möbel. Auf etwas muss man sich ja freuen nach dem Studium.

Erfreulich überdies, dass im Schaukasten der Marburger Neuen Zeitung einige meiner Kleinstartikel in kaum abgeänderter Weise vorzufinden waren. Sogar mein Kürzel haben sie verwendet. Ich hätte es nur gern einige Stunden früher gewusst.

Gegenüber zeigt die Tochter ihrer kopfschüttelnden Mutter das Zimmer.
Willkommen in Marburg.

Als ich damals in Nürnberg nach einem Konzertabend im Klüpfel zum Kickern aufgefordert wurde, konnte ich gar nicht schnell genug flüchten. Fußball ist für mich ein Sport, dem ich einfach nichts abgewinnen kann. Ich übertrug das gern auf sämtliche Varianten dieses Mannschaftssports, und so drückte ich mich immer erfolgreich vor der in der Musikszene beliebten Freizeitbeschäftigung. Den ersten wirklichen Kontakt vermittelte ein Fußballbesessener, der in seiner Freizeit offensichtlich kaum anderes macht. Natürlich kann man nicht einspringen, wenn die Hoffnungen auf einem ruhen. Die mangelnde Erfahrung lässt einen auf dem Platz ziemlich dämlich aussehen.

Die sehr erfolgreiche und letzte Diplomprüfung eines Freundes brachte mich dann in den Keller einer Kneipe und die zweifelhaft schmeichelnde Nähe eines Kicker-Tisches. Bevor ich einen ernsten Gedanken an Flucht verschwenden konnte, war ich bereits in einem Zwei-Mann-Team verstaut: aus sechs Leuten lassen ich hervorragend drei Mannschaften bilden. Abspringen hätte einen unverhältnismäßig hohen Aufwand an Ausredenschmiederei gekostet, außerdem sagte mir etwas, dass der gestrige Abend ein hervorragender Zeitpunkt sei, meine Aversie gegenüber Tischfußball auf die Probe zu stellen - vielleicht waren es auch nur bettelnde Freunde.

Erwartungsgemäß war ich bester Mann der gegnerischen Mannschaft, was aber - weil keine Profis dabei waren - nicht sonderlich ins Gewicht fiel. Und so gelangen mir neben spektakulären Eigentoren auch wenige atemberaubenden Treffer aus der dritten Reihe. Nun muss ich mir eingestehen, dass mir Kickern von den bisher erprobten Tischsportarten am meisten zusagt, gerade mit dem angesagten Billard kann ich mich nicht anfreunden. Es wird eine schöne Nischensportart bleiben, auch in meinem Leben.
Doch wenn mich jemand fragt, denke ich mindestens nach.

Die Mitarbeit bei der Zeitung habe ich vor wenigen Minuten per eMail aufgekündigt.
Der Verlauf des gestrigen Tages hat mir den Spaß gründlich verdorben und ich sehe nicht ein, warum ich den heutigen Tag noch verschenken sollte, um vielleicht später einmal im Monat über einen Hasenzüchterverein zu schreiben. Soviel Zeit hat man als Student nicht, gerade wenn die Vorbereitungen auf das neue Semester laufen.
Die von der Oberhessischen Presse praktizierte Methode, einen neuen Mitarbeiter auf eigene Faust loszuschicken und anhand des gelieferten Materials zu entscheiden, hat wesentliche zeitliche Vorteile gegenüber zwei unbezahlten Tagen in der Lokalredaktion und ist, wenn sie wie bei der Marburger Neuen Zeitung durchgeführt werden, ungleich motivierender. Ich muss zugeben, dass auch die Atmosphäre bei der OP besser war, wenn man das bei einem fünfzehnminutigen Besuch im Haus überhaupt einschätzen kann.

Dass ich nun ohne Job im Zeitungsbereich dastehe, tut nicht weh. Lokaljournalistische Arbeit interessiert mich nicht, die fünfzehn geschriebenen Meldungen von gestern werde ich als Erfahrung im Printjournalismus angeben.
Den gewonnenen Tag beginne ich mit Kaffee und einer überregionalen Tageszeitung.

Ich habe zehn Stunden Redaktionsarbeit hinter mir. Für die Tätigkeit als freier Mitarbeiter muss man zwei Tage in der Redaktion gearbeitet haben, damit die Redakteure abschätzen können, welche Qualität die abgelieferten Texte haben werden und ob eine Zusammenarbeit mit dem Bewerber überhaupt sinnvoll erscheint.
Meine Arbeit bestand in den ersten Stunden darin, Pressemitteilungen in Artikelform zu bringen, damit sie im Regionalteil einer der nächsten Ausgaben berücksichtigt werden können. Genaugenommen habe ich den ganzen Tag nichts anderes gemacht als eMails, Faxe und Briefe durchforstet, mittelalterliche Handwerkermärkte, psychologische Vorträge, Lesungen und Konzerte angekündigt. Als ich um 19.30 Uhr die Redaktionsräume verließ, hatte ich in noch immer kein Feedback bezüglich der Qualität meiner Artikel bekommen: sie wurden nämlich nicht gelesen.
Die Kompetenzen aber quer durch den Raum verwiesen, jeder war mit etwas Wichtigem beschäftigt und mochte die kurzen Meldungen nicht zwischenschieben. Um Herr der langen Weile zu werden, schrieb ich immer mehr Zusammenfassungen und konnte wenigstens einen Außentermin wahrnehmen - als Zuschauer.
Mir erscheint diese Taktik zur Bewerberwahl merkwürdig. Sollte der morgige Tag ebenso ablaufen, ist mir die Entscheidungsgrundlage für oder gegen eine Mitarbeit schleierhaft. Dass ich Tage verliere, indem ich der Redaktion unliebsame Arbeit abnehme, ohne im redaktionellen Betrieb berücksichtigt zu werden, ärgert mich zunehmend.

Das Zeitungswesen habe ich mir anders vorgestellt. Die Atmosphäre freundlicher, nicht so schweigsam, so desinteressiert. Die Redakteure rauchen Kette und haben deswegen eine ebenso schlechte Laune wie Haut, wer die mangelnden sozialen Fähigkeiten von Informatikern moniert, hat noch keinen Redakteur kennengelernt!
Und es ist alles so wenig spektakulär.
Es ist alles so normal.
So frustrierend.

Marburg ist vor allem bekannt durch seine historische Oberstadt und durch die gleichnamigen Aufzüge. Marburgs Oberstadt wiederum ist bekannt für die kleinen, phantastischen Gässchen, in denen man fast stundenlang wandern könnte, ohne Touristen zu treffen. Wenn Marburg größer wäre.
Den Umstand der pittoresk verborgenen Wege machen sich Einheimische gern dann zunutze, wenn nach ausgiebiger Kneipentour oder anderer Festivität die Blase zu voll und eine Toilette zu weit erscheint. Gerade in den Sommernächten, während man bei offenem Fenster schläft… lassen wir das. Würde sich der gemeine Alkoholiker vor dem Einbiegen in meine Gasse umschauen, sähe er höchstens zehn Meter zu seiner Rechten einen bis weit in die Morgenstunden geöffneten Zwitter aus Café und Kneipe, der nicht unüberraschend auch eine Toilette bietet.
Leider scheint Gassenpinkeln ein Sport der Coolen zu sein, denen der Zutritt zu Sanitäranlagen aus spielregeltechnischen Gründen versagt ist: Vor wenigen Tagen skandierten betrunkene Rindviecher in Gestalt zweier Verbindungsstudenten sich über den einzigen Treppenaufstieg in dieser Gegend - gegenüber besagtem Zwitterbistro - ergießend: Studenten! Studenten! Wir zahlen eure Renten!
Welche Gedanken durch die Köpfe der eben diese schüttelnden Renter ging, blieb mir leider verborgen. (Vielleicht Sind wir wirklich auf die Rente angewiesen, Erna?)

Heute entglitt einem Passanten die Kontrolle des anderen Muskels, denn neben einer beeindruckenden Menge dünnflüssigen Kots blieb die gesamte Unterleibsgarderobe in armseligem Zustand zurück in der Gasse.
Bestimmt ein unangenehmes Gefühl, anschließend beinfrei durch die Fußgängerzone seiner Heimat zu irren. Bestimmt beschissen.

Ich weiß, dass es heute morgen klingelte.

Leos HaarbüschelIch halte die Größe des Haarbüschels für alarmierend und wünschte, ich könnte noch ruhigen Gewissens behaupten, das sei gerade zum ersten Mal passiert. Immerhin sitzt Leo jetzt in gebührendem Abstand von meinem Bürostuhl, auch sehe ich keine nackte, die Trefferzone markierende Stelle….

Was mich bisher vom Weintrinken abgehalten hat ist die Ungemütlichkeit meines Zimmers. Ich hätte gern ein Händchen für Innenausstattung wie meine Mutter. In ihrem Arbeitszimmer werden stahlrahmenbasierte Glastische mit Halogenlampen beleuchtet und doch entsteht keine Kälte, wie ich sie von meiner Schreibtischlampe empfinde. Einen Glastisch habe ich auch nicht und der Rest kommt ebenfalls aus keinem sterilen Designerkatalog. Außerdem brummt die Birne meiner Lampe, sehr deutlich bei gedämmter Helligkeit, aber auch wahrnehmbar bei voller Leuchtstärke.
Meine Sympathie für die Banker’s Lamp habe ich vor einiger Zeit kundgetan, doch die Lampe würde in mein Zimmer nicht passen, wie man bescheinigte (aber hervorragend zu meinem Ärmel, wie ich finde). Meine Einrichtung ist ein Potpourri autobiographischer Gegenstände (wenn man vom hässlichen Einbauschrank absieht), den ausgemachten Stil möchte ich wissen, an dem sich die Lampe stört. Und der Schreibtisch erst!
Es gibt da so einen Designerkatalog….

Gegenüber, im Stock über den besagten Büroräumen, wird zur Zeit renoviert. Der Raum - wie meiner mir drei Fenstern - dürfte etwa die Größe meines Zimmers haben, doch erkenne ich von hier weder eine eingebaute Küche noch eine Tür zum Bad.
Seit ich vor einem Jahr in diese Wohnung zog, stand der Raum leer, nur einmal wohnte ein Jugendlicher für wenige Wochen gegenüber und hinterließ beim Auszug eine Rose am Fenster, die den schönsten Kontrakpunkt in meiner Aussicht bot. Statt der Rose steht eine Flasche Bier im Fenster, Handwerker tapezieren, renovieren und versuchen, aus dem bad- und küchenlosen Raum eine formidable Wohnung zu gestalten. Sollte jemand einziehen, wäre ich gezwungen, mir endlich Gardinen zu kaufen… Dabei hasse ich nichts mehr als verdunkelte Räume.

Ich habe sicherlich weniger Erfahrung als berufliche Maler, doch zwei Streichversuche im Kunstlicht haben mir zu einer “nie wieder”-Einstellung verholfen. So ganz verstehe ich also denjenigen nicht, der mit einer Taschenlampe die Wände abläuft und vielleicht nach Farbflecken sucht. Seit 30 Minuten.

Ich habe seit langem eine Flasche Wein, die ich stets für das richtige Ereignis aufheben wollte. Passenderweise trat genau dies nie ein. Ich glaube nicht mehr daran, denn wer jetzt noch allein sitzt, ist für lange Zeit allein… Vielleicht geb ichs auf. Und trinke ein Glas.
Vielleicht geb ichs auf.

Gerade brach beim Tagesthemen-Stream der Ton zusammen. Passenderweise stand Angela Merkel hinter einem Rednerpult und warf ihre typischen Gestiken in den Raum. Immer wieder erinnern mich die senkrechten Mundwinkelfalten an das Gesicht eines Nussknackers und ich denke mir die designierte Kanzlerin aufs internationale Parkett, rhythmisch kauend, gänsegleich schnatternd - doch lautlos.

Angela Merkel

Ein Exemplar meiner treuen Lieblingsfeinde sah eine legitime Wahlbegründung darin, dass endlich eine Frau im Bundeskanzleramt residiere und nippte zufrieden an seinem Bier in Marburgs linker Absteige. Dass sich jener Ort stark über das Politische definiert und besagtes Exemplar Student, also im Besitz einer Hochschulzugangsberechtigung ist,

- womit wir wieder bei lieber ausschlafenden Revolutionären sind -

lässt die zahlreichen Erstwählerchecks des Stefan Raab in den Bereich des Möglichen rücken
Apropos Raab. Ich erzählte ihm noch, dass eine Legislaturperiode vier Jahre dauere und schrieb einen Metzgernamen auf den durchweichten Bierdeckel. “Quotiert” sagte ich noch.

Man trauert, wenn man sich freut.

Wenn ich groß bin,
werd ich Sehnsucht.

(Delbo - Pinkie Ponkie)

Da dies ein weiterer Samstag ist, den ich relativ inaktiv im Bett verbracht habe und nur ab und an drohend die Faust gegen den Himmel hob, sobald von draußen leises Hundebellen oder das Geschrei von kleinen Kindern zu hören war

…das wäre zu einfach. Durchschlafen ist für Anfänger. Vom Einschlafen wollen wir mal gar nicht reden, denn obwohl ich bei Freunden abends im Stehen schlief, war das in der Horizontalen kein Thema mehr. Während die Wärmflasche an den Füßen glühte, fror mein Mund zu, der mich überzeugte, binnen kurzer Zeit einer Fieberattacke zu erliegen.
Die beste Entschuldigung, um heute mehr oder weniger im Bett zu bleiben mit zusätzlichen Wärmflaschen, Decken und katerlicher Zuneigung: das Lese-Material geht so schnell nicht aus.

Ich hatte einen leichten Rückfall, hob also meine Faust und wollte schon anfangen einen beissenden und verbitterten Fluch über all die Sounds dieser Welt auszusprechen…

Im Zimmer erlebt man nicht viel (man findet nicht einmal etwas zum Aufregen), doch sitzend fällt der Blick durch schmutzige Scheiben in das Hinterhofbüro des benachbarten Spielzeugladens, in dem neuerdings zur Mitternacht Spuren verwischt werden.
Das sind meine Scheiben, die schmutzig sind. Darüber schlief ich ein.
Interessant, wie lange man mit “es reicht, wenn ich morgen einkaufe” leben kann. Doch langsam wirds eintönig.
(Zitate von hier)

Ich dachte vielleicht, ich sei über die Phase called Selbstmitleid hinaus. Aber Tage wie diesen möchte ich so bald nicht wieder erleben. Genug Schlaf, zum Kühlschrank geschlurft, irgendwann auf dem Kalender “Sonntag” entdeckt, zuviel Müsli, Kaffee und gerade den Reis vom Asiaten auch nur halb essen können…
Leere.

Mitten in diesem Unwohlsein haut mir Reinhard Meys aktuelles Album ein Loch in den Bauch. Auf dem Friedhof über Rebellen ohne Markt geredet, manchmal ist Erwachsensein unheimlich schwer.
Der einzige Lichtblick war die Sonne.
Ich weiß nichts von Sonnenschlössern, nichts vom Masterplan der Welt, aber ich habe einen Weg gefunden, der in eine Sackgasse führt.

(Rebellen ohne Markt ist ebenfalls ein sehr lesenswertes Blog)

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