August 2005


Ich verbrachte den zurückliegenden Nachmittag in der Obhut meiner Großeltern - auf dem Land.
Nun sitze ich zurück nach Hause, nach Marburg, im Zug (einer Regionalbahn), die durch verschlafene Ortschaften zuckelt - in ihnen hält - und faszinierende Blicke auf die Kleingartenkultur meiner ehemaligen Heimat bietet. Gehegte und gepflegte Klein- und Großgärten strahlen die entsprechende Idylle aus, wenn ich den Blick hebe, erhasche ich an den Streckenrändern weite Felder, ab und zu grasendes Rotwild.

Ein Glück, dass ich hier nicht mehr lebe.

Eine SMS, die jene Misere bedenklich treffend beschreibt, die ich allerdings zu früh löschte und daher nur sinngemäß zitieren kann, bezieht sich auf das hohe, in Marburg erhaltene Alter eines gemeinsam bekannten Alkoholikers:

Freund, du darfst nicht vergessen: Der ist gegen das Vergehen in Alkohol eingelegt. Eine denkbar schlechter Kompromiss. Verlasse die Stadt sobald du kannst.

Trotzdem, ein guter Tausch bisher. Doch langsam wird es Zeit.

Die meisten Schlachten sind - so fühlt es sich an - geschlagen, der Feind liegt klar vor einem. Doch unangreifbar. “Ich mache meinen Frieden mit euch” stimmt nicht einmal ansatzweise und lieber heute als morgen dieser Stadt den Rücken kehren, was aus verschiedensten Gründen scheitert. Frustrierend ein paar Kaffees in den einschlägigen Läden, auch hier lassen sie dich nicht in Ruhe.

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So fühle ich mich auch.

Im Herzen der Stadt und doch am Rande des Universums, wie es scheint, beginne ich zu kochen an einem Samstag morgen um vier, an dem ich anderes tun sollte. Nach einem Abend, den ich naturgemäß hätte anders verbringen sollen, einem Freitag-Abend, der eines jener Wochenenden einläutet, die man ausschließlich an den Öffnungszeiten erkennt.
Die angebratene Tomatensauce - das letzte Experiment, denn in Zeiten wie diesen ist das Experimentiern von Nöten; man kann doppelt nicht, wie man gern wollte - knarrt in der Pfanne neben den Nudeln, deren Wasser lustlos mit den Fettaugen spielt. Ich zerdrücke das gespiegelte Gesicht mit den Fingern, bis mich der Schmerz in die Gegenwart zurückholt.

Einem Zombie gleich wandle ich durch die Stunden, durchdrungen von netten Momenten (auch und unerwarteterweise gestern), der Moment hält am Leben. Morgen einer, übermorgen der nächste. Dazwischen: Hangeln. Und nicht hinfallen. Die Glieder müde und schlaff, zum Aufstehen fehlt die Kraft. Taumeln ist okay. Dauerzustand. Testbild.

Die Krise würde sich gut auf meinen Schreibstil auswirken, sagt er. Ich sage: Georg, das Bier.
Und wenn schon. Ich sollte ganze Doppel-Alben Lieder schreiben. Was mache ich? Ein paar Zeilen auf Papier, ein paar Verse im Blog. Die Gitarre hängt einem glühenden Hufeisen gleich an der Wand, ich fasse sie nicht an, traue mich nicht, mit den ersten Akkorden alles zu zerschlagen. Angst zu verbrennen.

Es reicht nicht einmal zum Literaten in solchen Zeiten. Du hast es gut, Freund. Ich wäre gern bei dir, neben dir. Du erinnerst dich an Abende, wenn Peinlichkeit in Coolness umschlägt, gewürzt mit ein bisschen Schmerz und Verzweiflung. Du weißt, wovon ich rede? Du warst doch dabei.

Du schreibst deine Chansons nüchtern in Cafés.
Ich schreibe nichtmal schlechte Schlager.
Hier gibt es nur ein Meer. In dem will niemand baden. Und ich bin Profi.

Ich schwimme momentan in einer luft- und zeitlosen Blase; seit ich wiederkam, blieb die Wanduhr fünfmal stehen. Hier stocken die Stunden, husten und stolpern Minuten und Sekunden, das Licht draußen sagt kurz hallo, lässt mich ansonsten in Ruhe, geht seiner Wege.
Zusammengekauert erzählen die Decken des Bettes eine traurige Geschichte, ich muss unbedingt anfangen, Mixtapes für mich zu machen. Eine Playliste heißt “How to die” und enthält jene Lieder, die sich gar nicht mit Bier und Einsamkeit vertragen, entstanden in solchen Stunden.
Ich hasse die Nacht, bringe nicht fertig, einzuschlafen. Andere Alternativen selbst verbaut, tausend Orte, an denen und tausend Situationen, in denen ich lieber wäre. Zwei Seelen wohnen, haha, in meiner Brust - ebenso unfähig bezüglich WGs wie der Hausherr. Zeiträuber.
Ich ziehe die Uhr nie wieder auf. Noch einmal 14 sein. Und alles von vorn.

Die Striche auf meinem Portemonnaie verbinden zwei Menschen.

Nach meiner Ankunft in Marburg gestern abend kehrt der alte Hass auf das provinzielle Dreckloch zurück. Zwischenzeitlich haben wir uns vertragen, jedenfalls glaubte ich das.

Immer gleiche Gesichter an immer gleichen (weil wenigen) Orten - die Marburger Indie-Szene möge sich bitte eine Kugel in den Kopf schießen. Stolz galoppieren geplusterte Modeaccessoirs durch ihrem Namen Ehre machende Orte, den planmäßigen Saufturnieren wird die schlechte Musik gern entschuldigt, Weltversteher richten ihre Vorlesungen danach.

Frag den an der Theke, die besseren der Guten.

Der Soundtrack des Niedergangs jault aus feuchten Kehlen. Gestern sang ich dazu und schlief vor dem Rathaus, heute wünsche ich mir Hannover zurück und presse Verwünschungen durch geschlossene Lippen.

Über meiner Zelle brüllen die Simpsons meinem debilen Nachbarn in die Ohren, dass ich mich bald dran gewöhne. Gegenüber klappert ein alter Sonnenschutz im Takt des Windes gegen sein Fenster. Wenn das so ist.

Ein Tag, der verglichen mit den normalen vielleicht zu kurz, mindestens aber zu verschoben ist. Und aus dem Vorsatz wurde natürlich wieder nichts, wenigstens nach einer Nacht wie dieser letzten den Bierkonsum für einen Abend zu unterbrechen. So sitze ich noch immer in Hannover, vielleicht die letzte oder vorletzte Nacht, und freue mich auf den Morgen.

Tatsächlich passiert ständig etwas, die wenigste Zeit verbringe ich vor dem Rechner. Wenn ich meine Mails täglich lese, ist das häufig. Offiziell die Zelte bei Jens aufgeschlagen, verbringe ich ebenso viele Nächte in Marians WG, der mich heute morgen in seiner Küche fand und weckte, sich verabschiedend zur Arbeit.

Finanziell gesehen ein Desaster, menschlich der Hauptgewinn. Dieser Urlaub hier, an der Küste vom Steinhuder Meer.

Zettel

Und wenn das alles ist: okay.
Nur schade, wenn man mehr erwartet

Unterarm und Portemonnaie tragen die Spuren der letzten Nacht. Béi Chéz Heinz.

Aufgewacht mit dem mehligen Nachgeschmack der letzten Biere in einer Nordstadt-WG des alten Freundes und musikbegeisterter Mitbewohner. Bei den ersten Tocotronic-Tönen, die aus dem Schlaf zerren, der noch laufende Fernseher, über den wenige Stunden zuvor Herr Lehmann flimmerte. Ebenso dunkel köchelt der Kaffee in der alten Küche, die Katze leckt ein freundliches Guten Morgen durchs Gesicht. Gemeinsam rekonstruiert man den Abend im Kulturpalast und der Glocksee.
Am späten Abend, auf einer Parkbank an den Feldern nahe des angrenzenden Kohlekraftwerks stehend. Ein Stern fällt ins Wasser und der Mond hinterher, ein weiterer Tag Hannover, ein Tag Letter.

They call it trash
we call it rock’n'roll

Übrigens scheint Rock’n'Roll in den letzten Tagen die bevorzugte Wortkombination für all das zu sein. Und in den Ohren schreien Dirk und Tilman “Dieses gute wilde Leben”.

Als ich gestern aufbrach, wusste ich nicht sicher, ob es mich nach Norden oder Süden verschlagen würde. Rückblickend scheint Norden die bessere Option: Georg ist in Südfrankreich und die Bekanntenquote in Hannover sowieso höher. Mein Gastgebergespann bewirtet mich fürstlich, da draußen sind Dutzende, auf die ich mich freue.

es gab bei weitem schönere tage
als diesen tag am meer
doch ich stelle es nicht in frage
vergessen möchte ich ihn nicht mehr

pessimisten meinten, der sommer wäre vorbei
der kalte abendwind hat es so prophezeit

In Niedersachsen ist das Wetter auch nicht besser als zu Hause. Das ist der gleiche Wind wie in Oklahoma.

In der Luft hängt Bügelgeruch, der verregnete Tag erhellt die Räume nur mühsam. Die Kaffeemaschine gluckert vertraut vor sich hin, während der Regen an den Scheiben abperlt.
Im Auto schlafende Menschen bekommen so etwas nicht mit. Sie hören nur deutlicher.
Den Regen.

Auch wenn es nur digital ist.

Zu behaupten, mir ginge es gut, wäre glatt gelogen. Das ist kein schöner Tag.

Ich habe mich gerade beim Abdichten meiner Dusche in eine Pfütze Spiritus gekniet und den groß auf der Packung prangenden Hinweis “nur in gut belüfteten Räumen verwenden” ignorieren müssen - wie sollte ich auch anders, bei meinem Bad?
Gemessen am Quotienten Reinigungsmittel durch Bodenfläche ist mein Bad der ungesundeste Ort dieser Wohnung.

Gedankenverloren lud ich während des letzten Einkaufs zahlreiche Gläser der mir unbekannten und billigsten Nudelsoße in den Wagen, ohne Gedanken an einen möglicherweise unangenehmen Geschmack zu verschwenden. Derart überrascht (und im Hinblick auf einige nächste Nudelgerichte) beschränkte sich die Improvisationskunst heute auf die Umwandlung der Soße in einen Geschmacksträger für wirklich scharfe Pepperoni und einige Milliliter Tabasco-Soße. Vom Eigengeschmack ist tatsächlich nicht viel geblieben…

Übrigens: Da draußen hält man mich für einen Nerd.

23:53 -!- Irssi: #indiesnobs: Total of 8 nicks [2 ops, 6 normal]
23:54 -!- Irssi: Join to #indiesnobs was synced in 38 secs
Day changed to 14 Aug 2005

Ich möchte euch von meiner neuesten Abschaffung erzählen: Meinem Radio.
Nach Verzicht auf das Fernsehen musste auch der Hörfunk weichen. Zum einen wurde der Tuner meiner alten Stereoanlage zum letzten Mal vor dem Auszug aus dem Elternhaus genutzt, zum anderen sind bereits die Radio-Gebühren der GEZ zu hoch, als dass die wenigen guten Sendungen von Radio Unerhört (zuletzt gehört: Januar 2004) eine Entscheidungswende bringen. Mit den privaten Radiostationen verhält es sich ähnlich wie beim Fernsehen.
Den nächsten GEZ-Menschen lade ich auf eine Tasse Kaffee ein, bei einer Tagesschau als Live-Stream oder Podcast.

dich fühlen dich berühren
dich in meiner nähe spüren
mit der hoffnung
dass uns nichts auseinanderbringt

Während Dr. Beckmanns Schimmel-Stop im Bad gegen die erst heute entdeckten Folgen der undichten Dusche kämpft, Leo seine Toilette deshalb am anderen Ende der Wohnung besucht, fällt mir, als ich eine Gabel Spaghetti in den Mund schiebe auf, dass man meinen Vater mit Parmesankäse immer hat jagen können.

lass mich allein
es ist schön, so einsam zu sein
lass mich allein
ich hab mich daran gewöhnt, traurig zu sein

Die Spülmaschine fällt dem Regen ins Wort, aus den Boxen kämpfen Noise Pollution seit ihrer Wiederentdeckung gestern abend.

In der Morgendämmerung, in der Phase zwischen Wach und Schlaf, habe ich mich gefragt, ob Leo noch der sei, den wir vor fast drei Jahren aufgenommen haben. Ich sehe ihn als Komplettpaket, nicht etwa als loses Bündel Tools, fragte mich aber, ob wir ihn teilweise upgegradet haben, wenigstens ein neues Knochengerüst kompiliert oder auf die neueste Version des Schwanzes.

Dies ist die lange vermisste, intensive Verbindung zur Informatik, aufgetaucht nach einer durchwachten Nacht auf der Shell in den Tiefen meines Betriebssystems. Beruhigend, ich dachte, ich sei schon weiter weg.
Und auch die innere Uhr funktioniert prima. Meinen NTP-Server möchte ich kennen…

Seit Tagen ist mein Schlafverhalten abnorm. Durchschlafen gelingt mir nur noch in den seltensten Fällen, die Innere Uhr verrichtet ihren Dienst klaglos und reißt mich früh aus den Federn. Mittlerweile halte ich das frühe Aufstehen (im Gegensatz zu manchen meiner Freunde und meiner früheren Einstellung) für toll, weil der Tag länger scheint, weil man morgens doch am leistungsfähigsten ist (egal was man sich einredet).

Leo leckt die Kaffeereste aus meiner Tasse und legt sich danach schlafen.

Ich habe heute in drei Büchern gelesen.

Dies sind keine Erfolgsmeldungen: Offenbar bin ich heute abend keinem dieser Bücher gewachsen. Zielsicher griff ich im Bücherregal an der leichten Unterhaltung vorbei, welche mir die Freundin in Form einer Buchempfehlung für Karen Duves Dies ist kein Liebeslied aufzwingen wollte (überhaupt sollte man mit Büchern vorsichtig sein, die bereits in Zeile 4/5 mit einem (mutmaßlichen) Rechtschreibfehler aufwarten). In die Idee verrannt, unbedingt und endlich ein Buch von D. Diederichsen lesen zu wollen, krampfte und kämpfte ich auf meinem als Sofa umfunktionierten Bett Seite um Seite.
Wo soll das bitte hinführen? Der Tag begann zu früh nach einer durchwachten Nacht, wenig später stellte sich bereits der erste Kopfschmerz ein, die Tageszeitung war geklaut und der Briefkasten gähnte mich an, obgleich Montags eine weitere Zeitung per Post anzukommen pflegt. Der Dauerregen sang der guten Laune Requiem und noch immer schmerzt mein Bein, ein Tribut an die letzten Tage, mit denen ich am Morgen vor dem Aufstehen abschloss: Rien ne va plus!

Der Abend endete mit der Überarbeitung und der Abgabe meiner seit langem auf den Partner wartenden Seminararbeit. Zu müde, um mich deswegen aufzuregen.

Nachdem jetzt feststeht, dass der Springer-Verlag die ProSiebenSat1 Media AG übernehmen wird, trauere ich meinem abgeschafften Fernseher überhaupt nicht mehr nach. Das erschreckend niedrige Niveau der Programme der privaten Sendeanstalten wird vermutlich noch weiter sinken, per TalkTalkTalk importierte Show-Fetzen aus den Vereinigten Staaten gibt es in absehbarer Zeit ständig im eigenen Nachmittagsprogramm.

Im Gespräch mit verschiedenen Gegenübern kommen wir mittelfristig immer auf diese Misere zu sprechen, nur findet ein kleines Grüppchen in meinem sozialen Umfeld diese nicht so niederschmetternd wie ich. Als Erstes gibt es die auch von mir vertretene Position, dass Menschen das Fernsehangebot wahrnehmen, auch wenn sie Sinnvolleres zu tun hätten, dann von den Talkshows müde geworden auch den Rest des Tages vor dem Fernseher verbringen.
Dies wird von der anderen Gruppe bestritten; es wird davon ausgegangen, dass Menschen nur dann Zeit vor dem Fernseher verbringen, wenn sie es ohnehin tun würden. Sinnvolles wird vorher erledigt.

Mehrere Freunde benutzen das (nach eigener Aussage) fehlende Niveau im Fernsehen als Entspannung, so schaut einer Sport, ein anderer Krimis. Dies halte ich für völlig legitim, doch wo das Fernsehen die Menschen zur Kritikunfähigkeit erziehen zu sucht, indem Werte von Talkshowmoderatoren vertreten werden, und eine generelle erzieherische Postition mit fragwürdigem Inhalt einnimmt, hier muss den Eltern ein massiver Vorwurf gemacht werden, sehe ich schwarz für die Zukunftsfähigkeit der Dauerfernsehkonsumenten.
Auch ist mir das stumpfe Rumgereite auf Sensationsmeldungen und Vaterschaftstests nicht klar; ich bin der Überzeugung, dass auch Niveau Spaß machen kann und den Rezipienten weiterbringt. So halte ich das Fernsehen als Medium mitnichten für teuflisch, jedoch die von vielen privaten Sendern praktizierte Form.
Und wer den Fernseher aus dem Zimmer verbannt, kann sich an weiterer Stellfläche und zugewonnener Freizeit erfreuen. Der Kollateralschaden ist vergleichbar gering, die Tagesschau hat einen Livestream.

Peryton - Gestern war esEine Ära ging zu Ende, als ich am Samstag die CD aus dem Briefkasten angelte: Eine Ära des Wartens.
Ursprünglich hatte Georg Hemprich alias Peryton die Veröffentlichung bereits im letzten Jahr angekündigt, diese aber aus zahlreichen Gründen immer wieder verschieben müssen. Im Verlauf der Zeit hat sich das Konzept der CD (und der Name, ursprünglich: “Wind von Süd”) grundlegend geändert, mit dem ersten Entwurf hat das finale Produkt nichts mehr gemein. Die Studioaufnahmen zogen sich über ein Jahr, das Abmischen der Platte über einen ähnlich langen Zeitraum, jedes Lied wurde mehrfach eingespielt und gemischt. Trotzdem findet der Perfektionist Hemprich Fehler, die er in einer eventuell folgenden zweiten Auflage ändern möchte. Diese Unstimmigkeiten sind der Tatsache geschuldet, dass alles in Eigenregie und abseits eines Labels aufgenommen und veröffentlicht wurde.

Gesprochene Zwischensequenzen unterbrechen die Liedfolge ständig und formen ein kantiges Werk, dass sich dem Nebenbei-Hören verweigert. Auch in den Chansons selbst steht der Text deutlich hörbar im Vordergrund, es werden Brücken geschlagen zwischen scheinbar unterschiedlichsten Stücken, charakteristisch für das musikalische Projekt:

ich schreibe chansons in deutscher sprache. liebeslieder, immer wieder. chansons voll sehnsucht. weil wir in einer zerbrochenen zeit leben, wachsen in mir zerbrochene liebeslieder, die dennoch kraftvolle lieder gegen das zerbrechen sind: chansons voll der kraft, die aus der sehnsucht wächst - und aus der erinnerung, der erfahrung.

Tracklist
01 zwischen uns die jahre
02 gestern war es (part I)
03 um liebe weinend
04 gestern war es (part II)
05 harte tage
06 gestern war es (part III)
07 wie kannst du sagen
08 gestern war es (part IV)
09 trash behind your house
10 gestern war es (part V)
11 ne tirez pas!
12 heut wein ich
13 gestern war es (part VI)
14 es ist noch nicht gelungen
15 the bridge

Wer ahnt, auf was es Hemprich abgesehen hat, wird unruhig im Sessel vor der Stereoanlage rutschen, der zum unangenehmen Hocker mutiert. Romantik-Pop ist anders, das erklärte Ziel Unbequemlichkeit.

Neben allerlei offensichtlicher, nie ins Plumpe driftender Gesellschaftskritik werden zur Interpretation zwingende Hinweise gelegt. Dass sich auf der CD Liebeslieder finden, scheint konsequent und nur auf den ersten Blick schizophren. Abseits sehnsüchtiger Nachrufe bleibt nicht viel zwischen Entsetzen und Betroffenheit. So werden neben mit Violinklängen tapezierte Stätten des Liebesunglücks Bürgertum und Klerus für vogelfrei erklärt, ohne dem Nihilismus und “No Future” zuzuspielen. Peryton fordert nicht weniger als die Revolution und am Ende fragt man sich, wem hier die Liebe erklärt wird.

Man muss damit nicht konform gehen, durch Vermeidung des Imperativs bleibt die CD dennoch hörbar. Das letzte Stück steht für seinen Namen, schlägt die Brücke zurück zum (und zwischen dem) Anfang, entlässt gleichzeitig den Hörer nach 45 Minuten:
Wohin?

es fällt mir schwer, immer wieder schwer, anderen meine musik, meine musikalische arbeit in meinen worten zu beschreiben. am besten, ihr macht euch euer eigenes bild: schaut und hört dort