Juli 2005


Rezepte auf fix-Tüten sollten eindeutig sein. Während draußen der Regen auf das neue Plastikdach (!) des Nachbarn hämmert, zermartere ich mir den Kopf über ein solches.
Zubereitung für 500 g Kartoffen prangt auf der Tüte. Bezieht sich das Gewicht auf die Kartoffelmasse VOR oder NACH dem Schälen? Das war bisher ein beeindruckender Unterschied, seit eben besitze ich einen Kartoffelschäler aus dem 1-Euro-Shop und soviel Hoffnung, dass ich vor dem Schälen abwiegen werde.

Eine Geschichte, die sich zu Beginn meiner Studienzeit in Marburg zutrug (ich wohnte noch mit Jens zusammen), hängt mir noch immer nach. Damals scheiterte ich an einem Miracoli-Spaghetti-Gericht mit Sahnesoße, das ich mittlerweile mit Links erledige.
Ich tat wie mir geheißen und ging zwischenzeitlich zurück in mein Zimmer. Aufgescheucht von Jens’ Schrei in der Küche sprintete ich zurück, er empfing mich mit Gelächter.
Von Rühren stand auf der Packung wirklich nichts!


45 Minuten später: Der Kartoffelschäler ist sein Geld wert. Der Schälverlust betrug etwa 200 Gramm, so dass ich blauäugig zwei Kartoffeln nachschälte. Jetzt, in der Auflaufform, macht sich die Vermutung breit, dass die 500 Gramm das Gesamtgewicht der ungeschälten Kartoffeln angeben.

Das Wochenende habe ich wider Erwarten bei den Eltern meiner Freundin verbracht. Die drei Tage Auszeit brauchte ich, wir verbrachten die Zeit mit Spaziergängen zu und an der Elbe sowie auf einer Dalí-Ausstellung in Magdeburg. Auffallend, wie viel Mühe sich die Stadt gibt; an den von uns besuchen Plätzen suchten wir vergebens nach zerfallenen Häusern und vorstadtähnlichen Schmutz. Magdeburg wird (zumindest im Zentrum) schöner, als der Name es vermuten lässt.

Meer sehn

Nebenan gackern amerikanische Mädchen, dass es in der Gasse widerhallt. Wie unsympathisch die Sprache klingt, ich bin unschlüssig, ob es nicht an den Protagonisten dieses Hörspiels liegt. Das kaugummihaft gezogene, selbstherrlich daherkommende Tussi-Englisch, welches dich nach Lidschluss direkt in die (amerikanische) Disko deiner Wahl mitnimmt.
Wenn ich dann dort bin, bitte, nicht das.

Manchmal wünsche ich mir den Winter zurück.
Der Sommer kotzt einem Birkenpollen ins Gesicht,
was es zumindest ihr nicht einfacher macht.

Natürlich ist es schöner, im Winter drinnen zu sitzen.
Warum wird es abend und nicht Winter?
Warum fallen Schatten und kein Schnee?

Manchmal wünsche ich mir meine Kindheit zurück.
Abends vorm Kamin, an dem ich als Kind nie saß.
Begleitet von heißer Schokolade mit Sahne.

Der Regen ist ein guter Kompromiss,
denn eigentlich mag ich den Sommer.

Weird Al Yankovic in UHF“Weird Al” Yankovic kam mir natürlich wesentlich früher mit sympathischen Liedern (und UHF) zu Ohr und Auge, trat zuletzt allerdings mit einem besonders bemerkenswerten Lied auf die Bühne: “Angry White Boy Polka”.
Dazu existiert ein offizielles Flash-Video, welches ich euch nicht vorenthalten möchte. Der Konsum des 2,6 MB großen Films lohnt allemal: [swf] (öffnet in neuem Fenster)

Große Teile von Wetzlar können mit allen Teilen Gießens im Kampf um den Titel der hässlichsten mittelhessischen Stadt konkurrieren, was mir nicht neu war. Dass der Bahnhof bereits wie das Hannoversche Ihme-Zentrum aussieht, ist mir aber nie aufgefallen. Rückgebaute Gleisanlagen hinterlassen in die Leere starrende Bahnsteige, die den Kampf gegen die Natur aufgegeben zu haben scheinen, marode Gebäude kotrastieren den Neubau des Einkaufszentrums, das den schleichenden Tod des Einzelhandels in der ewig siechenden Fußgängerzone einläutet und Wetzlar endgültig zweiteilt: in die pittoreske, verborgene Altstadt und die Konsumhölle mit verrotteter Anschlussstelle.

Das Café in der ehemaligen Kaserne erinnert mich an jene Läden, die zu Zeiten des Dotcom-Booms nach Feierabend von den Belegschaften vielversprechender Startups annektiert und zu Smalltalk-Höllen umfunktioniert wurden, in denen der Champagner- den Café-Konsum gleich dutzendfach überholte. Fünf Jahre später besteht das Publikum aus zu Dicken und zu Dünnen, jedenfalls Menschen mit Essproblemen und Kindern. Hier und dort nippt ein Angestellter am Feierabendbier und die Kellner sind angenehm unfreundlich, was meine Begleiterin mit abfälligen Bemerkungen quittiert. Der verwitterte Firmenkompass am ehemaligen Haupttor wiegt versöhnlich im Wind, als wir die Ausfahrt passieren.

Darren HanlonNach dem Hype der Podcasts durch die Integration in iTunes und ITMS möchte ich das Augenmerk einmal zurück auf ein älteres Medium, das Webradio, richten. Vor zwei Jahren wurde mir die Adresse eines fantastischen Streams zugeschanzt, der im letzten Jahr Dauergast in meinem Musikplayer war: Rock sticks Bubblegum. Durch diesen Stream lernte ich The Magnetic Fields kennen, die Kaufentscheidungen für ein paar Tonträger meiner Sammlung fußen auf der Playlist des Radios.

Als ich vor ein paar Stunden nach längerer Pause wieder einschaltete, begeisterte mich sofort das erstgespielte Lied: “She Cuts Hair” von Darren Hanlon, einem australischen Singer/Songwriter der Klasse Eels oder Kristofer Åström.
Einblick in jeweils ein Lied seiner Alben gibt es per RealPlayer auf der Webseite, trotz dürftiger Qualität überzeugen die Lieder und lassen mich mindestens von den LPs “Litte Chills” und “Early Days” träumen, die ich bei unerwartetem Geldsegen über den Plattenladen meines Vertrauens bestellen werde.

Beim Blick durch die Plattenkiste fiel mir die 3-LP-Box “Black Magic Woman” von Fleetwood Mac in die Hände, die ich irgendwann auf einem Kölner Flohmarkt recht günstig erwarb, von der mir aber nur eine LP wirklich gut gefällt. Seit Andi heute morgen vorbeischaute, wir auf den Song Landslide zu sprechen kamen und ich diesen auflegte, läuft Fleetwood Mac (1975, Vorgänger des erfolgreicheren Albums Rumours) rauf und runter. Eine ähnliche, wenngleich weiter zurückliegende Neuentdeckung stellt die Pretenders-Platte Learning to Crawl dar und mittlerweile schaffe ich, das schlechte Gewissen wegen der Einordnung in die Kategorie “Mainstream” zu ignorieren. Fehlt noch, dass ich in 20 Jahren Avril Lavigne für mich entdecke… Wobei ihre Platten heute eher im Fach Punk-Rock oder gar Hardcore zu finden sein dürften.

Vermutlich ausgeschlossen, liegt doch der Grund des Niedergangs der Musikindustrie nicht in den Raubkopierern aktueller Tonträger sondern vor allem in der mangelnden Qualität auf den Markt geworfener Produkte.
Im Gegensatz zu den erwähnten Webradios nämlich sind private “echte” Radiosender vor Langem unhörbar geworden.

Du sagst, es is vorbei mit uns, dei’ Liebe is net mehr so groß
I sag, das hab i kommen seh’n es tut ma leid, i wünsch dir was
Vor fünf Jahr wär i tausend Tode bei so einer Erklärung g’storb’n
Und heut bedeutet das net mehr als hätt i in der Lotterie verlor’n

Nach dem Wegfall des Drucks der letzten Wochen muss ich mich erst an die Fixpunktfreie Zeit nach dem Semester gewöhnen. Das gelingt nicht gut, Euphorie und Panik geben sich die Klinke in die Hand, spielen ein unfaires Spiel. Alles kommt gehäuft, an manchen Tagen fällt das Aufstehen eher schwer. Aber liegen bleiben ist sowieso selten besser…

Wenn i heut vor an Auftritt steh, und tausend Menschen sind im Saal
Dann schwitzen meine Händ net mehr, und meine Nerven sind aus Stahl
Ka Zittern und ka Beben mehr, ka Angst und ka Entschweben mehr
Und irgendwie komm i damit net klar, es is net mehr wie’s früher war

Immerhin hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es so nicht weitergehen kann mit mir, da sind kritische Stimmen, herangetragen seit Jahren und endlich erhört, sie haben Recht in Allem und Unrecht mit der ausgemachten Ursache. Noch ein Schuh, den ich mir selbst anziehen muss, eine Suppe, die zum Auslöffeln nur mir bleibt.
Gestern einen tollen Tag erlebt, der gute Vorsätze bestätigt. Aber der Unterschied zwischen Vorsätzen und Tatsachen schaffen wird jährlich klar.

Und i wer’ kalt und immer kälter
I wer’ abgebrüht und älter
Aber das i will i net, und das muss i jetzt klär’n
I möcht lachen, tanzen, singen und rear’n
Angst und Schmerzen soll’n mi wieder würg’n
Und die Liebe möcht i bis in die Zehenspitzen spür’n

Das erwähnte Lied habe ich endlich auf Vinyl, importiert aus Österreich. Auch diese Passagen stammen von dort: vom ersten Lied der ersten Seite.

Wer kommt am Montag Morgen um 1 Uhr nach dreizehn Stunden Arbeit nach Hause und wischt vierzig Minuten später das Treppenhaus?
Ich möchte einen sehen.
Einen, der so blöd ist wie ich.

An Tagen wie diesen, an denen ich auf der Arbeit vor einem nicht funktionierenden PC sitze und dieser sich mit allem Erdenklichen gegen die Genesung wehrt, schwelge ich in Gedanken durch Plattenläden und -kisten und erinnere mich an meine Domain, die schon lange eine Art Versandhandel für Tonträger beheimaten sollte:

top5-records.de
Die Lust ist noch immer da, zu verkaufende Platten im Moment sehr rar, da sich meist nur ein Exemplar in meinem Besitz befindet, welches ich entweder behalten möchte oder bei ebay einer größeren Käuferschar anbieten kann (und damit einen höheren Preis erziele). Allein macht das Ganze nur halben Spaß, weswegen ich gerade jetzt, auch angefixt durch den wunderschönen Zeit-Artikel “Rillen der Liebe” die Fühler nach Mitstreitern ausstrecke und Künstlern, deren Ware auf Kommission verkauft werden kann.Home Taping Is Killing Music
Wenn eines fehlt, dann Geld.
Und Zeit, den Shop einzurichten.
Wobei mir ein Ladengeschäft ungleich lieber wäre, dafür die Zeit aber zu knapp ist. Außerdem wüsste ich nicht, wo man ein solches aufbauen kann. Marburg hat in dieser Beziehung zwei recht brauchbare Plattenläden zu bieten: Music Attack im Steinweg und Die Scheibe im Grün.
Als sympathisches Vorbild kann die Webkommune gelten, ein dedizierter Server mit mehreren Beteiligten ohne Chef, dafür verteilten Kompetenzen. Mit motivierten und qualifizierten Freunden.

Ich wehre mich immer - zurecht - gegen den Vorwurf ich sei faul.
Mein Problem ist anders, ein unter der Oberfläche rumorendes: Die Tage verlaufen oft so chaotisch, dass der “Output”, gemeinhin als Maß für die Bemühungen der Lebensbewältigung herbeigezogen, erschreckend dürftig scheint, obgleich die Stunden damit angefüllt waren, jene zu planen und man so, der Ablenkung erlegen, kaum Punkte der TO-DO-Liste abarbeiten konnte.
Faul nicht also, unorganisiert. Besonders fällt mir dies in Zeiten der Lernerei auf, die mittlerweile auch innerhalb der Studierendenschaft treffend mit dem grassierenden Satz beschrieben werden:

In den Zeiten der Prüfungen sind die Wohnungen von Studenten am saubersten.

Dass ich heute gesaugt habe, war wirklich nötig. Seit Tagen stört mich die Unordnung und die Masse der Katzenhaare, heute morgen lief das Fass über. Das saubere Zimmer wird nicht als Leistung erkannt werden und bringt mich in meinem Skript keine Seite weiter. Doch natürlich habe ich heute gelernt.

Das hat nun wirklich nichts mit Faulheit zu tun.

ElektraAn den Menschen erkennen, nicht in Marburg zu sein. Beruhigend.

Natürlich blieben uns die guten Plattenläden in Köln verborgen, wie Touristen die schönsten Ecken der Stadt immer verborgen bleiben.
Auf eine Welle aus Kaffee durch die Stadt geschwommen, vorbei an einem Schrecklichkeit neu definierenden Mediamarkt, Auktionshäusern und dem “Kölner Schlendrian” verhafteten Menschen. Später an der Theke älter geworden bei Kaffee, anschließend mit einer Armada Tankstellen-Koffein die Heimreise angetreten.

Köln schlägt Marburg und reiht sich irgendwo hinter Hamburg ein.

Es ist einfach, mich in Begeisterung zu versetzen. Der Reise folgte eine Buchbestellung und die Verbesserung des mittlerweile dürftigen Verhältnisses zu Geisteswissenschaftlern. Vielleicht nur temporär, doch irgendwann schrieb ich auf meine Mappe:

Das einzig Interessante an einer Gruppe Medizinstudentinnen ist der sie begleitende Student.

Bei jedem Wickel mit der Mutter war mein
erster Weg von daheim zu dir
Und du hast g’sagt, sie is allein, des musst’ versteh’n,
all’s vergeht, komm, trink a Bier
Dann hast du g’meint, das ganze Leb’n
besteht aus Nehmen und viel mehr Geb’n
Worauf i aus dein Kasten in der Nacht
die paar tausend Schilling g’fladert hab
Zum Verputzen in der Diskothek,
a paar Tag drauf hast’ mi danach g’fragt
I hab’s bestritten, hysterisch ‘plärrt
Dein Blick war traurig, dann hab i g’reart
Du hast nur g’sagt, komm, lass’ ma’s bleib’n
Geld kann gar nie so wichtig sein

Wann du vom Krieg erzählt hast, wie du
a’m Russen Aug in Aug gegenüberg’standen bist
Ihr habt’s euch gegenseitig an Tschik an’boten,
die Hand am Abzug und ‘zittert vor lauter Schiss
Oder dei’ Frau, die den ganzen Tag dir die Ohr’n vollg’sungen hat
du hast nur g’sagt i hab sie gern
I muaß ned alles, was sie sagt, immer hör’n

Grossvater, kannst du ned owakommen auf an schnell’n Kaffee
Grossvater, i möcht dir so viel sag’n, was i erst jetzt versteh’
Grossvater, du warst mein erster Freund und das vergess i nie
Grossvater

Du warst kein Übermensch, hast auch nie so ‘tan,
grad deswegen war da irgendwie a Kraft
Und duch die Art, wie du dein Leben g’lebt hast,
hab i a Ahnung kriegt, wie ma’s vielleicht schafft
Dein Grundsatz war, z’erst überleg’n,
a Meinung hab’n, dahinterstehn
Niemals Gewalt, alles bereden
Aber auch ka Angst vor irgendwem

Grossvater, kannst du ned owakommen auf an schnell’n Kaffee
Grossvater, i möcht dir so viel sag’n, was i erst jetzt versteh’
Grossvater, du warst mein erster Freund und das vergess i nie
Grossvater

[STS - Großvater]

Ein Lied hat Geschichte.
Dies ist eine und die eines beispiellosen Urlaubs in Schweden. Und eine Geschichte, die Bilder bedingt.
Bilder des Urlaubs. Später entstandene.
Von Wien.
Von Wolfgang.
Und Menschen meiner Familie.

Die Woche in Schweden mit Andi und Martin wurde begleitet von drei CDs, einer Doppel-Bravo-Hits sowie jener der österreichischen Gruppe STS, die mindestens bei mir schnell einen hohen Stellenwert hatte. Nicht immer einfach durchzusetzen lief das Lied im Schnitt mehrmals stündlich, der Text machte mit jedem mal trauriger und war bestimmend in Zeiten der Autofahrt; die anderen haben nichts mitbekommen.


Was soll ich denn sagen,
wenn jemand fragt?
“Bei uns
hat ein anderer
die Ideen”?


Seitdem habe ich Angst, Menschen nicht rechtzeitig sagen zu können, dass ich sie liebe.

Und auch wenn du glaubst, dass ich hasse.
Da ist Respekt.
Mindestens.