Dezember 2004


Ich habe mir den Tag - zugegebenermaßen - anders vorgestellt.
Sitze gerade wieder auf der Arbeit und Windows…. na, das hatten wir ja gestern schon. Ich glaube nicht mal unbedingt, das Windows mir die Tage versaut, aber es könnte doch wenigstens ein bisschen schneller formatieren? Wenn ich an XFS oder ReiserFS unter Linux denke…

Doreen sitzt zu Hause mit einer angehenden Blasenentzündung, Christian weiß noch nicht, was und wo er heute abend sein wird, Lars fährt mit dem Hessen-Ticket durch unser Bundesland und will den ganzen Tag Schnaps trinken und ich, ich verliere langsam die Lust an dem ganzen Quatsch. Zugegeben, ich fand Silvester im letzten Jahr sehr grausam, das hatte aber nicht mit Alleinsein und dem Verbringen der Stunden im IRC zu tun. Ein bisschen vielleicht, den Tritt in die Magengegend hatte ich aber einem anderen Umstand zu verdanken. Letztlich würde ich es sehr angenehm finden, zu viert oder fünft bei einem Glas Wein aus dem Fenster zu sehen, Musik zu hören - es ist ja sowieso der gleiche Tag wie gestern. Ich wurde nämlich im Bus beinahe von einem kleineren Mann umgerannt, der Raketen und Silvesterknaller vor seinem Bauch umklammerte, die mindestens so viel gewogen haben müssen wie er selbst. Leider ebenso hoch waren, weshalb er sich einem Panzer gleich den Weg auf die letzte Sitzreihe des Busses bahnte. “Soll ich dir Feuer geben?” Seine Freunde waren gut gelaunt.
Letztes Jahr war auch beim Blick aus dem Fenster recht unspektakulär. Das Feuerwerk fiel eher spärlich aus, aber und zu knallte es etwas lauter, was Leo allerdings nicht sonderlich beeindruckte. Alle Hunde, die ich kenne, werden am 31. Dezember panisch, Doreens Opa hat letztens bereits Schlaftabletten für Inka gesucht. Denke ich zurück an Dunja, kommen die Silvesterbilder ins Gedächtnis, in der sie unter der Treppe zitternd und flehend blickend in einem dunklen Eck lag, vor ihr ein Radio, was trotz sehr hoher Lautstärke das Donnern nicht vollständig zu kaschieren vermochte. Diese Erfahrung, die ich sehr früh als Kind gemacht habe, hat mich wohl dazu gebracht, in meinem bisherigen Leben noch nie Feuerwerkskörper gekauft zu haben.
In Marburg kleben Plakate mit der Aufschrift “Zeit, um selbst in die Luft zu gehen!”, Menschentrauben sammeln sich vor diesen. Das Bild (statt Pferd eine Rakete in eindeutiger Pose):

Durch mancherlei LiveJournal geistert zur Zeit umfangreiche Jahresbilanz und -rückblick. Dieses Jahr hatte ein paar wichtige Stationen. So viele Umzüge wie 2004 wünsche ich mir auch in Zukunft nicht, einschneidende und schöne Moment gab es ebenso wie Situationen, die man sich lieber erspart hätte. Aber ist das scheidende daher ein besonderes Jahr? Und wenn, dann eh jedes.
Auf ein Neues.

Ich sitze gerade auf der Arbeit und während Windows sein neues Stripe-Set brechend langsam formatiert, bleiben mir ein paar Minuten, um mich einem Eintrag zu widmen. Das Wetter ist mittlerweile so trostlos, dass die Angst vor den Tagen “zwischen den Jahren” nicht ganz unbegründet scheint. Die Tage werden auch angeblich wieder länger, sehe ich durch das Fenster erblicke ich tiefste Nacht, mit hoher Wahrscheinlichkeit Regen und Kälte. Viel unsympathischer kann das Wetter wahrlich nicht sein.

Meine “decibel audio” T-Shirts sind mittlerweile eingetroffen, das Päckchen aus den USA hat fünf Wochen gebraucht und kostete 13,78 € Zollgebühr. Sagte mir der Postbote, der mich in der Minute zuvor aus der Dusche geholt hat und während ich zitternd in der Haustür stand, bekleidet mit einem Handtuch, versuchte er sich in Freundlichkeit: “Mein Mitleid hält sich in Grenzen.” Dem folgte ein Nachmittag auf Deutschlands Autobahnen (Marburg - Magdeburg - Marburg) und zehn Minuten, nachdem ich zu Hause war, müde und bereits bettfertig, klingelte es wieder. Der Abend mit Doreen, Florian, Steffen und Markus war dennoch schön.

Gestern war Doreen da, wir schauten den zweiten Teil vom “Exorzisten”, heute abend vielleicht den dritten. Vorher, also nachher, Seminararbeit. Morgen möchte ich sie fertig haben. Energy Awareness.

Ich habe heute jemanden getroffen, dessen erste Assoziation des Wortes “Paper” ein wissenschaftliches Essay und kein Raucherutensil ist. Und auf die Aussage “Ich habe meine Papers im Zug liegen lassen” würde er wohl “In meinen habe ich eben noch gelesen” antworten. Sofern man denn auf Aussagen antworten mag, was gemeinhin nicht praktikabel ist. Ab und zu wird es allerdings tatsächlich von jemandem erwartet, Schweigen als Ablehnung gewertet und zum Gegenangriff ausgeholt…
Thomas. Ich traf ihn in Gießen, wir tranken Milchkaffee aus Gefäßen, die in Frankreich “bols” heißen, und unterhielten uns über dies und jenes, hauptsächlich Dinge, von denen man spricht, wenn man drei Stunden Zeit und sich lange nicht gesehen hat.

Langsam beginne ich, den Zug als Fortbewegungsmittel nicht nur zu akzeptieren, sondern sogar zu bevorzugen. Das hat nur teilweise mit der Tatsache zu tun, dass mein Auto fünfzehn Busminuten entfernt steht, eben nicht mehr an den Lahnwiesen, von denen es wegen Überschwemmung bereits einmal fortgeschleppt wurde, sondern in der Straße vor Christians Wohnung. Weiterhin kann man die Fahrzeit im Zug viel besser als im Auto nutzen. So habe ich heute ein Paper (wissenschaftliches Essay) lesen können, während die Regionalbahn durch Friedelhausen zuckelte und sich Jugendliche mit Klingeltönen zu übertrumpfen suchten. Jamba freut sich ein Loch in den Bauch, mir stieß übel auf.
Die Straßen waren gefüllt, überfüllt von weihnachtsgansgeschwängerten Bäuchen. Wir liefen einmal den Seltersweg hinauf und die andere Seite hinunter, stoppten in einer Buchhandlung und dann erst wieder am Bahnhof. Ein toller Tag wars, die kürzere Rückfahrt (da Regionalexpress) schmökerte ich im Paper, während Friedelhausen an mir vorbeirauschte und ich im Dunkel das Leuchten der Mobiltelefone zu erkennen glaubte.

Gerade verstarb eine vorbeifliegende Mücke - im Flug.
Sie lag vor mir auf dem Rücken.
Wie die Katzen auf die Füße fallen Mücken auf die Flügel.

Die erste Handlung heute morgen nach dem Aufstehen war den Griff der Badezimmertür abzureißen. Ich erwarte vom Tag nun (zurecht?) noch eine sagenhafte Wendung zum Guten.
Der Heilige Abend und der gestrige Weihnachtsfeiertag waren doch angenehm und schön, zwar habe ich mich bezüglich Kreativität nicht selbst übertroffen, doch schien alles in Ordnung zu sein, Freude und Freundlichkeit wurden vernommen, zur Kenntnis genommen, genossen. Bestens.

Gestern, vor dem Schlafen, wollte ich “kurz” Heinrich Heines Deutschland, ein Wintermärchen lesen, habe mich in der Länge sehr verschätzt, es aber immerhin doch zu Ende gebracht, weil in der Süddeutschen ein sehr langer Bericht über Heine zu finden ist, den ich heute noch vor mir habe. Und seit der Dusche spukt mir ein Strophenteil von Goethes Totentanz durch den Kopf:

Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr:
Geh! hole dir einen der Laken!

<fadein: Motorpsycho - Bedroom Eyes>
Wenn man aufwacht, nicht richtig, sondern nur weiß, dass einem keine Alternative zum Aufstehen bleibt, die Wärmflasche sich noch warm an die Füße schmiegt und das schwere Atmen des Katers nebenan auf dem Kopfkissen hörbar ist, man sich setzt, die Augen reibt, trotzdem nichts erkennt und der Kater es einem nachzumachen versucht, sich streckt und wieder hinlegt, dann ist Heiliger Abend.
Gestern war’s kaum anders, den ganzen Tag war ich zerstreut und dummerweise arbeiten, gegen 19 Uhr zu Hause und dem Geschenkebummel stand alles im Wege, was zur Widerholung des morgendlichen Rituals führte, führen würde - das war mir bereits gestern klar.

Vorgestern fiel mir auf, dass ich gern wieder Zug fahren würde. ICE oder irgendwo in den “Bummelbahnen” am Heiligen Abend gegen 18 Uhr. Fast allein in den Waggons, die Menschen, die man jetzt trifft, sind zweifelslos interessant. Der miesgelaunte Schaffner, der gern zu Hause bei der Familie wäre, der alte Herr im Raucherabteil, der gedankenverloren aus dem Fenster ins Nichts blickt. Und vielleicht eine Frau, die aus dem gleichen Grunde eingestiegen ist wie ich.
ICE deshalb, weil einige Tage/Erinnerungen daran haften, zu oder von einem Ort, an dem man fast immer gern war.

Übermorgen. Kommt alles wieder hoch.
Aber ich kann mich ablenken, ich habe zu tun, ich kenne mich.
Übermorgen. Kommt alles wieder hoch.
<fadeout>

Ein Dreck ist das mit dem Kopf!
…nochmal vier Stunden wälzen ohne Schlaf…

“Und ihr wundert euch, dass es euch schlecht geht?”

Nur Scheiße. Die Läden verkaufen nur Scheiße! Getrennt werden Dosenblumen verkaufende Einzelhändler durch leerstehende, die Flanierenden angähnende Verkaufslokale. In Marburg gastiert in einem solchen Geschäft bis Freitag der Woanders-Laden. Handgearbeitete Einzelstücke und Schränke zu unbezahlbaren Preisen. Was somit keine brauchbare Alternative zu Dosenblumen ist. Erwähnenswert wären noch die in der Oberstadt verstreuten Antiquariate, vom Publikum gemieden wie das Weihwasser vom Teufel. Ein komplettes Konversationslexikon aus dem Jahre 1897 kostet dort aber EUR 600,-. Weiterhin musste ich (erneut) feststellen, dass der alte Geruch von Büchern oft als “Gestank” abgetan wird, was zur Akzeptanz nicht beiträgt.

Zwischen den Jahren werde ich arbeiten, was die Tage erträglich werden lässt. Silvester verbringe ich mit Freunden hier, worauf ich mich mehr freue als auf das “Frohes Neues” im IRC vor einem Jahr. Und Zweitausendfünf, ja, wird sowieso wieder alles besser. Wie jedes Jahr.

Jeder braucht Hobbys. Also habe ich mir ein neues zugelegt: Kochen. Jedenfalls könnte man das denken, weil die vergangenen vier Tage nicht ohne auskamen. Jetzt gilt es Fuß zu fassen auf dem unbekannten Gebiet der Zutaten, manche Zufallszusammenstellung schmeckt famos. Heute habe ich mich bereits das erste mal um den Faktor zwei verschätzt - bei einem Reisgericht (wie sollte es anders sein). In den nächsten Tagen fällt das Kochen aus. Es gibt Reis, Baby.

Die Schlange vor der Post hatte eine Länge von knapp 50 Metern. Ein Punkt mehr für meine “Warum ich Weihnachten hasse”-Liste. Neben der chronischen Überfüllung der Fußgängerzone ist diese Zeit gnadenlos gegenüber Menschen, die ihre Entscheidung vor dem Kauf überdenken wollen. Zweimal hat es mich bereits getroffen, die nächsten Tage bin ich schlauer, wenn ich mit meinem Reis-Bauch durch die Straßen rolle. Und während ein Freund an weißen Sandstränden vom Weihnachtsmann träumt.

Gestern war Marburger Abend, der zweihundertundfünfte. Streckenweise kaum auszuhalten, Volker hat entgegen seiner Ankündigung doch gelesen, weil irgendwelche Mädchen Videoaufnahmen machten. Lars und Peter lasen ebenfalls, womit die zweite Hälfte der Veranstaltung wesentlich angenehmer als deren erste war.

Wir sitzen zusammen im Wohnmobil, als ein uns bekanntes Gesicht am Fenster vorbei läuft, zögert, einen Zettel aus der Tasche zieht und uns entgegenstreckt.
“ABKISYN”
Ich öffne die Tür und Robbie Williams fragt mich, was das Wort bedeutet. Ich rate “abküssen” und liege wohl nicht ganz daneben, das Schild hat er von einem Fan. Weiter gehts im Wohnmobil durch französische Bergdörfer - das Auto ist mittlerweile voll, übervoll - als uns eine Straßensperre aufhält. Irgendein ebenso teures wie großes Auto mit Blaulicht am Kühlergrill kommt uns entgegen, der eigentliche Grund ist aber ein Verkehrsunfall mit im Motoröl liegenden Toten. Ich drehe mich um, Herr Williams ist verschwunden.

Nie das WOM-Musikmagazin vorm Schlafengehen lesen! Ich kann einen Zusammenhang mit dem Kurzfilm heute nacht nicht ausschließen. Was mir auffiel: Es gibt Seiten im CD-Review-Bereich, auf denen aussschließlich “Best Of”-Alben rezensiert werden. Da sich auf diesen Seiten die Besprechungen dicht tummeln, halte ich das einen schönen Indikator für den Weihnachtswahn. Mir wäre, als hätte ich letztens eine Umfrage über die unbeliebtestens Weihnachtsgeschenke gelesen. CDs waren dabei, doch habe ich einen Freund, für den sie beliebtes Mittel sind, um die Eltern mit ganzen Diskographien ihrer Jugendidole zu besänftigen. Selbst heruntergeladen und gebrannt natürlich. Zitat aus “Gerechtes Brett” der Sterne:

Vielen Dank, dass sie diesen Tonträger kaufen werden.
Sie unterstützen mit diesem vorbildlichen Verhalten
eine ganze Industrie, die nichts anderes im Sinn hat,
als eventuelle Gewinne in die Förderung junger Talente und
die Erhaltung der Vielfalt des öffentlichen Kulturlebens
fließen zu lassen. Dazu benötigt sie natürlich ihre Kohle,
die sie nicht bekommt, wenn sie den Scheiß einfach kopieren oder
aus dem Internet runterladen, sie Arschloch

Gestern war Jahrestombola im Café Trauma, an der man automatisch teilnahm, wenn man seinen ausgefüllten Umfragezettel zum Allgemeinzustand des Ortes ausfüllte. Kurz gesagt, der Mensch mit der miesesten Laune hat eine Schallplatte gewonnen und so nenne ich also die neue Gluecifer Doppel-10″ mein Eigen. So ists recht und ginge der Plan zuverlässig auf, könnte ich innerhalb Wochen eine eindrucksvolle Plattensammlung zusammengewinnen.
Die heutige Hatz nach Weihnachtsgeschenken war an Misserfolg kaum zu übertrumpfen, der Regen trommelte rhythmisch den Ton der Schritte nach. Nihilistisches Nasswetter. Wieder werde ich gleich im Bett liegen mit Seminarunterlagen und “Marburg Südsee”, das dem Autor - Christoph Kirschenmann - beim Late-Night-Lesen abgeschwätzte Buch mit der ISBN 3-9808000-3-2. ;-)

Als mir heute in der Küche der gebrauchte Kaffeefilter riss, fiel mir die Konsitzenzähnlichkeit zu Blumenerde auf und ich war einen Moment versucht, meine Palme davon in Kenntnis zu setzen.
Das Best-Of-Lesen gestern war toll, nachher saßen wir hier zu sechst, hörten Musik und erzählten. Vorher kam ich mit Anselm vom Hotel Stern ins Gespräch was Band und -gesuche angeht. Da Lars auch Lust hätte, bleibt abzuwarten, was daraus wird.
Jetzt mit Kaffee, Wärmflasche und Seminarunterlagen ins Bett. Der einzige Ort, an dem ich heute sein mag.

Ich muss die Stempel auf meiner Hand zweimal lesen, um die letzten Tage revue passieren lassen zu können. Discoteka Karambolage in der Waggonhalle am Samstag, Tags zuvor im BCN-Café der Frankfurter FH Poetry Slam mit dem Weltmeister Buddy Wakefield aus Seattle, der außerhalb der Konkurrenz an der Dichterschlacht teilnahm. Gewinner des Abends war Fatzke Schulmeister. Auch unsere Mitfahrgelegenheit kam ins Finale, das von Dalibor eröffnet wurde. Und für mich nach dessen Beitrag schon vorbei wahr. Ich habe von den anderen beiden Finalisten nichts mitbekommen, weil mich Dalibors Text so mitgenommen hat. Ausnahmsweise übertreibe ich diesmal nicht. In anschließenden Gesprächen haben viele Dalibors Texte gelobt, der - aus eigener Sicht - nicht überraschend verlor: “Die Leute wollen halt lachen.”

Samstags waren wir auf eine “außergewöhnliche Disco-Veranstaltung” eingeladen. Auf den Webseiten heißt es:

Jede Gelegenheit wird in Marak am Schopf gepackt um rauschende Feste zu feiern.
Der rote Wein pulsiert in den Adern, die Plattenteller rotieren die Nächte hindurch, um wilde Musik durch die engen Gassen zu treiben.
Hier tummeln sich skurile Wesen und zwielichtige Erscheinungen, mit allerlei Volk gnadenlos überladene Pferdekutschen bahnen sich ihren Weg durch die Menge.
Also nimm dich in Acht, wenn sich die Tore zwischen Marburg und Marak dieses eine Mal öffnen und du die Diskoteka Karambolage betrittst.

Anfangs tat ich mich damit sehr schwer und die Laune war nicht nur wegen der Musik im Keller. Doch sie bekam rechtzeitig die Kurve und so wurde es noch ein schöner (und langer) Abend. Gewöhnungsbedürftig war die eigene Währung, die zu partykompatiblem Kurs (1000 Amok = 1 Euro) ein- am Ende aber nicht zurückgetauscht wurde. Tatsächlich war ich in einer glücklichen Situation, hatte ich doch genau so viel getauscht wie ich genau brauchte, Lars und Doreen allerdings waren erst morgens um 6 ihre Ersparnisse los.

Links übrigens eine - nach dem Wochenende in Spanisch entstandene - Zeichnung Doreens. Sie hatten noch viel Geld…

Wieder einmal fing alles an mit diesem Klopfen an der Tür,
das selten Gutes verspricht aber Geschichten garantiert
Es war mitten in der Nacht und draußen stand eine Frau,
drei Meter groß und schüchtern, traurig und grau
Sie sagte “Du kennst mich nicht - doch ich kenn Deine Lieder,
hab sie alle gehört und Du erzählst immer wieder,
daß niemand wirklich allein ist & daß Du mich verstehst
und jetzt bin ich hier und hoff’ ich muß nicht gleich wieder gehn!
Ich bin zu groß - ich paß nicht in meine Familie
und kann nicht aufhören, sie zu hassen nur weil sie mich nicht lieben
Auch Freunde mit denen ich reden könnte hab ich keine
und wenn ich ehrlich bin: am liebsten würd’ ich bei Dir bleiben!”
Nicht aus Prinzip, sondern weil ich sie irgendwie mochte
sagte ich erst “bück Dich und komm rein!” und dann, was ich wirklich dachte
“Du wirst ziemlich bald merken, ich bin nur ein Idiot von vielen
UND ich werd mich immer klein neben Dir fühlen!”
darauf sie: “bei uns ist das egal denn wir haben die Musik!”
Langer Rede kurzer Sinn: sie zog bei mir ein
und sie HAT es gemerkt und ich FÜHLTE mich klein,
was uns nicht hinderte, erst Freunde, dann Geliebte zu werden
und alles weitere vorerst unter den Tisch zu kehren
Wenn wir Sex hatten, dann war sie das Meer
und mal als Wal, mal als Nußschale trieb ich auf ihr umher
Sie kam wie die Brandung und spülte mich an Land,
wo ich mich in ihren langen, starken Armen wiederfand
Die Tage vergingen, dann sah ich sie nach ein paar Wochen
immer häufiger verloren in ihrem Frühstück stochern
Ich wußte, es wird nicht mehr lange dauern bis sie geht
wenn ihr die Zerrissenheit schon so auf die Stirn geschrieben steht
dann eines Morgens sagte sie “ich hab was zu erledigen,
genauer jemanden - um mich von einem ewigen
Schmerz ein für alle mal und für immer zu befreien
doch versprich mir vorher eins: Du wirst mir verzeihn…”
Ich sagte “geh Du nur und erschieß Deine Eltern
aber laß Dich nicht erwischen, paß gut auf Dich auf denn:
groß wie Du bist wird es Dir schwerfallen keine Spuren zu hinterlassen
also vergiß um Himmels Willen nicht das Denken über’s Hassen
und mach Dir um mich keine Sorgen - ich hab ja die Musik!”
Das Licht am Ende des Tunnels ist kein Licht
Es ist nur ein Spiegel und darin spiegeln sich
unsere Suchscheinwerfer - doch wenn wir uns entfernen
sehen wir uns nie ins Gesicht und können auch nicht lernen
wer die sind, die in unserer Haut stecken
weil wir immer nur in allem das andere entdecken
Wir lieben solche Theorien UND
wir tun alles was wir tun aus irgendeinem Grund
Sie ging aus dem Haus mit ihrem Seesack auf dem Rücken
Unten an der Tür sah ich sie sich zum letzten mal bücken
Sie ist nie wiedergekommen doch ich weiß, sie ist da draußen
und sie ist in meinem Herzen: sie ist innen und außen
Ich setzte mich hin und, wie es so meine Art ist,
tat ich genau das, was Du von mir erwartest:
Ich begann damit, ihr Leuchten im Dunkeln zu beschreiben
und es mir in achtundvierzig Versen einzuverleiben
Nein: niemand ist allein! Und wir haben die Musik…

Tom Liwa - Wir haben die Musik


Ich habe heute ein Lied gefunden. Es ist das erste Lied der vierten Seite von der neuen “The Streets”-Doppel-LP “A grand don’t come for free”. Es gibt natürlich nur sehr wenige Lieder, die man auf seiner eigenen Beerdigung wissen möchte. Aber mit diesem Lied - “DRY YOUR EYES” - soll alles beginnen.
Und natürlich wäre es das erste Lied, das ich spielen würde, sollte ich einmal auf einer Beerdigung auflegen müssen. Das malte ich mir heute im Geiste aus, ans Bücherregal gelehnt, mit den Tränen kämpfend. Bis dahin wird es mindestens auf jedem meiner traurigen Mixtapes zu finden sein.

Ganz unpassend dreht sich gerade “Origin Vol. 1″ auf dem Plattenteller: “Bigtime”. Hochzeitsbedingt fiel die Festivalsaison 2004 nicht so aus, wie ich es mir vorstellte. Aber “The Soundtrack of our Lives” waren auf dem Haldern. Und ich. Und dieses Lied. Ich würde es im Club spielen, neben dem “Fit but you know it” vom oben bereits erwähnten Streets-Album.

Heute abend um 20 Uhr fand eine Vorlesung zum Thema Kryptographie statt, die ich mir nicht entgehen lassen wollte. Gelesen von einem mir bekannten und gemochten Dozenten. Es gab wenig Neues, da die Vorlesung auf 90 Minuten angesetzt und die Mathematik fast vollständig ausgeklammert wurde, um nicht nur Studenten den Zugang zu gewähren. Das hochinteressante Thema der Quantenkryptographie wurde als letztes in sieben Minuten grob umrissen. Naturgemäß kann man da nur grundlegendste Prinzipien erklären, die technische Realisation bleibt unangetastet im Dunkeln. Der Rest war bekannt aus den sehr empfehlenswerten Büchern von Simon Singh (insbesondere “Geheime Botschaften”, “Fermats letzter Satz” ist ebenfalls sehr lesenswert), aber eine Auffrischung des Wissens tat gut - die Veranstaltung war alles andere als langweilig und für diese Uhrzeit sehr gut besucht. Erstaunlicherweise kaum von meinen Kommilitonen.

Das gestern abend stattfindende Late-Night-Lesen hat auch wieder sehr viel Spaß gemacht, die Band “Hotel Stern” war toll, die Geschichten zum Großteil ebenfalls und die dort getroffenen Menschen nett.
Ich fürchte, ich stelle für andere den Fuß in die Tür und werde irgendwann an Unterkühlung sterben.

Die letzten Nächte geben vermutlich umfassend über meinen momentanen Zustand Bericht. Nach der Dokumentation gestern lief heute Nacht ein Psycho-Schocker im Kopfkino. Aber ich hätte den Kater für seine Würgegeräusche töten können, blieb doch so der Schluss unbekannt. Und spannend war’s; leider alles, was ich mir behalten habe. Irgendwann später kassierte ich wüste Beschimpfungen von Dennis, seine körperliche Verfassung ist nur die Quittung für Gewesenes. Christian sitzt ebenfalls lädiert zu Hause, niedergestreckt vom yearly Hexenschuss.

Der Weihnachtsmann lacht sich ins Fäustchen, aber in 15 Tagen fällt er erfroren vom Schlitten.
Wer zuletzt lacht, lacht am Besten.

Doreen schenkt mir seit zwei Jahren Anfang Dezember Dinge, die das Gewesene präzise zusammenfassen. Letztes Jahr um diese Zeit hielt ich Herzscheiße von Funny van Dannen in den Händen. Passender hätte man es wirklich nicht ausdrücken können, genau jenes raubte mir doch damals nächteweise den Schlaf. Dieses Jahr also drückte sie mir mit einem Lächeln Verlieben, Lieben, Entlieben in die Hand, jenes Jetzt-Tagebuch, das mir noch fehlte.
Diese Tagebücher, zusammengestellt aus Geschichten von Autoren des Jetzt-Magazins der Süddeutschen Zeitung, scheinen wie themenspezifische Blogs in Buchform, sind damit Vorläufer des kürzlich erschienenen und die Blogosphäre aufmischenden Blogs! (das ich im Gegensatz zu den Textsammlungen aus München noch nicht gelesen habe). Gestern, vor dem Einschlafen, wollte ich die ersten Geschichten lesen, fand mich auf Seite 80 (”fing ungefähr jeden Tag ein oder zwei neue Bücher an und ließ sie überall in der Wohnung liegen”) und schließlich viel später als gewollt im Bett wieder.
Die ganze Nacht lief vor meinem inneren Auge ein Dokumentarfilm über die letzten vier Jahre ab, nicht gedreht an Originalschauplätzen, dafür mit Originalschauspielern. Bildqualität etwa wie Arnes 8mm-USA-Tour-Clip auf der Tocotronic-DVD: sehr charmant. Letztendlich natürlich der traurigste Streifen dieses Universums.

Wir sind es noch heute, fünf Jahre später. Zum Teil. Wege trennen sich, Interessen divergieren. Vielleicht bin ich noch nicht in dem Alter, um mit langjährigen Freundschaften zu prahlen; Zu vielen, mit denen ich damals durch die Straßen zog, besteht der Kontakt bis heute. Einige wohnen in Marburg, andere weiter weg. Wir rufen uns nicht wöchentlich an, manchmal sehen wir uns nur einmal im Jahr. Beschränkt auf eine handvoll Gefährten, die nicht zusammen gehen, aber stets kommen würden.

Wir erinnern uns noch gern daran
als die Bösen noch böse waren
Man brauchte nur auf die andere Seite zu gehen,
damit man zu den Guten kam

Es gab keine Arschlöcher wie jene, die man später im und neben dem Studium kennengelernte; Das Weltbild war durchweg positiv, es gab keine Bitterkeit und kaum Enttäuschung. Aus dem behüteten Zuhause in den dachlosen Nebel des Lebens und damit nicht nur in Freiheit, sondern auch auf die Fresse. Passiert immer, wenn man den Fuß vor der Schwelle nicht hebt.

Es wäre schön zu glauben, dass sich etwas geändert hätte seit ich 14 war.

Ich glaube, ich habe früher öfter gelacht.

Du warst meine große heimliche Liebe
die letzten zweiunddreißig Jahre
und all die Jahre hab ich nie jemand was gesagt
und bis heut morgen dacht ich, ich nehms mit ins Grab
Der Arzt sagte “ich hab neunzehn davon
in einer einzigen Lunge gefunden”
Ich sagte “prima, ich will gar nicht wissen,
wieviele es sonst noch sind”

Geliebte kamen, Geliebte gingen und manchmal war ich allein
doch ich hab immer wieder von dir geträumt
Ich hoff, dass du das hier hörst
und dass es dir gut geht
Vielleicht ist es auf die eine oder andere Art
noch nicht zu spät
Der Arzt fragte, ob ich ein religiöser Mensch bin -
und ob ich beten kann
ich sagte “bisher nicht… doch ich fang heute damit an”

Wie war das damals unter den großen Bäumen
nach dem Regen?
Die Kirschblüten waren am blühn im Frühlingswind
Vor der Eissporthalle, wo die Jungs
mit ihren Mopeds standen
da hab ich dich geküsst
dreimal und dann nochmal
Der Arzt sagte “ich hätte ihnen gern
eine andere Nachricht gegeben”
ich sagte “Amen” und der Arzt sagte irgendwas
von einem halben Jahr

Flowerpornoes - Was der Arzt sagte

Die erwähnte Intro ist bereits beschlagnahmt und hängt in Teilen (die Anzahl derer ergibt sich aus den gefundenen Conor-Oberst-Fotos in jener Ausgabe) über Doreens Bett. Als Antwort auf die gestellte Frage erwähnte sie Lachfalten und die Frisur, wobei diese immer und alles retten zu scheint. Backpfeiffengesicht und Oberst-Haare? Gewonnen!

Meine Gasheizung ist tatsächlich im Eimer. Stellte auch der Kundendienst fest mit dem Versprechen, sich darum zu kümmern. “Da muss wohl ein neuer Ofen her.” Jetzt träume ich von einem verdigitalisierten Heizgerät mit Klimaanlagencharakter.
Bleibt die Frage, wann dieser Ofen montiert wird. Heute hat der Monteur sich nicht mehr gemeldet und “in den nächsten Tagen, schnellstmöglich” ist vor diesem Hintergrund eine eher schwammige Formulierung. Glück im Unglück, die Wohnung wird nicht wirklich kalt. Sämtliche letzten Winter in Marburg waren 10°C kälter.

Heute wird dieser Blog zum ersten Mal massiv gespammt. Daher sind die Kommentare jetzt moderiert, erscheinen also nur nach Freigabe durch einen Administrator. Gott beware, Zensur findet nicht statt. Und sobald ich ein moderates Gegenmittel zu “free online gambling”-eMails gefunden habe, werde ich das auch wieder ändern.

Gestern habe ich endlich zwei Bob Dylan Vinyls für einen Spottpreis bei ebay erstanden. Zur Zeit ist auch “Volume one” seiner (auf drei Bände ausgelegten) Autobiographie im Handel, ein mit 22,- Euro zwar teures, aber oft gelobtes und hochinteressantes Buch. Andere Dinge haben Priorität und die ungelesenen Bücher stapeln sich zu Türmen atemberaubender Höhe.
Der Kreis schließt sich zur Diskussion über Conor Oberst: “Blonde on Blonde” gilt als beste Dylan-(Doppel-)Platte; Er hat sie im Alter von 25/26 aufgenommen. Conor Oberst ist im Moment ebenso alt und fährt Lorbeeren ein für das neue Bright-Eyes-Doppelalbum. Aber es geht doch eindeutig hierum:

vs.

Doreen überlegte zur Zeit meines Einzuges, das Hauptproblem dieser Wohnung sei die unmittelbare Lage am Weihnachtsmarkt. Tatsächlich verdoppelt sich an den Samstagen die Dauer von Besorgungen, was mich bisher allerdings nicht stört. Ein Schlecker, der das Nötigste hat, ist 50 Meter entfernt, selbst zum Plattenladen des Vertrauens brauche ich an solchen Tagen keine 10 Minuten.

Während ich mich durch “Alternative - Neuheiten” wühle, gluckst ein etwa 17jähriger neben mir bei jeder Platte, die er aus einer der Kisten “R&B”, “Soul” oder “Rap” zieht: “Ohaha, cool, die gibts ja auf Vinyl” und hält seiner Freundin eine Jay-Z-Platte vors Gesicht. Sie drängelt unentwegt, weil man noch dort und dahin wolle.
Ich ziehe zufrieden alle Platten aus dem “Ärzte, Die”-Fach und gehe Richtung Kasse, werde sofort erkannt, obwohl ich schon längere Zeit nicht mehr im Laden gewesen bin: “Ah, ich verkauf dir in Zukunft nur noch eine! Mal im Ernst: Die Platten laufen bei ebay gut, oder?” Wir kommen ins Gespräch, ich erwähne, wie gut alter Punk wirklich läuft und auch jene Ärzte-Platten, die ich nicht zum ersten Mal stapelweise kaufe. Vorsichtig frage ich noch einmal nach einem Arbeitsplatz. Im Hinterkopf noch das entschiedene “Nein” vom letzten Mal, jetzt zuversichtlicher: Ich solle meine Telefonnummer dort lassen, man melde sich bei Bedarf.
Neben mir die beiden von eben, verstohlen legt der Junge eine Catherine Deneuve-Platte auf den Tresen. Zufrieden bestelle ich das aktuelle “The Streets”-Album und nehme Kurs auf den Aldi, der sich fatalerweise mit den Öffnungszeiten des Plattenladens solidarisiert.

Bleibt nur der Tegut, in dem ich es aufgrund konsequenter Kaufverweigerung schon kompletter Speisen schaffe, unter 20 Euro zu bleiben. Zu Hause wartet die kaputte Heizung auf mich, dennoch ist es erstaunlich warm. Jetzt lege ich mich mit einer Wärmflasche ins Bett, glücklich, denn eines habe ich heute gelernt:
Marburg ist keine Intro-lose Stadt. Auf Seite 17 wartet Tom Liwa, der gestern hier im Trauma ein wundervolles Konzert gespielt hat. Und vom Cover lächelt Conor Oberst. Mädchen, im Ernst, warum fahrt ihr auf diesen Mann ab?

Der Abend war nicht schön. Wenn die Freundin eines besten Freundes jenen verlässt, bleibt einem wenig mehr als Schadensbegrenzung und dem Angebot, zentral - am Marktplatz - zu schlafen. Seltsam zurückerinnert an die Zeit vor zwölf Monaten, in der es mir gleich ging (mindestens ähnlich) versuchte ich, dem Abend Positives abzugewinnen. Vergebens, vor dem Berserker der Liebe zu bestehen.
Warum immer im Dezember? Mir bricht das Herz und ich weiß genau, wie verloren man sich fühlt. Vor dem Urlaub, vor Weihnachten.
Wir waren aus heute, in den Kneipen Marburgs. Keine Lösung, aber eine Verlängerung der Frist. Das Angebot steht - du weißt es - immer. Klingel nur. Ruf an.

Eine Zehnjährige erklärt ihrem Vater, dass sie dies und jenes nicht mehr anziehen könne, weil es kindisch sei.

Doreen und ich haben uns vor genau einem Jahr zum ersten Mal getrennt. In genau einem Jahr muss mein Auto wieder zum TÜV.

Unter den zahlreichen Platten aus Nürnberg gibt es ein Exemplar der “Peace and Love” von den Pogues, die mit persönlicher Widmung um die Gunst des Vorbesitzers buhlte. Vergebens zwar, doch heute bedeutet sie mir seltsam viel.

In der Buchhandlung Arcularius verkaufen sie mengenweise wunderschöne Bücher, Bildbände über den Rock und den ersten Band von Dylans Autobiographie. Wenn meine Musikgebundenheit sich wie eine Sinuskurve durch mein Leben zieht, gehts bald abwärts. Bereits jetzt: Im Musikladen brauchen sie noch immer keine Aushilfe.

Ich habe mir vorgenommen, meine Top5-Traumjobs in naher Zukunft aufzuschreiben. Ich bin selbst gespannt.

Gesehen beim Schockwellenreiter:

<fireslide> next person to talk after his line will be kicked :)
<fireslide> *this
* Fireslide was kicked by Fireslide (12‹61912›)

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